Mittwoch, 12. Februar 2025

Der Begriff und sein dogmatischer Schein.

  Toma-Volk, Guinea                                                   aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Um mich selbst als mich selbst wahrnehmen zu können, müsste ich mich schon als gesetzt voraussetzen. 

Zu der Tätigkeit, mit der ich mich setze, ging ich über von einer Ruhe, Untätigkeit, die ich der Tätigkeit entgegensetze. Anders konnte man die Vorstellung der Tätigkeit nicht bemer-ken; sie ist ein Losreißen von einer Ruhe, von welcher zur Tätigkeit übergegangen wird. Al-so nur durch Gegensatz war ich vermögend, mir meiner Tätigkeit klar bewusst zu werden und eine Anschauung derselben zu bekommen.

Handeln ist gleichsam Agilität, Übergehen im geistigen Sinne, dieser Agilität wird im Be-wusstsein entgegengesetzt ein Fixiertsein, ein Beruhen. Umgekehrt kann ich mir auch der Ruhe nicht bewusst werden, ohne dass ich mir der Tätigkeit bewusst bin. Man muss daher beide zugleich ansehen, um eine von beiden einzeln ansehen zu können. Nur durch Gegen-satz ist ein bestimmtes klares Bewusstsein möglich. Wir haben es hier aber nicht mit diesem Satze überhaupt, sondern mit dem einzelnen bestimmten Falle zu tun, der hier in Frage kommt.
 

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, / in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes. Es bleibt keine Tätigkeit mehr, es wird ein Produkt; aber nicht etwa ein anderes Produkt, als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor der Tätigkeit des Ich vorherging; sondern bloß das Handeln wird dadurch, dass es ange-schaut wird, fixiert. So etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht. 

In dieser in sich zurückgehenden Tätigkeit, als ruhend angeschaut, fällt Subjekt und Objekt zusammen, und dadurch entsteht das Positive, Fixierte. Dieses Zusammenfallen beider, und wie dadurch die Anschauung in einen Begriff verwandelt wird, lässt sich nicht anschauen, sondern nur denken. Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen. Dies bestätigt die oben aufgestellte Theorie des Bewusstseins.
___________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 32f.


Nota. - Die Rede ist wie immer von der Vorstellung. Nicht die Dinge unterscheiden sich von einander, sondern ein Vorstellender unterscheidet. Einen Unterschied zwischen Vielen nehme ich als Mannigfaltigkeit wahr. Den Unterschied zwischen Zweien nehme ich wahr als Gegensatz; zum Gegensatz wird ein Unterschied, indem ich auf ihn reflektiere: ihn mir als solchen zu Bewusstsein bringe. Reflektiere ich auf Eines im Unterschied zu Vielen, setze ich das Eine zu Allem Andern als einem Totum in einen Gegensatz.

Wenn das Ich sich selber wahrnehmen soll, muss es sich von sich unterscheiden. Wenn es darauf reflektiert, setzt es sich sich-selbst entgegen. Wenn das Ich, das wahrnimmt, auf das Ich blickt, welches es wahrnehmen soll, findet es dieses als schon da seiend vor. Findet es sich vor als tätig, so nur, indem es sich einen Zustand voraus-setzt, in dem es ruhend war.

Ruhend heißt: außerhalb des Zeitverlaufs; bloß im Raum heißt: als reine Form der Tätigkeit. - Es ist überhaupt nur dieses Vermögen, ein Tun 'als ruhend', als bloße Form aufzufassen und zum Begriff zu bilden, das die Vorstellung von einem An sich - das Noumenon zum Phänomenon - möglich macht. Im Vorstellen ist das Ich allenthalben tätig. Wo es sich als sich begreift, begreift es sich als seinem Tätigsein vorausgesetzt. Der Begriff ist das Gedan-kenbild des Phänomens, nicht mehr und nicht weniger, und als solches steht er außerhalb von Raum und Zeit - und ist ganz selbstgenügsam "an sich". Der Begriff ist die Falle der Vorstellung. Im Begriff erscheint dem Vorstellenden das, was er sich vorstellt, als ihm vor-ausgesetzt. Er ist der metaphysische Pferdefuß, er ist der harte Kern alles Dogmatismus'. 

