Sonntag, 12. März 2023

Das eigentümliche Aroma der Wissenschaftslehre.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Im synthetischen Denken wird ein mannigfaltiges Diskretes gedacht: Als man das sagte, schwebte man über dem synthetischen Denken selbst, es war das Objekt. Jetzt stellen wir uns tiefer in den Standpunkt des synthetischen Denkens selbst, es soll das Subjektive sein, das wir nachahmen; das Mannigfaltige soll jetzt als solches betrachtet werden, nur haben wir immerfort auf die Vereinigungspunkte jedes Denkens mit dem andern [zu] sehen, und so werden wir das synthetische Denken wieder bekommen und werden das, was wir bloß analytisch durchgingen, aus den Teilen wieder zusammensetzen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 193 
 
Nota. - ''Schweben' heißt hier das Verhältnis der zweiten semantischen Ebene zur ersten semantischen Ebene: was die Sprache mit dass kennzeichnet, das Reden "über", metà-. Die Vokabel ist ganz treffend, denn dass es sich um eine 'bloße Form' handelte, kann man doch nicht sagen, es ist schon eine sachliche Bestimmung; aber noch ohne Bestimmung. - Da liegt eine ganze gedachte Welt drin, und man kann sagen, das Schweben sei über-haupt das eigentümliche Aroma der Wissenschaftslehre (aber sie verabscheut das Unge-fähr).
JE 1. 3. 17



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Samstag, 11. März 2023

Begriffen werden keine Dinge, sondern ihre Bedeutungen.

                                                                   aus Philosophierungen

„Die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel.“ – Das ist salopp aus-gedrückt. Um den springenden Punkt zu vertuschen? Die Bedeutung der Wörter bildet sich durch ihre Verwendung im Sprachspiel: Das wäre korrekt. Denn es lässt die Frage offen, wo die Wörter her gekommen sind; oder besser: Es stellt die Frage! Erst das Sprachspiel, dann die Bedeutungen? Oder doch: erst die Bedeutungen, dann das Sprach-spiel?!

Einen Begriff nennen wir ein Wort, dessen Bedeutung durch seine Verwendungen in den Sprachspielen so fest gestellt ist, dass sie in den verschiedensten – na ja, in verschiedenen Sprachspielen fungieren kann. Ob ich nun 'Bedeutung' sage oder 'Verwendung im Sprach-spiel' – dieses bleibt: Beide befinden sich in der Spannung zwischen dem Gehalt – 'inten-sio' – und dem Umfang – 'extensio' – des Begriffs. Wobei die Intensio nichts anderes ist, als was die Scholastiker intentio nannten: 'das, was beabsichtitgt ist, das, worauf abgese-hen wird'. Die Extensio, das ist offenbar der Umkreis der (sinnlich begegnenden) Phä-nomene, die unter die Absicht des Begriffs fallen, die also im Begriff 'mitgemeint' sind. So, dass die Intensio die Qualitäten festlegt, die 'gemeint' sind; und die Extensio die Phä-nomene zählt, denen diese Qualitäten zugesprochen werden. So, dass weiterhin die Zahl der gemeinten Phänomene zunimmt in dem Maße, wie die Zahl der gemeinten Qualitäten abnimmt, und wiederum abnimmt in dem Maße, wie die Intensität (Stärke, Tiefe nicht: Menge!) der jeweiligen Qualität zunimmt. (Und ohne Qualitäten geht es nicht.)

Es reproduziert sich in jedem Begriff die Doppeltheit des Bewusstseins, dass dem sinn-lich Gegebenen eine Bedeutung zu-gedacht wird, und keines ohne das andere gedacht werden kann; also der 'Begriff' (oder das 'Ding', das er 'erfasst') immer in einer Schwebe vorkommt zwischen Umfang und Gehalt.

[vgl. Cassirer]
aus e. Notizbuch; um 2007
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Freitag, 10. März 2023

Das Schweben: Wollen und den Zweckbegriff Bestimmen.

