Donnerstag, 1. Januar 2026

Fichte als Mystiker und Romantiker.

 C. D. Friedrich         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die produktive Einbildungskraft erneuert nicht: Sie ist, wenigstens für das empirische Bewusstsein, völlige Schöpferin, und Schöpferin aus dem Nichts. ...

Die produktive Einbildungskraft, sage ich, schafft den Stoff der Vorstellung, sie ist die ein
[z]ige Beildnerin dessen, was in unserm empirischen Bewusstsein vorkommt, die ist Schöpferin dieses Bewusstseins. Aber die Einbildungskraft, auch in dieser ihrer / produk-tiven Macht, ist doch kein Ding an sich, sondern ein Vermögen des einzigen uns unmittel-bar gegebnen Dinges an sich, des Ich. Also muss selbst ihre Schöpfermacht einen höhern Grund im Ich haben; d. h. auf eine andere und für unsere Untersuchuung bequemere Art ausgedrückt, mag doch die produktive Einbildungskraft für das Bewusstsein Schöpferin sein, so kann sie für das Ich überhaupt nur Bildnerin sein, und das, woraus sie bildet, muss im Ich liegen. 

Und so ist es denn auch wirklich.

Im Gefühl liegt, was die Einbildungskraft bildet und dem Bewusstsein vorhält. Das Gefühl, welches ich hier nicht weiter erklärern kann noch soll, ist der Stoff alles Vorgestellten, und der Geist überhaupt oder die produktive Einbildungskraft lässt sich also beschreiben als Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein zu erheben. ...

Aber unter den Gefühlen selbst ist ein großer Unterschied; einige beziehen sich auf das ani-malische Leben des Menschen. Diese liegen nicht so tief und werden am leichtesten, gewis-sesten und notwendigsten - zwar nicht als Gefühle, davon ist hier nicht die Rede - aber als Vorstellungen zum Bewusstswein erhoben. Diesen auf die bloße Vorstellung einer sinnli-chen, unter Naturgesetzen stehenden Welt der Erscheinungen sich beziehenden Gefühlen liegen wieder andere Gefühle zum Grunde, die sich nicht auf das bloß animalische Leben des Menschen, sondern auf ein vernünftiges und geistiges, nicht auf die bloße Ordnung der Erscheinungen unter Naturgesetzen, sondern die Unterordnung derselben und aller vernünf-tigen Geister unter die Gesetze des sittlichen Ornung, der geistigen Harmonie, der Vereini-gung aller zu einem Reiche der Wahrheit und der Tugend beziehen.  

Diese liegen, dass ich mich so ausdrücke, um eine Region tiefer in unserm Geiste, sie liegen in einem geheimen Heiligtume; man muss erst durch die Welt der Erscheinungen hindurch, muss der Sinnlickeit erst absterben, um zu diesem höhern geistigen Leben zu gelangen. Be-zeichnen und umfassen die Gefühle von der ersteren Art das Gebiet der Begriffe, so be-gründen die der letztern Art das Feld der Ideen und der Ideale. ...

Folgendes sind die allgemeinsten Formen der Ideen, in deren Vorstellung sich der Geist zeigt. Über die notwendigen Formen der Körper im Raume erhebt sich der Geist zur freien Begrenzung des Urschönen, dem nichts in dieser Sinnenwelt gleicht, über den Wechsel der Empfindungen in der Zeit zur freien Begrenzung des Ergötzenden, wo Empfindungen Empfindungen drängen, ohne dass sie verändert scheinen; über die Begrenzung aller Emp-findungen in Zeit und Raum sich weg zum Anstaunen des Urerhabenen, über den Wechsel seiner Überzeugungen zum Gefühl einer ewigen Wahrheit, über allen Einfluss des Sinnli-chen hinweg zur erhabenen Idee, der völlig dargestellten sittlichen Vollkommenheit, oder der Gottheit. 
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J. G. Fichte, Von den Pflichten des Gelehrten, Hamburg 1971, S. 58f.; 60; 61


Nota. - So bin ich nun also endlich auf Grund gestoßen! Und zwar gleich in dreierlei Hin-sicht. Zuerst einmal, was das intellektuelle Gefühl angeht. Er hat es keineswegs erst später aus dem Hut gezogen, um den 'Denkzwang' als Gefühl der sinnlichen Erfahrung gleichran-gig zur Seite stellen zu können; sondern es lag seiner Philosophie von Anbeginn zu Grunde.

Zweitens, und das ist von Allem das Wesentliche, er erklärt die Vernunft keineswegs, wie es in seinen akademischen Vorträgen den Anschein hat, aus dem vorwärtsgerichteten - ad quem - Trieb zum Bestimmen, sondern - a quo - als Strom aus einem Quell. Er mag immer sagen: Der Geist nimmt die Regel von innen aus sich selbst; er bedarf keines Gesetzes, sondern er ist sich selbst ein Gesetz ebd. S. 64 - der Satz ist vorab kassiert durch die Prämisse Alle Ver-nunftgesetze sind im Wesen unseres Geistes begründet. ebd. S. 22 

Und drittens schließlich bestimmt er als wahrer Romantiker das Wesen der Vernunft zwar nicht aus ihrem Fluchtpunkt, wohl aber aus ihrer Herkunft, als ästhetisch. Da treten das Urschöne auf, das Ergötzende, das Anstaunen des Erhabenen, und noch die ewige Wahr-heit ist erhaben in ihrer Vollkommenheit.

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Die Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten hat Fichte teils vor, teils am Anfang seiner akademischen Vorträge für die Öffentlichkeit gehalten. Die ersten fünf erschienen noch 1794 als Broschüre; den Schlussteil hat er später unter dem Titel Über Geist und Buchstab in der Philosophie für Schillers Horen umgearbeitet, wo sie allerdings nicht erschienen. Die oben zitierten Passagen sind zu Fichtes Lebzeiten nicht gedruckt worden.

In den Vorträgen werden die Grundideen der Wissenschaftslehre umrissen, aber nicht entwickelt. Es sind populäre und keine wissenschaftlichen Texte. Und vor allem trägt F. die Wissenschaftslehre vor, bevor er sie noch für sich selbst ausgearbeitet hat - streckenweise auf bloßen Verdacht und Vorahnung. 

Umso ungezwungener ist er in der Darstellung seines Ausgangspunkts. Und da gibt er sich als mystischer Schwärmer zu erkennen. Nicht, dass er schließlich vor Jacobi eingeknickt ist, bedarf einer Erklärung, sondern wie er es zuvor in der Transzendentalphilosophie so weit hat bringen können. Er war eben wie die andern Jenaer Romantiker auch ein ungestümer Freigeist. Das lässt ihn bis heute überdauern.
JE, 13. 9. 18

Fichte als Mystiker und Romantiker.

  C. D. Friedrich           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Die produktive Einbildungskraft erneuert nicht: Si...