Dienstag, 23. Mai 2023

Der erste Grundsatz ist ein Postulat.

                                                               aus Philosophierungen
                                     
2. Keine von beiden Meinungen scheinen die Besseren, die sich dagegen auflehnen, zu haben. Prof. Beck eifert auch gegen das Suchen eines ersten Grundsatzes. Er meint, die Philosophie müsse ausgehen von einem Postulate, dieses ist aber auch ein Erstes, das nicht weiter bewiesen werden wird, also auch ein Grundsatz. Grundsatz ist jede Erkennt-nis, die nicht weiter bewiesen werden soll. Wer also ein Postulat angibt, gibt auch einen Grund- satz an.

Der Prof. Beck hat den Akzent auf / 'Satz' gelegt, und soll sein etwas Objektives, Gefun-denes, aus dem durch Analyse herausgebracht wird. Aber wer hat ihn geheißen, Grund-satz so zu erklären? Die Philosophie soll nicht gefunden werden in einem Gegebenen, sondern durch synthetisches Fortschreiten.

Der Satz des Bewusstseins* ist bei Reinhold ein Faktum; durch bloße Zergliederung des-sen, was in diesem Satze liegt, soll nach seiner Behauptung die ganze Philosophie zustan-de kommen. Ein Verfahren, das mit Recht zu tadeln ist. 

[*) "Im Bewußtsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen." nach Eisler, Wörterbuch]

Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies würde eine leere Philosophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Geset-zen handeln und dadurch eine Welt konstruieren; dies ist keine Analyse, sondern eine im-mer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tathandlung aus. 

Dies Wort wurde nicht verstanden. Es heißt aber und soll nichts anderes heißen, als man soll innerlich handeln und diesem Handeln zusehen. Wer also einem andern die Philoso-phie vorträgt, der muss ihn aufforderndiese Handlung vorzunehmen, er muss also po-stulieren.
____________________________________________________________ 
J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 27f.




Nota I. - Nicht der Grundsatz trägt das System, sondern das System rechtfertigt den Grundsatz - indem es trägt.

Bedenke: Der postulierte Grundsatz ist nicht spekulativ aus der Luft gegriffen, sondern wurde aufgefunden im ersten, analytischen Gang der Transzendentalphilosophie. Er ward erwiesen, indem von ihm aus das Gebäude der Vernunft rekonstruiert wurde.



Nota II. - Der erste Grundsatz kann nur ein Postulat sein. Das System, von dem die Rede ist, ist das System der Vernunft es besteht in der Realität, aber seine eigne Realität ist Vorstellung. Es geht nicht, wie in den rationalistischen metaphysischen Systemen, um eine (sinngeladene) Tatsache - die Unmöglichkeit, eine solche nachzuweisen, ist das eigene Problem dieser Systeme. Aus dem Kreis der Vorstellungen treten wir nirgends hinaus. 

Wenn wir eine erste Vorstellung ausgemacht haben, können wir nicht anders, als uns einen Vorstellenden hinzu vorzustellen. Wollten wir ihm diese oder jede Bestimmtheit zugedenken, müssten wir einen - bestimmten - Bestimmenden hinzudenken; und so weiter in infinitum. Wir hätten nur die 'erste' Vorstellung immer weiter nach vorn ver-schoben, wären aber einem bestimmten ersten Vorstellenden nicht näher gekommen.

Es muss daher ein unbestimmter erster Vorstellender, erster Bestimmender hinzugedacht werden, sonst bekommen wir nie einen. Also einen, der von nichts hergeleitet werden kann, sonst wäre er bestimmt. Wenn wir ihn aber an den Anfang des Systems setzen wol-len, können wir nicht anders, als ihn zu postulieren; als einen unbestimmten Vorstellen-den, der sich selbst bestimmt.
18. 11. 18

Nota III. - Was schließlich die spezifische qualitas des Ichs ausmacht - die Ichheit: ein prädikatives Vermögen -, wird bis zum Schluss nicht erklärt oder hergeleitet. Wir wissen davon, weil wir uns tätig seiner bedienen, und das dürfen wir voraussetzen. Mehr setzt die Wissenschaftslehre nicht voraus und braucht sie nicht vorauszusetzen.
JE, 24. 9. 22


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Montag, 22. Mai 2023

Ein erster, schlechthin unbedingter Grundsatz (II).