                             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Worterklärungen des Willens sind bekannt genug, z. B. das Wollen ist Denken eines Zweckbegriffs; das erste ist ideales, das letzteres reales Denken. Das Denken des Zwecks ist Übergang der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit; das Denken der Bestimmbarkeit ist ein Schweben zwischen mannigfaltigen entgegengesetzten Reflexionsmomenten. 


Im Denken des Zwecks gehet man eben zum Denken des Bestimmten aus diesem Be-stimmbaren über. Es ist also das Denken des Zwecks ein freies Denken. Die Bestimm-barkeit ist lediglich für mein Denken, und ihre Form ist unfixiertes Schweben zwischen mannigfaltigen entgegengesetzten Reflexionsmomenten; das Wollende ist auch das Den-kende, durch welches zu/erst dieses Schweben fixiert und in einem einzigen Punkt kon-trahiert wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 182f. 


Nota I. - Wirklich ist eigentlich immer nur das Schweben: dasjenige, wo Bewegung ist, wo etwas geschieht; es ist aktuale Tätigkeit. Ein Schweben zwischen Zweien: Die Fixpunkte werden als solche nur gedacht. Denn gedacht - angeschaut und begriffen - werden kann das Wirkliche, das Tätigkeit ist, nur so; nur interpunktiert; nicht als Fluss, sondern in Sprüngen. Hier findet im Denken eine Umkehrung statt: Das Fixe, das nur gedacht wird, kommt dem Denken als das Eigentliche vor; die aktuale Tätigkeit, das "Schweben", als hinzugedachtes Akzidens.

Bestimmt und bestimmbar sind Reflexionsmomente. Real ist das Übergehen vom Einen zum Andern: bestimmen.

15. 2. 17


Nota II. - Was immer mir wirklich begegnet, schwebt: zwischen Bestimmbarkeit und Be-stimmtheit. Ich kann durch aktuelles Bestimmen das Schweben immer nur vorantreiben, aber nicht wirklich Sistieren.
3. 12. 22


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Donnerstag, 9. März 2023

Vorstellen und darstellen.

                            aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Darstellung kann nicht anders als diskursiv verfahren. Aber in der Vorstellung selbst ist alles auf einen Schlag.

Das gilt wohlbemerkt auch empirisch. Zwar müssen wir meistens suchen, um etwas in unserem Bewusstseins-vorrat zu finden; aber dann kommt es uns so vor, als sei es schon die ganze Zeit da gewesen und habe nur dar-auf gewartet, aktiviert zu werden. 

Tatsächlich sind die Verschaltungen zwischen den Neuronen 'schon da' – sie müssen nur noch befeuert werden. Wie steht es da aber mit Fichtes dauernder Versicherung, dass die ideale Tätigkeit 'aus Freiheit' geschehe? Dass ich in meiner Erinnerung nur finde, was ich finden will, kann ich empirisch nicht bestätigen. Ist es einmal da, kann ich jederzeit darü-ber stolpern, da ist mehr Zufall als Freiheit. Aber ob ich einen Wissensgehalt überhaupt erst anlege und ablege, das hängt von mir, und das heißt: von meinem Wollen ab.

Mit dem Darstellen ist es etwas ganz anderes. Ob ich alles wiederfinden werde, wonach ich suche, mag zum Teil Zufall sein. Aber was ich dann an was anknüpfe und wie, das ist Sache meiner Freiheit: der Reflexion. Doch muss ich es in der Zeit vortragen, eines nach dem andern, und so wird es immer ein bisschen so aussehen, als sei das Zweite vom Er-sten verursacht, während sie doch einander gegenseitig bedingen, und dies ohne Vor- und Nachher. Anders könnte die Wissenschaftslehre nicht vom Bestimmten auf das Bestim-mende rückschließen.


