Mittwoch, 5. März 2025

Formelle und reelle Subsumtion der Arbeit unters Kapital.

Chaplin                                                              aus Marxiana

Die Vermehrung der Produktivkraft durch die einfache Kooperation und Teilung der Arbeit kostet dem Kapitalisten nichts. Sie sind unentgeltliche Naturkräfte der gesellschaftlichen Ar-beit in den bestimmten Formen, die sie unter der Herrschaft des Kapitals annimmt. 

Die Anwendung der Maschinerie
[hingegen!] bringt nicht nur Produktivkräfte der gesellschaft-lichen Arbeit ins Spiel im Unterschied von der Arbeit des vereinzelten Individuums. Sie ver-wandelt einfache Naturkräfte in Potenzen der gesellschaftlichen Arbeit, wie Wasser, Wind, Dampf, Elektrizität usw. Dies abgesehn von der Benutzung der mechanischen Gesetze, die in dem eigentlichen, arbeitenden Teil (i. e. direkt das Rohmaterial mechanisch oder che-misch verwandelnden Teil der Maschinerie) wirkt. 

Indes unterscheidet sich diese Form der Vermehrung der Produktivkräfte, hinc der notwen-digen Arbeitszeit dadurch: Ein Teil der bloßen Naturkraft, die angewandt wird, ist in dieser ihrer anwendbaren Form Produkt der Arbeit, wie die Verwandlung von Wasser in Dampf. Wo die bewegende Kraft, wie das Wasser z. B. natürlich als Wasserfall und dgl. vorgefunden wird {höchst charakteristisch, nebenbei bemerkt, daß die Franzosen das Wasser im Lauf des 18. Jahrhunderts horizontal wirken ließen, die Deutschen stets es künstlich brachen}, ist das Medium, wodurch seine Bewegung auf die eigentliche Maschinerie fortgeleitet wird, z. B. Wasserrad, Produkt der Arbeit. 

Ganz und gar aber gilt dies von der unmittelbar den Rohstoff umformenden Maschinerie selbst. Die Maschine- rie also, im Unterschied von der einfachen Kooperation und der Tei-lung der Arbeit in der Manufaktur, ist produzierte Produktivkraft; sie kostet; sie tritt als Wa-re (direkt als Maschinerie oder indirekt als Ware, die konsumiert werden muß, um der bewe-genden Kraft die erheischte Form zu geben) in die Produktionssphäre, worin sie als Maschi-nerie wirkt, als ein Teil des konstanten Kapitals. Wie jeder Teil des konstanten Kapitals fügt sie dem Produkt den Wert zu, der in ihr selbst enthalten ist, d. h,, verteuert es um die Ar-beitszeit, die zu ihrer eignen Produktion erheischt war. 

Die Maschinerie also, im Unterschied von der einfachen Kooperation und der Teilung der Arbeit in der Manufaktur, ist produzierte Produktivkraft; sie kostet; sie tritt als Ware (direkt als Maschinerie oder indirekt als Ware, die konsumiert werden muß, um der bewegenden Kraft die erheischte Form zu geben) in die Produktionssphäre, worin sie als Maschinerie wirkt, als ein Teil des konstanten Kapitals. Wie jeder Teil des konstanten Kapitals fügt sie dem Produkt den Wert zu, der in ihr selbst enthalten ist, d. h., verteuert es um die Arbeits-zeit, die zu ihrer eignen Produktion erheischt war. ...

In dem Maße, wie die Maschinerie aus ihrer Kindheitsstufe heraustritt, sich von den Di-mensionen und dem Charakter des Handwerkszeugs unterscheidet, das sie ursprünglich ersetzt, wird sie massenhafter und teurer, er/heischt mehr Arbeitszeit zu ihrer Produktion, steigt ihr absoluter Wert, obgleich sie relativ wohlfeiler wird, d. h., obgleich die wirksamre Maschinerie in dem Verhältnis ihrer Wirksamkeit weniger kostet als die minder wirksame, d. h., das Quantum Arbeitszeit, das ihre eigne Produktion kostet, in viel geringrem Verhältnis wächst als das Quantum Arbeitszeit, das sie ersetzt. Jedenfalls aber steigt ihre absolute Teu-erkeit progressiv, fügt sie also absolut größern Wert der von ihr produzierten Ware hinzu, namentlich im Vergleich zu dem Handwerkszeug oder selbst den einfachen und den auf Teilung der Arbeit beruhenden Instrumenten, die sie im Pro- duktionsprozeß ersetzt. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 318f.



