Sonntag, 9. November 2025

Reale und ideale Tätigkeit.

Beate Güldner                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik; zu Marxiana

Die Erzeugung der Bedürfnisse ist der "Grund", das Materiale der reellen Geschichte; der "Grund", das Materiale, der 'Stoff' der ökonomischen Form bestimmung ist hingegen die Entscheidung darüber, welches Bedürfnis gelten soll: nämlich in der Gesellschaft. 

Das ist ein faktisches Ereignis, das der "Formbestimmung" zu Grunde liegt: und der "Grund" kommt als solcher im Prozess der Formbestimmung nicht vor - weil er sie ja eben "begründet"; kommt also in der Darstellung der Formbestimmung ebenfalls nicht vor; Formbestimmung = Kategorien.

Also kann der "Stoff" des ökonomischen Prozesses in der "dialektischen", nämlich katego-rialen Darstellung gar nicht auftreten: Er liegt außerhalb ihrer "Grenzen".

Das Erzeugen des Bedürfnisses ist die "reale" Tätigkeit; das Bestimmen, 'was', bzw. 'wieviel' das Befürfnis gelten soll - also nach dem "an-sich"-Setzen des Bedürfnisses sein Bestimmen als ein solches - das ist die reflektierende, die "ideale" Tätigkeit.  

Und in dieser "materialistischen" Darstellung liegt es unterm Auge, dass es sich "in Wirk-lichkeit" nur um ein und dieselbe Tätigleit handelt: Bedürfnis ist "Wert"-Bestimmung, "Wert"-Setzung: 'was' ('wieviel') das 'Ding' mir, nämlich meinem Zweck, "wert" ist; aber sobald ich in Gesellschaft existiere, 'setze' ich nicht allein: Die "Dinge" sind nun nicht schon "meine"; ich kann sie nur in Gesellschaft aneignen, und meine Zeit ist nicht nur "meine": Auch sie muss ich mir in der und durh die Gesellschaft erst aneignen; ich bin nur mittelbar Eigentümer sowohl der 'Dinge' als auch meiner selbst, d. h. meiner Zeit. D. h. ich bin be-herrscht - sei es durch Personen, sei es durch den allgemeinen Zusammenhang zwischen den Personen.
14. 9. 87


Nachtrag. - Der Versuch, die Begriffe des einen philosophischen Systems wörtlich und unvermittelt in ein anderes philosophisches System zu übersetzen, wird immer ein wenig belustigen. Aber wie soll man anders anfangen, wenn man die Vermutung einer logischen Verwandtschaft überprüfen will? Es ist ja klar, dass auch die größte Passgenauigkeit gegebe-nenfalls nur sozusagen gilt; aber das wäre die Spur, die weiter zu verfolgen ist.
20. 11. 16 

Samstag, 8. November 2025

Bedürfnis und Vorstellung (Setzen und bestimmen).

belforest        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik; zu Marxiana

Aber die Menschen beginnen keineswegs damit, "in diesem theoretischen Verhältnis zu Dingen der Außenwelt zu stehen". Sie fangen, wie jedes Tier, damit an, zu essen, zu trinken etc., also nicht in einem Verhältnis zu "stehen", sondern sich akriv zu verhalten, sich gewis-ser Dinge der Außenwelt zu bemächtigen durch die Tat, und so ihr / Befürfnis zu befriedi-gen. (Sie beginnen also mit der Produktion.)

Durch die Wiederholung dieses Prozesses prägt sich die Eigenschaft dieser Dinge, ihre "Be-dürfnisse zu befriedigen", ihrem Hirn ein, die Menschen wie Tiere lernen auch "theoretisch" die äußern Dinge, die zur Befriedungung ihrer Bedürfnisse dienen, vor [sic] allen andern zu unterscheiden. Auf gewissem Grad der Fortentwicklung, nachdem unterdes auch ihre Be-dürfnisse und die Tätigkeiten, wodurch sie befriedigt werden, sich vermehrt und weiterent-wickelt haben, werden sie auch bei der ganzen Klasse dieser erfahrungsmäßig von der übri-gen Außenwelt unterschiednen Dinge sprachlich taufen. Dies tritt notwendig ein, da sie im Produktionsprozess - i. e. Aneignungsprozess dieser Dinge - fortdauernd in einem werktä-tigen Umgang unter sich und mit den Dingen stehen und bald im Kampf mit andern um diese Dinge zu ringen haben.

