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Dienstag, 23. April 2024

Der Begriff ist der metaphysische Pferdefuß und das Medium seiner Kritik.

Toma-Volk, Guinea                                                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Rede ist wie immer von der Vorstellung. Nicht die Dinge unterscheiden sich von ein-ander, sondern ein Vorstellender unterscheidet. Einen Unterschied zwischen Vielen nehme ich als Mannigfaltigkeit wahr. Den Unterschied zwischen Zweien nehme ich wahr als Ge-gensatz; zum Gegensatz wird ein Unterschied, indem ich auf ihn reflektiere: ihn mir als sol-chen zu Bewusstsein bringe. Reflektiere ich auf Eines im Unterschied zu Vielen, setze ich das Eine zu Allem Andern als einem Totum in einen Gegensatz.

Wenn das Ich sich selber wahrnehmen soll, muss es sich von sich unterscheiden. Wenn es darauf reflektiert, setzt es sich sich-selbst entgegen. Wenn das Ich, das wahrnimmt, auf das Ich blickt, welches es wahrnehmen soll, findet es dieses als schon da seiend vor. Findet es sich vor als tätig, so nur, indem es sich einen Zustand voraus-setzt, in dem es ruhend war.

Ruhend heißt: außerhalb des Zeitverlaufs; bloß im Raum heißt: als reine Form der Tätigkeit. - Es ist überhaupt nur dieses Vermögen, ein Tun 'als ruhend', als bloße Form aufzufassen und zum Begriff zu bilden, das die Vorstellung von einem An sich - des  Phänomens als Noumenon - möglich macht. Im Vorstellen ist das Ich allenthalben tätig. Wo es sich als sich begreift, begreift es sich als seinem Tätigsein vorausgesetzt. Der Begriff ist das Gedanken-bild des Phänomens, nicht mehr und nicht weniger, und als solches steht er außerhalb von Raum und Zeit - und ist ganz selbstgenügsam "an sich". Der Begriff ist die Falle der Vor-stellung. Im Begriff erscheint dem Vorstellenden das, was er sich vorstellt, als ihm voraus-gesetzt. Er ist der metaphysische Pferdefuß, er ist der harte Kern alles Dogmatismus'. 

Er ist allerdings auch das scharfe Messer der Kritik. Er markiert die Unterschiede - s. o. - und verhindert, dass alles unter einen Hut kommt. Er ermöglicht die Frage nach dem Grund und berechtigt zur Abweisung der Mystifikationen. Er ist das Medium des dialek-tischen Scheins so wohl, als das Medium seiner Zerstreuung.
JE, 14. 10. 18

Montag, 5. September 2022

Ist das Absolute nur eine Flause?

Gedankending atheistbible                                               zu Philosophierungen

Dass dem Absoluten wie dem Wahren überall mit Skepsis begegnet wird und man es vor-sorglich, um ihm ja nicht auf den Leim zu gehen, mit Hohn und Spott überzieht, ist wohl verständlich, es hat schon zuviel Schaden angerichtet. Doch verdankt sich die heilige Scheu ebendemselben metaphysischen Pferdefuß wie die vormalige Vergötzung.

Es liegt doch auf der Hand, dass das Absolute (wie das Wahre) nur ein Gedankending sein kann, das auf Wirklichkeit keinen Anspruch erhebt. Wirklich sind Dinge in Raum und Zeit, sie sind erfahrbar, denn sie leisten meinen Absichten ganz eigensinnige Wider-stände. Das tun Gedankendinge nicht. Weder sind sie erfahrbar noch leisten sie Widerstand. Nur darum, ganz allein darum können sie absolut sein und nicht nur relativ: nicht im Verhältnis stehen zu irgendetwas außer ihnen; nicht in einen Begriff gefasst werden – denn das hieße, sie zu andern Begriffen ins Verhältnis setzen.