Er ist allerdings auch das scharfe Messer der Kritik. Er markiert die Unterschiede - s. o. - und verhindert, dass alles unter einen Hut kommt. Er ermöglicht die Frage nach dem Grund und berechtigt zur Abweisung der Mystifikationen. Er ist das Medium des dialek-tischen Scheins sowohl als das Medium seiner Zerstreuung.
JE, 14. 10. 18

Dienstag, 11. Februar 2025

Das Anfangskapitel der Wissenschaftslehre.

                             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Inhalt der gesamten Wissenschaftslehre lässt sich kurz in folgenden Worten vortragen: 

Dass ich mir überhaupt etwas' bewusst werden kann, davon liegt der Grund in mir, nicht in den Dingen. Ich bin mir Etwas' bewusst; das einzige Unmittelbare, dessen ich mir bewusst bin, bin ich selbst; alles andre macht die Bedingungen meines Selbstbewusstseins aus. Ver-mittelst des Selbstbewusstseins mache ich mir die Welt bewusst. - 

Ich bin mir Objekt des Bewusstseins nur im Handeln. Wie ist die Erfahrung möglich? heißt: Wie kann ich mir meines Handelns bewusst werden? Auf die Beantwortung dieser Frage geht alles aus, und wenn sie beantwortet ist, so ist unser System geschlossen.   

Bis jetzt haben wir dies gefunden: Ich muss, wenn ich mich als handelnd setzen soll, mir irgend eines Zweckbe- griffs bewusst werden. Mit der Beantwortung der Frage: Wie ist ein Zweckbegriff möglich? beschäftigen wir uns noch. Bisher haben wir gesehen, wie ein Be-griff überhaupt möglich sei. Eigentlich ist von allem, was wir bisher aufgestellt haben, nichts ganz möglich, bis wir zu Ende sind, denn wir haben noch immer Bedingungen der Möglich-keit aufzustellen. Die Möglichkeit des Einzelnen lässt sich nur aufzeigen, wenn die Möglich-keit des Ganzen dargetan ist. 

Die Möglichkeit des Begriffs wurde nur gezeigt unter ge/wissen Voraussetzungen, die wir stillschweigend machen mussten und konnten.

Wir sind so verfahren: Ich bin ursprünglich praktisch beschränkt; daraus entsteht ein Ge-fühl; ich bin aber nicht bloß praktisch, sondern auch ideal. Die ideale Tätigkeit ist nicht be-schränkt, folglich bleibt Anschauung übrig. Gefühl und Anschauung sind miteinander ver-knüpft. Im Gefühle muss eine Veränderung stattfinden, dies ist Bedingung des Bewusst-seins. Ich bin in der Beschränktheit beschränkt, werde also auch in der Anschauung Y be-schränkt. Aus jeder Beschränkung entsteht ein Gefühl, mithin müsste auch hier ein Gefühl entstehen, das Gefühl des Denkzwangs, und mit diesem
[die] Anschauung meiner selbst. Eine Anschauung, in der das Anschau- ende selbst gesetzt wird, die auf das Anschauende bezogen wird, heißt ein Begriff vom Dinge, hier von Y.

Es war schon im vorigen Paragraphen die Frage nach dem Vereinigungsgrund des Begriffs mit dem Ich; oder: Wie komme ich dazu zu sagen: Alles ist mein Begriff? 

Das Ich war bisher ein Fühlendes, es müsste auch das Begreifende sein; der Begriff müsste mit dem Fühlen notwendig vereinigt sein, so dass eins ohne das andere kein Ganzes aus-machte. Im Selbstgefühl ist Gefühl und Begriff vereinigt. Ich bin gezwungen, die Dinge so anzusehen, wie ich sie ansehe; wie ich mich selbst fühle, so fühle ich diesen Zwang mit.

