Sonntag, 4. Juni 2023

Ich würde mir wünschen,...


...dieses Blog würde ein wenig öfter angeklickt. Aber wem soll ich es klagen? Dir, lieber Leser ja nun gerade nicht.

Wenn sich einer auf die unzeitgemäße Idee einlässt, ein eigenes System vorzutragen, darf er nicht erwarten, dass ihm die Herzen nur so zufliegen. Also klage ich auch gar nicht.

Die Kritische alias Transzendentalphilosophie ist aber, sofern sie gelingt, nicht (bloß) 'mein' System, sondern ein Regularium der Positiven Wissenschaften (darum Wissen-schaftslehre): "Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwis-senschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse."*

Ob 'mein System' in sich schlüssig, philologisch konsistent und ein gültiger Beitrag zu zeitgenössischen philosophischen Debatten ist, muss nicht jeden interessieren, das gebe ich ohne weiteres zu. Es könnte aber und - meine ich - sollte auch alle interessieren, die den gegenwärtigen Stand positiver Wissenschaften verfolgen. 

Darum äußere ich mich auf meinem andern Blog - Ebmeiers Umtriebe - zu allgemeinwis-senschaftlichen Fragen. Nicht, weil ich Sachliches beizutragen hätte - manchmal verstehe ich nur mit Mühe, worum es überhaupt geht. Sondern um die Frage zu klären, welche lo-gischen Prämissen den jeweiligen Diskursen als Voraussetzung gelten - ausdrücklich oder gerade auch unausdrücklich. Dafür muss man kein Fachmann sein, und manchmal ist es sogar besser so.

Das, lieber Leser, kann und will ich auch Ihnen ans Herz legen. Wissenschafts lehre dient intra et extra muros.

*) J. G. Fichte,  Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Mittwoch, 31. Mai 2023

Ein wenig Zerstreuung.


Lieber Leser, auf diesem Blog mache ich für ein paar Tage Pause. Ich empfehle Ihnen zwischenzeitlich Ebmeiers Umtriebe.

Jochen Ebmeier


Dienstag, 30. Mai 2023

'Als ob' ist der lange vergeblich gesuchte Stein der Weisen

Harry Potter, Stein der Weisen;       zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Hans Vaihinger hatte ganz Recht: Als ob ist der Schlüssel zu unserer geistigen Existenz. 

Die Dinge der Welt haben zwei Seiten. Die eine ist: wie sie erscheinen. Das ist alles, was unsere fünf Sinne über sie berichten können. Das haben sie 'an sich'. 

Freilich erscheinen sie nur einem oder einem andern. Aber für die, denen sie erscheinen, haben sie auch noch eine Bedeutung. Die haben sie nicht an sich, sondern nur für solche, in deren Leben sie vorkommen; alias erscheinen. Und die müssen mit ihnen, sobald sie erscheinen, "was anfangen". Das, was sie mit ihnen anfangen könnten, ist das, was sie - für sie - bedeuten.

Insofern haben sie für jedes Lebewesen eine Bedeutung, das ihnen begegnet. Allerdings - nur wir Menschen wissen davon. Darum haben wir uns aus den Bedeutungen Begriffe gebildet. Die haben sich im Laufe der Generationen so gut bewährt, dass sie uns in der Vorstellung so erscheinen mögen, als ob sie die Dinge selber wären - und nicht bloß, was sie bedeuten.

Durch unsere Begriffe können wir über die Dinge reden. Das ist ein Sachverhalt, der jemandem erscheinen könnte. Auch über ihn können wir reden. Er ist real, aber sozu-sagen 'in höherer Bedeutung'.


Montag, 29. Mai 2023

Vorstellen ist anschauen 'als ob'.

 St. Peter in Straubing                                        zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Bei der Erinnerung ist es einfach: Ich habe was einmal angeschaut, und in meinem Ge-dächtnis wiederhole ich es so, als ob es eben jetzt geschähe.

