Samstag, 22. April 2023

Das absolute Objekt der idealen Tätigkeit.

                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 
Das Objekt der vorbeschriebnen Anschauung ist ein Begrenzendes, ein Seiendes, aber durch ein Sein wird ein anderes verneint. Ein Begrenzendes nicht ohne Begrenzung, ein Sein nicht ohne etwas, das durch das Sein aufgehoben wird.

Der eigentliche Charakter der Anschauung kann nicht aufgehoben werden; wir haben aber einen Hang, ihn aufzuheben, weil im gemeinen Bewusstsein nie Anschauung, son-dern immer Begriffe vorkommen.


Das, was durch das Sein des Objekts aufgehoben wird, ist nicht Tätigkeit des Ich. In der Anschauung wird kein Ich gesetzt; das Ich verschwindet im Objekte. Die Anschauung geht auf das Objekt, das, was durch das Seiende ausgeschlossen / wird, ist auch ein Ob-jekt, es ist das Ideal als solches Objekt der Anschauung.

Das Objekt der erstbeschriebnen Anschauung ist ein Begrenzendes, Begrenztheit des Ich, aber qualis talis kann sie nicht gesetzt werden, das Ich kommt nicht in der Anschauung vor. Es ist also etwas der Anschauung Vorschwebendes, ein bloßes Objekt ohne Subjekt. Diesem soll etwas entgegengesetzt werden, welches dasselbe negiert, dies ist also Objekt in der höchsten Bedeutung; etwas, worauf die ideale Tätigkeit sich bezieht, das aber nichts ist, woraus das Streben erklärt werden soll. Dies ist das Ideal.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,  Hamburg 1982, S. 84f.  


Nota I. - Im gemeinen Bewusstsein kommen nur Begriffe vor, nicht aber die Anschau-ungen, die ihnen zu Grunde liegen. Das ist nun das primäre Spezifikum der Wissen-schaftslehre: dass sie auf die Anschauung geht und nicht auf die Begriffe. Das macht das grundlegend Kritische daran aus.

Doch das gemeine Denken bestimmt bis heute die Schulphilosophie. Wo über Fichte ge-schrieben wird, geschieht es - sei es zustimmend, sei es ablehnend - so, als habe er seine Philosophie aus Begriffen konstruiert und als dürfe man ihn mit einem Kant oder Hegel vergleichen. Es ist gut, dass er an dieser Stelle den Unterschied deutlich ausspricht, aber viel nützen wird es nicht.

Nota II. - Ein sachlich Neues ist in diesem Absatz die Idee eines absoluten Objekts der Anschauung, auf das die ideale Tätigkeit abzielt, das sie aber nicht begründet; nicht be-gründen muss, weil sie in der Freiheit schon immer selbstbegründet ist. Die Freiheit gibt die Kraft, die Richtung weist das Absolute - das Wahre, Unbedingte, Zweck der Zwecke.

21. 9. 16

Nota III. - Der kritische Regress der Transzendentalphilosophie hat eine einzige, erste Bedingung der Vernunft aufgefunden, ohne die sie schlechterdings nicht denkbar ist: eine an sich unbestimmte, bestimmbare und sich-selbst bestimmende prädikative Qualität.

Sie ist der absolute Anfang, von dem aus die Wissenschaftslehre den Selbstbestimmungs-gang der Vernunft rekonstuiert.* Doch ist es ein Gang ins Unendliche - das ewig unbe-stimmt Bleibende; immer weniger zwar, und doch absolut. Dieses wiederum ist der abso-lute Zweck der Vernunft.