                                                                 zu Philosophierungen

§ 1.
 Erster, schlechthin unbedingter Grundsatz.


Wir haben den absolut-ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz alles menschlichen Wissens aufzusuchen.

Beweisen oder bestimmen lässt er sich nicht, wenn er absolut-erster Grundsatz seyn soll. Er soll diejenige Thathandlung ausdrücken, welche unter den empirischen Bestim-mungen unseres Bewusstseyns nicht vorkommt, noch vorkommen kann, sondern viel-mehr allem Bewusstseyn zum Grunde liegt, und allein es möglich macht. Bei Darstellung dieser Thathandlung ist weniger zu befürchten, dass man sich in etwa dabei dasjenige nicht denken werde, was man sich zu denken hat – dafür ist durch die Natur unseres Geistes schon gesorgt – als dass man sich dabei denken werde, was man nicht zu denken hat. Dies macht eine Reflexion über dasjenige, was man etwa zunächst dafür halten könnte, und eine Abstraction von allem, was nicht wirklich dazu gehört, nothwendig. 

Selbst vermittelst dieser abstrahirenden Reflexion nicht – kann Thatsache des Bewusst-seyns werden, was an sich keine / ist; aber es wird durch sie erkannt, dass man jene That-handlung, als Grundlage alles Bewusstseyns, nothwendig denken müsse. ... 

Die Gesetze, nach denen man jene Thathandlung sich als Grundlage des menschlichen Wissens schlechterdings denken muss, oder – welches das gleiche ist – die Regeln, nach welchen jene Reflexion angestellt wird, sind noch nicht als gültig erwiesen, sondern sie werden stillschweigend, als bekannt und ausge-macht, vorausgesetzt. Erst tiefer unten werden sie von dem Grundsatze, dessen Aufstellung bloss unter Bedingung ihrer Richtig-keit richtig ist, abgeleitet. Dies ist ein Cirkel; aber es ist ein unvermeidlicher Cirkel.
_____________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 91f.
 

Nota. - Wenn es aber zirkulär ist, dann ist es kein Wissen. Wenn am oberen Ende genau-soviel steht wie am unteren, dann ist nichts hinzukommen - und das Wissen folglich leer.

Dies, wenn die Wissenschaftslehre eine logische Herleitung aus gegebenen Begriffen wäre - so wie die metaphysischen Systeme vor Kant. Die Wissenschaftslehre ist dagegen ein retroaktives Postulat. Sie ist keine Konstruktion der Wirklichkeit aus Prämissen, sondern eine eine experimentelle Untersuchung des Gangs unserer Vorstellungstätigkeit. Es wird der Untersuchung eine problematische Behauptung zu Grunde gelegt - und nur, wenn nach Abschluss der Untersuchung nicht mehr und nicht weniger und schon gar nichts anderes steht als am Anfang; nur, wenn nichts hinzugekommen und der Zirkel lückenlos geschlossen ist, hat sich die problematische Eingangsbehauptung bewährt.

Was immer es tut: Das Ich 'setzt sich', indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt - und zwar immer fort. Alle Tätigkeit des Ich ist Fortschreiten in der Bestimmung von Unbe-stimmtem. Von nicht anderem kann es wissen. Das ist - zusammenfassend - leicht gesagt. Doch um es einzusehen, war die hirnbrechende Ochsentour der Wissenschaftslehre un-umgänglich. Der sachliche Gehalt der realen Wissenschaften wird davon um keinen Deut erweitert. Aber sie können nun ihres Wissens gewiss sein - 
wenn anders Wissen über-haupt möglich sein soll.

