Freitag, 16. Juni 2023

Vom Kopf auf die Füße.

                    aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Kernstück dieses Blogs ist auf der einen Seite das Herausarbeiten des wesentlich revolutionären Charakters von Fichtes Philosophie, der sie so aktuell macht, als wäre sie eben erst zur Welt gekommen, und auf der andern Seite die Untersuchung, wie ein so radikaler Kopf so weit vom Wege abkommen und eine Lehre vertreten konnte, die von vielen als unzugänglich, von manchen gar als mystisch bezeichnet wird.  

Ich denke, so wie er selbst an Kant die Inkonsequenzen rügte, ist an ihm zu bemängeln, dass er nicht etwa zu weit, sondern am alles entscheidenden Punkt nicht weit genug ge-gangen ist. Er hat nichts in die Wissenschaftslehre aufnehmen wollen, das er nicht vor den Augen seiner Hörer aus erwiesenen Voraussetzungen zwingend hergeleitet hätte. Mit einer Ausnahme: der Vernunft, die ist vor allem Anbeginn schon immer dabei gewesen. Und das war die Stelle, wo er den Dogmatikern in die Falle ging.

*

Ich bin mir bewusst, dass ich mit meiner Darstellung noch recht einsam dastehe, und gebe zu, dass man sich mit Fichte auch auf andere Weisen beschäftigen kann. Aber ich muss es so machen.

Denn an Fichte bin ich auf einem ungewöhnlichen Weg gelangt, nämlich durch Marx

In meinen jungen Jahren war es üblich, Marx durch Hegel zu erklären: Er habe jenen "vom Kopf auf die Füße gestellt". Nach Marxens eigener (unrichtigen)* Auffassung hätte Hegel aus zwei Teilen bestanden, dem Fichte'schen Subjekt und der spinozischen Sub-stanz. Beim bloßen Vom-Kopf-auf-die-Füße würde sich daran nichts ändern, allenfalls würden die Seiten verkehrt. Die 'Substanz' gehörte aber ganz ausgeschieden, wenn Marx, wie er doch wollte, ein revolutionärer Denker war. Sie ist der Nistplatz aller Mystifikatio-nen und aller Reaktion. Und, was wissenschaftlich erheblicher ist, sie verhindert jedes Verständnis der Kritik der Politischen Ökonomie!

Die Kritik der Politischen Ökonomie verfährt wie alle Kritische Philosophie. Sie über-prüft die überkommenen Begriffe auf ihre Herkunft und Tragfähigkeit, und was sich nicht bewährt, wird verworfen: An den verselbständigten Kategorien wird gezeigt, dass und wie in ihnen absichtsvoll handelnde historische Subjekte verborgen sind. Dies ist die positive Ansicht der Kritik: Sie zeigt die Menschen tätig, wo die Apologetik zeitlose Form behauptet.

Als Weihrauch der ominösen Substanz dient die mystifizierte, weil schematisierte und automatisierte Dialektik. Sie ist das Perfideste an Hegels zusammengestohlenen Galima-thias. Die analytisch-synthetische Methode ist bei Fichte das Werkzeug in der Hand des Kritikers, mit dem er die verdinglichten Begriffe auseinandernimmt und die ihnen zu-grundeliegenden Vorstellungen kenntlich macht. Bei Hegel ist sie "Selbstbewegung des Begriffs", die ohne tätiges Subjekt auskommt: Was als Subjekt erscheint, ist lediglich Agens der sich entfaltenden (und wieder zusammenfaltenden) Substanz. - Und in dieser Form konnte sie, als es soweit war, sich zum allbereiten Arkanum in Stalins "Dialekti-schem Materialismus" fügen.

Nach all dem angehäuften Unrat wird die Wissenschaftslehre heute wieder zum Reini-gungsmittel des theoretisierenden Verstandes, "indem sie den Menschen auf seine eigenen Füße stellt"; auf die Füße, ja.