'Das Absolute kann nicht gedacht werden, denn gedacht werden kann nur Bestimmtes; wäre es aber bestimmt, wäre es nicht absolut. Gedacht werden kann allenfalls, was es selbst bestimmt hat: die von ihm begonnene Kausalreihe. Nicht als Bestimmtes, doch auch nicht als Bestimmendes kann es gedacht werden - sondern nur als das, was vor dem Beginn der Reihe angenommen werden muss. Ein Akt der Freiheit kann, wie gesagt, nicht begriffen werden.' 
17. 12. 16

Gedacht werden kann es nicht. Aber es gibt eine Weise, es anzuschauen.
JE 


*) '... im zweiten, rekonstruierenden Gang der Wissenschaftslehre ist das Wollen-schlecht-hin sachliche Bedingung des Vorstellens. Das Was des Wollens ist das schlechthin Be-stimmbare, das Zubestimmende. Das wirkliche Vorstellen ist immer nichts anderes als ein Fortschreiten in der Bestimmung - des Zwecks. Dieser Fortschritt geht ins Unendliche und der Zweck-schlechthin bleibt auf ewig unbestimmt, weil bestimmbar. 
Ob er als sol-her im Bewusstsein tatsächlich vorkommt, ist unerheblich: Er kann vorkommen, wenn man will; darauf kommt es an.' 


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

Freitag, 21. April 2023

Der Grund des Wissens und die Kritik.

 nf-community                                                         aus Marxianazu Philosophierungen

Wissen ist schlechterdings positiv. [Eine reale Wissenschaft ist ein 'organisches' System einzelner 'Gewusster', sie wechselseitig auf einander verweisen...] Das Wissen selbst ist theoretisch-dogmatisch.

Was Wissen vom Wissen ist Kritik: Meta-Theorie, Theorie von der Theorie; Darstellung der Form des Wissens unter Ausklammerung ("Einklammerung", epochê) des Was des Gewussten: "bloße" Form theoretisch-kritisch.

('Kritisch': urteilend über den Geltungsgrund des theoretischen Wissens, das derart nicht mehr dogmatisch, nicht mehr positum ist, sondern beurteilt; problematisch, nämlich als bedingt gesetzt.)

Als Meta-Kritik wird das Wissen praktisch: nicht mehr über den 'Grund' urteilend, son-dern behauptend, selber den Grund setzend: positiv.

Die Metakritik ist der nachträglich gesetzte Grund, das apsteriorische Apriori des posi-tiven Wissens; sie ist die Reflexion = "ideale Tätigkeit", auf das Wissen selbst (="reale" Tätigkeit).

Kritik ist Axiologie, insofern sie die Gründe der wissenschaftlichen Geltung zur Darstel-lung bringt. Insofern ist 'Kritik' eine theoretische Wertlehre; theoretisch, sofern sie die Geltung der Werte zunächst als ein Gegebenes, als Fakt behandelt: dass der Wert gilt, ge-hört zum 'Sein'; in diesem Fall zum historischen Sein dieser Wissenschaft.
 [=der Politischen Ökonomie]

Die praktische Wertlehre, die Werte setzt - oder auch verwirft - ist axiomatisch.

aus e. Notizbuch, 10. 1. 88

Auf den ersten Blick erscheint das wie reines Wortgeklingel. Und das wäre es auch, wenn es am Schluss oder am Anfang stünde. Aber genau in der Mitte lässt es sich nicht umge-hen. Nach der Sichtung des Materials kommt die Sichtung der Instrumente. Nach der Anschauung die Begriffe, ohne die die Anschauung blind bliebe. 

Hat Obiges eine sachliche Aussage? Hat es: Ohne Absicht gibt es gar keine Anschauung. In der Anschauung des Materials gewinnt die Absicht Bestimmtheit und wird zum Be-griff; zum Begriff von einem Zweck zuerst, und an dem scheinen die Bestimmungen der Dinge auf. Der Inbegriff der Zwecke, der erste, letzte Zweck, ist der Wertaxios. Kritisch ist die Wissenschaft, weil sie prüft, ob der zum Abschluss avisierte Zweck (noch) derselbe ist wie der am Anfang postulierte. Insofern nehme ich den Ausdruck Axiologie nicht zu-rück.
13. 6. 18

Donnerstag, 20. April 2023

Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir handeln müssen.