Aber diese sprachliche Bezeichnung drückt durchaus nur aus als Vorstellung, was wieder-holte Bestätigung zur Erfahrung gemacht hat, nämlich dass den in einem gewissen gesell-schaftlichen Zusammenhang bereits lebenden Menschen (dies der Sprache wegen notwen-dige Vorausssetzung) gewisse äußere Dinge zur Befriedigung ihrer Bedprfnisse dienen. Die Menschen legen diesen Dingen nur einen besondern (generic) Namen bei, weil sie bereits wissen, dass dieselben zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse dienen, weil sie ihrer durch mehr oder minder oft wiederholte Tätigkeit habhaft zu werden und sie daher auch in ihrem Besitz zu erhalten suchen; sie nennen sie vielleicht "Gut" oder sonst etwas, was ausdrückt, dass diese Dinge ihnen nützhlich [sind], und geben dem Ding diesen Nützlichkeitscharakter als von ihnen besessen, obgleich es einem Schaf schwerlich als eine seiner "nützlichen" Eigen-schaften vorkäme, dass es vom Menschen essbar ist.

Also: die Menschen fingen tatsächlich damit an, gewisse Dinge der Außenwelt als Befriedi-gungsmittel ihrer eignen Bedürfnisse sich anzueignen etc. etc.; später kommen sie dazu, sie auch sprachlich als das, was sie in praktischer Erfahrung für sie sind, nämlich als Befriedi-gungsmittel ihrer Bedürfnisse zu bezeichnen, als Dinge, die sie "befriedigen". Nennt man nun diesen Umstand, dass die Menschen solche Dinge nicht nur praktisch als Befriedigungs-mittel ihrer Bedürfnisse behandeln, sondern sie auch in ihrer Vorstellung und, weiter, sprach-lich, als ihre Bedürfnisse, als sie selbst "befriedigende" Dinge bezeichnen (solange das Be-dürfnis des Menschen  nicht befriedigt ist, ist er im Unfrieden mit seinem Bedürfnis, also mit sich selbst), nennt man dies, "nach dem deutchen Sprachgebrauch", ihnen einen "Wert" beilegen.

So hat man bewiesen, dass der allgemeine  Begriff "Wert" entspringt aus dem Verhalten des Menschen zu den in ihrer Außenwelt vor-/gefundenen Dingen, welche ihre Bedüfnisse be-friedigen, und mithin, dass dies der Gattungsbegriff von "Wert" ist und alle andern Wertsor-ten, wie z. B. der chemische Wert der Elementenur eine Abart davon.

Es ist "das natürliche Bestreben" eines deutschen Ökonomieprofessors, die ökonomische Kategorie "Wert" aus einem "Begriff" abzuleiten, und das erreicht er dadurch, dass, was in der politischen Ökonomie vulgo "Gebrauchswert" heißt, "nach deutschen Sprachgebrauch" in "Wert" schlechthin umgetauft wird. ...
_______________________________________________________________________
K. Marx, Randglosssen zu A. Wagners 'Lehrbuch der politischen Ökonomie', in MEW 19, S. 362ff.

 

Nota. - Adolph Wagner war der führende Kopf der sogenannten Kathedersozialisten, die eine staatliche Sozialpolitik und arbeiterfreundliche Reformen propagierten. Sie standen den agrarischen Konservativen in Preußen nahe und bekämpften die unabhängige Arbeiterbe-wegung.
JE 

Freitag, 7. November 2025

Bedürfnis = Absicht.