Aber ich kann mir manche Sachen vorstellen, die nie zu sehen waren und sich womöglich nie ereignet haben. Dann 'mache ich mir ein Bild' und 'bilde mir etwas ein'. Das kann ich, das kann jeder, und kann mir keiner bestreiten. Aber dieses Bild habe ich ipso facto ge-danklich in das Kontinuum von Raum und Zeit eingesetzt, in dem sie hätten erscheinen müssen, wenn ich sie wirklich anschauen konnte. Das, und nichts anderes, ist der Unter-schied zwischen Einbildung und Wirklichkeit, oder sagen wir genauer: zwischen Mögli-chem und Unmöglichen.

Wie ist es mit den Begriffen? Ein Begriff ist ein bestimmtes Bild: nicht bloß anschaubar, sondern mit einem Zeichen versehen, das es von allen andern unterscheidet und als dieses eine ausweist. Man kann es im Gedächtnis unter manchen gleichartigen Begriffen so ein-ordnen, dass mich der eine an die andern weiterweist und ich in der Regel  alles wiederfin-de, woran ich mich irgendwie erinnere. 

Kann ich sie anschauen als-ob? Wenn ich mein Gedächtnis sehr anstrenge und mich von den dabei unweigerlich auftauchenden andern Bilder nicht ablenken, sondern stattdessen weiterweisen lasse, dann vielleicht. 

Dafür habe ich mir die Mühe des 'Begreifens' aber nicht gemacht, sondern um mir die Arbeit des allfälligen Suchens und Ein-Bildens zu ersparen, indem ich die Zeichen so ver-wende, als ob mir die dazugehörige Anschauung jedesmal vor Augen stünde. Das darf ich, weil ich weiß, dass das Ensemble aller meiner Begriffe und dazugehörigen Vorstellun-gen nicht bloß mein Privatbesitz sind, sondern Bestandteil einer umfassender Gesamtheit, eines Systems von sinnhaften Bezügen von Zeichen und Bildern sind, das vorangegange-ne Generationen über Jahrtausende angeschatzt, aktualisiert und uns überliefert hat. Wir alle, die wir uns einander durch Vernunft verbunden wissen, bedienen uns seiner mit Er-folg - und wo immer Unstimmigkeiten auftreten, versuchen wir, sie mit- und auch mal gegeneinander zu überwinden.

Das ist so banal, dass man es kaum aussprechen mag. 

Nein - das ist es eben nicht; sondern ein Wette, die Tag für Tag tausendmal individuell verlorengeht und die Gattung doch unterm Strich tagtäglich Schritt für Schritt voran-bringt. Eigentlich ist es kühn, dass wir uns beinahe blind und höchstens mit gelegent-lichem Brauchgrimmen auf so ein Risiko einlassen. Die Jungen tun es ganz unbefangen, erst die Älteren zucken resigniert mit den Achseln, doch je älter sie werden, desto weniger werden sie auch. 

Als ob wir tragische Helden wären.


Sonntag, 28. Mai 2023

Das unhintergehbare Reinigungsmittel.

 bing                               zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Vernunft im Gebrauch eines reellen Subjekt in Raum und Zeit - eines wie du und ich - ist nicht positiv und zeigt uns an, was sein soll; sondern ist kritisch und scheidet aus, was nicht zu rechtfertigen ist. 

Vieles, was sein solle, wird allezeit vorgeschlagen. Daran war noch nie ein Mangel. War die Aufgabe stets, auszuwählen, was das beste wäre? Oder nicht vielmehr die, auszuscheiden, was überhaupt nicht in Frage kommt! Das ist der Unterschied zwischen einem kumulati-ven Konsens, der auf Launen und Zufällen beruht und allezeit wanken kann, und der pragmatischen Reduktion im allgemeinen Verkehr, wo überdauert, was sich nicht weiter reduzieren lässt. Das ist Kritik, nämlich wissenschaftliche Überprüfung, deren Grundlage Öffentlichkeit ist und nicht die vorgängige Sympathie derer, die sich sowieso nahestehen. 

Das vernünftige Verfahren ist das universale Reinigungsmittel, Kathartikon, das hinweg-schwemmt, was nicht zu brauchen war. Danach kann man sich den kumulierten Vorlieben der einen und der andern zuwenden. Notfalls kommt das Reinigungsmittel erneut zur An-wendung. 


Samstag, 27. Mai 2023

Vernunft ist das fortschreitende Bestimmen des Unbestimmten.