 Bodenseeschmiede                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu handeln be-stimmt sind; die praktische Vernunft ist die Wurzel aller Vernunft. Die Handelsgesetze für vernünftige Wesen sind unmittelbar gewiss:* ihre Welt ist gewiss nur dadurch, dass jene gewiss sind

Wir können den ersteren nicht absagen, ohne dass uns die Welt, und mit ihr wir selbst in das absolute Nichts versinken; wir erheben uns aus diesem Nichts, und erhalten uns über diesem Nichts lediglich durch unsere Moralität.
____________________________________________________                                   J. G. Fichte, Die Bestimmung des Menschen, 
SW II, S. 263


*) "Die Moral sagt schlechterdings nichts Bestimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen."
Novalis, Allgemeines Brouillon, N°670 

 

Nota I. - Ab hier wird die Wissenschaftslehre zu einer Fundamentalontologie. Sein ist Da-sein und Dasein ist Handelnmüssen. Das ist keine Metaphysik, die aus Begriffen konstru-iert. Es ist eine Existenzphilosophie, auf theoretischen Erwägungen beruht sie nur ex ne-gativo. Sie kann vielmehr als Metaphilosophie das theoretische Wissen ihrerseits begrün-den.
28. 4. 14

Nota II. -  Zum obigen Zeitpunkt war mir der fundamentale Bruch in Fichtes Philoso-phie, der zwischen den Rückerinnerungen... und der Bestimmung des Menschen lag, noch nicht genügend klargeworden. Das ist erst durch die gründliche Lektüre der Nova metho-do geschehen. Dort war die Darstellung einer aktualistischen Fundamentalontologie am weitesten gediehen. In der Bestimmung des Menschen geschieht hingegen eine dogmati-sche Kehrtwendung, nach welcher Fichtes Lehre weder als Fundamentalontologie noch eigentlich als aktualistisch bezeichnet werden kann.
JE, 10. 12. 21

Dienstag, 18. April 2023

Es gibt keine Meta-Ebene ohne einen Sach-Verhalt.

 Caravaggio, Narcissus                                                                   aus Philosophierungen
I.
Warum ist etwas, statt dass nichts ist? 

Die Frage ist dämlich. Denn damit sie gestellt werden kann, muss es vorab einen geben, der sie stellen kann. Das ist nicht nur eine grammatische, sondern ein logisches Erfor-dernis. Wer so fragt, müsste gewissermaßen hinter sich "zurückgreifen" und annehmen, 'dass es ihn nicht gibt'. Korrekt müsste die Frage so lauten: Wäre es möglich, dass es Nichts gibt, statt dass es Etwas gibt?

Der Haken ist der: Die einzig mögliche Antwort auf die Frage "warum ist etwas..." wäre näm-lich die: weil es einer geschaffen hat. Und die ist logisch nicht möglich. - Wenn eine (begründe-te) Antwort nicht möglich ist, dann ist die Frage nicht statthaft.

aus e. Notizbuch, 21. 3. 10



II.
Na, das war wohl etwas salopp. Denn ob etwas faktisch ist, bedeutet etwas anderes, als ob es denkbar ist. Ich muss denken können, dass etwas ist, ohne dass eine Intelligenz 'da ist', die fragen kann. Dann kann ich aber auch denken, dass nichts ist, ohne dass ich danach fragen kann. Im Subjekt des Fragens liegt der Hund nicht begraben.

Sondern in dem Wonach. Was soll "Etwas" bedeuten? Es ist eine Abstraktion. 'Etwas' gibt es nicht wirklich. Es gibt dieses und jenes und noch eins und noch eins. Auf die Frage 'Warum gibt es diesen Apfel?' ließen sich tausend Antworten finden, die alle mehr oder minder gültig sind. Auf den 'letzten Grund seines Seins' werde ich so nicht kommen, denn das Sein ist nichts, was empirisch vorkommt, sondern wiederum eine Abstraktion - die nicht ist, sondern lediglich denkbar ist. Empirisch lässt sich immer nur erfragen, ob etwas wirklich, nicht aber, ob etwas möglich ist. Möglichkeit ist eine logische Kategorie.