Nota. - Der Ausdruck kommt hier zwar noch nicht vor, aber es geht um den Unterschied, den M. später als den zwischen formeller und reeller Subsumtion der Arbeit unter das Ka-pital beschreiben wird. Die einfache Kooperation -
= Teilung der Arbeit - innerhalb dersel-ben Werkstatt könnte ein x-beliebiger Meister einführen, wenn sein Produkt nicht zünftig reglementiert wäre. Aber ein kapitalistischer Unternehmer muss sie einführen, wenn die Konkurrenz ihn zum Einsatz von Maschinen zwingt.

Denn ungezwungen würde er Maschinen niemals einführen: Sie kosten erst einmal viel Geld. Die Konkurrenz - der Warenmarkt - muss erst ein Ausmaß erreicht haben, das ihm wie ein Zwang vorkommt, damit er diese Investition riskiert. Mit andern Worten, das Ka-pital muss schon so weit entwickelt sein, dass ein höherer Grad der Arbeitsteilung (durch-schnittlich) gesellschaftlich notwendig geworden ist.

Es ist dies eine von den vielen Stellen, wo das Soffliche - der Gebrauchswert - unmittelbar in die Formbestimmung eingreift (oder umgekehrt die Formbestimmung in den Gebrauchs-wert; aber das ist logisch dasselbe).
JE,
15. 12. 18

 

 

Dienstag, 4. März 2025

"Menschengestalt ist dem Menschen notwendig heilig."

  Bamberger Dom                   aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Was den schon ausgebildeten Menschen am ausdrückendsten charakterisiert, ist das geistige Auge und der die innersten Regungen des Herzens abbildende Mund. Ich rede nicht davon, dass das erstere durch die Muskeln, in denen es befestigt ist, frei herumschwebt und sein Blick dahin, dorthin geworfen werden kann; eine Beweglichkeit, die auch durch die aufrech-te Stellung des Menschen erhöht, aber an sich mechanisch ist. 

Ich mache darauf aufmerksam, dass das Auge nicht bloß ein toter, leidender Spiegel ist wie die Fläche des ruhenden Wassers, / durch Kunst verfertigte Spiegel, oder das Tierauge. Es ist ein mächtiges Organ, das selbsttäig die Gestalt im Raume umläuft, abreißt, nachbildet; das selbsttätig die Figur, welche aus dem realen Marmor hervorgehen oder auf die Lein-wand geworfen werden soll, vorzeichnet, ehe der Meißel oder der Pinsel berührt ist; das selbsttätig für den willkürlich entworfenen Begriff ein Bild erschafft. ... Daher, je mehr geistige Selbsttätigkeit einer hat, desto geistreicher sein Auge; je weniger, desto mehr bleibt es ihm ein trüber, mit einem Nebelflore überzogemer Spiegel. 

Der Mund, den die Natur zum niedrigsten und selbstigsten Geschäfte, zur Ernährung be-stimmte, wird durch Selbstbildung der Ausdruck aller gesellschaftlichen Empfindungen, sowie er das Organ der Mitteilung ist. Wie das Individuum oder, da hier von festen Teilen die Rede ist, die Rasse noch tierischer und selbstsüchtiger ist, drängt er sich hervor; wie sie edler wird, tritt er zurück unter den Bogen der denkenden Stirn. 

Alles dies, das ganze ausdrückende Gesicht ist, wie wir aus den Händen der Natur kommen, nichts; es ist eine weiche, ineinander fließende Masse, in der man höchstens finden kann, was aus ihr werden soll, und nur dadurch, dass man seine eigene Bildung in der Vorstellung darauf überträgt, findet; - und eben durch diesen Mangel an Vollendung ist der Mensch der Bildsamkeit fähig.