Die Frage Was ist Wissen? - oder: Was ist wahr? - formuliert Fichte um in: Wie kommen wir zu der Annahme, dass einigen unserer Vorstellungen Dinge außerhalb unserer Vor-stellungen entsprechen? Das ist der prosaische Kern, der in der pompösen Frage nach der Wahrheit drinsteckt. 
29. 7. 18

Nota II. - Das ist nun nicht das Verfahren, das im gestrigen Eintrag als das angemessene vorgestellt wurde: Statt dass ein problematisches Postulat an der Durchführung des Sys-tems geprüft wurde, wird ein Behauptung dogmatisch zu Grunde gelegt, die als schlecht-hin unbedingt zu glauben ist - denn bei den weiteren Ausführungen handelt es sich ledig-lich um Erläuterungen, die man erwägen, aber auch pauschal von der Hand weisen kann.

Die oben zitierte Grundlage war die erste und blieb die einzige Gesamtdarstellung der Wissenschaftslehre, die Fichte niedergeschrieben hat. Doch unter prekären Umständen: Eine Vorlesung wurde an den Universitäten wörtlich aufgefasst. Den Professoren war vorgeschrieben, anhand welcher Lehrbücher sie ihre sie ihre Darlegungen vorzutragen hatten, und daraus lasen sie vor, weil die Lehrbücher unerschwinglich teuer und in den Universitätsbibliotheken kaum einzusehen waren. Dazu machten sie - wie z. B. Kant reichlich - eigene Ausführungen.

Für die gänzlich neue Wissenschaftslehre gab es noch kein Lehrbuch, und so ließ Fichte die einzelnen Lektionen Woche für Woche als Manuskript drucken und den Studenten zum Mitlesen verteilen. Dass einer solchen Darstellung, die ihren eigenen Abschluss erst vage vorahnen konnte, an Überzeugungskraft fehlen müsse, sei ihm schon bald aufgefal-len, sagt er später, und dachte schon während der ersten Vorlesungsreihe an eine gänzlich überarbeitete Vortragsweise. Im Philosophischen Journal erschienen einige Einleitungs-versuche, doch systematisch hat Fichte die neue Darstellung erst mit der Vorlesungsrei-he nova methodo durchgeführt.

Der formal wichtigste Unterschied ist, dass das Eingangspostulat nicht scheinbar aus der Luft gegriffen wird - tatsächlich hatte F. es in der Schrift  Über den Begriff der Wissen-schaftslehre vorbereitet -, sondern wird dargestellt als aufgefunden als Folge der Kant-schen Vernunftkritik: freigelegt unter allen wirklich-zufälligen Bestimmungen der histo-risch gewordenen Vernunft als die reine, unbestimmte und sich selbst bestimmende prä-dikative Qualität.

Der sachlich entscheidende Unterschied ist, dass F. erkannt hat, dass er das sich-selbst-Bestimmen der unbestimmten prädikativen Qualität nicht darstellen kann in den Begrif-fen und Schlussregeln, über die erst die ausgebildeten Vernunft (Newton et. al.) verfügen konnte, sondern in den anschaulichen Bildern, in der lebendiges Vorstellen wirklich ge-schieht. Man muss sich zu metaphorischem Ausdruck bescheiden, zu dessen Verständnis niemanden nötigen kann. Die Wissenschaftslehre bleibt von vorn bis hinten auf den frei-en Willen angewiesen (während die Grundlage ein Cirkel ist, dem keiner entkommen kann, der sich unvorsichtig einmal darauf eingelassen hat).
JE 25. 9. 22


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Sonntag, 21. Mai 2023

Vernunftkritik ist nur als Regress möglich.

                                                                 zu Philosophierungen

... Dies ist ein Cirkel; aber es ist ein unvermeidlicher Cirkel. [vgl. Über den Begriff der Wissenschaftslehre §7] Da er nun unvermeidlich, und frei zugestanden ist, so darf man auch bei Aufstellung des höchsten Grundsatzes auf alle Gesetze der allgemeinen Logik sich berufen.  Wir müssen auf dem Wege der anzustellenden Reflexion von irgend einem Satze ausgehen, den uns Jeder ohne Widerrede zugiebt. Dergleichen Sätze dürfte es wohl auch mehrere geben. Die Reflexion ist frei; und es kommt nicht darauf an, von welchem Puncte sie ausgeht. Wir wählen denjenigen, von welchem aus der Weg zu unserem Ziele am kürzesten ist. /