Gedankendinge können nicht sein, sondern lediglich gedacht werden. Ob, wann und in welcher Hinsicht sie gedacht werden sollen, zeigen sie selber nicht an, es ist kein 'Merk-mal' an ihnen. Es ist immer eine Sache eines Urteils, und das ist in jedem Fall wirklich, es ist wahr oder unwahr, und das ist wiederum Sache eines Urteils, und so weiter. Aus dem Denken kommen wir so nie heraus und in die Wirklichkeit hinein. Das geschieht immer erst, wenn ich meinem Urteil gemäß zu handeln beginne, denn das geschieht nur in der Wirklichkeit. Oder auch: Nur Handeln ist wirklich. Gedankendinge werden nur vorge-stellt, und das ist unabhängig davon, ob ich mir einen Begriff davon machen kann.

Man kann daher sagen, das Wahre und das Absolute (das Wahre ist das absolut Geltende) seien begriffslose Phantasiegebilde. Doch liegen sie als Vorstellung einem jeden Urteil zu Grunde, denn es wäre keins, wenn es nicht Anspruch auf Wahrheit und Teilhabe am ab-solut Geltenden erhöbe. Wer darüber lacht, lacht über sich und die ganze Welt. Denn Eure nur relativen Wahrheiten sind relativ zur ganzen Wahrheit, und ohne dies wären sie gar nicht.
1. 2. 16



Mittwoch, 12. Februar 2025

Der Begriff und sein dogmatischer Schein.

  Toma-Volk, Guinea                                                   aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Um mich selbst als mich selbst wahrnehmen zu können, müsste ich mich schon als gesetzt voraussetzen. 

Zu der Tätigkeit, mit der ich mich setze, ging ich über von einer Ruhe, Untätigkeit, die ich der Tätigkeit entgegensetze. Anders konnte man die Vorstellung der Tätigkeit nicht bemer-ken; sie ist ein Losreißen von einer Ruhe, von welcher zur Tätigkeit übergegangen wird. Al-so nur durch Gegensatz war ich vermögend, mir meiner Tätigkeit klar bewusst zu werden und eine Anschauung derselben zu bekommen.

Handeln ist gleichsam Agilität, Übergehen im geistigen Sinne, dieser Agilität wird im Be-wusstsein entgegengesetzt ein Fixiertsein, ein Beruhen. Umgekehrt kann ich mir auch der Ruhe nicht bewusst werden, ohne dass ich mir der Tätigkeit bewusst bin. Man muss daher beide zugleich ansehen, um eine von beiden einzeln ansehen zu können. Nur durch Gegen-satz ist ein bestimmtes klares Bewusstsein möglich. Wir haben es hier aber nicht mit diesem Satze überhaupt, sondern mit dem einzelnen bestimmten Falle zu tun, der hier in Frage kommt.
 

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, / in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes. Es bleibt keine Tätigkeit mehr, es wird ein Produkt; aber nicht etwa ein anderes Produkt, als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor der Tätigkeit des Ich vorherging; sondern bloß das Handeln wird dadurch, dass es ange-schaut wird, fixiert. So etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht. 

In dieser in sich zurückgehenden Tätigkeit, als ruhend angeschaut, fällt Subjekt und Objekt zusammen, und dadurch entsteht das Positive, Fixierte. Dieses Zusammenfallen beider, und wie dadurch die Anschauung in einen Begriff verwandelt wird, lässt sich nicht anschauen, sondern nur denken. Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen. Dies bestätigt die oben aufgestellte Theorie des Bewusstseins.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 32f.


Nota. - Die Rede ist wie immer von der Vorstellung. Nicht die Dinge unterscheiden sich von einander, sondern ein Vorstellender unterscheidet. Einen Unterschied zwischen Vielen nehme ich als Mannigfaltigkeit wahr. Den Unterschied zwischen Zweien nehme ich wahr als Gegensatz; zum Gegensatz wird ein Unterschied, indem ich auf ihn reflektiere: ihn mir als solchen zu Bewusstsein bringe. Reflektiere ich auf Eines im Unterschied zu Vielen, setze ich das Eine zu Allem Andern als einem Totum in einen Gegensatz.