                                       aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Dem vernünftigen Bewusstsein - fast ist das eine Tautologie - erscheint die Welt als ein virtuell geschlossenes System von Begriffen, die einander wechselseitig bestimmen, indem sie ihre jeweiligen Geltungsbereiche gegeneinander eingrenzen: de-finieren. Dieses Sys-tem ist entstanden und vervollständigt sich weiter durch den Gebrauch; die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel.

Doch geschlossen ist es erst virtuell. Reell stößt die Verwendung im Sprachspiel immer wieder auf Lücken: Die müssen geschlossen werden durch das Einpassen in die Leer-stellen, die das Sprachspiel bislang frei gelassen hatte; einpassen so, dass bisherige Defini-tionen gegebenenfalls justiert werden müssen. (Ist ein ganzer Komplex von Bedeutungen berührt, geschieht ein sogenannter 'Paradigmenwechsel'.) Die - quasi transzendentale - Prämisse bleibt unberührt: Das System ist intakt. Es geht immer nur darum, es auszufül-len.

Denn nur, wenn der Rahmen gewahrt bleibt, ist es überhaupt ein System; nur dann kann erwartet werden, dass aktuell auftretende Lücken von uns gewiss gefüllt werden können, weil 
sie an sich schon gefüllt sind.

*


Das gilt freilich nur für die Begriffe. Wenn das System geschlossen ist, gelten die Begriffe an sich. Oder anders, wenn die Begriffe an sich gelten sollen, muss ich mir das System als geschlossen vorstellen.

Rationell sollte ich aber gar nicht vom System der Begriffe - oder "der Welt" - ausgehen. Rationell muss ich mich an das halten, was ich weiß, und was ich weiß, ist lediglich das, was in meinem Wissen vorkommt. Tautologisch? Nicht, wenn ich mir klarmache, dass in meinem Wissen nichts anderes vorkommt als meine Vorstellungen. Dass ich mir (etwas) vorstelle, ist nun das einzige, was ich nicht bezweifeln kann (weil anders ich auch das Be-zweifeln bezweifeln und... gleich wieder aufhören müsste, nachdem ich kaum angefangen habe). 

Wenn ich zugeben muss, dass ich vorstelle, muss ich annehmen, dass ich es konnte; ich meine: muss, sonst wäre gleich wieder Schluss. Wenn ich es ohne eine andere Vorausset-zung konnte - und das muss ich annehmen, denn ich habe keine weitere Voraussetzung gemacht -, dann muss ich annehmen, dass ich es ohne Voraussetzung können werde; es sei denn, ich stelle mir selber Dinge vor, die zu Voraussetzungen werden, die mich am Fortschreiten hindern. 

Vorstellen ist, nach Fichte, Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Annehmen musste ich: ein Vermögen dazu. Das heißt konventionell IchEs ist selber nicht bestimmt: Das könnte es erst selber besorgen. Wie? Indem es sich Etwas vorstellt. Ist es bestimmt? Das wird man sehen: Lässt es sich bestimmen? Dann kann ich fortschreiten; wenn nicht, dann wäre - hier wiederum Schluss.

Wenn das richtig ist, dann kann das Bestimmen kein Ende finden - und das Bestimmbare schon gar nicht. Denn anders würde die ganze Kette hinfällig, und ihre Prämisse, ihr er-stes Glied: dass Ich Unbestimmtes zu bestimmen vermag. Das System, das ich mir allen-falls vorstellen kann, ist ein System in processu, ein unabgeschlossenes System.

Und wer immer diese Prämisse bestreiten wollte - dass ich zu bestimmen vermag -, wird doch jene andere Prämisse
 - jene andere Seite der Prämisse -, dass es Unbestimmtes gibt, nicht bestreiten können. Das System meiner Vorstellung kann gar nicht abgeschlos-sen werden; und mit jedem weiteren Fortschritt des Bestimmens kann - mag? soll? - eine rückwirkende Umbestimmung der gesamten Kette geschehen.