*) Diese Beschreibung träfe auf den jüngeren Schellings zu. Sie stammt auch nicht von Marx selbst, sondern von Moses Hess, dessen Kenntnisse lückenhaft waren. Marx hat sie später nie wieder aufgegriffen.
3. 4. 15


Donnerstag, 15. Juni 2023

Die Frage nach dem Sinn der Welt ist keine theoretische.

                                                                                                                                zu  Philosophierungen

Nach einem Sinn (sensus) der Welt fragt erst einer, der sich in ihr zurechtfinden will.
17. 12. 22


Die nach Gf. Yorck "okularen" Griechen hatten alles begriffen, sobald sie es in einem Bild darstellen konnten. Ihre Mythen waren bewegte Bilder. Man konnte sie anschauen - mehr aber nicht. Denn eine Richtung hatten sie nicht mehr: Sie waren ja abgeschlossen und festgestellt. Man konnte sie als Vor bild nehmen für die eigene Lebensführung. Aber nicht, um die eigene Bestimmung zu suchen, sondern um vor den Göttern Bella Figura zu machen; alle Wege führten ja doch in den Hades. Das konnte man mit Gleichmut betrach-ten

Das war theoríaEinen Weg aber findet nur, wer nach einem Sinn gesucht hat.


Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 14. Juni 2023

Sinn ist hierarchisch verfasst.

 bing                                                            zu Philosophierungen

Jede Bestimmung ist bedingt; zu allererst durch den oder das, der oder was bestimmt. Aber so geht es weiter, weil nämlich das Bestimmen, einmal begonnen, nie zu einem Ende kommt. Sinn oder, prosaisch, Bedeutung ist hierarchisch verfasst. Sinnzusammen-hänge sind nicht logisch, sondern poietisch - genetischsagt der Transzendentalphilosoph Fichte. Da lässt sich nichts nach Regeln analysieren, sondern muss mit Absicht gesucht und gefunden werden. Da herrscht nicht Gleichheit, sondern Abhängigkeit. Dieses be-deutet jenes oder jenes bedeutet dieses; im Sonderfall beides zugleich.
19. 12. 22


Merke: In der Logik ist es anders. Da gilt alles ganz und auf einmal. Jede logische Ope-ration lässt sich umkehren wie ein Film, der rückwärts läuft. Da gilt alles gleich. Lat. sen-sus bedeutet dagegen Richtung.



Dienstag, 13. Juni 2023

Der Endzweck, oder doch: Die Grenze der Vernunft?

 von , fotocommunity;    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles vernunftlose sich zu unterwerfen, frei und nach seinem eigenen Gesetze es zu be-herrschen, ist letzter Endzweck des Menschen; welcher letzte Endzweck völlig unerreich-bar ist und ewig unerreichbar bleiben muss, wenn der Mensch nicht aufhören / soll, Mensch zu seyn, und wenn er nicht Gott werden soll. Es liegt im Begriffe des Menschen, dass sein letztes Ziel unerreichbar, sein Weg zu demselben unendlich seyn muss. Mithin ist es nicht die Bestimmung des Menschen, dieses Ziel zu erreichen. Aber er kann und soll diesem Ziele immer näher kommen: und daher ist die Annäherung ins unendliche zu die-sem Ziele seine wahre Bestimmung als Mensch, d. i. als vernünftiges, aber endliches, als sinnliches, aber freies Wesen. 
______________________________________________________________________J.  G. Fichte, Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, SW VI, S. 399f.


Nota. - Hier wird es nun problematisch.  

Bedenken wir zuerst, dass es sich um eine der frühesten öffentlichen Äußerungen Fichtes handelt und vor einem allgemeinen Publikum, auch philosophischen Laien. Bedenken wir aber auch, dass die Einschränkung, dass der 'Endzweck völlig unerreichbar' sei, nichts daran ändert, dass er dies eben Zweck nennt: alles Vernunftlose sich (als dem Agens der Vernunft) zu unterwerfen...