Lothar Sauer                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik; zu Marxiana

"Geist = Absicht", heißt es bei Fr. Schlegel; das ganze Mysterium der "materialistischen Ge-schichtsauffassung" erhellt auf einen Schlag, wenn wir, dieses Satzes eingedenkt, generell das 'selbsterzeugte Bedürfnis' - die 'Tathandlung', "erste geschichtliche Tat" - mit "Absicht" übersetzen
3. 8. 89

 

 

 

 

Donnerstag, 6. November 2025

Eine Neuerfindung der Wissenschaftslehre.

          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik; zu Marxiana

So kann man das sagen: die Kritik der Politischen Ökonomie ist eine selbständige Neu-Erfindung der Wissenschaftslehre; ausgehend von einer reellen Wissenschaft, der reellen Wissenschaft: nämlich der Grundlage, materialen Basis der Kultur- Geschichte schlechter-dings... - zurückgeführt auf deren praktischen Grund; wobei daber eben ernstgemacht ist mit "dem Praktischen" als reellem wie logischen Grund: indem das gesellschaftliche Leben - und nicht, wie noch bei Fichte, lediglich "das" Leben" - als das Praktische schlechthin, als das, was aus Freiheit möglich war, aufgefasst wird.

Und aus diesem Gesichtspunkt heraus gelingt es Marx auch, die Fichtesche Darstellung zu übertreffen ("vollenden"), indem er "die Vernunft" bzw. "das schlechthin setzende Vermö-gen" in seiner Entstehung darstellen kann, der "Tathandlung" ein empirisches Substrat, einen realen Prozess zugrundelegen kann; zeigt nicht nur, dass, sondern auch, wie aus der "Unvernunft" "Vernunft" hervorgehen kann, d. h. gegangen ist, ohne auf Platos Ideen-olymp oder eben auf Fichtes "Normalvolk" zurückgreifen zu müssen. Den realen Grund vom Sinn: den reellen Prozess, "Begebenheit", wie empirisch Sinn in die Geschichte ge-kommen ist!

Denn wenn zwar auch bei Fichte "das Praktische" zugleich realer und logischer Grund der Phänomenalität ist, so ist doch Fichtes "Praktisches" in der Tat nur ideal Praktisches; d. h. nur als ideales Setzen (Wirken) kann er es fassen. Wenn es also zwar als "das Absolute" der Einheits grund des "Seienden", nämlich des "Wirksamen" ist, so trägt es doch seinen Zwie-spalt schon auf die Stirn geschrieben.

Es muss "das Praktische" wirklich als die indifferente Einheit von reeller und ideeller Pro-duktion=Setzung aufgefasst und dargestellt werden. Insofern wäre es terminologisch durchaus treffend, das Praktische, den Grund der Geschichte, das sich selbsterzeugende Bedürfnis, als gesellschaftliche Praxis zu umschreiben; wenn der Ausdruck nicht durch mystifizierenden Missbrauch versumpft und verseichtet wäre: alles und zugleich nichts bedeutete...

Freilich auch bei Fichte kommt der "Verkehr", die gesellschaftliche Praxis, als reeller Grund der Vernunft vor; aber nicht in der Wissenschaftslehre selbst, sondern "erst" - sozusagen retroaktiv - in der Praktischen Philosophie selbst: Naturrecht von 1797: als wechselseitige "Aufforderung"...!
17. 6. 87


Nachtrag I.
- Von der Wissenschaftslehre kannte ich zu diesem Zeitpunkt nur die Grund-lage und die Ausarbeitungen nach 1800 in den Sämmtlichen Werken. Weder kannte ich die WL nova methodo, noch war mir damals Fichtes dogmatische Wendung schon bewusst; be-wusst, dass man die späteren Darstelllungen nicht mehr als Transzendentalphilosophie ver-stehen kann.
27. 11. 16
 
 
Nachtrag II. - Ich hatte von Marx aus zu Fichte gefunden. Die damals im Westen gängige Interpretation des Marx'schen Werks durch die Logik Hegels war mir stets suspekt gewesen, und die Darstellung der pp. Dialektik als "Selbstbewegung des Begriffs" war nicht zu retten, bloß indem man sie 'vom Kopf auf die Füße' stellte. Es musste - musste! - sich bei irgend-wem eine Denkweise finden, bei der die Sache prosaisch und rationell vorgefasst war, bevor Hegel sie durch den Galimathias des Absoluten Wissens mystifizieren konnte. 
 