Wenn das Ich sich selber wahrnehmen soll, muss es sich von sich unterscheiden. Wenn es darauf reflektiert, setzt es sich sich-selbst entgegen. Wenn das Ich, das wahrnimmt, auf das Ich blickt, welches es wahrnehmen soll, findet es dieses als schon da seiend vor. Findet es sich vor als tätig, so nur, indem es sich einen Zustand voraus-setzt, in dem es ruhend war.

Ruhend heißt: außerhalb des Zeitverlaufs; bloß im Raum heißt: als reine Form der Tätigkeit. - Es ist überhaupt nur dieses Vermögen, ein Tun 'als ruhend', als bloße Form aufzufassen und zum Begriff zu bilden, das die Vorstellung von einem An sich - das Noumenon zum Phänomenon - möglich macht. Im Vorstellen ist das Ich allenthalben tätig. Wo es sich als sich begreift, begreift es sich als seinem Tätigsein vorausgesetzt. Der Begriff ist das Gedan-kenbild des Phänomens, nicht mehr und nicht weniger, und als solches steht er außerhalb von Raum und Zeit - und ist ganz selbstgenügsam "an sich". Der Begriff ist die Falle der Vorstellung. Im Begriff erscheint dem Vorstellenden das, was er sich vorstellt, als ihm vor-ausgesetzt. Er ist der metaphysische Pferdefuß, er ist der harte Kern alles Dogmatismus'. 

Er ist allerdings auch das scharfe Messer der Kritik. Er markiert die Unterschiede - s. o. - und verhindert, dass alles unter einen Hut kommt. Er ermöglicht die Frage nach dem Grund und berechtigt zur Abweisung der Mystifikationen. Er ist das Medium des dialek-tischen Scheins sowohl als das Medium seiner Zerstreuung.
JE, 14. 10. 18

Mittwoch, 6. September 2023

Wissenschaftslehre und Phänomenologie.

 th.bing                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Noch in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es ein lebendiges phäno-menologisches Schrifttum. Dass eines Tages Philosophie auf die komplementär sterilen Lager von 'kontinentalen' Historikern und transatlantisch-'systematischen' Begriffsatomi-sten reduziert sein würde, hat man sich nicht träumen lassen. Bevor die Verheerung des postmodernen hereinbrachen, meinte man unbefangen, dass es der Philosophie um Wahr-heit zu tun sei. Seither begnügen sich die einen mit definitorischen, die andern mit philo-logischen Mikrologien, und wer etwas verstehen will, bleibt mit seinem Durst allein. Da sollte eine Wiederbelebung phänomenologischen Denkens heilsam sein.

Das Hauptverdienst der phänomenogischen Schule war, Wissen als einen intentionalen Akt und nicht als räsonnierende Empfängnis aufzufassen. Das macht ihre Nachbarschaft zur Transzendentalphilosophie aus. Der Unterschied liegt in der Enge ihres Horizonts und der Arglosigkeit ihrer Verfahren - eins folgt aus dem jeweils anderen. 

Transzendentalphilosophie beginnt als Kritik - nicht als Herumdoktern an den Elementen vorliegenden Wissens, sondern als Erwägung der Vernunft selbst. Die Phänomenologie - die so heißt, weil sie die Erscheinungsweisen des Bewusstseins zu ihrem Gegenstand macht - zieht von den uns gegebenen Begriffen all das ab, was an ihnen zufällig sein und also in je besonderen Erfahrungen gegründet sein könnte, um Schritt für Schritt in eideti-scher Reduktion den originären Wesenskern freizulegen. Je mehr Einzelbestimmungen vom Begriffsphänomen abgezogen werden, umso mehr verblasst die Begrifflichkeit selbst und umsomehr Bild muss an ihre Stelle treten. Am Ende steht die Wesens-Schau, deren großer Mangel dar-in liegt, dass sie nicht mitgeteilt werden kann, weil sie keine Worte mehr hat.

Dieser Mangel ist irreparabel. Wenn restlos alle Begriffe der reduktionellen Kur unterzo-gen wären, könnte man sich doch immer noch nicht auf sie verständigen und keiner hätte etwas gewonnen. 