So ist bisher das Ich als das Begreifende selbst begriffen worden. Wir wollen jetzt weiter gehen: Ich kann mich als Ich nur setzen, in wiefern ich mich tätig setze. - Da das Gefühl nur Beschränkung sein soll, so kann ich mich als Ich nicht fühlen, wenn nicht noch eine andere Tätigkeit hinzukommt. Mithin lässt sich aus dem Gefühl allein das Bewusstsein nicht erklären, also müsste ich mich in dem Begriffe des Y setzen als tätig. Das Ideale gibt sich dem Gefühle hin; wie / dies zugehe, ist besonders Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung. 

Ich setze mich als Ich heißt: ich setze mich als tätig. Das Materiale der Tätigkeit (was dabei angeschaut wird) ist ein Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. (Das For-male ist die Selbstaffektion, das gehört nicht hie
[r]her.) Das Ich soll hier im Begriffe tätig gesetzt werden, als von einer gewissen Unbestimmtheit zu einer gewissen Bestimmheit übergehend.
___________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 101f.


Nota. - Nur weil der Mensch schlechterdings in der Welt, und weil er dort handelnd 
ist, fühlt er, denn in der Welt wird sein Handeln schlechthin beschränkt durch den Widerstand der Dinge, auf die es trifft. Er fühlt in der Beschränkung seines Handelns den Gegenstand  und sich selbst

Dieses Fühlen ist der Stoff allen Bewusstseins.

Aber es ist nicht das Bewusstsein. Dafür muss das Vorstellen des Gefühls hinzukommen: das Bestimmen dessen, was es (mir) bedeutet. Das setzt voraus, dass im Treffen auf den Widerstand mein Handeln noch nicht erschöpft war; es muss also ein Quantum Tätigkeit angenommen werden, das übriggeblieben ist und nun auf das Gefühl selber als seinen Gegenstand gewendet wird. 

Die als der Tätigkeit zugrundeliegend angenommene 'prädikative Qualität' muss also als Einbildungskraft aufgefasst werden, die selber unbegrenzt und daher quantifizierbar ist. Sie fasst die Bestimmtheit  des aus der Tätigkeit resultierenden Gefühls in ein - ruhendes - Bild.

Die als Ruhe angeschaute Tätigkeit ist der Begriff.
JE,
12. 10. 18




Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog.  JE

Montag, 10. Februar 2025

Vom ästhetischen Trieb zum Schöpfungsvermögen.

Gauguins Palette                                         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung, die nicht mehr auf die Er-kenntnis dessen, was längst erkannt ist, absieht, sondern die gleichsam nochmal zum Über-flusse an den Gegenstand geht, - entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des be-friedigten Erkenntnistriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der ästhetische Sinn. ...


Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung, wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, sondern um ihre Ueberein-stimmung mit unserem Geiste zu tun ist, erhebt sich dann bald die dadurch zur Freiheit erzogener Einbildungskraft zur völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Trie-bes angelangt, bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und stellt Gestal- ten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heißt Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gege-bene, der Geist erschafft. ... Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne Ge/schmack.

_____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Über Geist und Buchstab in der Philosophie [1794] SW VIII , S. 290f.


Nota. - Fichte versteht unter Trieb nicht eine physiologisch bestimmte Energie; für ihn ist das menschliche Vermögen "eins". Aber es kann sich mannigfaltig an diesen oder jenen Gegenstand verwenden. Zuerst gestaltet es sich, zwecks Befriedigung seiner physischen Notdurft: zum Erkenntnistrieb. Doch darin erschöpft es sich nicht. Was darüber hinaus-schießt, sucht nach einem Gegenstand, worauf es sich verwenden kann, und wo es nichts vorfindet, er findet es selber. Das nennt er den ästhetischen Trieb.
JE,
13. 4. 20



Samstag, 8. Februar 2025

Ich muss etwas Dauerndes annehmen.

              aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete...