So wie dieser Satz zugestanden wird, muss zugleich dasjenige, was wir der ganzen Wissen-schaftslehre zum Grunde legen wollen, als Thathandlung zugestanden seyn: und es muss aus der Reflexion sich ergeben, dass es als solche, zugleich mit jenem Satze, zugestanden sey. – Irgend eine Thatsache des empirischen Bewusstseyns wird aufgestellt; und es wird eine empirische Bestimmung nach der anderen von ihr abgesondert, so lange bis dasjeni-ge, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich weiter nichts absondern lässt, rein zurückbleibt.
__________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 91f.
 

Nota. - Sachlich tut er nichts anderes, als er später in den Nova methodo vorschreiben wird: Er zieht von dem wirklichen Denken aller Angehöriger der Reihe vernünftiger We-sen, wie er später sagen wird, eine Bestimmungsschicht nach der andern ab wie die Häute einer Zwiebel, und behält am Ende nur den actus purus übrig. 

Seinen Ausgangspunkt hat er aber gewählt, weil er ihn der kürzeste dünkt. Das sei ihm geschenkt, wenn er denn auf diesem Weg zum Ziel kommt. Kommt er aber zum Ziel? Er sagt: Logisch sei es egal, ob man an diesem Punkt oder einem andern beginnt, sie liegen ja alle im System und bedingen einander, und was für den einen gilt, gilt auch für die andern. Das ist aber ein "Cirkel", der ganz und gar nicht unvermeidbar, sondern sogar viciös ist: Dass das Reich der Vernunft ein regelmäßiges System aus logischen Sätzen ist, setzt er als ganz selbstverständlich voraus - obwohl das doch eben die Prätention ist, die die "Ver-nunftkritik" prüfen soll.

Wenn aber das Aufkommen der Vernunft ein Progressus war, kann dessen Revision nur als Regressus durchgeführt werden. Seine Vorstellung vom Weg der Vernunft war aber von Anbeginn zwiespältig.
JE,  26. 9. 22
 

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Samstag, 20. Mai 2023

Verfahren.

                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

11) Von allem, was dem Ich zukommt, muss kraft der blossen Gegensetzung dem Nicht-Ich das Gegentheil zukommen

(Es ist die gewöhnliche Meinung, dass der Begriff des Nicht-Ich ein discursiver, durch Abstraction von allem Vorgestellten entstandener Begriff sey. Aber die Seichtigkeit dieser Erklärung lässt sich leicht darthun. So wie ich irgend etwas vorstellen soll, muss ich es dem Vorstellenden entgegensetzen. Nun kann und muss allerdings in dem Objecte der Vorstellung, irgend ein X liegen, wodurch es sich als ein Vorzustellendes, nicht aber als das Vorstellende entdeckt; aber dass alles, worin / dieses X liege, nicht das Vorstellende, sondern ein Vorzustellendes sey, kann ich durch keinen Gegenstand lernen; vielmehr sieht es nur unter Voraussetzung, jenes Gesetzes erst überhaupt einen Gegenstand)

Aus dem materialen Satze: Ich bin, entstand durch Abstraction von seinem Gehalte der bloss formale und logische: A = A. Aus dem im gegenwärtigen § aufgestellten entsteht durch die gleiche Abstraction der logische Satz: – A nicht = A; den ich den Satz des Gegensetzens nennen würde. Er ist hier noch nicht füglich zu bestimmen, noch in einer wörtlichen Formel auszudrücken; wovon der Grund sich im folgenden § ergeben wird. Abstrahirt man endlich von der bestimmten Handlung des Urtheilens ganz, und sieht bloss auf die Form der Folgerung vom Entgegengesetztseyn auf das Nicht-Seyn, so hat man die Kategorie der Negation. Auch in diese ist erst im folgenden § eine deutliche Einsicht möglich.
______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, in SW I, Berlin 1845/1846, S. 101-105.