Vom pp. Deutschen Idealismus "von Kant zu Hegel" war mir gottlob noch nicht viel be-kannt, sonst wäre ich früher auf Fichte gestoßen - vermutlich aber als einem Vertreter des sog. Subjektiven Idealismus, wie es in Kompendien und Nachschlagwerken heißt. Und als ich als erste Fichtelektüre auf den Begriff der Wissenschaftslehre stieß, habe ich die kanti-sche Schreib- und Denkweise nicht verstanden - nach etlichen Semestern Philosophie an der Freien Universität
 
Ich habe dann schließlich doch die Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre auf mich geladen und fand mich wieder in einer andern Welt, aber ahnte mehr als ich wusste, auf der richtigen Spur zu sein, und verstand immerhin, dass ich ohne die Kritik der reinen Vernunft nicht vorankommen würde.  
 
Es ging mir nach wie vor darum, durch Fichte Marx zu verstehen, doch daraus ergab sich die Notwendigkeit, Fichte durch Marx zu verstehen. Ein erstes Résümé war ein Exposé für eine Diss. Phil., die nie geschrieben wurde.
 
Obiger Text war ein Exposé des Exposés zwecks späterer Ausarbeitung, die ich leider auf meine seitherigen Blogs beschränken musste und zum Glück konnte. Seither arbeite ich mich so minutiös, wie es mir möglich ist, ins Verständnis der Wissenschaftslehre sowohl als auch der Kritik der politischen Ökonomie ein.
 
Das ist noch der heutige Stand.
JE 

Mittwoch, 5. November 2025

Subjektobjekt.

rudolf ortner, pixelio.de                                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Indem du irgend eines Gegenstandes – es sey derselbe die gegenüberstehende Wand – dir bewusst bist, bist du dir, wie du eben zugestanden, eigentlich deines Denkens dieser Wand bewusst, und nur inwiefern du dessen dir bewusst bist, ist ein Bewusstseyn der Wand mög-lich. Aber um deines Denkens dir bewusst zu seyn, musst du deiner selbst dir bewusst seyn. – 

Du bist – deiner dir bewusst, sagst du; du unterscheidest sonach nothwendig dein denken-des Ich von dem im Denken desselben gedachten Ich. Aber damit du dies könnest, muss abermals das Denkende in jenem Denken Object eines höheren Denkens seyn, um Object des Bewusstseyns seyn zu können; und du erhältst zugleich ein neues Subject, welches des-sen, das vorhin das Selbstbewusstseyn war, sich wieder bewusst sey. 

Hier argumentire ich nun abermals, wie vorher; und nachdem wir einmal nach diesem Ge-setze fortzuschliessen angefangen haben, kannst du mir nirgends eine Stelle nachweisen, wo wir aufhören sollten; wir werden sonach ins unendliche fort für jedes Bewusstseyn ein neu-es Bewusstseyn bedürfen, dessen Object das erstere sey, und sonach nie dazu kommen, ein wirkliches Bewusstseyn annehmen zu können. ... 

Du bist dir deiner, als des Bewussten, bewusst, lediglich inwiefern du dir deiner als des Be-wusstseyenden bewusst bist; aber dann ist das Bewusstseyende wieder das Bewusste, und du musst wieder des Bewusstseyenden dieses Bewussten dir bewusst werden, und so ins un-endliche fort: und so magst du sehen, wie du zu einem ersten Bewusstseyn kommst.