Andernorts heißt es dann, Übereinstimmung sei "der große Endzweck der Vernunft". Wo hat er das her? Ansonsten hält er sich weislich zurück, wenn es um die sachliche Bestim-mung dessen geht, was Vernunft 'ist'; selbst das Sittengesetz ist ihm nicht 'gegeben', son-dern etwas, das "erst durch uns selbst gemacht wird",* nicht als 'bestimmt', sondern als noch in Bestimmung begriffen.

Später werden wir hören, das in der Tathandlung sich 'intellekual-anschaulich' setzende Ich sei die unmittelbare Identität von Subjekt und Objekt. Das Ich "als Idee" hingegen "ist das Vernunftwesen, inwiefern es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkom-men dargestellt hat, wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört hat Individuum zu sein, welches letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war".** Das Ich als Idee ist das aus der intellektuellen Anschauung her zum Postulat ge-wendete Agens der Vernunft, und sofern das Ich "als Individuum" vernünftig ist, ist es sein Ideal. Soll er sich ihm also als Individuum, soll er ihm 'den ganzen endlichen, sinn-lichen Menschen' unterwerfen und sie... "zur Übereinstimmung bringen"?

Die Frage ist nicht, ob er das kann, und sei es nur 'in unendlicher Annäherung'. Vielmehr gibt es keinen Grund, weshalb er das wollen sollte.

Vernünftig ist nicht ein Einzelner. Vernunft ist das Medium, in dem sich zwei verständi-gen können, anders "gibt es" sie nicht. Vernunft ist nur da, wo (mindestens) zwei sich verständigen können-müssen-wollen. Vernünftig ist dasjenige an den Individuen, was zur Verständigung taugt. Vernunft findet statt in unserer Welt. In meiner Welt ist sie Gegen-stands-los. Das pragmatische Kriterium ist: Was sich symbolisieren lässt, kann zu einer Sache der Vernunft werden; was nicht, das nicht.

Die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie einschließlich Lebenslehre nur hintenrum; indem sie qua Kritik alle Erleuchtungen und Offenbarungen zunichte macht; positiv wird sie erst als das, was übrigbleibt.


*) System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 192
**) Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 517f.
18. 2. 14

Montag, 12. Juni 2023

Die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie.

aus fotocommunity           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre ist keine reelle, 'konstitutive' Theorie von Ursprung, Entwicklung und (ergo) Wesen des Bewusstseins. Sie ist ein transzendentales, 'regulatives' Schema, das das tatsächlich unter den Menschen vorkommende Bewusstsein (eigtl. Wissen) lediglich verständlich macht. -

Verstehen ist aber nicht theoretische Beschauung. Verstehen geschieht hinsichtlich einer Absicht. Die Wissenschaftslehre ist daher nicht eine Geschichte des Geistes, sondern seine pragmatische Geschichte;* eine, aus der man etwas lernen kann. Was lernen? Doch wohl, 'wie man ihn richtig betätigen soll'. 

Richtig in Hinblick worauf? Wiederum in Hinblick auf eine Absicht; worauf abgesehen wird, heißt ein Zweck. Das Wissen - Geist, Vernunft, Bewusstsein... - dient nicht diesem oder jenem Zweck, sondern dem obersten, letzten, dem Zweck der Zwecke.

Gibt es denn so etwas?

"Die Zweckmäßigkeit der Natur ist ... ein Begriff a priori, der lediglich in der reflektie-renden Urteilskraft seinen Ursprung hat, deren Prinzip er ist. Denn den Naturprodukten kann man so etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf / Zwecke, nicht beilegen; son-dern diesen Begriff nur brauchen, um über die Verbindung der Erscheinungen in ihr nach empirischen Gesetzen, zu reflektieren."**

Einen Naturzweck hat der pp. Geist also nicht. Hat er aber einen immanenten, in seinem Wesen, bevor es in Erscheinung trat, angelegten Zweck, an dem er gar nicht vorbeikann?