Ich kann – dies liegt in meinem Denken – von dem einen Prädikate zu dem andern nicht fortgehn, sie nicht zueinander zählen und sammeln, ohne etwas Daurendes, welchem diese Prädikate insgesamt zukommen, voraus zu setzen; es eben gerade durch dieses Denken zu erzeugen: ob ich [es] gleich, eben weil ich es dem Zusammenhange und den Gesetzen des Denkens nach mit Notwendigkeit erzeuge, nicht für mein Produkt ansehe.   ________________________________________________

 

Nota I. - 'Ich muss', wenn ich von einem Urteil zum nächsten übergehe, einen dauernden Urteilenden annehmen; ein Ich. Und wenn Ich ein Urteil ans andere knüpft und dabei der-selbe bleiben soll, muss er annehmen, dass die Gründe für sein Urteilen die einzelnen Ur-teilsakte überdauern. Das ist eine Annahme, die ich voraussetze, sobald ich ans Urteilen gehe; ob ich mir dessen nun bewusst bin oder nicht.
28. 5. 14

Nota II. - Die Gründe, die überdauern und eo ipso die Identität des Ich verbürgen, nenne ich Wahrheit, das Absolute, das Unbedingte, Geltung an sich. Ich mag mir einreden, dass ich an derlei Metaphysik nicht glaube. Doch indem ich urteile, handle ich so, als ob. Und das ist real, was immer ich mir auch einrede.
12. 5. 18

Nota III. -  Arglos unbefangen sage ich jetzt hier dieses und dann dort jenes über etwas aus: So verfährt tagtäglich der normale Angehörige unserer vernünftigen Welt. Er setzt voraus, doch dessen ist er sich nicht bewusst, dass zwischen den Dingen ein Verhältnis von Ursache und Wirkung herrscht. Das ist, was ihm der Sache nach als vernünftig gilt. Fragt man ihn danach, wird er sich gewissernmaßen 'erinnern', dass er es so wohl gemeint hat.

Der Form nach hat er unterstellt, dass er es beurteilen kann. Fragt man ihn danach, runzelt er missbilligend die Stirn: Das tun wir ja wohl alle! Das ist ihm so selbstverständlich, dass er es anstößig findet, wenn es einer  ausspricht.

Dabei ist das der springende Punkt bei der Vernünftigkeit: dass ich jedem Andern wie vorab schon mir eine prädikative Qualität zuschreibe, die allein es uns möglich macht, in Prädika-tionen überein zu stimmen; oder mir, wie zuvor aus Erfahrung den Andern, eine prädikati-ve Qualität zuschreibe, die allein... usw.

Nähme ich nicht an, dass diese Qualität etwas Dauerndes ist, und zwar in jenen wie in mir, könnte ich mir unter Vernunft nichts vorstellen

Allerdings nehme ich arglos unbefangen an, dass es vor mir und vor ihnen da gewesen ist. Das ist der dialektische Schein, den Vernunftkritik zu zerstreuen hat. 
16. 8. 20



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Merken heißt vorstellen.

Eberlein, Vom Krebs gezwickt                                                 aus Philosophierungen

Auch das Tier wertet seine Sinneswahrnehmungen, indem es sie 'merkt', als angenehm oder unangenehm. Aber der Mensch wertet nicht nur Sinneswahrnehmungen, sondern auch Vor-stellungen. Genauer gesagt – sobald er sie 'merkt', 'hat' er gar keine Sinneswahrnehmungen, die nicht von Vorstellungen begleitet wären. 
aus e. Notizbuch, 28. 5. 09

 

 

Freitag, 7. Februar 2025

Der Weg der Vorstellung.

                         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Gegeben ist ein unendlicher Fluss von Sinnesreizen. Die Anschauung - Reflexion 1. Grades - vereinzelt den Reiz (einen Komplex von Reizen) zu Diesem. Die Reflexion 2. Grades (was?) schafft daraus ein Bild. Tritt hinzu die Reflexion 3. Grades: Sie fasst die Bilder zusammen zu einem Verhältnis; der gestaltlose Fluss von Reizen wird zu einem Mannigfaltigen. Die Reflexion 4. Grades schafft durch die neuerliche Unterscheidung von 'Diesen' und ihrem Verhältnis zu einander einen Begriff. Er ist ein Komplex von Vorstellungen "im Verhältnis". Dem diskursiven Denken erscheint er als dieses Verhältnis selbst; er ist aber ein Verhältnis von Bildern. Ohne Anschauung würde der Begriff leer.

