Donnerstag, 11. Mai 2023

Anschaubar wird Freiheit erst, wo sie auf Widerstand trifft.

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Die reale Tätigkeit* ist als solche nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, sondern bloßer Gedanke. Anschaubares Etwas wird die Tätigkeit erst, weil und wenn sie auf ein Hinder-nis stößt, welches sie aufhält. Nicht in ihrer Tätigkeit selbst ist Freiheit anschaubar, son-dern erst, wenn sie ein Objekt wählt, das ihr entgegen steht.

Freiheit ist dem tätigen Ich als seine Bestimmung zuerst nur zugedacht, ihre Energie heiße reale Tätigkeit; sie 'sind' insofern, als sie den Sinn der Handlung ausmachen, die doch sel-ber das einzig Anschaubare, das real-Reale ist. Sie ist der Ausgangspunkt der Wissen-schaftslehre, und nachdem jene sie in ihrem ersten, analytischen Gang als den einzig mög-lichen Grund der Ichheit bloßgelegt hatte, setzt sie in ihrem zweiten, synthetischen Gang das System der Ver-nunft aus diesem seinen Grund wieder zusammen.


Auf Widerstand trifft Freiheit erst, wo aus dem Gedanken sinnliches Handeln wird: in-dem sie sich am Gegenstand stößt.
7. 8. 17


Nachtrag. Dass Fichte zwischen Tätigkeit und Handlung unterscheidet, ist keine semanti-sche Feinheit, sondern in einem gewissen Sinn die Grundlage der Wissenschaftslehre. Denn sachlicher Kern- und Angelpunkt der kritischen Analyse sowohl als der transzen-dentalen Rekonstruktion der Vernunft sind weder das Ich noch die ihm als wesentlich zugeschriebene Tätigkeit - die erscheinen erst dem reflektierenden Verstand. Die reale Gegebenheit, an der die Analyse ihren Halt und die Rekonstruktion einen festen Bau-grund findet, ist das Handeln - nur im Handeln geschieht Einheit einer intelligiblen und einer Sinnenwelt, anders wäre ihre Unterscheidung gar nicht möglich. Erst hier begegnen sich Gegenstand und Zweck und bestimmen einander zu Geist und Stoff.

Die ontologisch-metaphysische Frage nach der Priorität des einen oder des andern war beantwortet, bevor sie gestellt werden konnte; denn Aufgabe war gar nicht ihre Vereini-gung, sondern ihre Scheidung. Die erste ist gegeben vor allem Bewusstsein, die zweite dessen unvermeidliches Resultat. Um sie wieder aufzuheben, ist es nötig, dass das Be-wusstsein seiner selbst bewusst wird; als Transzendentalphilosophie.
16. 4. 19

*) Tätigkeit überhaupt', nämlich vor jeder Bestimmung ist Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmteren. Real ist sie, sofern wirklich vorgestellt wird. 'Ideal' heißt dagegen die bloße Reflexion auf das wirkliche Vorstellen. Tätigkeit in der sinnlichen Welt ist eine zu-sätzliche, weiterführende Bestimmung der realen Tätigkeit: denn wirkliches Vorstellen war sie, bevor sie sinnlich werden konnte.
4. 10. 22



Mittwoch, 10. Mai 2023

Bestimmen ist das Einbilden von Qualitäten.

 Kandinsky, 1914                                                     zu Philosophierungen

'Bestimmen' ist das Schlüsselwort der Wissenschaftslehre. Ist es ein Begriff?

- Der quasi-ontologische Grundstein ist Tätigkeit, und was ist Tätigkeit? Es ist im weite-sten Sinn das Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Worauf bezieht sich aber 'bestimmen'? Nicht aufs Sein; das ist oder ist nicht. Sondern auf Gelten oder auf Bedeu-tung oder das, was man an einem Seienden als sinnhaft finden kann. 

Doch anders als das da-Sein lässt sich Geltung nicht formalisieren. Nichts bedeutet "überhaupt", sondern immer nur dieses oder jenes; und nur diesem oder jenem. Es ist etwas Neues, das hinzukommt - zwar aus Bedingungen 'hervor gegangen', aber nicht aus ihnen zusammengesetzt. Mit andern Worten: Logisch, nämlich aus definierten Begriffen und geprüften Verfahren, lässt es sich nicht herleiten. Darum nennt Fichte seine Darstel-lungsweise eine genetischeEs sind sinnhafte, qualitative Setzungen, die sich nicht 'aus einander entwickeln', sondern die ein Tätiger generieren muss, wenn sie geschehen sollen, und deren sinnhafter Implikationen er sich erst in nachträglicher Reflexion gewiss wird.