Summa: Von Einem lässt sich schlechterdings, bei gutem und bei schlechtem Willen, nicht abstrahieren: dass es in der Welt, wie immer wir sie uns denken, teils Bestimmtes, teils Un-bestimmtes gibt. Ein Denken, das sich darauf keinen Reim zu machen weiß, soll sich nicht Philosophie nennen.
27. 12. 16 


Nachtrag I - Das ist die Pointe: dass es in unserer Welt - in der intelligiblen der 'Reihe ver-nünftiger Wesen' - das völlig Unbestimmte gar nicht mehr gibt. Denn hier, wo ich mich schon als einen bestimmen-Sollenden vorfinde, ist alles, was mir begegnet, zumindest als ein Zu-Bestimmendes bestimmt. Vom Bestimmen Abstand nehmen und das noch-Unbe-stimmte als unbestimmt anzuschauen, ist ein willentlicher Akt. Wo er in unserer Welt, der 'Reihe vernünftiger Wesen' geschieht, ist er der ästhetische Akt schlechthin. Er ist eine Abstinenz vom Vernunftgebrauch. 

Eine gewisse Brisanz liegt nun darin, dass auch das sittliche Urteil ein ästhetisches Urteil ist, das auf Willensbestimmungen angewandt wird. Sittliche Urteile folgen nicht aus dem Vernunftgebrauch, sondern gehen ihm, sofern überhaupt ein Zusammenhang bestehen soll, allenfalls voraus.
24. 9. 18


Nachtrag II - Eigentlich ist die Wissenschaftslehre ganz einfach. Die pragmatische Ge-schichte des Geistes geht so: Homo sapiens hat die Welt, auf die er als generisches Sub-jekt einmal gekommen ist, unbestimmt vorgefunden, und ist seither mit Bestimmen be-schäftigt; und wird es bleiben, solange es ihn gibt.
22. 3. 22



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Freitag, 26. Mai 2023

Zwei Wissenswelten.

                                                            aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Man muss die Vernunft als Ganzes auffassen, dann findet kein Widerstreit statt, dann ist die Natur ganz absolut durch sich selbst gesetzt als absolutes Sein, entgegengesetzt nur dem absoluten Ich. Diese Ansicht muss eine Naturwissenschaft nehmen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 240 


Nota. -  Mit der Natur - nämlich allem, was in ihr wirklich vorkommt - beschäftigen sich die Wissenschaften. Sie ist, wie sie ist, und ohne Apriori, das ihr zugrunde läge. Die Ver-nunft nimmt sie so, wie sie ist, und das heißt: nicht anders, als sie erscheint. Die Vernunft ist realistisch. Auch gegenüber der selbstgemachten Geschichte der Menschen, die in ihr vorkommen.

Ansonsten gibt es überhaupt nur die Sphäre des absoluten Ich, und das ist nichts anderes als der Gang, den die Vorstellung genommen hat und nehmen musste, um Vernunft aller-erst hervorzubringen. Der Natur ist sie natürlich, als ihrem Gegenstand, entgegengesetzt und kommt in ihr nicht vor. Sie ist die Sphäre absoluter Tätigkeit.
JE, 14. 6. 19



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Donnerstag, 25. Mai 2023

Schweben und übergehen.

                                                                                                                       zu Philosophierungen

Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunkt; nur die Vernunft setzt etwas Festes, dadurch, daß sie erst selbst die Einbil-dungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt. ... Jenes Schweben eben bezeichnet die Einbildungskraft durch ihr Produkt: sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens, und durch dieses Schweben hervor.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 217

Man werde ferner finden, wird behauptet, dass man sich im Entwerfen des Begriffs vom Ich nicht tätig setzen könne, ohne diese Tätigkeit als eine durch sich selbst bestimmte, und diese nicht ohne ein Übergehen von der Unbestimmtheit oder Bestimmbarkeit zu setzen, welches Übergehen eben die bemerkte Tätigkeit ist
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ders., Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 43

Die Wissenschaftslehre inventarisiert nicht - man kann es nicht oft genug wiederholen - das fertige Reich der Vernunft mit all seinen Begriffen und erwiesenen Schlussregeln, um sie einer nachträglichen Kritik zu unterziehen; sondern will erhellen, wie es zu Stande gekommen ist. Zu Stande gekommen ist es aus dem aktiven Vorstellen, welches eine Agi-lität ist, die sich als Einbildungs- und Urteilkraft zugleich erweist. Den einbildenden Teil nennt Fichte die reale, den urteilenden Teil die ideale Tätigkeit. Die charakteristische Be-wegungsweise der einen ist das Übergehen, die charakteristische Bewegungsweise der an-dern ist das Schweben.

