Mittwoch, 15. Februar 2023

Geurteilt wird nur über Bedeutungen.

                                                                zu Philosophierungen

'Auch das Tier lebt in Bedeutungen', hieß es in einem meiner Texte.

"...weil es mir der Hauptthese zu widersprechen scheint, derzufolge das Proprium Huma-num doch die Doppelung von Erscheinungsstrom und Bedeutung ist, also die Bedeu-tungsstiftung als genuin Menschliches anzusehen ist", schrieb dazu ein eiliger Reviewer. Nicht beachtet hat er die kleine, aber spezifische Differenz: nur weiß es nichts davon. Weil die Menschen von den Bedeutungen der Dinge wissen, haben sie die Möglichkeit der Wahl. Jene haben sie nicht. Die Dinge haben Bedeutung für sie als Exemplare ihrer Gat-tung, aber nicht für sie als Subjekte. Sie müssen und können nicht urteilen.

Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, sagte ein Knecht.


Wissen ist die Einsicht in die Möglichkeit von Freiheit.

19. 12. 13 


Wissen, bedeuten, urteilen, Freiheit, Subjekt - das sind alles Variationen zu einem Thema. Ich kann mir ohne Freiheit kein Urteil vorstellen, ich kann mir ohne Bedeutungen keine Wahl und ohne Wahl keine Freiheit und ohne Urteil keine Bedeutung vorstellen; ich kann mir ohne Urteilen kein Subjekt vorstellen, und wenn ich von Wissen reden will, drehe ich mich endlos im Kreise dieser Ideen, die einander bedeuten, aber nicht erklären. Man muss die Vorstellung von ihnen schon haben; demonstrieren lässt sie sich nicht. 
3. 11. 18 

Urteilen ist bei Kant das Zuordnen einer Sache zu ihrer nächsthöheren Klasse. Die Klasse ist kein Ding, sondern ein Begriff; ein Gedankending. Sie ist dasjenige an einer unbestimm-ten Anzahl von Dingen, als das sie alle gemeinsam und jedes für sich gelten sollen. Das, als was sie gelten sollen, ist eine BedeutungDas sind alles pragmatische Bestimmungen. 'Es gibt' sie nur für einen, der handeln will. Handeln ist ein Tun mit der Vorstellung eines Zwecks. Einen Zweck muss man wollen, einen Zweck muss man wählen.

Das Tier muss die Zuordnung des Dinges zu einem Zweck nicht selber wählen. Sie ist ihm durch die Evolution seiner Gattung vorgegeben. Ein Tier muss nicht urteilen. Und weil es das nicht muss, hat es die Fähigkeit dazu nie entwickelt.
31. 1. 19



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Dienstag, 14. Februar 2023

Urteilen ist der eigentlich poietische Akt.

 bing

Das transzendentale Ich ist Dasjenige, was urteilt. Es ist die schiere Tatsache, dass die Menschen urteilen, die die Annahme unumgänglich macht, dass sie es können. Dieses Urteilenkönnen, dieses Vermögen ist das transzendentale Ich. Es ist ein reines Gedan-kending, 'es selbst' tritt nie in Erscheinung, man weiß von ihm nur durch sein Wirken: indem wirklich geurteilt wird. Es "ist" der Grund von Allem. 

Es ist der Grund der Geltung von allem. Wenn ich treuherzig sage Das ist, sage ich sachlich doch nur aus, dass mir Etwas als seiend gilt. Für mein Leben in der 'Reihe ver-nünftiger Wesen' ist das freilich dasselbe. Aber philosophisch, nämlich materiallogisch ge-sehen, ist es das nicht.

*

Urteilen ist der Alles fundierende poietische Akt: ein-Bilden eines Quale
11. 5. 18

PS.  Poietisch ist ein Akt, der ein gr. poion setzt, = lat. quale. Es ist ein Akt, der  einen Sachverhalt bestimmt. Einem den Kopf abhacken schafft keine Relation, sondern eine qualitas.


Montag, 13. Februar 2023

Sach-Verhalt.

                         zu Philosophierungen                       
Bedeutungen sind keine Sachen, sondern Verhältnisse. Einer, der will, teilt einem Ding das mit, was er von ihm oder mit ihm will.