Qualitäten lassen sich nicht definieren, dazu müssten sie in Relation stehen, aber dann wären sie relativ und nicht qualitativ. Man kann sie nur anschauen, indem man sie ein-bildend selbst hervorbringt.

13. 6. 17


Zum Bestimmen brauche ich ein Etwas. Etwas muss da sein, damit ich es nicht nur be-stimmen, sondern überhaupt erst bestimmen wollen kann. Es begegnet mir als gegeben, darum stelle ich es mir als ein Seiendes vor. Etwas bestimmen heißt, ihm eine Qualität zuschreiben. Die erste Qualität, die ich ihm zuschreibe, ist, dass es dieses Eine sei; dass ich es nämlich in der Fülle des Mannigfaltigen identifiziere und - beachte. Das ist An-schauung. Anschauen ist der erstmögliche Bestimmungsakt.

Was mir die Gewissheit seines Daseins anzeigt, ist aber ein Gefühl. Es wird mir vermeldet durch das System meiner Sinnlichkeit. Im Fühlen bin ich nicht tätig, sondern leidend. Aber ich kann nicht fühlen, ohne anzuschauen. Beides geschieht uno actu. Erst die Re-flexion unterscheidet beide; so, als ob das eine zuerst und das andere danach stattfände. 

Das eine setzt das andere aber nicht der Zeit, sondern seiner... Bestimmung nach voraus. Es ist eine qualitätive UnterscheidungOb zwischen beiden eine Zeit verstreicht, ob bei-des an verschiedenen Stellen meines Sinnesapparats geschieht oder andere faktische Be-stimmungen, wären Sache der Neurophysiologie und empirischen Psychologie; mit Phi-losophie hat es nichts zu tun. In der Philosophie geht es um logische Bedingungen; al-lerdings nicht um begriffslogische, sondern um vorstellungslogische. Doch anders als die Begriffe, die ich als gegeben annehmen kann, muss ich mir meine Vorstellungen selber machen. Es ist Tätigkeit von Anfang bis... nein: Tätigkeit ohne Ende.
25. 5. 19


Dienstag, 9. Mai 2023

Vernunft ist ein Verhältnis.

                                                                          zu Philosophierungen

Eine intelligible Welt gibt es nur als das Verhältnis zwischen vernünftigen Wesen. Sie ist das, was jene zu einer Reihe bildet. Sie ist mit ihr entstanden und wird mit ihr vergehen. Sie sind Wechselbegriffe - eines bedeutet nichts ohne die andern. Vernunft ist ein Verhält-nis.

Wenn wir eine Reihe vernünftiger Wesen sind, ist die intelligible Welt unsere Welt.
8. 10. 22

Vernunft besteht nur als das Verhältnis zwischen Vernünftigen. Nicht etwas, das ist, sondern etwas, das geschieht.


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Montag, 8. Mai 2023

Das Individuum findet sich als eines aus einer Reihe vernünftiger Wesen.

 joeanni44                                                                         zu Philosophierungen

Wir müssen hier das bestimmbare und bestimmte [Ich] gegen einander halten: Entgegen-gesetzt sind sie darin: das bestimmte bin ich, das bestimmbare bin ich nicht: Nichtich; gleich sind sie darin, dass beide gleich geistig sind (lediglich denkbar, Noumen).
Wie wird nun das bestimmte Ich, in welchem Sinne bin ich Ich im Gegensatze gegen andere Wesen meinesgleichen?

Ich hat uns bisher bedeutet in sich zurückgehende Tätigkeit, aber damit können wir jetzt nicht weiter auskommen: Dieses charakterisiert nur vernünftige Wesen von anderen ver-nunftlosen Objekten, auch wird sich in Zukunft zeigen, dass in sich zurückgehende Tätig-keit auch den organischen Naturprodukten zukommt. Wir müssen daher noch dieses hin-zusetzen: dass mit der in sich zurückgehenden Tätigkeit der Gedanke derselben verbun-den sei. /  

Es entsteht aus der Bestimmtheit durch mich selbst ein Gefühl, und aus diesem der Ge-danke meiner selbst. Also finde ich mich als Objekt und bin mir selbst Objekt; aber ich kann mich unter keiner anderen Bedingung finden, als dass ich mich finde als Individuum unter mehreren geistigen Wesen.