Angenommen, es gäbe nichts. Wäre dann die Frage möglich: Warum gibt es nichts, statt dass es Etwas gibt? Gäbe es nichts, dann wäre... 'Etwas' gar nicht denkbar; es wäre nicht die Abstraktion von 'all jenen Dingen, die es auf der Welt nicht gibt'. Es wäre nicht mög-lich. Was es nicht gibt, lässt sich nicht verallgemeinern ('begreifen'). Man kann nicht fra-gen: Warum gibt es unendlich viele Dinge, die nicht sind, und keines, das ist?

Nichts ist nicht logisch gleichrangig mit dem Sein so wie Kopf und Zahl auf der Münze. Die Negation ist möglich nicht nur nach, sondern wegen der Position; nicht umgekehrt. Nicht nur nicht faktisch, sondern auch nicht gedanklich. Verneinen ist ein Reflexionsakt. Was nicht ist, darauf kann man nicht reflektieren.

30. 10. 2014


III. 
Das Fragenmüssen, hieß es anderswo, sei der Grund der Conditio humana. Es geht wie jene der Transzendentalphilosophie voraus und gehört in die Realgeschichte der Gattung. Die Gattung des fragen müssenden Menschen ist nicht vom Himmel gefallen. Die Tiere, von denen er abstammt, mussten und müssen nicht fragen. Sie leben in einer Wirklichkeit, die sich von selbst versteht und von niemandem verstanden zu werden braucht. Das nennt man eine Umwelt. Weil er die Positivität seiner Umwelt gegen die Fraglichkeit einer offenen Welt eigetauscht hat, muss er fragen was und ob. Und aus den Möglichkeiten, die seither denkbar sind, muss er wählen: ja oder nein.

Historisch begann seine Gattungs geschichte mit dem Positiven: Anschauung auf der Ob-jektebene. Indem er begann, seine Geschichte selber zu machen, erfand er die Reflexion: die Metaebene. Seither muss er fragen - und antworten.
17. 6. 18
  
Notabene: Mit der Zeit wird man immer klüger, man muss nur beim Nachdenken keine zu langen Pausen machen. 
16. 10. 22



Wissenschaftslehre ist keine Entwicklungspsychologie.

                                        aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre soll nicht sein, wie Hegels Phänomenologie des Geistes, eine reale Ent-wicklungsgeschichte des Bewusstseins oder der Vernunft; sondern ein abstraktes Mo-dell der Bedingungen ihrer Möglichkeit. Die müssen sämtlich im selben Moment da sei, wenn vernünfti-ges Bewusstsein werden soll.

Wie aber individuelles Bewusstsein in der Zeit wirklich entsteht, ist eine Frage an die empirische Forschung. Die Wissenschaft, die sich damit befasst, ist die Psychologie.

28. 9. 16

Die Bedingungen ihrer Möglichkeit: Das ist eine treffende Formulierung. Die Bedingung für die Realisierung ihrer Möglichkeit ist immer das mit freiem Willen begabte X, der Verständigung halber Ich genannt; aber so zu denken, als müsse es zu den als gegeben anzunehmenden Bedin-gungen als Meta-Bedingung aktiv hinzustoßen, um das Mögliche wirklich werden zu lassen.

Die Bedingungen der Möglichkeit sind das Schema, das durch wirkliche Tätigkeit belebt werden musste, damit Vernunft stattfand.

So allerdings nur für die Reflexion, die von vollendeten Tatsachen ausgehen muss. Das System der Vernunft ist uns historisch gegeben. Wir müssen annehmen, dass es aus Tätigkeit geworden ist. Ziehen wir die Tätigkeit von der Vernunft ab, bleibt übrig ihr Schema.
25. 5. 19





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Montag, 17. April 2023

Dein Leib ist aber kein Algorithmus.

                                                                     zu Philosophierungen

Der Algorithmus ist wie ein Fischernetz. Darin bleibt nur hängen, wofür es geknüpft wurde. Nur das wird zur 'Information'. Alles andere rutscht durch.