Es ist offenbar ein Verhältnis zwischen zweien. Man könnte meinen, ontisch befänden sie sich in einem Gleich-Gewicht, denn zwar verhält sich die eine Seite bestimmend und die andere nur empfangend; doch dieses sie Unterscheidende tritt von außen hinzu, am An-fang wiegen sie einander auf. 

*

Das ist aber nicht so. Auf der einen Seite ist immer das abstrakt-identische Ich, auf der andern Seite ein spezifisch-individuelles Mannigfaltiges. Nur in der Abstraktion sind sie pari-pari. In concreto wirkt immer ein bestimmendes Ich auf seinen zu-bestimmenden Gegen stand. Wir haben ein Tätiges und ein Leidendes. Der Unterschied ist nicht äußer-lich, sondern originär, denn das eine ist bestimmend, weil es apriori sich selbst bestim-mend war. 

Warum nicht auch das andere?

*

Das ist keine Metaphysik, sondern Wissenskritik. Es werden nicht aus einer Tabula rasa Vorstellungen herausheraussublimiert, oder besser: In eine Tabula rasa soll kein Grund hineinsubtilisiert, sondern aus einem in der wirklichen Vorstellung Angetroffenen soll ein Sinn herausgefunden werden. 

Wer immer etwas weiß, weiß es von Etwas. Dieses Verhältnis ist allerdings elementar, doch stehen sie apriori in einem ungleichen Verhältnis, es ist ihnen vorausgesetzt, denn nur der eine tritt ein, während der andere vorgefunden wird.

*

Das ist alles nichts Faktisches, sondern bloße Abstraktion. Ob sie in concreto etwas be-deuten können, ist jeweils in concreto zu prüfen.

Verwirrend wird es allerdings im Falle der Reihe vernünftiger Wesen, die uns der Defini-tion nach auffordert, ein ganzes Ensemble von Bedeutungen als aufgetragen anzuneh-men. Mit der Annahme einer Reihe vernünftiger Wesen, tritt ein Historisch-Faktisches in die Transzendentalphilosophie ein, durch das Bedeutung objektiviert wird. 

"Objektiv hat zwei Bedeutungen: 1., im Gegensatz mit der idealen Tätigkeit ist es die praktische Tätigkeit, 2., im Gegensatz mit dem ganzen Ich ists das NichtIch."* Die Reihe vernünftiger Wesen soll nun gerade nicht sein ein NichtIch, sondern die logische Vor-Form des Ich, die den realen Individuen ihre prädikative Qualität mitteilt wie das Higgs-Boson den ihm begegnenden andern Bosonen ihre Massen-Qualität - freilich nur, wenn sie sie sich aus freiem Willen mitteilen lassen

Nun sind es keine bestimmten Bedeutungen im einzelnen, die sie sich mitteilen lassen, und auch  nicht eigentlich ein 'Begriff von Bedeutung-überhaupt' - sondern der Auftrag, allenthalben diese und diese oder jene Bedeutung selber zu bestimmen.

*) Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 63



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Samstag, 11. Februar 2023

Zu diesem und unter jenem.


Bedeutung ist dasselbe von hinten, was von vorn Absicht war.

Dem Phänomen Qualitäten zu-schreiben ist dasselbe wie das Phänomen Qualitäten unter-zuordnen.



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Freitag, 10. Februar 2023

Ästhetik und Urteilskraft

Gold in Quarz

Das ästhetische Vermögen ist die Fähigkeit, Qualitäten wahr-, d. h. wert zu nehmen.          Urteilskraft ist das Vermögen, Erscheinungen auf Qualitäten zu beziehen.

im Juni 2010


Der Witz ist der Finder; ohne ihn wäre der Mensch gar nichts

die Spitzenkloepplerin; größerer Ausschnitt Vermeer

Der Witz ist der Finder (finder) und der Verstand der Beobachter.

Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft J, N° 1288

Wenn Scharfsinn ein Vergrößerungsglas ist, so ist Witz ein Verkleinerungsglas. Glaubt ihr denn, dass sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungsgläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungsgläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden.

ebd., Heft D, N° 465

Ohne Witz wäre eigentlich der Mensch gar nichts, denn Ähnlichkeit in den Umständen ist ja alles was uns die wissenschaftliche Erkenntnis bringt, wir können ja bloß nach Ähnlich-keiten ordnen und behalten.

ebd., Heft J, N° 936

Logik, III.