Dieses alles, nicht einzeln, wie es durch den Philosophen zersplittert wird, sondern in einer überraschenden und in einem Momente aufgefassten Verbindung, in der es sich dem Sinne gibt, ist es, was jeden, der mensch- liches Angesicht trägt, nötigt, die menschliche Gestalt überall, sie sei nun bloß angedeutet und werde erst durch ihn - abermals mit Notwendigkeit - darauf übertragen, oder sie stehe schon auf einer gewissen Stufe der Vollendung, anzuer-kennen und zu / respektieren. Menschengestalt ist dem Menschen notwendig heilig.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 84f.


Nota. - Die historischen Fakten lieferten schon damals keine erfahrungsmäßige Evidenz für die Aussage, Menschengestalt sei dem Menschen notwendig heilig. Zu oft hatte er sich die-ser Notwendigkeit entwunden. Wie kommt so ein Satz an diese Stelle?

Die Transzendentalphilosophie hatte enthüllt, was auf dem Entwicklungsgang der Vernunft 'mit Notwendigkeit geschehen sein musste' - weil anders sie nie so, wie sie ist, hätte entste-hen können. Wohl ist dieser Entwicklungsgang aus Freiheit zurückgelegt worden; um aber zu diesem Ergebnis zurückgelegt werden zu können, hatte er so zurückgelegt werden müs-sen.

Die spekulative Rekonstruktion aus kritisch-analytisch bloßgelegten Prämissen ist überhaupt nur nötig gewesen, weil die Vernunft selber, die in möglich gewordener Erfahrung besteht, nicht darüber berichten kann, was geschehen sein mag, bevor sie gegeben war und - Erfah-rungen machen konnte.

An dem Punkt, wo er die zunächst nur spekulative postulierte Reihe vernünftiger Wesen als im obigen Sinn bedingt notwendig und im Rechtsverhältnis realisiert erwiesen hatte, war die Aufgabe der Transzendentalphilosophie ihrem Umfange nach - in die Tiefe wird sie uner-schöpflich sein - erfüllt. Der Philosoph muss von nun an wie jeder andere von nachweis-lichen Tatsachen ausgehen.

Das hat Fichte ja offenkundig erkannt, denn ab besagtem Punkt argumentiert er mit Histo-risch-Faktischem. Nur dummerweise nicht mit Nachweislichem. Er argumentiert in Wahr-heit gar nicht mehr, sondern versucht, seinen Leser mit blumiger Rhetorik in Stimmung zu setzen. Es ist ihm wohl klar, dass sein Räsonnement über Naturrecht schließlich auf Politik hinauslaufen wird, und das ist sein unverhohlener Zweck. Er will so tun, als sei die Heilig-keit der menschlichen Gestalt ein unmittelbarer, nicht weiterer Ableitung fähiger Satz der Vernunft selber.

Nicht, dass er eine löbliche Absicht verfolgt hat, steht in Frage. Aber philosophisch war es falsch und hat der Absicht selbst geschadet. Eine rationale Anthropologie hat den mühsa-men Weg über die ersten Sozial- und Kulturbildungen der Menschen, die Weisen ihres Lebensmittelerwerbs und die Formen ihrer Arbeitsteilung zu gehen. Das fing zu Fichtes Zeit eben erst an, zu einem für die Vernunft brauchbaren Ergebnis ist es zuerst in Gestalt der Kritik der Politischen Ökonomie gelangt. Dazwischen lag die industrielle Revolution, davon konnte Fichte noch nichts ahnen. Aber inzwischen sind wir klüger.
JE,
16. 5. 19

 

Montag, 3. März 2025

Charakter der Vernünftigkeit ist Konsequenz.

                              aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Durch jeden meiner Begriffe wird der folgende in meinem Bewusstsein bestimmt. Durch den [hier] gegebenen Begriff ist eine Gemeinschaft bestimmt, und die weiteren Folgerungen hängen nicht bloß von mir, sondern auch von dem ab, der mit mir dadurch in Gemein-schaft getreten ist. Nun ist der Begriff notwendig, und diese Notwendigkeit nötigt uns bei-de, über ihn und seine notwendigen Folgen zu halten [sic]: Wir sind beide durch unsere Exi-stenz aneinander gebunden und einander verbunden.