Die Lebenswirklichkeit von Menschen besteht nicht aus solchen 'Informationen'. Unsere Lebenswirklichkeit nennen wir die Welt; ahd. diu wereld, 'die Gegend, wo die Menschen sind'. Alles, was darin vorkommt, kann uns zur Information werden - doch vor allen Din-gen auch, was wir nicht darin vor-finden, sondern erst hinein-finden: Sinn und Zweck. 

Denn wir suchen nicht mit einem Fischernetz, sondern mit unserm ganzen Leib aus Fleisch und Blut und Knochen und Sinneszellen und Neuronen. Der ist es, der uns die Welt, in der wir uns vor-finden, aufbereitet. Und das ist es, was wir Wirklichkeit nennen, und nicht ein gestaltloser Datenstrom: Der ist nur virtuell.

aus Nur durch unsern Leib sind wir von dieser Welt. 18. März 2022


Nachtrag. Durch meinen Leib bin ich in der Welt - der Gegend, wo die andern Menschen sind. Das Tier hat auch einen Leib, ist aber nicht in der Welt, sondern in einer Umwelt, für die sein Leib im Laufe einer langen Gattungsgeschichte minutiös hergerichtet ist. Dort erlebt er nichts als was, was sein Vorfahren in ihrer großen Mehrheit schon einmal über-standen haben. In der Gegend, die die Menschen bevölkern, sorgen sie immer wieder für Situationen, die noch keiner vor ihnen erlebt und auf die Selektion und Zuchtwahl ihn nicht vorbereitet haben.

Doch auf diesen Umstand stellen sie sich seit zwei Millionen Jahren tagtäglich aufs Neue ein. Das nennen sie ihre Vernunft.



Sonntag, 16. April 2023

Anschauen, vorstellen, begreifen...

 W. Busch, aus Plisch und Plum                                                                    zu Philosophierungen

Nachtrag zu gestern.

Was anschaulich ist, ist Bild und kann vorgestellt werden.

Was sich nicht anschauen lässt, muss gedacht und zum Begriff bestimmt werden. 

Der Begriff ist eine als Ruhe aufgefasste Tätigkeit. Löse ich den ruhenden Begriff in seine ursprüngliche Tätigkeit auf, wird er zu deren Bild - und wieder anschaulich. 

Nur so kann er auch vorgestellt werden: Im bloßen Denken bleibt alles in Ruhe.



Samstag, 15. April 2023

Eine Idee ist...

planetary nebula mz3                                          aus Neuromantikerzu Philosophierungen,

…ein bis zur Ironie vollendeter Begriff, eine absolute Synthesis absoluter Antithesen, der stete sich selbst erzeugende Wechsel zwei streitender Gedanken.
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Friedrich Schlegel, Athenaeum-Fragmente N°121

 

Nota. -  Fr. Schlegel ließ sich schon in jungen Jahren gelegentlich vom Klang der Wörter hinreißen; manchmal muss man überlegen, ob es klug ist oder nur geistreich.

Diesmal ist hinzuzufügen: Er definiert eine Idee als einen unbestimmten Begriff, was ein Paradox wäre. Ein Begriff ist ja eine durch Entgegensetzung bestimmte Vorstellung! Hier sollen aber die Gegensätze noch vereinigt sein. Das Bedeutungsfeld, in das ein Gedanke hineingesetzt werden könnte, ist noch gar nicht eröffnet: Es schwebt vorläufig, wie Fichte sagen würde, und wird mehr geahnt als gedacht. Der Aphoristiker ist notwendig ein Meta-phoriker.
8. 12. 08

Nota II. - Wir erinnern uns: Der Begriff ist eine durch Zerreißen, Entzweien und Ent-gegensetzen bestimmte Vorstellung. 

Material der Vernunft sind die Vorstellungen, aus denen sie ihre Begriffe bildet. 

Die einander entgegengesetzten Begriffe werden durch Ironie und Paradox wieder zu-sammengezwungen, und die daraus entstehende Idee wird erneut anschaulich...
JE



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Freitag, 14. April 2023

Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung.

         aus Neuromantikerzu Philosophierungenzu Geschmackssachen

Da ist Schiller eine geniale Formulierung geglückt. Nicht dass damit das Rätsel gelöst wäre; aber es ist erschöpfend umschrieben: Schön ist das Ding, das erscheint, als ob und wie es an sich selber wäre, ohne Rücksicht auf etwas außer ihm.