Es ist ein Hauptsatz der kritischen Idealismus, dass von einem Intelligiblen ausgegangen wird. Dies hat uns getrieben bis zu einem reinen Wollen, das empirische langt nicht zu. Jede meiner empirischen Bestimmungen bezieht sich auf meine ursprüngliche Bestimmt-heit und ist nur unter dieser Voraussetzung gedenkbar. Dieses Vermögen könnte ich mir nicht zuschreiben, wenn ich es nicht fände; aber ich kann es nur finden als die Bestimmt-heit und das reine Wollen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,  S. 149f.


Nota I. - Das ist ein Kerngedanke der Wissenschaftslehre: dass ein vernünftiges Indivi-duum nur möglich ist als Teil einer Reihe vernünftiger Wesen (Teil einer 'Masse' von Be-stimmbarem). Ob er ihn überzeugend einführt, darauf kommt vieles an. Der 'Hauptsatz', dass von einem Intelligiblen ausgegangen werden und die Reihe der vernünftigen Wesen also der Bestimmung des Individuums vorausgesetzt werden muss, ist zu dünn. Er müsste uns schon zeigen, das auch nicht ausnahmsweise mal ein Empirisches vor dem Intelligi-blen sein kann.  - Das ist so ein Fall, wo er das, was er uns am Gang des lebendigen Vor-stellens vorführen wollte, rückwirkend aus Begriffen konstruiert
31. 12. 16

Nota II. - Anders konnte aber F. noch nicht verfahren. Er steckte in einer Zwickmühle; einerseits soll die Vernunft von dem durch Freiheit sich selbstbestimmenden Menschen erzeugt werden, andererseits muss sie aber den Individuen vorausgesetzt werden. Zwi-schen beiden Bestimmungen schwankte F. von Anfang an hin und her. Er hat sich schließlich zu einer dogmatischen Auffassung entschieden und die Transzendentalphi-losophie verlassen. Beide Gesichtspunkte zu vermitteln erlaubte erst die materialistische Geschichtsauffassung, doch für die waren die bürgerlichen Verhältnisse noch nicht weit genug entwickelt.
 9. 10. 22 

Nota III, Terminologisches:  Die Reihe vernünftiger Wesen ist ein schlechthin Mannig-faltiges und unendlich Teilbares. Die vernünftig gewordene Person ist dem gegenüber das schlechthin Un teilbare; eben nicht als empirischer Zeitgenosse, sondern spezifisch als vernünftiges Wesen.
JE,




Sonntag, 7. Mai 2023

Geurteilt wird nur über Bedeutungen.

                                                                         aus Philosophierungen

 'Auch das Tier lebt in Bedeutungen', hieß es in einem meiner Texte.

"...weil es mir der Hauptthese zu widersprechen scheint, derzufolge das Proprium Hu-manum doch die Doppelung von Erscheinungsstrom und Bedeutung ist, also die Bedeu-tungsstiftung als genuin Menschliches anzusehen ist", schrieb dazu ein eiliger Reviewer. Nicht beachtet hat er die kleine, aber spezifische Differenz: nur weiß es nichts davon. Weil die Menschen von den Bedeutungen der Dinge wissen, haben sie die Möglichkeit der Wahl. Jene haben sie nicht. Die Dinge haben Bedeutung für sie als Exemplare ihrer Gat-tung, aber nicht für sie als Subjekte. Sie müssen und können nicht urteilen.

Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, sagte ein Knecht.


Wissen ist die Einsicht in die Möglichkeit von Freiheit.

19. 12. 13 


Wissen, bedeuten, urteilen, Freiheit, Subjekt - das sind alles Variationen zu einem Thema. Ich kann mir ohne Freiheit kein Urteil vorstellen, ich kann mir ohne Bedeutungen keine Wahl und ohne Wahl keine Freiheit und ohne Urteil keine Bedeutung vorstellen; ich kann mir ohne Urteilen kein Subjekt vorstellen, und wenn ich von Wissen reden will, drehe ich mich endlos im Kreise dieser Ideen, die einander bedeuten, aber nicht erklären. Man muss die Vorstellung von ihnen schon haben; demonstrieren lässt sie sich nicht.
 
3. 11. 18


Tautologisch: Bedeutung hat alles, was zu einem Zweck werden kann.


 
 
 
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Freitag, 5. Mai 2023

Für die Philosophie ist immer Sonntag.