Die Transzendentalphilosophie stellt dieses Verhältnis wieder her. Sie legt unter den Begrif-fen die Vorstellungen frei. Ihr Gegenstand ist und bleibt das reale Denken. Sie ist ein In-strument zu seiner Bewertung (Kritik).


Nota: Erst im Reich der Begriffe tritt übrigens die Reflexion als solche zu Tage; wird sie nämlich bewusst. So dass der Eindruck entstehen kann, Bewusstsein sei Reflexion. Tatsäch-lich ist die Reflexion von Anfang an am Werk, man merkt es nur noch nicht. Erst die Trans-zendentalphilosophie geht hinter das Bewusstsein zurück und rekonstruiert seine Entste-hung - aus der Reflexion.
 

Nota II. - Hiermit ist nur eine terminologische Klarstellung beabsichtigt. Es sind keine De-finitionen, sondern Erläuterungen zum Wortgebrauch.

Es handelt sich wohlverstanden nicht um eine Abfolge von unterschiedenen Handlungen in der Zeit, sondern um die aus einander hervorgehenden Sinnbestimmungen ein und dessel-ben Akts. Es ist lediglich die unumgängliche diskursive Darstellungsweise, die uns nötigt, ein logisches Bedingungsverhältnis als ein Nacheinander in der Zeit auszudrücken.
JE, 14. 6. 21




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 6. Februar 2025

Jedes Ding ist bezogen auf unsere mögliche Wirksamkeit.

                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nun fange ich darauf hin an zu handeln und verändere die Gestalt des Dinges ganz. Was ist[s] denn nun, welches durch die Zeit des Handelns durch dauert? Bloß mein Denken mit der verworrenen Darstellung alles dessen, was ich tun könnte, unter welchem ich aber im-mer bloß das Eine tue. Beispiel von einem Baume, von dem man ein Stück nach dem an-dern abschneiden kann pp. 

Dies Beispiel gilt nur von der Wirksamkeit in Gedanken; drum sagt Fichte anderwärts: Sub-stanz ist Akzidens in der Vereinigung, ihre Form ist das vereinigte Denken, und dieses ist das ideale Denken des Bestimmens. Jedes Ding ist bezogen auf unsere mögliche Wirksam-keit und auf nichts anderes als die Wiederherstellung des Quantums dieser Wirksamkeit.

Unsere Aufgabe ist gelöst. Wir hatten das ideale und reale Denken selbst als vollkommene Synthesis aufzustellen. Dies ist geschehen, das Bestimmbare in beiden ist angegeben, beide sind durch einander bestimmt, β-γ ist vereinigt, die Bestimmtheit meiner selber mit dem Rei-che der Vernunft überhaupt, auch B und C, die Bestimmtheit meines Wirkens als sinnlicher Akt mit dem Objekt, worauf dieses mein Wirken geht: C. 

Beide Glieder sind vereinigt, indem ich mich, da* ich gleich teils Individuum bin, teils Geist bin, nicht erblicken kann ohne Ding, das mir zunächst liegend ist: mein Produkt, entfernt liegend aber ein Objekt (Materie) ist, und umgekehrt das Ding nicht ohne mich.
*) in Krauses Ms.: dass
______________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 225
 


Nota I. - Oder, wie der Phänomenologe sagt, zuerst waren die Dinge zuhanden, bevor sie vorhanden sein konnten.

Nota II. - 'Das Ideale' ist überhaupt nur da, um das Reale verständlich zu machen. Ideal liegt dem Ich zu Grunde das Wollen-überhaupt: unendlicher Trieb, Streben. Real verbraucht die endliche Wirksamkeit allerdings Kraft. Es reicht nicht, dass ein Produkt entsteht: Auch die verbrauchte Kraft - Quantum der Wirksamkeit - muss wiederhergestellt werden, um das endliche, empirische, reale Ich zu erhalten.
26. 4. 17

Nota III. - Statt ist bezogen wollte ich schreiben: wird bezogen. Aber das wäre um ein Quäntchen falscher: Sobald es als Ding aufgefasst wird, ist es bezogen...
JE,





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 5. Februar 2025

Denkzwang und die Gegenständlichkeit der Gegenstände.