‚An sich’ ist keine positive Bestimmung, sondern eine negative – das, was übrig bleibt, wenn man Etwas ohne irgendein Verhältnis zu etwas anderem vorstellt. Namentlich ohne das Verhältnis eines betrachtenden Subjekts. Also ohne alle Attribute, die ein Subjekt ihm aus eigenem Vermögen zuschreiben könnte. In den Verhältnissen der Dinge zu anderem ist ihr Wie bezeichnet. Ohne diese bleibt allein ein Was.

Ein Ding, das kein Verhältnis zu einem Subjekt hat, ‚kommt nicht vor’. Es kann lediglich in der Reflexion gedacht werden, indem ich mir alle Bestimmungen=Relationen, die ich von ihm weiß, von ihm wegdenke. Das Schöne kann also keine Naturgegebenheit des Menschengemüts sein. Es ist eine in die Anschauung nachträglich hineingetragene Refle-xionsbestimmung. Und das ist das Mysterium: Die Reflexion tritt in die Anschauung ein. Das geschieht im Geist und seinen Konfigurationen und nicht durch die Affizierung der Sinne.

*

Die ersten archäologisch dokumentierten Zeugnisse ästhetischer Aufmerksamkeit des Menschen sind einfache farbige Verzierungen auf Töpfergut. Sie entsprechen keinem materialen oder – wie die Höhlenmalereien – magischen Zweck. Sie sind „um ihrer selbst willen“ da. Es bedarf eines gewaltigen kulturgeschichtlichen Vorlaufs, ehe zwischen der praktischen Nützlichkeit eines Dings und einem ‚Um seiner selbst willen’ unterschieden werden kann. Soweit unterschieden jedenfalls, dass es zum Anlass für eigene Tätigkeit wurde. Vorgestellt werden musste die Unterscheidung deswegen noch nicht.

Der Übergang von den einzelnen Zieraten, die gefallen, zu einer Idee ‚des Schönen’ selbst geschieht nicht gleitend und ganz von selbst; es war ein Sprung. Die Spuren erkennt man noch an den umständlichen Windungen in Platos Dialogen. Geläufig wurde die Vorstel-lung, es gäbe Schönheit nicht nur an den Dingen, sondern über ihnen als ihr Maß und ihre Bestimmung, erst in der Renaissance. Heute ist sie ein Volksvorurteil, wie auch der Glaube an die Existenz der Dinge an sich.

*

Frei in seiner Erscheinung ist das Ding, wenn an ihm menschliche Zweckbestimmung nicht mehr erkennbar ist. Und schon gar nicht die Arbeit, die jenen Zwecken diente. Nichts Forciertes, dem man die Anstrengung der zweckmäßigen Tätigkeit ansieht, ist schön. Es kann staunen machen, wie die Darbietungen der Akrobaten unterm Zirkuszelt oder die gezierten Posen des klassischen Balletts. Die schwere Arbeit merkt man ihnen an, und wenn sie noch so geschmeidig antrainiert sind; nicht zu reden vom Koloratursopran. Das erscheint nicht frei, sondern fleißig geübt.

Das unterscheidet auch – material, wenn ich so sagen darf – den Kitsch von der Kunst. Der Kitsch wäre schön, wenn man ihm nicht ansähe, wie angestrengt seine Schönheit gewollt wurde; das macht ihn vielmehr lächerlich. Allerdings sieht es ihm nicht jeder an, und daher liegt der Streit über Kitsch und Kunst in der Natur der Sache.