Kurz; auf diese Weise lässt das Bewusstseyn sich schlechthin nicht erklären. – 

Noch einmal; welches war das Wesen des soeben geführten Raisonnements, und der eigent-liche Grund, warum das Bewusstseyn auf diesem Wege unbegreiflich war? Dieser: jedes Ob-ject kommt zum Bewusstseyn lediglich / unter der Bedingung, dass ich auch meiner selbst, des bewusstseyenden Subjects mir bewusst sey. Dieser Satz ist unwidersprechlich. – 

Aber in diesem Selbstbewusstseyn meiner, wurde weiter behauptet, bin ich mir selbst Ob-ject, und es gilt von dem Subjecte zu diesem Objecte abermals, was von dem vorigen galt; es wird Object und bedarf eines neuen Subjectes, und sofort ins unendliche. In jedem Be-wusstseyn also wurde Subject und Object von einander geschieden und jedes als ein beson-deres betrachtet; dies war der Grund, warum uns das Bewusstseyn unbegreiflich ausfiel.  

Nun aber ist doch Bewusstseyn; mithin muss jene Behauptung falsch seyn. Sie ist falsch, heisst: ihr Gegentheil gilt; sonach folgender Satz gilt: es giebt ein Bewusstseyn, in welchem das Subjective und das Objective gar nicht zu trennen, sondern absolut Eins und ebendas-selbe sind.
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J. G. Fichte, Versuch einere neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 526f. 


Nota. - Das transzendentale oder absolute Ich ist wohl, je nachdem, wie man es anschaut, mal Subjekt, mal Objekt. Doch sofern es überhaupt ist, nämlich als seiend vorgestellt wird, ist es Subjektobjekt in Einem.

Aber als seiend wird es nur vorgestellt; ist es lediglich Noumenon. Es kann selber gar nichts tun, nicht denken und nicht vorstellen. Mit andern Worten: Als ein Seiendes kann es seiner nicht bewusst werden.  Es wird sich, als ein Tätiges, anschauen können.

- Und doch heißt es oben: Es gibt ein Bewusstsein...! Es ist indessen nicht das natürliche Bewusstsein, nicht das Alltagsbewusstsein von dir und mir, nicht die Vernunft des gesunden Menschenverstands; sondern das transzendentale, das künstlich erdachte Bewusstsein des Philosophen: die "intellektuelle Anschauung" von einer Tathandlung, "welche unter den empirischen Bestimmungen unseres Bewusstseyns nicht vorkommt, noch vorkommen kann".  Sie ist nicht wirklich, sondern fingiert, aus Begriffen konstruiert durch Spekulation. Sie ist als ob.
JE,
2. 3. 20

Dienstag, 4. November 2025

Was kann das unmittelbare Bewusstsein anfangen?

                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Im vorigen Paragraphen wurde bewiesen, dass allem Bewusstsein unmittelbares Bewusst-sein vorausgehen müsse; aber dies ist nie ein Objektives, sondern immer das Subjektive in allem Bewusstsein. 

Das Bewusstsein, aus dem wir jetzt argumentiert haben, ist nicht unmittelbar, es ist Reprä-sentation des unmittelbaren, aber es selbst nicht. Das unmittelbare ist Idee und kommt nicht zu Bewusstsein. Das erste Denken des Ich war ein freies Handeln, aber daraus folgt kein notwendiges. Das Bewusstsein des Ich ist nicht ohne Bewusstsein des NichtIch, dies ist bewiesen. Nun können wir zwar postulieren, aber dann müssten wir es auch als Postulat ankündigen; es würde dann Teil des vorausgesetzten Grundsatzes. Ob es notwendig sei, so zu postulieren, werden wir sehen, wenn wir höher steigen. Wir haben weder erwiesen noch bewiesen ein NichtIch, sondern wir hätten bewiesen ein Wechselverhältnis zwischen Ich und NichtIch.
___________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 34 

 

Nota. - Die Wissenschaftslehre ist durchgehend problematisch: Etwas gilt, sofern das Vor-auszusetzende gilt. 'Das Vorauszusetzende' wird sich am Schluss als das ganze System selbst erweisen. Das ist Spekulation; aber bloße Spekulation ist es nicht. Der Ausgangspunkt der Vernunftkritik war das historische Faktum, dass es Vernunft gibt und dass sie in der sinn-lichen Welt Geltung beansprucht. 