Fichte mindestens nimmt einen solchen an: Vom "Vernunftzweck" ist allenthalben die Rede. Wirklich erscheinen Vernunft und Vernünftigkeit überall als das - naturgemäß in sich weiter nicht bestimmbare - Absolutum der Wissenschaftslehre.

Absolutum, aber nicht Obiectivum: daran hält Fichte bis ans Ende fest.°  Richtigerweise, denn was wäre der harte Kern der Vernünftigkeit? Das Sittengesetz, was denn sonst. "Daß das Sittengesetz gar nicht so etwas ist, welches ohne alles Zutun in uns sei, sondern daß es erst durch uns selbst gemacht wird", heißt es aber in der Sittenlehre.*** Kein Rea-le, sondern ein Problem. Man kann es zu einem Postulat wenden. Dann heißt es Idee und ist immer nur, wenn ich ihr gemäß handle. Sie kann überhaupt nur als ein Suchen ange-schaut werden.****

Wird der ganze Kreis der Wissenschaftslehre durchlaufen, findet sich: Die pragmatische Geschichte ist nicht weniger als das vollständige Programm einer Anthropologie.
9. 2. 14

*) Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 222
   
**) Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333f.;
***)System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 192
°) Nein, das hat er nicht getan, ich habe es später mit der gebotenen Gründlichkeit dargestellt. Im Gegenteil hat sein Schwanken in dieser Sache den Boden bereitet für seine dogmatische Wendung nach dem AtheismusstreitNachtrag Mai 2014
****) m. a. W.: auf keinen Fall als ein Überfließen!

Sonntag, 11. Juni 2023

Die Wissenschaftslehre ist nur hintenrum eine Anthropologie.

althaus kommunaltechnik    aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre ist, metaphilosophisch gesprochen, eine aktualistische Fundamen talontologie. Wo sie von Sein spricht, ist immer nur ein (unbedingtes) Gelten gemeint. Es gilt etwas nur in einem, durch einen und für einen Akt. Geltung ist das, was einen Akt a posteriori rechtfertigen oder a priori begründen kann. Mit andern Worten, in der Wis-senschaftslehre ist überhaupt nur von tätigen Subjekten die Rede - sofern sie Subjekte, nämlich tätig sind. Die lediglich leidenden Objekte sind Gegenstand der empirischen ("historischen") Realwissenschaften.

In ihrer Durchführung ist die Wissenschaftslehre Kritik der Vernunft überhaupt: die Rückführung aller Geltungen auf Setzungen. Die setzende Vernunft (nur eine solche 'gibt es') ist das einzige 'Vermögen' der Menschen als solcher, nämlich sofern sie Ich sagen können-wollen-dürfen. Es ist das, was ihnen als Menschen gemeinsam ist, und nicht das, was sie als lebende Personen voreinander auszeichnet. Letzteres ist all solches, worüber die Vernunft nicht zu verfügen hat. So alle ästhetischen Urteile.

Nach dieser Kritik sind alle als vorgegeben begegnende Geltungen in historische Set-zungen aufgelöst und bleibt übrig das Subjekt nackt und bloß: Was immer als gültig überkommen war, ist nach dem Wie und Woher, ist nach den historischen Umständen seiner Setzung zu überprüfen und zu bejahen oder zu verwerfen. Da immer Neues hin-zudrängt, ist es mit dem Überprüfen niemals getan, es hat zu geschehen "in Permanenz". (Doch Manches ist schon nur allzu bekannt.)

Und so herum wird die Wissenschaftslehre dann doch zu einer Anthropologie - und zu einem Hinweis für die rechte Lebensführung. Die aber bleibt ein ewig aktual zu lösendes Problem: die Vereinbarung von unserer mit meiner Welt.*

*) Ich kann mich inzwischen genauer ausdrücken: die ewig aktual zu lösende Frage, bis wohin Vernunft zu reichen hat und wo sie nicht mehr hingehört.
JE 19. Februar 2014


Nota. - 'Bestimmung' setzt einen voraus, der bestimmt.