*

Das ist nicht zu verwechseln mit der Unterscheidung zwischen Künstlichem und Natür-lichem. Das Natürliche ist dann schön, wenn es so aussieht, als sei es von einer schöpfe-rischen Absicht, das heißt: mit Kunst erschaffen worden. Und zugleich war das Künstli-che nur dann schön, wenn es ‚wie Natur’ aussah – jedenfalls seit der Renaissance; und bis ins späte Rokoko, bis in Kants Zeiten. Ab da konnte man an einem Kunstwerk, wie etwa der Musik Bachs, die „zu große Kunst“, nämlich Künstlichkeit bemängeln.

Natur ist hier (natürlich) in einem unwissenschaftlichen, emphatischen Sinn aufgefasst – als Schöpfung, als erstes und endgültiges, alles Einzelne übergreifendes und relativieren-des Gesamtkunstwerk. Hervorgegangen sehr wohl aus der Absicht eines Schöpfers; die man dem Werk aber nicht ansehen kann, weil sie notorisch unergründlich ist. Was darüber hinaus geht und als menschliche Zutat kenntlich ist, gewinnt einen Zug des Lästerlichen und Lächerlichen. Seit der Romantik mag sich der Geschmack indes am Unergründlichen nicht mehr beruhigen und seinen Frieden finden; es provoziert und wird zum Rätsel. Zu Kunst wird ein Werk, sobald es an dem Rätsel Teil zu haben scheint.

*

Es ist schließlich nicht zu übersehen, dass dem Gedanken der Freiheit in der Erscheinung die letzten Endes animistische Vorstellung von den Entelechien zu Grunde liegt, die wie eine Seele den Dingen innewohnen und sie dazu treiben, genau so zu erscheinen, wie sie eben erscheinen ‚sollen’. Das ist eine uralte, noch aus unserer steinzeitlichen Vergangen-heit als Jäger und Sammler stammende Vorstellung. Aber eben eine Vorstellung und keine Anschauung. Ein Bild, kein Abbild. Es ist ganz irreführend, allein wegen der Etymologie das Ästhetische als eine Angelegenheit der bloßen Sinnesreize einem ‚unteren’ Erkennt-nisvermögen zu zu ordnen. Es beruht vielmehr auf einer Leistung – eine Meisterleistung – der menschlichen Einbildungskraft: der Ein-Bildung, dass den Erscheinungen ein We-sen, den Dingen eine Bedeutung zukomme. Das Ästhetische ist der Elementarakt, in dem die Vernunft ‚sich selbst setzt’. Freiheit in der Erscheinung ist die zur Anschauung gelang-te Idee von einer erfüllten Bestimmung. Schönheit ist das Urbild des Vollkommenen.
19. 5. 10


Nachtrag. Kant hatte offenbar, als er zwischen freier Schönheit, pulchritudo vaga, und gebundener Schönheit, pulchritudo adhaerens, unterschieden hat,* an eine Kunst gedacht, die sich nicht auf wirkliche Gegenstände bezieht, im Unterschied zu einer Kunst, die tat-sächliche Begebenheiten darstellt. Das, was im 20. Jahrhundert als "abstrakte Kunst" auf-kam, kann er schwerlich im Sinn gehabt haben, derlei war auch in verschämtesten Anfän-gen noch nicht abzusehen. Eine Kunst, die Schönheit nicht in der Wiedergabe von Wirk-lichem suchte, sondern in reinen Formen, dürfte ihm höchstens als Ornamentik vorge-schwebt haben - eine Kunstform, die einem nach Kandinsky als die künstlichste, gezier-teste und erzwungenste vorkommt. 

*) KU, A/49f.


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Donnerstag, 13. April 2023

Metaphilosophie. .

                                 aus  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das Rätsel der Welt sind nicht die Dinge, sondern was wir unter ihnen verloren haben.
25. 8. 10

Oder zu finden.
18. 10. 22



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Dienstag, 11. April 2023

Metalogik.

                                           aus Neuromantikerzu Philosophierungen

Geltung ist ein praktische Kategorie.
Dinge sind. Bedeutungen gelten.
11. 8. 10

Merke: Praktisch ist, was durch Freiheit möglich ist.
Es gilt nur, was ich gelten lasse - in meinem Handeln nämlich
21. 10. 22 


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Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...