FF / pixelio.de zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Sie haben es bemerkt, mit den letzten drei Einträgen des vergangenen Jahres ...
sind wir auf Grund gestoßen. Was verbürgt uns, dass "es" Wahrheit
wirklich "gibt", dass nicht Alles auf Sand gebaut und beliebig ist? Dass
es also 'einen Sinn hat', nach dem Rechten zu suchen? Tiefer kann man
nicht bohren, und an dieser Stelle muss sich erweisen, ob nicht Fichte
selbst auf Sand gebaut und sich alles nur aus den Fingern gesaugt hat.
Die intellektuelle Anschauung,
die am Anfang der Wissenschaftslehre steht, war als Begriff ge-wagt
genug und hatte ihm den unvermeidlichen Tadel der rechtgläubigen
Kantianer eingetragen. Und nun kommt als nachträgliches Fundament gar
noch ein "intellektuelles Gefühl" dazu!
Das
ist eine geeignete Gelegenheit,
noch einmal auf das streng phänomenologische Verfah-ren der
Wissenschaftslehre hinzuweisen. Die Wissenschaftslehre gibt durchaus
nicht
vor, et-was zu konstruieren, das es zuvor nicht gab. Sie stellt
lediglich
das dar, was in unserm Den-ken, in unseren Wissensakten tatsächlich passiert, und versucht, es in eine verständliche Ordnung, in ein Schema zu bringen. Es ist nicht ihr Ehrgeiz, zu erweisen, dass 'es Warheit gibt', noch nachzuweisen, wodurch. Sie begnügt sich aufzuweisen, dass wir in allen Formen unseres Wissens diese Prämisse tatsächlich zugrunde legen, auch
wenn es der eine oder an-dere durchaus nicht wahrhaben will. Auch Paul Feyerabend hat, wenn er etwa mit seinem Nachbarn frei über Gott und die
Welt plauderte und nicht gerade am Schreibtisch saß und hochinteressante
Gedanken zu Papier brachte, zwischen wahr und unwahr unterschieden; so
wie auch der idealistische Philosoph an die Wirklichkeit der Welt
glaubt, sobald er das Katheder verlässt.
Dass es in Wahrheit 'nur
Teilwahrheiten' gäbe, ist eine denkfaule Ausflucht. Teile von Et-was, das
es selber gar nicht gibt? Die Qualität, immerhin 'ein Teil' der
Wahrheit zu sein, wäre ihnen doch gemeinsam, und die verdiente es wohl,
mit einem Namen benannt zu werden; und mit welchem wenn nicht -
Wahrheit? Es ist auch nicht 'wahr', dass Menschen nur sol-ches wüssten
oder nur zu wissen wünschten, was sich "praktisch bewährt", nämlich am
Maß-stab von Vor- und Nachteil. Sie wollen nicht nur mehr wissen, sondern
setzen tagtäg-lich wirklich voraus, dass sie es tun.
Da heißt es tatsächlich: so oder gar nicht, entweder oder, tertium non datur.
*
Natürlich kann man den Standpunkt beziehen, dass es Wahrheit überhaupt nicht gäbe. Aber vertreten kann man ihn schon nicht mehr - jedenfalls nicht, ohne den Anspruch zu erhe-ben, wahr zu reden. Wer meint, es gibt keinen Sinn, der verlässt den Boden, auf dem er sich einem andern mitteilen kann.
Das beweist freilich nicht, dass 'es Wahrheit gibt'.
Das Verfahren der
Wissenschaftslehre ist nicht, dass sie zuvörderst das Sein von Wahrheit
erweist, indem sie ihren Grund freilegt. Das könnte nur ein dogmatisches
Verfahren leisten, oder richtiger: leisten wollen. Das Verfahren der
Wissenschaftslehre geht umgekehrt: Da wir uns verständigen können, da es
Vernunft also wirklich
gibt, muss es auch einen Grund dafür geben. Sie schließt nicht aus dem
Grund auf die notwendige Folge, sondern schließt aus der Tatsache auf
den notwendigen Grund. Notwendig bedeutet hier nicht: wenn/dann, sondern
um/zu.
Die Annahme, dass alles auf einen letzten Zweck zuläuft, an dem es sich bewähren muss, ist selber Vernünftigkeit. 'Es gibt' Vernunft nur als das effektive Gelten dieser Prämisse in den wirklichen Urteilen der Menschen. Anders ist sie nicht.
Ob indessen ein "intellektuelles Gefühl" hinreicht, uns der Gültigkeit dieser Annahme zu versichern, ist
ein Thema für sich. Darauf werde ich zurückkommen müssen.
2. Januar 2014
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