*

Es ist ein Missverständnis, dass die transzendentale Betrachtungsweise mit dem Fakti-schen gar nichts zu tun habe. Sie ist nicht dessen Abbildung oder Nacherzählung, das wäre überflüssig. Aber sie ist dessen Sinndeutung, und es wäre sehr merkwürdig,* wenn sie einander gar nicht ähnlich sähen.

*) Warum dieses? Weil auch die diskursive Darstellung nicht 'das Seiende' ausspricht, son-dern immer nur, was es bedeuten soll – freilich nicht selbstreflexiv ausspricht, sondern gegenstandsbezogen, während die Transzendentalphilosophie rekonstruiert, wie die Bedeu-tungen entstanden sein müssen; aber beide handeln von Bedetungen, und von den Bedeutungen der Dinge.
JE
, 18. 12. 15


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Mittwoch, 8. März 2023

Ganz und auf einmal - oder gar nicht.

                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

"Wenn wir zu unserer Hauptaufgabe zurückkehren, so werden wir sehen, dass noch nichts gewonnen ist":* Das hören wir immer wiedermal in seinem Vortrag. Es bedeutet nur, dass das Entwerfen des Gesamtmodells des vernünftigen Bewusstseins nicht Stück für Stück, durch schrittweises Aufhäufen positiv bestimmter Bausteine geschieht, sondern dass spekulativ die Bedingungen aufgesucht werden, unter denen ein Gesamtmodell mög-lich würde; und eine jede gilt nicht für sich, sondern nur unter der Prämisse, dass das Ge-samtmodell wirklich zustande kommt; also hypothetisch, bedingt, "problematisch". 

Sollte am Ende das Gesamtmodell doch nicht gelingen, war alles vergeblich und entfällt. Das heißt: Gültig wird es erst zum Schluss, aber dann 'ganz und auf einmal'. Nicht die Einzelnen begründen das Ganze, sondern das Ganze rechtfertigt die Einzelnen; damit sie es begründen können.
 

Ob etwas aber ein Ganzes ist (d. h. sein soll) oder nur ein Teil, ist Sache der Reflexion - nämlich ihrer ersten und einfachsten Form, der Anschauung.


*) Fichte, WL nova methodo, S. 161 
21. 7. 17

Oder andersrum: Das wirkliche Vernunftsystem, das Gegenstand der Kritik ist und von dem die transzendentale Analyse ausgeht, ist uns als System gegeben. Es begegnet uns auf einmal und mit einem Schlag.

So lässt es sich freilich nicht darstellen. Es besteht virtualiter aus Begriffen und Schluss-regeln; Regeln für das Schließen von Einem auf das Folgende, Regeln für das Aneinander-knüpfen in der Zeit. Denn so, wie es ist, ist das System geworden, historisch. Wenn ich es so darstellen wollte, müsste ich die Begriffe so darstellen, wie sie gewesen sind, bevor sie begriffen wurden.

Das tut die Wissenschaftslehre und das macht ihre Besonderheit aus: Sie demonstriert, wie die Begriffe aus Vorstellungen hervorgegangen sind, sein müssenweil anders sie als gegeben und vom Himmel gefallen vorausgesetzt werden müssten, was entgegen der Aufgabe ist. Auch die transzendentale Rekonstruktion des Systems der Vernunft muss also ein Nacheinander darstellen. Es ist das genetische Nacheinander der Gehalte, in dem das ideale Aus einander so dargestellt wird, als ob es realiter geschehen sei. Im realen Aus- und Nacheinander der Gehalte müsste die Form des Schließens hinzukommen - und mit ihr die Dauer in der Zeit; denn das Schließen ist ein Tun und dauert als solches wirklich; während die Gehalte nur gedacht sind.

Kurz gesagt, das System der Wissenschaftslehre stellt das genetische Auseinander der Ge-halte logisch dar als ein Nacheinander unter Absehung vom historischen Moment der Tä-tigkeit. Es stellt dar eine Zeit ohne Dauer.  