Das immerhin ist der Anspruch der 'systematischen' Sprachanalytiker: dass am Ende alle erdenklichen Begriffe unmissverständlich definiert, und etwelche Meinungverschieden-heiten eo ipso unmöglich geworden wären.

An der Stelle spätestens stößt die dogmatische Prämisse auf, die die Phänomenologen mit den Sprachanalytikern teilen: die Annahme atomarer Sinn-Kerne als letztendlichem Ur-sprung der in den "Sprachspielen" tatsächlich verwendeten Begriffe.

Als Edmund Husserl vor ziemlich genau hundert Jahren die platonischen Konsequenzen seines Systems unter die Nase gerieben wurden, brach er seine diesbezüglichen Spekula-tionen ab. Das eigentliche Problem hätte an diesem Punkt aber erst begonnen: Wie hätten es diese an-sich-seienden eidoi wohl angestellt, in die Intentionalität wirklicher histori-scher Subjekte einzusickern? (Wittgenstein dagegen haben systematische Fragen nie ge-kratzt.)

Der Pferdefuß war, dass die Phänomenologie bei den Begriffen als Erscheinungweisen des Bewussstseins angefangen hat. Erscheinungsweise des Bewusstseins ist die ganze Vernunft selber. Sie ist das Phänomen, das es zu analysieren gilt, nicht ihre verstreuten Moleküle. 

Kant hat damit begonnen, aber weiter als bis zum "Apriori", den zwölf Kategorien und den beiden Anschauungsformen, ist er nicht gekommen. Fichte wollte mit der Wissen-schaftslehre den Rest besorgen, doch fertig ist auch er nicht geworden und ist kurz vor Schluss sogar vom Wege abgekommen. 

Vorgedrungen war er bis zum Ursprung: dem Ich, 'das sich selbst setzt, indem es sich ein/em Nicht-Ich entgegensetzt'. Eine andere Bestimmung kann ihm nach vollständiger analytischer Reduktion nicht mehr zugerechnet werden, als die, zu wollen - denn ohne dies hätte es nie anfangen können.

Aus dieser einen und einzigen Prämisse muss der ganze Entwicklungsgang der Vernunft rekonstruiert werden können, und wenn dies gelingt, ist sie wohl nicht bewiesen, aber immerhin so weit gerechtfertigt, dass sie dem Ganzen als Postulat zu Grunde gelegt wer-den kann. Diese Rekonstruktion ist der Wissenschaftslehre, unerachtet einiger weniger Lücken und einzelner Abwege, gelungen. 

Und seien Sie versichert: Psychologie war dabei an keiner Stelle vonnöten.

So konnte Reinhard Lauth, der Herausgeber der Fichte-Gesamtausgabe, denn sagen: die Phänomenologie habe zur Erkenntnis 'nichts beigetragen, was nicht die Transzendental-philosophie früher und besser ausgesprochen hat'.

Kommentar zu Phänomenologie des Bewusstseins oder Psychologie?, 16. Februar 2022


Nota.
 
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 28. April 2026

Das Eine Prinzip.

 Bernd Kasper;   zu Wissenschaftslehre - die fast vollen...

Ich kann – dies liegt in meinem Denken – von dem einen Prädikate zu dem andern nicht fortgehn, sie nicht zueinander zählen und sammeln, ohne etwas Daurendes, welchem diese Prädikate insgesamt zukommen, voraus zu setzen; es eben gerade durch dieses Denken zu erzeugen: ob ich [es] gleich, eben weil ich es dem Zusammenhange und den Gesetzen des Denkens nach mit Notwendigkeit erzeuge, nicht für mein Produkt ansehe.   
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 170] 
 
 
Nota. -  Das Prinzip wird voraus gesetzt und nicht hernach heraus gefunden. Das ist der dialektische Pferdefuß: A posteriori voraus gesetzt. 
JE 
 
 
 
 

Ist die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie?

Gerrit Dou                                                                                                  aus M...