                                                                                zu Philosophierungen

Urteilen ist bei Kant das Zuordnen einer Sache zu ihrer nächsthöheren Klasse. Die Klasse ist kein Ding, sondern ein Begriff; ein Gedankending. Sie ist dasjenige an einer unbestimm-ten Anzahl von Dingen, als das sie alle gemeinsam und jedes für sich gelten sollen. Das, als was sie gelten sollen, ist eine Bedeutung. Das sind alles pragmatische Bestimmungen. 'Es gibt' sie nur für einen, der handeln will. Handeln ist ein Tun mit der Vorstellung eines Zwecks. Einen Zweck muss man wollen, einen Zweck muss man wählen.

Das Tier muss die Zuordnung des Dinges zu einem Zweck nicht selber wählen. Sie ist ihm durch die Evolution seiner Gattung vorgegeben. Ein Tier muss nicht urteilen. Und weil es das nicht muss, hat es die Fähigkeit dazu nie entwickelt.

31. 1. 19 

 

Geurteilt wird nicht nur, welche Dinge welchem Zweck zukommen, oder umgekehrt. Ge-urteilt wird bereits darüber, welcher Zweck gelten soll, und für wen. Ersteres geschieht alltäglich. Das zweite alltäglich nur wahllos; doch dass man sich seiner Wahl nicht bewusst wird, heißt nicht, dass man nicht wählt. Dass wissentlich und aus Freiheit über die Zwek-ke selbst geurteilt wird, geschieht nur an den Sonntagen der Intelligenz. Kritik kommt meist erst nachträglich und für das Handeln zu spät. Darum muss sie zu einem regulären Geschäft gemacht werden, das den Zufällen der Praxis womöglich zuvorkommt. 

Das ist die Sache der Philosophie. Für sie ist immer Sonntag.

30. 9. 20



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Donnerstag, 4. Mai 2023

Peiristik.

                                                                   zu Philosophierungen

Vernünftig will ich ein Denken nennen, das alle vorstellbaren Zwecke daraufhin prüft, ob sie sich zu einem Zweck der Zwecke synthetisieren lassen. 'Es gibt' einen Zweck der Zwe-cke freilich nur als Synthesis in processu: 'Es gibt' sie nur vorläufig. Positiv kann sie nur aussagen, was bislang alles nicht darunterfiel. Was noch kommen kann, bleibt vorab pro-blematisch. Entscheidend wird sein, ob die Synthesis an der Stelle gelingt, an der sie fällig wird; in actu. Vernünftiges Denken ist versuchend.
8. 5. 22


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Von den Dingen wissen wir gar nichts.

                                                zu Philosophierungen

Von den Dingen wissen wir gar nichts. Wir wissen nichts, als was in unserm Bewusstsein vorkommt, beide Ausdrücke bedeuten dasselbe; aber dort sind keine Dinge, sondern le-diglich Vorstellungen. Vorstellungen von Dingen insbesondere, und wer für sich Vernunft in Anspruch nimmt, geht davon aus, dass unseren Vorstellungen etwas entspricht, das auch ohne unsere Vorstellungen 'da' wäre, nämlich außerhalb ihrer.

Dass dem so wäre, verbürgen uns erfahrungsgemäß die Affektionen unserer Sinne: die Ge-fühle. Indes geben die Gefühle uns, entgegen unserm Eindruck, keine Auskunft über die Beschaffenheit der Dinge: Auf deren Beschaffenheit schließen wir erst aus unsern Ge-fühlen! Das nennen wir Erfahrung. An die Qualitäten unserer Gefühle legen wir Begriffe an, die wir für Aussagen über die Dinge selbst halten. Und warum das? Weil sie immer und immer wieder der praktischen Erprobung standhalten. Was aber ist eine praktische Erprobung? Ich nehme mir einen Zweck vor und überprüfe, ob und wo und wie das Ding für meinen Zweck taugt.

So und nicht anders kamen unsere Begriffe überhaupt erst auf die Welt: als Zweck begrif-fe. Die Arten und Weisen, wie die Dinge sich an unsern Absichten bewähren oder versa-gen, betrachten wir dann als die Eigen schaften der Dinge selber.

Den allerletzten Grund der Welt - ihren elementarsten Baustein sozusagen - hätten wir gefunden, wenn wir irgendwo einen allerletzten Zweck verwirklicht fänden. Da uns unse-re Zwecke aber nicht von oben zufallen, sondern immer wieder nur von uns selber gesetzt werden und die Phantasie der Menschen erfahrungsgemäß ohne Grenzen ist, müssen wir uns in die Einsicht ergeben, dass die Welt wohl nie begriffen sein wird. Da hat Eduard Kaeser wohl Recht: immer nur neue Fragen.