Samstag, 10. Juni 2023

Vernunft ist die Vergesellschaftung von Zwecken.

                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es tut sich ein neuer Einwurf hervor, und erst nach dessen Beantwortung ist der Leib eines vernünftigen / Wesens vollkommen bestimmt. Nämlich: Es ist behauptet worden: Ich komme gar nicht zum Selbstbewusstsein und könnte nicht dazu kommen außer zu-folge der Einwirkung eines vernünftigen Wesens außer mir auf mich. Wenn es nun gleich von mir abhängt, ob ich dieser Einwirkung mich hingeben wolle oder nicht; ferner, wenn gleich, ob ich überhaupt und wie ich zurückwirken wolle, von mir abhängt, so hängt doch die Möglichkeit dieser Äußerung meiner Freiheit ab von der geschehenen Einwirkung des anderen. 

Ich werde zu einem vernünftigen Wesen in der Wirklichkeit, nicht dem Vermögen nach, erst gemacht; wäre jene Handlung nicht geschehen, so wäre ich nie wirklich vernünftig geworden. Meine Vernünftigkeit hängt demnach ab von der Willkür, dem guten Willen eines Anderen, von dem Zufalle; und aller Vernünftigkeit hängt ab von dem Zufall. So kann es nicht sein: Denn dann bin ich als Person doch nicht selbstständig, sondern nur ein Akzidens eines dritten, und so ins Unendliche.

Dieser Widerspruch lässt sich nicht anders heben als durch die Voraussetzung, dass der andere schon in jener ursprünglichen Einwirkung genötiget, als vernünftiges Wesen ge-nötiget, d. i. durch Konsequenz verbunden sei, mich als ein vernünftiges Wesen zu be-handeln: und zwar, dass er durch mich dazu genötiget sei; also dass er schon in jener ersten ursprünglichen Einwirkung, in welcher ich von ihm abhange [sic], zugleich von mir ab- hängig sei. Aber vor vor jener Einwirkung auf mich bin ich gar nicht Ich; ich habe mich nicht gesetzt, denn das Setzen meiner selbst ist ja durch diese Einwirkung bedingt, nur durch sie möglich. Doch soll ich wirken. Ich soll sonach wirken, ohne zu wirken; wirken ohne Tätigkeit. 
____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der WissenschaftslehreSW Bd. III, S. 73f.


Nota. - Nicht die bürgerliche Gesellschaft wird gebildet, indem schon vernünftige Wesen einander begegnen und auf einander wirken; sondern indem pp. Wesen auf einander wir-ken und zur Gesellschaft bilden, werden sie vernünftig. Denn die gegenseitige Einwirkung geschieht in der Verfolgung je eigener ZweckeVernunft ist die Vergesellschaftung von Zwecken: Es entstehen gemeinsame Zwecke. Das setzt voraus, macht erforderlich ein Vorstellen von Zwecken. Es reicht nicht, Zwecke zu haben, sondern um sie verhandeln zu können, muss man wissen, dass man sie hat.

So kann F. nicht argumentieren, denn es setzt voraus die Begriffe Arbeit, Arbeitsteilung, Tausch und... bürgerliche Gesellschaft. Über all diese verfügt er nicht. Wir müssen uns daher auf eine weitere Verrenkung gefasst machen.
JE, 
27. 4. 18


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Freitag, 9. Juni 2023

Bedingt notwendig.

Stihl024, pixelio.de         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

So gewiss also ein Ich gesetzt werden soll, so gewiss muss ein Nichtich mitgesetzt wer-den. ... 

Es ist etwas für das in unserer Betrachtung sich setzende Ich Vorhandenes. Das sich set-zemde Ich findet es. Es findet es nicht als Produkt seiner Freiheit, sondern der Notwen-digkeit, die aber eine bedingte ist und nur darum stattfindet, weil das Ich sich erst gesetzt hat. ...

