W. Mattheuer, Verstrickt aus Marxiana
Die wechselseitige und allseitige
Abhängigkeit der gegen einander gleichgültigen Individuen bildet ihren
gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser
gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwerth, worin für
jedes Individuum seine eigne Thätigkeit oder sein Product erst eine
Thätigkeit und ein Product für es wird; es muß ein allgemeines Product
produciren – den Tauschwerth oder, diesen für sich isolirt, individualisirt,
Geld. Andrerseits die Macht, die jedes Individuum über die Thätigkeit der
andren oder über die gesellschaftli-chen Reichthümer ausübt, besteht in ihm
als dem Eigner von Tauschwerthen, von Geld. Es trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft, in
der Tasche mit sich.
Die Thätigkeit, welches immer ihre individuelle Erscheinungsform, und das Product der Thätigkeit, welches immer seine
besondre Beschaffenheit, ist der Tauschwerth, d. h. ein Allgemeines, worin
alle Individualität, Eigenheit negirt und ausgelöscht ist. Dieses ist in der That
ein Zustand sehr verschieden von dem, worin das Individuum oder das in
Familie und Stamm (später Gemeinwesen) naturwüchsig oder historisch
erweiterte Individuum direkt aus der Natur sich reproducirt oder seine
productive Thätigkeit und sein Antheil an der Production an eine bestimmte
Form der Arbeit und des Products angewiesen ist und sein Verhältniß zu
andren eben so bestimmt ist.
Der gesellschaftliche Charakter der Thätigkeit, wie die gesellschaftliche
Form des Products, wie der Antheil des Individuums an der Production
erscheint hier als den Individuen gegen-über Fremdes, Sachliches; nicht als
das Verhalten ihrer gegen einander, sondern als ihr Un-terordnen unter
Verhältnisse, die unabhängig von ihnen bestehn und aus dem Anstoß der
gleichgültigen Individuen auf einander entstehn. Der allgemeine Austausch
der Thätigkeiten und Producte, der Lebensbedingung für jedes einzelne
Individuum geworden, ihr wechsel-seitiger Zusammenhang, erscheint ihnen
selbst fremd, unabhängig, als eine Sache.
Im Tauschwerth ist die
gesellschaftliche Beziehung der Personen in ein gesellschaftliches
Verhalten der Sachen verwandelt; das persönliche Vermögen in ein
sachliches.
Je weniger gesellschaftliche Kraft das Tauschmittel besizt, je
zusammenhängender es noch mit der Natur des unmittelbaren
Arbeitsproducts und den
unmittelbaren Bedürfnissen der Austau-schenden ist, um so grösser muß
noch die Kraft des Gemeinwesens sein, das die Individuen zusammenbindet,
patriarchalisches Verhältniß, antikes Gemeinwesen, Feudalismus und
Zunftwesen.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 90 [MEW 42, S. 90f.]
Nota. - Sich Verhalten ist kein Substantiv, sondern ein Verb. Nur wer tätig ist, kann sich verhalten und in ein Verhältnis setzen - nämlich zu einem Andern. Schon zu einander kön-nen sie in einem Verhältnis nur sein, wenn auch der Andere ein Tätiger ist. Wenn einer mit dem Kopf gegen eine Wand rennt, ist das Verhältnis ein durchaus einseitiges - und genau ge-nommen gar keins.
Damit ein Verhältnis entsteht, müssen Mehrere miteinander tätig werden - und bleiben. So gern auch mancher Ideologe so tut, als sei das Verhältnis da gewesen, bevor Menschen 'in es' traten.
JE
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