PS.  Anders als das oben beworbene Sonderheft von Spektrum suggeriert, gibt es zwischen Philosophie und Naturwissenschaft keinen "Übergang". Es gibt lediglich einen Unterschied.

JE; Kommentar zu Gibt es überhaupt Materie? 10. 6. 20

Breve: Im Begriff erscheint objektiviert, was im Zweckbegriff noch ganz dem Subjekt zugehört.


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Mittwoch, 3. Mai 2023

Die Welt vernünftiger Wesen ist das Reich der Zwecke.

                                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nun ist auf solche Weise eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so han-deln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im all-gemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte. 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Na-turganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der katego-rische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allgemein befolgt würden. 

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich / diese Maxime selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung des-selben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst möglichen Rei-che der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glückseligkeit begünstigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden Gliedes zu einem bloß möglichen Reiche der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kate-gorisch gebietend ist.
_____________________________________________________________
Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota I. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhetische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in unmittelbarer Nachbar-schaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als äs-thetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimm-ten fortschreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünf-tig wird ein Individuum nur durch die Aufforderung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünftigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum..

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants. Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusam-men; doch welcher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten interessiert sein kann, denn es ist ihm vor-gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der Mensch nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.

24. 7. 2016

 

Nota II. - In der nirgends explizitierten Auffassung, dass das Was der Vernunft sachlich höheren Orts vorbestimmt wurde, darf Kant sich bei der Formulierung des Endzwecks mit dem rein formalen Kategorischen Imperativ begnügen. Nicht so bei Fichte. Wesen der Vernunft ist bei ihm das selber-Bestimmen der Zwecke. Zweck aller Zwecke sei: Übereinstimmung. Das klingt zunächst nicht weniger formal als der Kategorische Impe-rativ. Indessen ist das fort-Bestimmen der Zwecke kein formaler, sondern ein materialer Akt. Fichtes Gedanke ist nicht formal (und nicht dogmatisch), sondern pragmatisch: Was das sachlich Vernünftige ist, wird sich finden in dem Prozess der Fortbestimmens der in-dividuellen Zwecke zu gemeinsamen. Vernunft ist nichts anderes als die Vernünftigkeit dieses Prozesses.

Das ist kein konsensuelles Ansammeln von zufällig als vereinbar aufgefunden Zwecke zu einer einer empirischen Summe, sondern das progressive Ausscheiden von nicht Verein-baren. Wobei der Nichtvereinbarte durchaus nicht das Verbotene wäre, sondern zunächst eben nur das Individuelle und Private, das gegebenenfalls einen Andern nicht berührt, oder aber durchs Recht oder das Sittengebot untersagt ist (wovon Letzteres den jeweils Anderen auch nichts angeht). ;

Hier ist offenbar die Grenze der Transzendentalphilosophie erreicht, und es beginnen die realen historischen Reiche von Politik, Recht und Sittlichkeit.
JE, 25. 8. 20



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Montag, 1. Mai 2023

Zweck der Vernunft ist Vergesellschaftung.

 Doisneau                    aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf das-selbe eine Aufforderung zum freien Handeln. ... Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich set-zen als die Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich setzen. ...

Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen es mehrere sein.  

Dies ist nicht eine willkürlich angenommene, auf die bisherigen Erfahrungen oder auf andere Wahrscheinlichkeitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist eine aus dem Be-griff des Menschen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkom-men bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, sondern der einer Gattung.
_____________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 38f.



Nota I. - 
Die Zirkularität der Argumentation ist nicht zu übersehen. Der Begriff des ver-nünftigen Wesens muss (vorläufig) den Begriff des Menschen erklären, und der Begriff des Menschen muss das vernünftige Wesen erklären. 

Aber es handelt sich ja nicht um eine logische Konstruktion ex nihilo, von Definition zu Definition. Der Ausgangspunkt ist immer: Es gibt ja wirklich Menschen, und jenes Beson-dere an ihnen, das sie wirklich von andern Lebewesen unterscheidet, wollen wir (einstwei-len) als Vernunft bezeichnen. Es ist ein genetisches Verfahren, kein logisches (dann wäre es tauto logisch). Der Ausgangspunkt sind Vorstellungen, die wir wirklich haben, und die auf ihre Voraussetzungen und Implikationen untersucht werden. Und da kann tatsächlich nur das eine das andere erklären und das andere das eine. Näher kommt man dem, was wirklich da ist, nicht.
19. 10. 14

 
Nota II. - Die Stelle steht nicht in einer philosophischen Darstellung der Wissenschaftsleh-re, sondern in einer Abhandlung über das Naturrecht "nach Prinzipien der...". Sie entwickelt das Argument nicht selber, sondern referiert es bloß.