Der Nachteil ist, dass da, wo es noch unfertig ist, nicht einfach weitergebaut werden kann wie das zweite Geschoss aufs erste. Solange nicht alles fertig ist, ist auch kein Teil fertig.

Vorstellen wird als kontinuierlich geschehendes Tun aufgefasst; der Begriff ruht und ist für sich selbst.
28. 4. 19


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Montag, 6. März 2023

Ob es Wahrheit gibt…

                                                            aus Philosophierungen

Die Frage, ob es Wahrheit überhaupt gibt, ist Unfug. Die Antwort darauf wäre, wie immer sie ausfiele, wahr oder unwahr. So kann man nur fragen, weil man sich von der Wahrheit längst eine Idee gemacht – und also die Antwort „in Wahrheit“ schon voraus-gesetzt hat. 

Da ‚es’ Wahrheit also ‚geben’ soll, ‚muß’ sie einen Grund haben. Und der muß sich in unserm Wissen auch auffinden lassen. Nicht so zwar, als ob er darin als eines seiner Stücke selber vorkäme; sondern als das, was übrigbleibt, wenn von allen tatsächlichen Wissensgehalten abgesehen wird: die allgemeine Form des Wissens überhaupt. Formen sind in Zeitlosigkeit geronnene Handlungen, in der Geometrie wie in der Logik. Der Grund des Wissens muß ein ursprünglicher Akt sein, actus purus. Er kann nichts anderes sein als jene ‚Tathandlung’, durch die das wirkliche Erleben sich ‚anschaut’ als eine Anteil-nahme des Einen am Andern – wie an einer Aufgabe. Die Ur-Teilung von Ich und Welt „gibt es“ nur als Problem. Es stellt sich dem, der es sich stellt. Es einem andern andemon-strieren kann er nicht. Aber er kann davon erzählen, als ob es ihm widerfahren wäre, wie einen Mythos: So muß es gewesen sein! Wissen, das darauf „gründet“, bleibt problema-tisch. Daß es einen Sinn gibt in der Welt, ist eine Behauptung, die sich immer erst noch erweisen muß.

Februar 8, 2009

Nachsatz. Wer sich fragt, ob es Wahrheit gibt, muss wenigstens den Verdacht haben, dass ein Satz, den er hört, unwahr sein könnte. Das ist aber dasselbe in grün.  


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Wahrheit ist eine praktische Kategorie.

Rainer Sturm  / pixelio.de                                             aus Philosophierungen

Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qualität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffe, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Sub-jekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 

Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedingungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbe-dingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.


Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Wider-sinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er ge-hoben werde, heisst verlangen, dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmit-telbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik heran-ginge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problema-tisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätzen wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technologisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.
 
*)Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62 
21. 4. 14





Sonntag, 5. März 2023

Der Endzweck muss versucht werden.

                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

...das Handeln mehrerer Vernunftwesen ist eine einzige durch Freiheit bestimmte Kette. Die ganze Vernunft ist nur ein einziges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der ganze Vernunftzweck durch unendlich viele bear-beitet und ist das Resultat von der Einwirkung aller. 

Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher/gehende be-dingt; aber dadurch nicht bestimmt und wirklich gemacht (vide Sittenlehre). Die Freiheit besteht darin, dass aus allen Möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde. 
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 J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232f.



Nota I. - Die Wissenschaftslehre erzählt nicht nach, 'wie es wirklich ist', sondern stellt dar, was in der Vorstellung wirklich vorkommt und weshalb das notwendig ist. Hier steht also sinngemäß: Alles Reden von Vernunft hat einen intelligiblen Sinn nur, wenn man sie so auffasst. Wird der Weg fortgegangen, so wird es eine Kette sein. Aber sie wird aus Frei-heit fortgewirkt. Wenn wir uns also (in der Abstraktion) denken, dass sie einmal an ein Ende käme, so wäre es nicht durch physische Notwendigkeit als Folge seiner Ursache, sondern durch Freiheit als Zweck gesetzt: 'bedingt, aber nicht bestimmt'. Die Freiheit hätte an jedem Punkt auch andere Möglichkeiten wählen und andere Teile anfügen kön-nen. Der 'Endzweck' wäre ein anderer geworden.