Nota. - Logisch gibt es keinen Unterschied zwischen setzen und entgegensetzen - in de-nen steckt unvermerkt ein Handelnder längst drin. Der wiederum lässt sich logisch von einem Nichthandelnden nicht unterscheiden. In der Logik kommen nur Begriffe vor, und die Schlüsse scheinen sich ganz von selbst zu ziehen - für einen Schlüssezieher vulgo Ich gibt es nicht einmal ein vereinbartes Symbol. Und er lässt sich auch durch Spitzfindigkei-ten nicht hineinsophistizieren.

Die Darstellung nova methodo beginnt mit der reinen Agilität, und alles, was sie vor Augen führt, ist nichts als was sie tut. Sie beschreibt nicht, was ist (unter anderem), son-dern was geschehen kann, nachdem und weil ihm anderes vorausgegangen ist. Das ist keine logische, sondern eine genetische Darstellung. Sie beschreibt keine Zustände oder Verhältnisse, sondern Wirkungen. Mit anderen Worten: Sie handelt nicht von Begriffen und ihren logischen Verhältnissen, sondern von Tä-tigkeit und ihrer Bedingung - dem freien Willen.

Die Darstellung der Grundlage wollte mit Begriffen Verständnis erzwingen, doch schon im Zweiten Grundsatz stellt sie den guten Willen des Lesers auf die Probe. Nova metho-do macht dagegen keinen Hehl daraus, dass es zur Wissenschaftslehre keinen Zugang gibt als die eigene Vorstellungsarbeit. Sie ist Schritt für Schritt nur durch Freiheit möglich, und was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist.
16. 6. 17

Nota II. - Eben fällt mir ein: Die Wissenschaftslehre ist ein System der Entwicklung. - Die Hegelsche Phänomenologie und Logik doch aber auch!-? Nun ja - Entwicklung ist bei Fichte Bewegung, Agilität;  bei Hegel aber das statisch Nacheinander von Zuständen, Mo-menten; Bewegung, sondern ein Perlenkette. Bei Fichte Werden, bei Hegel Eins-nach-dem-andern. Kurz gesagt: in der Wissenschaftslehre analog, bei Hegel digital, hier an-schaulich, dort diskursiv und in Begriffen; hier strömts, da humpelts.
JE



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Freitag, 19. Mai 2023

Wahrheit ist eine praktische Kategorie.

Rainer Sturm  / pixelio.de  
   
Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qualität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffen, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Sub-jekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 



Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedingungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbe-dingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.

Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Wider-sinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er ge-hoben werde, heisst verlangen, dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmit-telbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik heran-ginge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problema-tisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätze wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technologisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.

*) J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62
24. 4. 14


Erinnere: Praktisch ist, was durch Freiheit möglich ist.


Donnerstag, 18. Mai 2023

Unbedingt; oder Sein und Gelten.

                                                                zu Philosophierungen

Nur, was ist, kann unbedingt sein. Das Universum, aufgefasst als Gesamtheit alles dessen, was ist – als Raum-Zeit– bzw. Energie-Masse-Kontinuum –, ist unbedingt. Denn es ist nichts neben, d. h. außer ihm, das es bedingen könnte. Das Universum ist unbedingt und ergo kontingent.*

Das Reich der Logik ist das Reich der Geltungen. Eines gilt nur für (mindestens) eines – ein anderes. Geltung ist ein Verhältnis. Ein Verhältnis ist nicht unbedingt, sondern be-dingt durch zwei, die im Verhältnis stehen. Was ist, kann nicht für etwas sein. Es kann für ein anderes nur 'als seiend gelten'. Ein Verhältnis, das unbedingt ist, ist kein Verhältnis, sondern selber ein Seiendes. Ein Seiendes, das ohne das Sein eines anderen nicht ist, ist nicht: Lediglich das Zusammen-Sein beider ist. Ein reeller Wirkungszusammenhang ist.



Wo sollten Husserls noemai als elementare, irreduzible un-bedingte Geltungseinheiten 'sein'? In Raum und Zeit? Dort wären sie entweder notwendig oder kontingent. Sind sie notwendig, so sind sie bedingt durch das, was sie notwendig macht; nicht elementar, nicht irreduzibel. Sind sie an-sich, können sie nur kontingent sein. Aber dann treten sie nicht in ein Verhältnis. Sie können nur an-sich gelten, aber nicht für eines. Sind sie außerhalb von Raum und Zeit, so ist nicht zu verstehen, wie sie innerhalb von Raum und Zeit für eines werden können. Sie sind nicht von dieser Welt, und damit gut.