Poetik und Ethik (Challenger-Explosion)

Die Logik ist weder die Vorrede, noch das Instrument, noch das Formular, noch eine Episode der Philosophie, sondern eine der Poetik und Ethik entgegengesetzte, und koor-dinierte pragmatische Wissenschaft, welche von der Foderung der positiven Wahrheit, und der Voraussetzung der Möglichkeit eines Systems ausgeht.
_________________________________                                                    Friedrich Schlegel, Fragmente N°91


Nota. - Die Logik gehört nicht zum materialen Bestand der Philosophie, sondern zur Form ihrer Darstellung gegenüber den andern Zweigen des Wissens. Sie ist pragmatisch, weil sie wie Ästhetik und Ethik, denen sie ergänzend entgegensteht, das richtige, nämlich ohne Interesse des Beifalls würdige Verfahren vorgibt.
JE







Donnerstag, 9. Februar 2023

Sapere aude.

gewuerze

Sapere aude – wage zu wissen.

Hübsch übersetzt, was? Aber nicht so ganz korrekt. Denn sapere heißt wohl mehr oder doch anderes als bloß wissen – im Sinne von sachlicher Kenntnis. In sapientia klingt es durch: Das bedeutet vielmehr Weisheit als Informiertheit.

Etymologie ist nicht Logik. Aber in der Geschichte der Wortbedeutungen scheint die Herkunft unserer Urteilsgründe, der Qualitäten, auf. Denn zu sapere findet sich nicht nur das Nomen sapientia, sondern auch das Nomen sapor, Geschmack. Und während sapien-tia für jedes Ohr hörbar aus sapereabgeleitet ist, hört jedes Ohr auch gleich, dass sapere die Verbalform von – sapor ist.

Im Französischen gibt es die befremdende Nähe von le savoir und la saveur, von savoir und savourer. Im Althochdeutschen gab es das Verb int-sebben, das ohrenscheinlich aus derselben gemeinsamen indogermanischen Wurzel stammt, und das bedeutete 'mit den Sinnen, bes. dem Geschmacke, wahrnehmen'. 

Sapere aude bedeutet daher ursprünglich nicht: 'Wage zu wissen, was dir dadurch verbürgt ist, dass jeder Andere es auch wissen kann'; sondern bedeutet:

Wage dein eignes Geschmacksurteil!

Da muss sich der Homo sapiens aber noch ein bissel ranhalten, wenn er sich seinen Na-men verdienen will.

23. 1. 14


Etymologie ist nicht Logik. Unser Wissen, auf das wir stolz sind, hieß auf Mittelhoch-deutsch diu witze, und wer gewitzt ist, hat Mutterwitz, wie noch Kant sich ausdrückt. Witz sei eine ernsthafte Sache, heißt es bei Fichte. Denn auch die Weisheit stammt davon ab. Das sei jedoch der äußerste Gegensatz, sagt ein ernster Mann, doch der Witzbold kontert: Les extrêmes se touchent.

Was uns sicheres Wissen verbürgt, nennen wir Erkenntnis. Sie ist das Höchste, was Phi-losophie vermag. Kennen hat dieselbe Wurzel wie können.

Beweisen kann Etymologie nichts. Aber sie kann den Horizont weiten.









Mittwoch, 8. Februar 2023

Die Anthropologie der bürgerlichen Welt.

 oliver moor, pixelio.de;           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Schema der Vernunft; oder Die Anthropologie der bürgerlichen Welt.


Fichte will gar nicht erklären, auf welchem Weg ein individuelles Ich zu seinem so oder anders gearteten Bewusstsein kommt. Er will erklären, warum, wie und inwiefern Vernunft in einer Gesellschaft, sei es als Realität, sei es als Postulat,zur Herrschaft kommt.