Wenn Hans Vaihinger die Wissenschaftslehre nova methodo gekannt hätte, wären ihm die Augen übergegangen und er hätte auf seine dickleibige Philosophie des Als Ob achsel-zuckend verzichtet. Und wenn Fichte seinen Weg nova methodo 'zuende gegangen' wäre, hätte er sich nie auf die dogmatische Auffassung eines Realabsoluten und eines gegebe-nen Endzwecks der Vernunft einlassen können.
 
12. 10. 17

Nota II. - Ließe sich daraus folgern, dass alles, was auch immer in unserer Geschichte vorkam, zu seiner Zeit vernünftig, nämlich ein notwendiges Glied des problematisch pro-jizierten Vernunftzwecks gewesen ist? Vernünftig ist das Handeln nach selbstgesetzten Zwecken: aus Freiheit. Freiheit bedeutet nicht, dass kein Irrtum möglich ist; wie auch das? Wenn das Handeln die Zwecke, die gesetzt waren, nicht realisiert, sondern Folgen zeitigt, die nicht als Zwecke gesetzt waren und aus Freiheit nicht wählbar wären, so wird die Ver-nunft neu und anders wählen.
 
Es heißt hier nicht, wie bei Hegel, das Wahre sei das Wirkliche. Der Weg der Vernunft in der Geschichte ist keine aufsteigende Linie, wie könnte er? Das Kriterium ist noch nicht, dass die Zwecke aus Freiheit gesetzt waren; das ist erst die notwendige Bedingung. Sondern, ob sie durch vernünftiges Handeln in der sinnlichen Welt realisiert werden. Da geht es um praktisches Bestimmen. Das mag immer scheitern, sei's am Widerstand der sinnlichen Welt, sei es an falschen Begriffen. Ob oder ob nicht ist keine Sache theoretischer Vorhersehung, sondern des wirklichen Versuchs.

Es geht zuerst einmal um die Bedingung: aus Freiheit. Doch was aus der Freiheit gemacht wird, ist, worauf es am Ende ankommt. Und die Frage ist immer konkret.

JE, 11. 4. 10



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Samstag, 4. März 2023

Wie ich mich nennen könnte.

 R. Burri                                                         aus Philosophierungen

Wer im philosophischen Feld eine Auffassung vertritt, wird gefragt, in welche Kategorie er sie einordnen will. Es gibt -ismen wie Sand am Meer, einer wird auch für ihn sich fin-den. Äußerstenfalls fügt er ein Beiwort an, um die Differentia specifica anzuzeigen.

Bevor ich verkünden kann, zu welchem Ergebnis ich gekommen bin, muss ich darlegen, wie ich verfahren bin. Da muss ich sagen: Mein Verfahren ist problematisch-pragma-tisch; doch ohne Erläuterung klingt das wie Larifari. 

Hier die Erläuterung: 

Problematisch ist eine Bestimmung, die unter einer Bedingung gilt. Kategorisch wird sie erst, sobald die Bedingung gegeben ist.

Wahrheit ist eine Bestimmung, die unter der Bedingung gegeben ist, dass sie ohne Bedin-gung gilt.

Das ist eine Bedingung, die nicht gegeben sein kann, sondern, wenn überhaupt, gege-ben werden müsste, in einem normativen Akt: So soll es sein. Es ist daher eine pragma-tische Bedingung, sie muss erst gemacht werden.

Wer sie behauptet, riskiert, dass er sich rechtfertigen soll.