                             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich setze mich als Ich heißt: Ich setzte mich als tätig. Das Materiale der Tätigkeit (was dabei angeschaut wird) ist ein Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. (Das Forma-le ist die Selbstaffektion, sie gehört nicht hierher.) Das Ich soll im Begriff tätig gesetzt wer-den als von einer gewissen Unbestimmtheit zu einer gewissen Bestimmtheit übergehend. Beide müssen wir hier kennenlernen. 

A) Das Bestimmte, wozu übergegangen wird, ist der Begriff eines bestimmten Dinges, aber ich selbst bin auch
bestimmt in diesem Begriff, weil dieses Quantum meines Begreifens mei-nen Zustand* ausmacht.

B) Über die Entstehung dieses bestimmten Dinges, dieses bestimmten Begreifens, dieser meiner Bestimmtheit im Begreifen haben wir bisheit dies gesehen: Ich bin beschränkt, und zwar vollständig. Dieses vollständig zeigte eine Beschränktheit der Beschränktheit an. Die praktische Tätigkeit ist ganz aufgehoben, die ideale bleibt; das Wesen letzterer besteht nun darin, dass sie ein Objekt habe. In diesem Zustande ist praktische Beschränktheit oder Ge-fühl, und mit diesem Anschauung, denn beide sind notwendig verbunden. Nun aber ist die praktische Beschränktheit eine bestimmte, mithin auch diese Anschauung.

C. - Das bisher Gesagte ist zur Zeit nur für uns, die wir philosophieren, und bleibt so lange leer. Soll es etwas sein, so muss etwas für das Ich werden, worüber wir philosophieren. Wie wird es nun für das Ich? Wir haben gesagt: durch ein neues Gefühl X vom Zusammenhan-ge der Anschauung Y mit dem Gefühl X: das Gefühl des Denkzwangs. Aber dies ist auch nichts, wenn es nicht für das Ich da ist; und der ganze Zustand ist für das Ich nur, in wie-fern es sich in demselben das freie Übergehen versagt.

D. Das Ich gibt notwendig sich frei hin, versteht sich für sich als frei, es findet sich als frei, d. h. sein Hingeben ist mit der Vorstellung verbunden, dass es sich auch nicht hätte hinge-ben können. Aber es kann sich in diesem Hingeben nicht frei / setzen, wenn es sich nicht wirklich hin gibt, denn sonst ist für dasselbe nichts vorhanden. Ich bemerke irgend ein Ob-jekt; dass ich es bemerke, geschieht mit Freiheit, denn ich sage, dass ich es auch nicht hätte bemerken können; aber dies kann ich nur sagen, indem ich es bemerkt habe.

Dadurch bekommt nun jenes X eine doppelte Ansicht. Einmal wird es betrachtet als eine Anschauung, die nicht Anschauung  sein soll, das zweite Mal als eine Anschauung, die eine sein soll. Das erstemal ist es das Ding, das an sich auch ohne das Ich existieren soll, das zweitemal die Vorstellung davon, die mit Freiheit hervorgebracht werden soll. Das Ding und die Vorstellung davon sind also ein und dasselbe, nur angeschaut von zwei Seiten. Das erstemal ist es das, wodurch die Vorstellung bedingt ist, das zweitemal ists die Vorstellung selbst.

Im gemeinen Bewusstsein äußert sich das so: Wenn auch Ich nicht wäre, so würde doch eine Welt sein. (Dies ist ein Schluss, und indem ich dies behaupte, setze ich mich unver-merkt hinzu.) Dadurch sind wir nun zum eigent- lichen Kern der Objektivität gekommen, wir wissen nun, woher es komme, dass wir Dinge außer uns anneh- men. Das erste, wobei die Freiheit nicht ist, haben wir genannt die Anschauung, die als solche blind ist und nicht zum Bewusstsein kommt; man nennt sie besser das Ding, weil man sich bei der Anschau-ung noch etwas hinzudenkt, welches angeschaut wird. Das zweite ist die Vorstellung vom Ding.
____________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 102
f.