Es muss ein uns gemeinschaftliches und von uns gemeinschaftlich notwendig anzuerken-nendes Gesetz geben, nach welchem wir gegenseitig über die Folgerungen halten; und die-ses Gesetz muss in demselben Charakter liegen, nach welchem wir eben jene Gemeinschaft eingegangen
[sind]: dies aber ist der Charakter der Vernünftigkeit, und ihr Gesetz über die Folgerungen heißt Einstimmigkeit mit sich selbst oder Konsequenz, und wird wissenschaft-lich aufgestellt in der gemeinen Logik.

Die ganze beschriebene Vereinigung der Begriffe war nur möglich in und durch Handlun-gen. Die fortgesetzte Konsequenz ist daher auch nur in Handlungen: kann gefordert wer-den und wird nur gefordert in Handlungen. Die Handlungen gelten hier statt der Begriffe, und von Begriffen an sich, ohne Handlungen, ist nicht die Rede, weil von ihnen nicht die Rede sein kann.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 48


Nota. - Die so begründete Gemeinschaft ist ein Vertrag.* Aus ihm kann man nur ganz oder gar nicht austreten. Wer nachträglich einzelne Artikel desselben leugnet und ipso facto die Konsequenz aufkündigt, gibt die 'Einstimmigkeit mit sich selbst' auf und ist nicht länger der Kontrahent, mit dem der Vertrag geschlossen worden war.

So wie ihm zuzumuten ist, sich an die getroffene Wechselbestimmung zu 'halten', ist ihm auch zuzumuten, sich an alle folgerichtig daraus ergebenden Schlüsse zu halten. 

Die formale Kodifizierung der vorausgesetzten und der noch zu ziehenden Schlüsse ist die Logik. Und sie ist nichts als das. Sie ist notwendig nur unter einer (beständigen) Vorausset-zung: der wechselseitigen Anerkennung in der Reihe vernünftiger Wesen.
17. 2. 19

 

*Nota II. - Eine durch Vertrag begründete Gemeinschaft ist eine Gesell schaft. Das moder-ne auf Vernunft sich berufende politische Denken versteht das bürgerliche Gemeinwesen so, als ob es eine durch gegenseitigen Vertrag gestiftete Körperschaft sei, in der alle Anteil-haber gegen einander gleich verpflichtet sind. 

Das ist keine historische Gegebenheit, sondern ein Postulat, das dadurch Wirklichkeit wird, dass es im Alltag rechtlich als schon geltend zu unterstellen ist. Es ist Fiktion, deren Realität durch Praxis allezeit erneuert werden muss. Es ist ein Maßstab und ist mehr als Recht: Das ist Politik

Von der Politik darf ein Jeder verlangen, dass sie rechtens und dasss sie vernünftig ist, denn darüber können gültige Urteile gefällt werden. Nicht so über Moral, Glauben und Schön-heit. Um die wird immer gekämpft werden müssen, da können Recht und Vernunft lediglich die Regeln vorgeben, aber nicht selber entscheiden.
JE



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Sonntag, 2. März 2025

Neugewonnene Gewissheit.

Lothar Sauer                                                                                     zu Philosophierungen

Die Annahme eines absoluten Rechtsgrunds allen Geltens ist das Erbe unserer natürlichen Vorgeschichte. Mit dem Fortfall der 'Umwelt' verlor diese Annahme ihre praktische Verbin-dung mit den wirklichen Lebensbedingungen. Es entstand der Hiatus: das fragen-Müssen.

Das Absolute als Idee ist ein Reflexionsprodukt. Es kommt zustande, 'weil anders gar nichts gelten könnte'. Es ist eine Konstruktion a tergo. Oder, mit Fichte zu reden, eine proiectio per hiatum irrationalem. (Er hat den Jacobi besser verstanden als der sich selbst. Dafür hat der ihn besser verstanden als er sich selbst.)

aus e. Notizbuch, Mai 2007


Das Absolute ist die Wiederherstellung der Selbstverständlichkeit, die uns mit dem Verlas-sen unserer Urwaldnische verloren gegangen ist, mit andern Mitteln. Während die Gründe der Selbstverständlichkeit dem Tier als seine Umwelt gewissermaßen im Rücken liegen, ha-ben wir die Bürgschaft allen Geltens erst noch vor Augen, und in ganz weiter Ferne.
22. 11. 14

 

Freitag, 28. Februar 2025

Vernunft ist ein gesellschaftliches Verhältnis.