Und natürlich bin ich 'so verfahren' nur, wenn ich es rückwärts betrachte: Es ist das Verfahren, das nach Abzug der Irrungen übriggeblieben ist. Es hat sich gefunden.

19. 2. 19 

Freitag, 3. März 2023

...geht vom Glauben an ein Absolutes aus.

                                         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Inwiefern sonach das Wollen ein Absolutes und Erstes ist, ist es schlechthin nicht aus dem Einflusse eines Etwas außer dem Ich, sondern lediglich aus dem Ich selbst zu er-klären; und diese Absolutheit desselben wäre es, die nach Abstraktion von allem Fremd-artigen übrigbliebe.


Anmerkung


Dass das Wollen in der erklärten Bedeutung als absolut erscheine, ist Faktum des Be-wusstseins: Jeder wird es in sich selbst finden, und es lässt sich keinem von außen beibrin-gen, der es nicht schon weiß. Daraus aber folgt nicht, dass diese Erscheinung nicht selbst wieder erklärt und abgeleitet werden müsse, wodurch die erscheinende Absolutheit wieder erklärt würde und aufhörte, Absolutheit zu sein, und sich die Erscheinung derselben in Schein verwandelte: - gerade so, wie es allerdings auch erscheint, dass bestimmte Dinge in Raum und Zeit unabhängig von uns da sind, und diese Erscheinung in einer transzenden-talen Philosophie doch weiter erklärt (nur nicht ... in Schein verwandelt) wird. 

Es wird zwar niemand eine solcher Erklärung des Wollens aus etwas anderem zu geben noch irgend ein verständliches Wort zu diesem Behufe beizubringen vermögen; wenn er aber behauptet, dasselbe könne dennoch einen uns freilich unbegreiflichen Grund außer uns haben, so hat eine solche Behauptung freilich nicht den geringsten Grund für sich, es ist aber auch kein theoretischer Vernunftgrund dagegen. 

Wenn man sich nun doch entschließt, diese Erscheinung nicht weiter zu erklären und sie für absolut unerklärbar, d. i. für Wahrheit und für unsere ein[z]ige Wahrheit zu halten, nach der alle andere Wahrheit beurteilt und gerichtet werden müsse, - wie denn eben auf diese Ent-schlie-/ßung unsere ganze Philosophie aufgebaut ist - so geschieht dies nicht zufolge einer theoretischen Einsicht, sondern zufolge eines praktischen Interesse: Ich will selbst-ständig sein, darum halte ich mich dafür. Ein solches Fürwahrhalten ist aber ein Glaube. 

Sonach geht unsere Philosophie aus von einem Glauben, und weiß es. Auch der Dogma-tismus, der, wenn  er konsequent ist, die angeführte Behauptung macht, geht gleichfalls von einem Glauben aus (an das Ding an sich); nur weiß er es gewöhnlich nicht. ... Man macht in unserem System sich selbst zum Boden seiner Philosophie, daher kommt sie demjenigen bodenlos als vor, der dies nicht vermag; aber man kann ihn im voraus versi-chern, dass er auch anderwärts keinen Boden finden werde, wenn er sich diesen nicht verschaffe, oder mit ihm sich nicht begnügen wolle.

Es ist notwendig, dass unsere Philosophie dies recht laut bekenne, damit sie doch endlich mit der Zumutung verschont werde, den Menschen von außen anzudemonstrieren, was sie selbst in sich erschaffen müssen.