Nota. - Nicht eigentlich das Gefühl selbst, in dem er auch den Denkzwang unterbringen will, ist der problematische Begriff, sondern der Zustand: Der ist nämlich das als real ge-dachte Pendant zum begriffenen Ich. In jedem Fall geht es darum, Denkerfahrung und Sinnlichkeit in einander aufzulösen.

Das Ich der intellektuellen Anschauung ist bloßer Begriff: Noumenon. Als solches fühlt es nichts und hat keinen 'Zustand'. Es fühlt das lebendige Individuum, dessen Weg zur Ver-nunft die Wissenschaftslehre rekonstruieren will - aus der als unvermeidlich aufgefundenen Voraussetzung des sich-selbst-setzenden Ich. 


Wir bleiben stets im Reich der Vorstellung. Die Aufgabe ist nicht, den Denkzwang der Sinnlichkeit, sondern vielmehr die Sinnlichkeit dem Denkzwang zu assimilieren. Die Frage war doch: Wie kommt das Objekt in meine Vorstellung? Er hat sie lediglich umgekehrt: Wie komme ich zu der Annahme, dass meinen Vorstellungen Objekte außer mir entsprechen? Materialiter ist das dasselbe. Und dieselbe Frage ist: Wie kann ich wissen, ob oder ob nicht? 

Da ist in der Erfahrung die Faktizität des Objekts; an ihm 'objektiviert' der Denkzwang das Gefühl; oder doch richtiger: übt das Gefühl einen Denkzwang aus. Bis hierher ist gar kein logisches Problem; ein solches entstand nur den dogmatischen Systemen, für die das Ich rezeptiv ist und Meldungen von den Dingen bloß entgegennimmt. In der Wissenschaftsleh-re ist die Einbildungskraft eo ipso produktiv, sie hält nach einem Objekt gewissermaßen Ausschau.

Umständlich wird es bloß, wo die Einbildungskraft mit ihren eigenen Erzeugnissen zu tun bekommt. Die sind alle Noumena. Einen Anhaltspunkt für ihre Realität lässt sich nicht auf-finden, weil sie nicht real sind. Sie sollen aber gelten - oder als Spielzeug oder Abfall ausge-mustert werden. Wir können das unterscheiden, und wir unterscheiden klaren Verstand und Irrsinn. Wie ist das möglich?

Phänomenal haben wir als Anhaltspunkt lediglich die faktische Übereistimmung der mei-sten Individuen; die wirkliche 'Reihe vernünftiger Wesen'. Sie ist ein Hinweis, zum Beweis taugt sie nicht im mindesten: Die Mehrheit kann verrückt sein. Dass wir aber mit so vielen übereinstimmen, zeigt an, dass viele beim Einbilden ähnlich verfahren. Ihr Verfahren folgt einer Regel. Ist es so, dann kann ihr Einbilden nicht gegen die Regel verstoßen  -  jedenfalls nicht nach seiner eigenen Regel, sondern nur, indem ihm schwindelt. 

Wir haben es hier nicht nur mit den Erzeugnissen der Einbildungskraft zu tun, den Bildern, sondern mit ihrer Tätigkeit selbst, dem aktiven Einbilden, welches, indem es wirklich ge-schieht, ein Handeln, und als ein solches real  ist. Insofern ist es nur bedingt frei, nämlich unter den einmal angenommenen Bedingungen. Die Bilder mögen so bunt und einander fremd sein, wie sie wollen - über ihre Brauchbarkeit entscheidet ihr Gebrauch.* Regelhaft ist aber das Verfahren beim Bilden.

Die Annahme eines Denkzwangs ist daher plausibel, und dass es manchen gibt, der aus der Reihe tanzt, ist nahezu unvermeidlich. Vernunft ist nur bedingt möglich - durch eine Wahl des freien Willens.
*) Der Denkzwang ist keine Garantie gegen den Irrtum. Vernunft gibt es nicht ohne Kritik. JE
13. 10. 18

 

Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog.  JE 

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...