"Aufforderung" zur Vernüftigkeit ist deren Bedingung; nicht historisch und kausal, indem 1. das Ich sich setzt, 2. sich ein Nichtich entgegensetzt, um sich 3. diesem entgegenzusetzen, und dann immer so weiter bis an den Punkt, wo dann die Aufforderung geschieht; sondern logisch und systemisch: 1., 2., 3. und alle weiteren Schritte fänden gar nicht erst statt, wenn die Aufforderung nicht erginge. –

Denn die Aufforderung ergeht nicht individuell von dir an mich. Die Aufforderung ergeht durch die Begegnung mit einer "Reihe vernünftiger Wesen", in die ich hineingeboren wurde. Vernunft als herrschender Zustand ist den individuellen Ichs vorausgesetzt. Sie muss nicht mehr entstehen durch den verallgemeinernden Verkehr der sich verständigenden Individu-en, sondern ist als apriorische 'Systemeigenschaft' der bürgerlichen Welt schon gegeben.
(Erst) das bürgerliche Individuum ist a priori Anteilnehmer einer Gesellschaft. Daraus folgt alles Weitere auf einen Schlag und lässt sich eo ipso nur als System, als zeitloses "Schema" darstellen.
                                                    
Die Wissenschaftslehre ist die Vollendung der Kant'schen Vernunftkritik. Der geschichtli-che Bericht, wie es zu diesem herrschenden Zustand gekommen ist, fällt nicht in ihre Ver-antwortung, er ist eine Sache der historischen Realwissenschaften.                                                                                                                                                                                                                          
Nachtrag.
Das / Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.  Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 30f.
24. 1. 16



Dienstag, 7. Februar 2023

Bei Recht und Freiheit geht es um Taten, nicht um Vorstellungen.

 David, Ballhausschwur;  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nur durch Handlungen, Äußerungen ihrer Freiheit in der Sinnenwelt, kommen vernünf-tige Wesen in Wechselwirkung miteinander; der Begriff des Rechts bezieht sich sonach nur auf das, was in der Sinnenwelt sich äußert; was in ihr keine Kausalität hat, sondern im Innern des Gemütes verbleibt, gehört vor einen Richterstuhl, den der Moral. Es ist daher nichtig, von einem Rechte auf Denkfreiheit, Gewissensfreiheit u.s.f. zu reden. Es gibt zu diesen inneren Handlungen ein Vermögen und über sie Pflichten, aber keine Rechte. 

Nur inwiefern vernünftige Wesen wirklich im Verhältnisse mit einander stehen und so handeln können, dass ihre Handlungen Folgen haben für den andern, ist zwischen ihnen die Frage vom Rechte möglich, wie aus der geleisteten / Deduktion, die immer eine reelle Wechselwirkung voraussetzt, hervorgeht. Zwischen denen, die sich nicht kennen oder deren Wirkungssphären gänzlich von einander geschieden sind, ist kein Rechtsverhältnis. Man verkennt den Rechtsbegriff ganz, wenn man z. B. von den Rechten Längstverstor-bener auf die Lebendigen redet. Gewissenspflichten kann man wohl haben gegen ihr Andenken, aber keinesweges zu Recht beständige Verbindlichkeiten.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der WissenschaftslehreSW Bd. III, S.55f. 


Nota I. - In der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft, die F. noch nicht kennt - im In-dustriesystem - stehen im verallgemeinerten Tausch auf dem Markt alle mit allen in einer reellen Wechselwirkung. Aber dies ist keine Sache des Rechts, sondern seiner positiven Grundlagen: eine Sache der Politik.

Ansonsten ist festzuhalten: Wo immer vom Verhältnis vernünftiger Wesen zu einander die Rede ist, geht es um Handlungen, die Wirksamkeit (auch) auf andere haben, und das sind Taten in der materiellen Welt, aber nicht de- ren Begriffe oder Vorstellungen. Die mag je-der für sich behalten. Allenfalls kann er sie aussprechen, als Auffor- derung zum Beispiel, doch so gewinnen sie Kausalität erst durch einen Willensakt des Hörenden. 

4. 3. 19


Nota II. - Bemerke aber auch: 'Inwiefern vernünftige Wesen wirklich im Verhältnisse mit einander stehen und so handeln können, dass ihre Handlungen Folgen haben für den an-dern', ist hier schon nicht mehr von der Wissenschaftslehre die Rede - der "pragmatischen Geschichte" der Vernunft -, sondern vom Vernunftreich selbst: der bürgerlichen Gesell-schaft, wie sie vernünftiger Weise sein sollte. Sie ist nicht mehr Gegenstand der kritischen Analyse und späteren synthetischen Rekonstruktion, sondern der positiven Anwendung - durch Politik.
JE 




Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake              zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Soweit die reine Form, die ökonomische Seit...