Der Begriff des Nichtich ist kein Erfahrungsbegriff, er lässt sich nur aus der Handlung ableiten, durch die es konstruiert wird. Das Nichtich ist ein bloß Gesetztes,* etwas, das durch bloßes Sein bestimmt wird. (Tiefer unten wird der Begriff des Seins aus dem Be-griff der Tätigkeit, der nicht weiter erklärt werden kann, abgeleitet werden.)
_________________________________________________________
J. G. Fichte,
Wissenschaftslehre nova methodoHamburg 1982, S. 37 


Nota. - Die Denkfigur des bedingt-notwendig ist Grund legend für die Wissenschafts-lehre.

Transzendentalphilosophie ist Vernunftkritik. Die Gegebenheit, das Positive, von dem die Wissenschaftslehre ausgeht, ist die Vernunft; die Tatsache, dass seit dem 17. Jahrhundert die Vernünftigkeit aller Verkehrenden als verbindende Grundlage und Bedingung des Ver-kehrs Aller mit Allen gilt.

Die Kritik will wissen, ob und wie die Gültigkeit der Vernunft begründet und gerechtfer-tigt ist. Da sie als einziges Werkzeug selbst nur über die Instrumente der Vernunft verfügt, muss sie gewissermaßen hinter ihren Schatten springen: 'sich selbst bei ihrer Entstehung zusehen'. Um ihr bei ihrem tatsächlichen Aufkommen in der menschlichen Geschichte zuzusehen, ist es zu spät - und wäre seinerseits in den Resultaten verfangen, die sie erst noch rechtfertigen will. Es muss daher im Modell re konstruiert werden, 'wie es gewesen sein muss' - nämlich nicht den kontingenten Tatsachen, sondern dem notwendigen Sinne nach.

Kant hatte begonnen, das Instrumentarium der Vernunft zu inventarisieren. Aber er war bei dem stehen geblieben, was er das Apriori nannte. Fichte ist seinen Weg weiter gegan-gen. Er hat alle näheren Bestimmungen aus der Fortschritten der Vernunft 'rückgängig gemacht' und aus den Vernunftbegriffen abgezogen, um schließlich auf den Schluss-, d. h. den Ausgangspunkt zu stoßen, von dem nichts weiter abstrahiert werden kann - das sich selbst (auseinander) setzende Ich. 

Von da an geht die Reise zurück: Es wird rekonstruiert, 'wie es gewesen sein muss', als das Ich Schritt für Schritt das ganze System der Vernunft aus sich hervorgebracht hat. Es ist keine Konstruktion mit Lineal und Zirkel aus dem terminus a quo, sondern ein Aufsu-chen des rechten Wegs zu einen terminus ad quemDie Notwendigkeit, die hier stattfin-det, ist keine kausale, sondern eine teleologische. Bedingt nicht aus ihrem Ursprung, son-dern auf ihren Zielpunkt hin. Es ist das Paradox einer Notwendigkeit aus Freiheit.

10. 6. 18

*Nota II. - Bloß 'gesetzt' - nämlich dass es da sei, aber nicht 'bestimmt', was und wie es sei.
JE



Donnerstag, 8. Juni 2023

Sittlicher Geschmack und Einbildungskraft.

                               zu Geschmackssachen; zu  Philosophierungen

Als Geschmack ist das ästhetische Vermögen nur urteilend. Produktiv ist es als Einbil-dungskraft. - Schon darum ist es richtig, 'Ästhetik' als Oberbegriff, 'Ethik' als Spezifika-tion aufzufassen, denn die Ethik ist nur urteilend, nur "Geschmack"; allein die Einbil-dungskraft erfindet.
aus e. Notizbuch, 31. 1. 04


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Mittwoch, 7. Juni 2023

Wohin Vernunft nicht reicht und wo die Wissenschaftslehre endet.

                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Unterscheidung von unserer Welt und meiner Welt gehört doch in die Transzendentalphilosophie.