Schweben und Übergehen sind sozusagen die Meta-Vorstellungen, die der Wissenschafts-lehre zu Grunde liegen. Sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich; so dass man sich gar nicht entscheiden mag, welche zu welcher gehört
JE,11. 10. 18



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Mittwoch, 24. Mai 2023

Ein absoluter Anfang ohne Grund.

 nach Dalí

Jenes Übergehen als solches wird angeschaut als seinen Grund schlechthin in sich selbst habend, die Handlung dieser Tätigkeit heißt darum reale Tätigkeit, welche der idealen, die die erste bloß rein abbildet, entgegengesetzt wird; sonach wird die Tätigkeit des Ich in diese beiden Arten eingeteilt. ... 

Die Handlung des sich selbst Setzens des Ich ist ein Übergehen von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit; wir müssen / darauf reflektieren, wie das Ich es macht, um von der Un-bestimmtheit zur Bestimmtheit überzugehen.

Hier gibt es keine Gründe; wir sind an der Grenze aller Gründe. Man muss nur zusehen, was man erblickte. Jeder wird sehen: es gibt keine Vermittelndes. Das Ich geht über, weil es übergeht, es bestimmt sich, weil es sich bestimmt, dies Übergehen geschieht durch einen sich selbst begründenden Akt der absoluten Freiheit; es ist ein Erschaffen aus nichts, ein Machen dessen, was nicht war, ein absolutes Anfangen. ...

Die Tätigkeit, die sich darin äußert, soll heißen reale Tätigkeit; der Akt, durch welchen er sich äußert, ein praktischer; das Feld, worin er sich äußert, das praktische, diesem Akte haben wir zugesehen und sehen ihm noch zu. Die Tätigkeit, womit dies geschieht, soll heißen ideale Tätigkeit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo S. 46f.


Nota. - Aus nichts wird nichts, wird Fichte später, nach seiner dogmatischen Wendung, sagen - wo es nämlich erstmals ausdrücklich um das Woher - und also um Warum und Wozu - der Vernunft geht. 'Gab es' Vernunft, bevor 'das Ich sich setzte', dann war sie der Grund seines Setzens und sie war der absolute Anfang ohne Grund. 

Der Transzendentalphilosoph Fichte hätte diese Darstellung als transzendent und als eo ipso  dogmatisch verworfen. Er hätte vielmehr gesagt: Das sich-Setzen des Ich als das grundlose Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmteren ist selbst der Anfang der Vernunft; nur als ein solches hat das Wort Vernunft überhaupt eine Bedeutung.

*

Die Aufgabe, die die Wissenschaftslehre sich gestellt hat, war nicht das transzendent-dogmatische Projekt, die Welt und alles, was in ihr vorkommt, aus ihren Ursachen zu er-klären, nämlich so, dass aus der Ersten Ursache alles andere mit Notwendigkeit erfolgen musste. Das hatten die metaphysischen Systeme vor Kants kopernikanischer Wende ver-sucht.

Die Transzendentalphilosophie wusste sich damit zu bescheiden, das vorgefundene Fak-tum der Vernunft zu erklären. Sie muss nicht erklären, weshalb ein Ich 'sich gesetzt hat': Es hat es getan, das ist das Faktum, von dem wir ausgehen müssen. Dass das Auftreten der Vernunft in der Welt notwendig war, kann und darf sie gar nicht behaupten, denn dazu müsste sie hinter die Vernunft zurückgreifen - vor den Punkt, als 'es' sie 'gab'. Dazu müsste sie der Vernunft entraten. Die war aber Ausgangs- und Zielpunkt der Transzen-dentalphilophie.

*

Insofern kann man Fichte der Inkonsequenz nicht zeihen. Denn mit seinem Einknicken vor Jacobi und seiner Bereitschaft, den Glauben der Vernunft voranzuschicken, hat er genau das getan: der Vernunft entraten.

JE, 1. 6. 18    

Kann KI sagen, 'wer sie ist'?

  Frage an ChatGTP:    "Natürlich kann KI nicht sagen, 'wer' sie 'ist'. Für sie ist Ich nur ein syntaktisches Erfordern...