In der explizit genetischen Herleitung - WL nova methodo - wird in abstracto aus der freien Handlung, durch die ein Ich 'sich setzt', indem es sich ein/em NichtIch entgegensetzt, re-konstruiert, wie jenes Ich Schritt für Schritt auf dem Weg der Vernunft fortschreitet. Es soll bis an den Punkt gelangen, wo es in sich und wir in ihm ein wirkliches Ich erkennen kann: nämlich eines, das zur Vernunft nicht erst bestimmt, sondern bereits gelangt ist. 'Die Ver-nunft' als Vermögen oder die intelligible Welt als Topos existiert in der Wirklichkeit als das Setzen allgemeingültiger Zwecke. Allgemein gültig heißt gültig in der Reihe vernünftiger Wesen. Das Ich erkennt sich als ein vernünftiges, indem es die Aufforderung aus der ver-nünftigen Gesellschaft vernimmt und sich handelnd als Teil einer Reihe findet. -

Wir wissen, dass die Wissenschaftslehre als Vernunftkritik begonnen hat. Die historische Realität der Vernunft ist ihr Ausgangspunkt, zu dem sie in ihrer Arbeit der kritischen Re-konstruktion zurückfinden muss. Das ist der Zirkel, der in obiger Stelle aufscheint: Die Vernunft muss - und kann allein - sich selbst begründen. Ihr Sinn ist Vergesellschaftung. So war es am historischen Ausgangspunt der Kritik und anders kann es nicht sein am rekon-struierten Schlusspunkt der Wissenschaftslehre. 

Dass der Sinn der Vernunft Vergesellschaftung ist, ist ihr Qualificandum. Es steht zu nichts im Verhältnis und ist selber ohne Form. Es wurde durch die kritische Analyse aus der Reihe der Bdingungen ausgesondert und ihr qua reines Ich zu Grunde gelegt. Dass es in den kom-plementären formalen Verfahren der kritischen Analyse und der rekonstruktiven Synthese nicht auftaucht, hat seinen methodologischen Grund. Und dass Fichtes Einführung der 'Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen' auf den ersten Blick als gewaltsam auf-gefasst werden kann, ist verständlich. Sie ist das eigentliche Geheimnis der analytisch-syn-thetischen Methode.  
JE 15. 8. 21, 

Zwecke.

                                                 zu  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

In Hinblick auf die Vernunft sind nicht alle Zwecke von derselben Qualität. Es gibt Zwek-ke, die die Erhaltungsfunktionen des Lebens berühren - vorteilhaft oder unvorteilhaft. Be-treffen sie die Erhaltungsfunktionen der Gattung, ist der Vorteil aller der Zweck. Da die Gattung kein wollendes Subjekt ist, ist der Vorteil Aller nicht absehbar. Zweck eines zum Wollen befähigten Individuums ist Selbsterhaltung. Ist der individuelle Zweck.

Für Lebewesen, die gattungsmäßig in Gemeinschaft leben, kann prinzipiell jeder Vorteil des einen ein Nachteil für den andern sein. Welche Zwecke von Vorteil für Alle ist, kann sich nur in der Gattungsgeschichte erweisen. Solange eine gemeinschaftliche Reflexion mangels gemeinschaftlicher Instanzen nicht möglich ist, müssen natürliche Selektion und Anpassung über viele Generationen für eine habituelle Verbindlichkeit der Arterhaltungszwecke sorgen. Tradierung durch Bewusstsein geschieht innerhalb der unmittelbaren Lebensgemeinschaf-ten als Gruppenmoral. Das ist der Forschungsgegenstand der Ethologie und, wo es den Menschen betrifft, der Anthropologie.

Vernunft ist die Technik, durch die die Menschen der Selektion durch Trial And Error mit ihren möglichen Katastrophen zuvorkommen. Sie wird erforderlich, wo sich aus den ur-sprünglichen Sippengemeinschaften größere und komplexere Sozialformen bilden: Staaten. Tradierungen durch Gruppenmoral und Familienethos sind für den Erhalt eines Gemein-wesens, in dem widerstreitende Zwecke die Regel sind, nicht sicher genug. Gesellschaft in specie, nämlich die bürgerliche, braucht das Recht. Einzig mögliches Medium des Rechts ist Vernunft.
20. 1. 20


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...