                                                               zu Philosophierungen 

So ist sie an sich. Aber so kann sie sich auf die Dauer nicht halten. Es müssen immer wel-che nachwachsen, die sie sich zur Aufgabe machen. Für sich wird sie als Aufforderung. Alle gleich sind nur, sofern die Aufforderung gehört wird.
13. 1. 18

 
Das ist wörtlich gemeint: Es gibt sie nur, weil und sofern sie das gesellschaftliche Leben re-gelt. Das tun auch andere Kräfte neben ihr, aber darauf kommt es hier nicht an; sondern darauf, dass sie Herrschaft beansprucht, wo immer sie kann. Nur darum kann ein Individu-um vernünftig sein.
 
Und übrigens ist von einem gesellschaft lichen Verhältnis die Rede; nicht von einem ge-meinschaft lichen Erleben.
JE, 15. 2. 22
 
 
 
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Prädizieren (Tätigkeit und Begriff).

                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wie ich etwas verwende, ist das, als was ich es verwende. Was das eine Mal als eine adverbi-ale Bestimmung erscheint, erscheint das andre Mal als Substantivum. Es gibt keine Tätig-keit, an der sich diese Doppelheit nicht unterscheiden lässt. Und keinen Begriff.

Selbst wenn ich bloß denke, gibt es ein Wie und ein Was. Fraglich wäre nur, ob, nämlich wie sie sich unterscheiden lassen.
14. 2. 22



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Donnerstag, 27. Februar 2025

A und O.

gutefrage                                                                                       zu Philosophierungen

Eine Intelligenz, die so handelt, wie es in der Wissenschaftslehre dargestellt ist, soll vernünf-tig heißen. 

Zur westlichen Großmacht stieg die Vernunft im siebzehnten Jahrhundert, genau: nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf. Sie sollte an die Stelle der Glaubensbekenntnisse tre-ten, die Europa in Zwietracht und Verheerung geführt hatten. 

Zu uneingeschränkter Herrschaft wollte die französische Revolution sie bringen: Im No-vember 1793 wurde in Notre Dame de Paris statt der christliche Kulte die Fête de la Raison ge-feiert. Doch dem Wohlfahrtsausschuss grauste vor ihrer atheistischen Tendenz und setz-te ihr im Juni 1794 die Fête le l'Être Suprème entgegen - die Vernunft nicht länger als han-delndes Subjekt, sondern als Attribut der Gottheit. 

Da hatte in Deutschland die Vernunftkritik bereits begonnen: die Reflexion der Vernunft auf sich selbst, die Frage nach ihrer Reichweite und ihren Bedingungen. Kant war beim Apriori als einem Vorauszusetzenden steckengeblieben. Die Wissenschaftslehre führt auch dieses auf den Voraussetzenden selbst zurück: das tätige Ich. Doch leider ist die Wissen-schaftslehre ihrerseits im Atheismusstreit steckengeblieben. Aber der hat sich erübrigt und nichts hindert uns, sie wieder aufzunehmen.

27. 11. 17


Es gäbe keine Wahrheit, sondern nur Wahrheiten, lautet eine zeitgenössische Plattitüde. 

Die Wissenschaftslehre sagt, eine andere Wahrheit als die Verunft selber könne es - 'für ein endliches Bewusstsein' - nicht geben. 

Der Schlaumeier sagt, es gebe keine Vernunft, sondern nur Vernünfte. Anything goes. Wenn dem so wäre, könnte keiner mit keinem aus Gründen argumentieren, denn welche Gründe zugrunde zu legen sind, obliegt der Willkür und dem Zufall. Sie könnten nicht diskutieren, sondern nur säuseln oder schreien oder singen. 

Der bloße Umstand, dass einer einen andern mit Argumenten zu überzeugen versucht, be-ruht, ob er es zugibt oder nicht, auf der Voraussetzung, dass es Gründe - oder doch wenig-stens einen - gibt, die der eine dem andern nicht bestreiten kann.

Wenn es so ist, müssten sie - oder er, der allen anderen zu Grunde liegt - sich in allem, was wir zu wissen meinen, auffinden lassen.