Sein und Gelten sind ihrerseits Geltungen. Sie 'sind'   gelten als seiend   nur für eines. Alles, was gilt, gilt bedingt.

*) Es ist historisch-bedingt durch den Urknall. Aber der ist seinerseits un-bedingt, sonst wäre er nicht Ur-Knall. 

•Juni 26, 2010 


Nachtrag I. Nur "ein reeller Wirkungszusammenhang ist" - darauf läuft es hinaus. Es ist das Ergebnis der Reflexion, das man ihr logisch als ihren Sinn voraussetzen muss. Real ist nur wirken - erst in der Reflexion treten ein Wirkendes und ein Bewirktes auseinander: weil wirken in seiner Verlaufsform nicht denk bar ist - nicht Gegenstand der Reflexion werden, sondern nur angeschaut werden kann -, aber als bloße Anschauung nicht mitteil-bar ist.

In der Wirklichkeit nehmen wir nichts als 'Objekt' wahr, sondern ein jedes geltend entwe-der als Dieses oder als Jenes, und wenn nicht, dann gilt es als unbestimmt. Wenn es nicht einmal als das gilt, dann... ist es nicht wahrgenommen worden und hätte ebensogut gar nicht da sein können.
25. Januar 2019

Nachtrag II.  Bestimmt ist etwas, das Einem als dieses oder als jenes gilt. Was nicht die-sem oder jenem als etwas gilt, ist noch unbestimmt und gilt einstweilen gar nicht.



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Mittwoch, 17. Mai 2023

Die Realität des Absoluten ist unendliches Bestimmen.

  The Holy Grail                                                              zu Philosophierungen

Der unendliche Raum wird (nach Fichte) so konstruiert, dass an den je gegebenen endli-chen Raum jedesmal wieder ein endlicher Raum angefügt wird. Das absolute Objekt des Strebens wird so konstruiert, dass zu jedem gegebenen Objekt der freien Wahl wieder ein nächstes Objekt der freien Wahl hinzugefügt wird. Die Idee des Endzwecks wäre also der Inbegriff aller möglichen Zweckbegriffe, die indes unendlich viele und als solche nicht bestimmbar sind. Real ist, was anschaubar ist, die Realität des Absoluten ist die Suche da-nach.
6. 8. 17

Alle Tätigkeit ist bestimmen. Die Ursache des Bestimmens ist das Wollen. Es ist der Wille zur Selbstbestimmung, eine prädikative Qualität. Sie ist Ursache ihrer selbst und als solche an sich unbestimmt. Als schlechthin unbestimmt ist sie ursprünglich absolut. Ihr sich-selbst-Bestimmen ist daher unendlich.

Bestimmen heißt der Tätigkeit einen Zweck setzen. Unendliche Tätigkeit ist daher unendli-ches Zwecksetzen. Setzen eines nie als endlich setzbaren Zwecks. Ein unendlicher Zweck ist ein  absoluter Zweck. Der Weg des Vorstellens führt von einem absolut unbestimmten Wol-len zu einem absolut unbestimmten Zweck. Merke: Eine angebrochene Unendlichkeit bleibt so unendlich, wie sie je war. Für einen absolut Wollenden ist ein absolut unbestimmter Zweck ein unendlich bestimmbarer Zweck. Er kommt ihm nachträglich vor, als habe er ihn immer schon gehabt.


Nota I. - Das sind keine Begriffsbestimmungen, sondern Vorstellungen, die nur so machbar sind. 
20. 4. 19

Nota II. - Die qualitas eines Unendlichen findet sich nicht in einem wie auch immer ge-dachten Ding, sondern in einer Tätigkeit = bestimmen.
JE, 1. 10. 22        

Dienstag, 16. Mai 2023

Tätigkeit-überhaupt: Bestimmung des Unbestimmten.