______________________________________
J. G. Fichte, System der Sittenlehre..., SW IV, S. 25f.  

 

Nota. - Es ist diese Verfahrensweise, die ich andernorts als die problematisch-pragmati-sche bezeichnet habe. Was F. hier einen Glauben nennt, ist eine als problematisch aufge-fasste Prämisse, die erst noch durch Praxis bewährt werden muss.
4. 9. 21

Nota II. - Das ist von allen Kernstücken der Wissenschaftslehre das kernigste. Aber erst im Nachhinein bei der Darstellung des vollständigen Systems! Insofern ist es missver-ständlich, wenn er sagt, dass die Wissenschaftslehre von einem Glauben ausgehe: Sie hatte ja das Wollen als das Wesen des Ichs am Schluss ihres ersten, analytischen Gangs aufge-funden; erst ihrem zweiten, synthetischen und (re)konstruierenden Gang legt sie ihn zu Grunde und 'geht von ihm aus'.
JE


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Donnerstag, 2. März 2023

Gott ist problematisch.

                                                                          aus  Philosophierungen

Die zunächst vorliegende Frage ist: Woher kommt uns dieser Begriff? Er ist kein hypo-thetischer Begriff, um irgend andere Sätze zu unterstützen, sondern er ist als für sich (ab-solut) bestehend gedacht, wiewohl doch auch nicht ausgesprochen, als ob dadurch ein solches Wesen existiere. Der Begriff ist problematisch. 
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Immanuel Kant, Opus Postumum, 1. Konvolut, S. 036


Nota I. -
 Der Begriff ist denkbar. (Was gedacht wird, ist Begriff.) Was wirklich ist, muss ich denken können. Nicht alles, was denkbar ist, ist wirklich. Der Vernunftmensch unter-scheidet das eine vom andern. Nicht das Wirkliche ist ein Problem (gr. Aufgabe), sondern der Begriff.

Wie kommen wir zu der Annahme, dass unsern Begriffen etwas entspricht, das auch da wäre, wenn wir es nicht begriffen? Das ist die Eingangsfrage der Wissenschaftslehre


Bleiben übrig die Begriffe, von denen ich nicht annehme, dass ihnen etwas Wirkliches entspricht. (Nicht gemeint sind Wahnideen: Der sie hat, wähnt, dass ihnen etwas Wirkli-ches entspricht. Der Vernünftige geht davon aus, dass sich das überprüfen lässt; das nennt er Kritik.) Begriffe, die lediglich denkbar sind, heißen NoumenaSie sind 'Grenzbegriffe von nur negativem Gebrauch'. Sie dienen dem Denken, die Grenzen des sinnlich Erfahr-baren zu ziehen; z. B. das 'Ding an sich'.

"Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht Objekt unserer sinnli-chen Anschauung ist, indem wir von unserer Anschauungsart desselben abstrahieren: so ist dieses ein Noumenon im negativen Verstande. Verstehen wir aber darunter ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere Anschauungsart an, nämlich die intellektuelle, die aber nicht die unsrige ist, von welcher wir auch die Möglich-keit nicht einsehen können, und das wäre das Noumenon in positiver Bedeutung." I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, 
B 360

Was Kant unter intellektueller Anschauung versteht (bei Fichte bedeutet es ganz etwas anderes), wäre die Anschauungsweise Gottes selbst. 

 26. 9. 18


Nota II. - Kategorisch ist ein Satz, der unter allen Umständen gilt. Hypothetisch ist ein Satz, der möglicherweise gilt: Er muss erst noch geprüft werden. Problematisch ist ein Satz, der nur unter bestimmten Bedingungen gilt. Fichte benutzt das Wort in einem semantisch engeren Sinn: für einen Satz, dessen Bedingung vom erkennenden Subjekt erst selber noch ('actu') zu realisieren ist.

Ein Ding, das ich sinnlich wahrnehme, ist ein Phainomenon. Denke ich es ohne meine ode irgendjemandes Wahrnehmung und also an sich,  wird es zu einem Noumenon, frei-lich nur in dem negativen Sinn, dass ich es lediglich denken kann. 'Positiv' würde man sie nennen können, wenn sie von einer höheren Intelligenz angeschaut würden; doch davon könnten wir nichts wissen.
 JE,


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Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake              zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Soweit die reine Form, die ökonomische Seit...