Die Wissenschaftslehre behauptet, diesen einen Grund freigelegt zu haben. Jeder Satz, der sich aussprechen lässt, folgt dem Schema ich prädiziere, dass... Ob mir oder meinem Ge-genüber das im Moment des Sprechens klar ist, spielt keine Rolle. Jeder Dritte, der uns zu-hört, wird es aber so wahrnehmen, und ich werde es ihm hernach nicht bestreiten können. Alles, was wir wissen, beruht darauf, dass Einer sich das Vermögen des Urteilens zuge-schrieben hat: Ein Ich hat ipso facto sich gesetzt. Davon ist jeder, der mit mir streiten mag, ausgegangen.

Wer immer meint, es gäbe keine Wahrheit, sondern nur Wahrheiten, und es gäbe keine Ver-nunft, sondern nur Vernünfte, müsste mit mir bis an diesen Punkt zurückkehren; dann se-hen wir weiter.
5. 3. 19
 
 

Mittwoch, 26. Februar 2025

Reflexion heißt Absicht.

Spiegelung in Baby-Auge                                                     aus Philosophierungen

Wir nehmen keine Erscheinungen wahr. Wir nehmen keine Bedeutungen wahr. Wir neh-men Dieses oder Das wahr. Was ist Dies oder Das? Eine Erscheinung, die etwas bedeutet. Könnte sie mir nichts bedeuten, würde sie mir nicht erscheinen.*

Die Unterscheidung geschieht nicht in der Anschauung, sondern in der Reflexion. Wahr-nehmung ist das Produkt beider. Die Reflexion rechnet auf eine Bedeutung. Wenn sie keine erkennen kann, fragt sie; sogar, wenn sie döst. Reflexion ist Absicht. 

Bis sie in Diesem oder Jenem ein 'Ding' erkennt, hat sie noch tüchtig zu tun.
20. 4. 09

*) Der von Schiller so genannte ästhetische Zustand entsteht bei einem absichtsvollen Ab-sehen von aller Bedeutung. Er wird möglich durch Bildung und entstand ursprünglich wohl aus dem Befremden. Er ist ein gewünschtes und gesuchtes Befremden.

Nota. - Absehen auf das eine heißt absehen von allem andern. Reflektieren und Abstrahie-ren sind dasselbe - jeweils von hinten und vorn.
25. 2. 15


Nota II. -
Dies zum gestrigen Eintrag: Reflektieren heißt passend machen. -  Ich habe eine Absicht und ich habe einen Gegenstand. Was zuerst da war, ist egal. Einiges an dem Gegen-stand kommt meiner Absicht entgegen, einiges widersteht ihr. Ich achte auf das Günstige, von dem Ungünstigen sehe ich ab. Zuerst in meiner Vorstellung; dann nehme ich meine Hände und mach das Ding passend. 


Es ist nichts anderes als was Nietzsche sagt; aber es klingt nicht so böse: Logik stammt nicht aus dem Denken selbst, sondern aus der Reflexion auf das Denken. Und ihr einziger Zweck ist das Reflektieren.
22. 11. 18


Nota III. - Reflektieren heißt nach Bedeutung fragen, nach Bedeutung suchen und Bedeu-tung zuschreiben. Es ist eine Tätigkeit der Einbildungskraft. Schon bloße Anschauung er-fortert Einbildungskraft: Ihr Gegenstand ist ein Gefühl, dieses ist schlechthin gegeben und wird als solches bloß erlitten; doch was es ist, muss die Einbildungskraft an ihm finden. Es muss ihm Qualitäten anerfinden. Das kann sie kaum tun, ohne es mit anderem zuvor Ge-fühlten in ein Verhältnis zu setzen, und so wird das, als was es eingebildet wurde, festgehal-ten und eingegrenzt, 'bestimmt'. Es wird zum Begriff. 

Der lässt sich mitteilen und macht eine denkende Gesellschaft möglich, aber das steht schon auf einem andern Blatt. Es gehört schon zu unserer Geschichte und muss aus den uns überlieferten Denkmälern rekonstruiert werden und nicht, wie unsere vor-vernünftige Vor-Geschichte, aus Denkexperimenten spekulativ erraten.
JE,
22. 5. 19


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...