*

Historisch gegeben ist sie augenfällig. Sie gilt, sofern ihr Grund der Kritik standhält. Also war in einem ersten Gang ihr Grund aufzufinden. Der zweite Gang bestünde darin, auf diesem Grund das ganze System der Vernunft zu rekonstruieren - aber nur auf diesem Grund; ohne Herbeiziehung weiterer Gründe. Wenn das gelänge, wäre der Geltungsan-spruch des Vernunftsystems begründet. Denn wenn es gelang, wäre erstens kein anderer Grund möglich, und wären zweitens keine zusätzlichen Gründe notwendig.

An obiger Stelle sind wir beim zweiten Schritt des zweiten Ganges: Aus der Selbstsetzung durch Entgegesetzung eines NichtIch soll das Bewusstsein - von dem wir aus Erfahrung wissen, dass es ein solches gibt - hergeleitet werden: immer mit Blick auf das, was zu re-konstruieren ist.
JE 

 

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Montag, 3. November 2025

Das unmittelbare Bewusstsein.

                         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Bewusstsein des Handelnden und des Handelns war eins, durch unmittelbares Be-wusstsein. In und mit dem Denken wurde ich mir des Denkens bewusst, das heißt ich setze mich als [im] Denken handelnd. Also auch in diesem Bewusstsein setze ich mich selbst als Subjekt und Objekt dasselbe [sic], und dadurch erhielten wir das unmittelbare Bewusst/sein, das wir suchten. Ich setze mich schlechthin. Ein solches Bewusstsein ist Anschauung, und Anschauung ist ein sich-selbst-Setzen als solches, kein bloßes Setzen.

Alles Vorstellen ist ein sich Setzen. Vom Ich geht alles aus. Das Ich ist kein Bestandteil der Vorstellung, sondern vom Ich geht alle Vorstellung aus. Alles mögliche Bewusstsein setzt das unmittelbare Bewusstsein voraus und ist außer dem nicht zu begreifen.
___________________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 33f.

 

Nota. - Das unmittelbare Bewusstsein ist Anschauung des [meines!] Handelns. Sie ist das, was die Wissenschaftslehre vorfindet: die Unterscheidung zwischen der Handlung und 'einem, der' handelt. Sie konstruiert dagegen 'Das Ich' – eben weil es im unmittelbaren Bewusstsein noch nicht vorkam. So auch die Unterscheidung von realem und idealem Handeln.
JE 

 

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Sonntag, 2. November 2025

Vernunft ist unbegreiflich.

Erich Westendarp, pixelio.de                                                     aus Philosophierungen

Vernunft ist praktisch. Theoretisch ist sie nicht fassbar, denn dazu müsste sie bedingt* sein. Sie ist aber durch Freiheit möglich.

Sie ist aber auch nicht "unbedingt", das lässt nur der Klang der Wörter vermuten. Denn sie ist gar nicht, sondern geschieht. Nämlich als das Wozu eines Akts. Der wiederum ist durch Freiheit möglich, und wo sie wirkt, entsteht ein Fakt. Ein Fakt ist unbegreiflich.

*) d. h. durch Begriffe bestimmbar, und das heißt: logisch. Aber das Fassen unter Begriffe muss die Vernunft erst selbst besorgen.

30. 4. 16 


Manchmal leistet sich auch ein besonnener Autor eine Caprice. Vernunft ist die gedankliche Abstraktion von Vernünftigkeit, und die ist keine Sache, sondern ein tätiges Verhalten. Ver-nünftig handelt ein Ich, sofern es sich seine Zwecke selber setzt. Dazu muss es die Zwecke in Begriffe fassen. Nicht die Begriffe bilden Vernünftigkeit, sondern Vernünftigkeit fasst Begriffe. Jedes Mehr ist rhetorischer Schnörkel.
26. 7. 18 


Begreifen ist der Modus des diskursiven Denkens. Es heißt, das eine Wissen an das andere knüpfen, genauer: die eine Erkenntnis aus der anderen Erkentnis her
leiten; die Wahrheit der einen auf die andere über tragen. Doch welche Wahrheit wäre die allererste, aus der wir unsern Saft ziehen? Finden wir sie, so können wir von ihr aus unsern Gang nehmen. Doch sie selbst könnten wir nicht begreifen: Sonst müssten wir die allererste Wahrheit aus einer... vorhergehenden ableiten, und die wäre dann die allerallererste. Begreifen könnten wir sie freilich nicht, denn... usw.
13. 12. 18 