                                                                zu Philosophierungen

Tätigsein heißt fortschreiten im Bestimmen des noch Unbestimmten, und sonst nichts. Aber es ist auch wirklich alles, was man sich nur darunter vorstellen kann.
3. 5. 17


Marx schrieb in den Pariser Manuskripten, der Idealismus habe die tätige Seite des Menschen wohl mehr herausgearbeitet als der Materialismus, aber ein reale, materielle Produktion habe er nicht gekannt. 
 
Das mag für die kleineren Geister gelten, die bei Fichte abgeschrieben haben, ohne seinen Namen zu nennen, aber eben für Fichte, den ersten der Reihe, nicht. Wohl ist es so, dass die noumenale Tätigkeit-überhaupt nicht als materielle bestimmt ist; weil sie eo ipso gar nicht bestimmt ist. Doch ist es ein Missverständnis, dass, wenn er nicht ausdrücklich die materielle Tätigkeit gemeint hat, nur die ideelle Tätigkeit gemeint haben kann; aus der kindlichen Vorstellung, dass die materielle Produktion die untere, primitivere Stufe der Tätigkeit sei und die ideelle Tätigkeit die höhere, feinere. Oder umgekehrt: dass Denken die sachliche Voraussetzung materieller Produktion sei - auf jeden Fall zwei Stufen, die auf einander bauen und von denen eine eher da sein muss als die andere. Das setzt aber voraus eine vorgängige metaphysische Parteinahme, an die hier noch gar nicht zu denken ist.

Tätigkeit-überhaupt ist ein Begriff der Transzendentalphilosophie und als solcher ein Noumenon wie das Ich und die Welt. Sie ist, wenn sie nicht als das eine bestimmt ist, nicht notwendig als das andere bestimmt, sondern überhaupt nicht bestimmt, weil sie noch gar nicht als real gedacht ist.
14. 7. 19


PS. Egal, was immer ich tue, sei es mit dem Kopf, sei es mit der Hand: Ich füge einem 
Etwas, das so und so weit bestimmt, ab da aber unbestimmt ist, eine Bestimmung hinzu, die es vorher nicht hatte. Ist es ein materieller Gegenstand, so für ich ihm vielleicht eine Kante, vielleicht ein Rundung hinzu. Ist es ein lediglich gedachter Gegenstand, so füge ich ihm in der Vorstellung eine qualitas hinzu, die ihn von anderen Etwassen unterscheidet.




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Montag, 15. Mai 2023

Der Leib-Seele-Dualismus - ein westlicher Grundirrtum

                                                            zu Philosophierungen                                                     
Die "dialektische" Entgegensetzung von mens und corpus, von Leib und Seele, ist der Grundirrtum der westliche Zivilisation und hat die Philosophie jahrhundertelang irre-geführt. Die Gegenüberstellung von Ich und Welt ist schon realistischer, als es sich nicht um ein faktisches, sondern um ein perspektivisches Verhältnis handelt, in dem Physis und Intelligenz eben nicht getrennt erscheinen.

In Wirklichkeit handelt es sich um eine Trias: linksaußen Ich, mens, Intelligenz oder wie man will, rechtsaußen die Welt, Wirklichkeit, Universum; dazwischen, als Dreh- und An-gelpunkt und universeller Vermittler, der Leib als das Große Sensorium.

Der Dualismus war kein antikes Erbe - er stammt wohl aus dem christlichen Glauben an den einen einzigen Schöpfergott: Er selbst ist Geist, sein Geschöpf ist Fleisch, das Gött-liche im Menschen - Eckharts funklîn - ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Ist der eine die Burg des HErrn, ist das andere der Eingang des Teufels. 'Die Welt' kommt als solche gar nicht vor, sie ist das Mannigfaltige des Geschöpften, das ohne Seele und ohne Hoff-nung ist. Sie ist nicht einmal die Dritte im Bunde, sondern als ständige Versuchung seine Wunde.
2. 10. 22


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Der Grund eines Systems liegt außerhalb seiner.

Lassen sie mich frei spekulieren. Mathematiker werden vielleicht den Kopf schütteln, aber das ist nicht schlimm . Es bewiese weder, dass ic...