Habe ich den Wald vor Bäumen nicht gesehen? Ist es trivialer, als ich dachte? Wollte er mit der Einführung der Begierde nur dem Umstand Rechnung tragen, dass das 'endliche' Ver-nunftwesen eben nicht nur vernünftig ist, sondern auch leidenschaftlich? Dass es Neigun-gen, Vorlieben und Begehrlichkeiten kennt, von denen die Vernunft nichts weiß? Kurz, dass die Vernünftigkeit der Menschen nicht nur endlich, sondern sogar begrenzt ist, dass sie zu Unserer Welt gehört und in der Meinen schlicht und einfach nichts zu sagen weiß?

In ästhetischen Angelegenheiten wie in allen Geschmacksdingen ist für Vernunfturteile kein Platz. So auch nicht in moralischen, denn Moralität ist nichts als "sittlicher Geschmack", wie Herbart* treffend formulierte. (Und übrigens auch nicht in erotischen). Ein Feld der Ver-nunft ist allerdings das Recht, und auch die Gerechtigkeit ist nicht bloß Privatsache...

Die scheinbar harmlose Rede von den 'endlichen' Vernunftwesen ist aber tückisch. Es ist richtig, dass es keinen logisch hinreichenden Grund gibt, ein un endliches Vernunftwesen für un möglich zu halten. Es reicht aber, wenn das einmal gesagt wird. Die ständige Wieder-holung lässt indes die Nichtunmöglichkeit wie eine Wahrscheinlichkeit oder gar eine Denk-notwendigkeit erscheinen. Und da mag man heimlich im Hinterkopf mit der Idee einer unendlichen Vernunft spielen. Nicht "frag dich, was würde Jesus tun", sondern frag dich, wie würde eine unendliche Vernunft an deiner Stelle urteilen? Und plötzlich hat die Ver-nunft (im Hinterkopf) keine Grenze mehr: Was ich - ohne den Richtspruch der Vernunft einzuholen - darf, erscheint nun als das, was sie lediglich (noch?) nicht verboten hat.

- Das sind nun Mutmaßungen, die am Buchstaben des Textes nicht nachzuweisen sind. Aber aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Tatsächlich geht Fichte von der Allzuständigkeit der Vernunft aus, oder richtiger: geht auf sie aus. Dass aus dem Totalitarismus des Ver-nunftzwecks durch eine Art logischer Rückkoppelung ein Totalitarismus des Vernunftgrun-des wird, liegt nahe. Es wäre eine dogmatische Wendung des Transzendentalphilosophen, doch die sollte Fichte schon kurze Zeit nach Abschluss der Wissenschaftslehre nova me-thodo ausdrücklich vollziehen.

*

Von einer unendlichen Vernunft kann ein endlich Vernünftiger nichts wissen - und folglich nicht vernünftig darüber nachdenken. Die 'endliche' Vernunft ist jedenfalls eine begrenzte, nämlich in ihrer Zuständigkeit. Ihr Reich ist Unsere Welt, und Unsere Welt ist das Reich der Vernunft. Das Reich der Geschmäcker ist ihr nicht zugänglich.

Das heißt nun nicht, dass Unsere Welt ein Reich des größten Nutzens für die größte Zahl wäre. Wenn wir zwar einander nicht auf das Schöne und das Gute verpflichtet sind, so doch auf das Wahre. Dieses ist zwar selber eine Geschmackssache. Aber die darf ich jedem zu-muten, der mit mir in einer Welt leben will: Sie hält mir beide Welten zusammen.

*

Die Unterscheidung von unserer und meiner Welt gehört zur Transzendentalphilosophie, als ihre Grenze.

*) in Allgemeine praktische Philosophie (1808) in: SW Bd. 8, Hamburg 1890, S. 29
1. 5. 15

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Kritisch ist die Alltagsvernunft; Philosophie ist kritizistisch.

permaforet                          zu  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem ...es ist gar nicht wahr, dass die Täuschung, die Dinge...