Es geht auch einfacher. Begreifen heißt, aus vernünftigen Gründen erklären. Vernunft begreifen hieße, sie aus sich selbst erklären; doch daran lässt sich nichts verstehen.
16. 7. 20


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Samstag, 1. November 2025

Erst das Sollen schafft das Bestimmbare.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Vor der Hand wollen wir das Bestimmbare ansehen. - Das Denken des Sollens setzt sonach ein System des Bestimmbaren voraus. Dieses Bestimmbare würde nicht sein ohne die Auf-gabe, das Sollen zu denken, und diese würde nicht sein ohne das Sollen selbst. (Lediglich durch das Denken wird das Bestimmbare herbeigeführt.)  

Aus diesem notwendig zu setzenden Bestimmbaren werden wir alle Elemente des Bewusst-seins ableiten als Mittelbares, herbeigebracht durch das Bewusstsein des Sollens.
_________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 146
 



Nota I. - Nicht schon durch das Wollen, wie es bisher schien, entsteht das Bestimmbare, sondern erst durch das Sollen als seine höhere Potenz:* Das Unbestimmte ist nun nicht mehr bloß (bei gutem Willen) bestimmbar, sondern gilt kategorisch als ein zu-Bestimmen-des. (So erst wird es endlich, und so wird es wirklich.)

Im Sinne einer kritischen Anthropologie gedeutet, hat das Sinn. Das Zeitalter der Vernunft hob an, als die Menschen nicht mehr bloß okkasionell in je bestimmter Absicht das ihnen Begegnende zu begreifen suchten, sondern dazu übergingen, das Begreifen als eine Anfor-derung anzusehen, die von Rechts wegen generell an sie gestellt wird.

Es klingt bei F. aber die Absicht an, an das Verb sollen das Sittlichkeitsgebot zu knüpfen - in Verbindung womöglich mit der Neigung, 'die Vernunft' als vor gegeben aufzufassen. Es wird nötig sein, sich die Einführung des Sollens daraufhin noch einmal anzusehen.

 24. 12. 16

 
Nota II. - 1) Als schlechterdings wollend soll das Ich aufgefasst werden. 2) Reales Wollen heißt, in der Sinnenswelt tätig-sein-Wollen. 3) Tätigsein heißt bestimmen. 4) Mich selbst real als schlechterdings bestimmen wollend auffassen heißt, mich ideal als bestimmen sollend auffassen. 5) Wenn Ich sich als schlechterdings bestimmensollend auffasst, fasst es eo ipso alles Nicht-Ich als bestimmbar auf. Umkehren lässt es sich nicht: Vom Ich wird ausgegan-gen; wäre das Ich von irgendetwas ableitbar, wäre die Wissenschaftslehre hinfällig.
30. 12. 21
 
*Nota II. - Der Mensch findet sich als einen allezeit wollenden vor in der Anschauung, die ihm zu einer Vorstellung wird: reale Tätigkeit. Auf diese geht zurück die Reflexion: ideale Tätigkeit. In der Reflexion erscheint der Mensch nicht mehr in der Form der Vorstellung bzw. Anschauung, sondern als Begriff. Als solcher ist Ein Ich ein Noumenon, in dem die angeschauten Tätigkeit als Ruhe gesetzt erscheint. Aus dem realen Subjekt wird ein gedach-tes An-sich.
 
Fasse ich das realiter wollende Subjekt als ein an-sich-wollendes auf, wird es mir zu einem wollen-sollenden. 
 
Das ist spitzfindig, allerdings, aber wenn der zweite Gang der WL gelungen sein soll, muss er sich in solchen Spitzfindigkeit bewähren.
JE



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Mein Ich ist kein Spiegel, sondern ein Auge.

  Fabian Lackner, Fotocommunity      zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Das Ich der bisherigen Philosophen ist e...