Sonntag, 18. Januar 2026

Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist.

  M. Pugliese                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist.
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 7

Das Ich ist im ersten, analytischen Gang der Wissenschaftslehre auf gefunden worden als al-lererste Bestimmung auf dem Weg zu dem vor gefundenen Gegenstand der Vernunftkritik. 

Da sie auffindbar war, muss sie gesetzt worden sein. Von wem? Von einem Sich-selbst-Set-zenden; denn wäre es dies nicht, sondern von einem andern gesetzt, hätte der seinerseits aufgefunden werden müssen. Das Sichselbstsetzende muss also als eine ursprüngliche prä-dikative Qualität gedacht werden, der Fichte den Namen Wollen gab.

Dem reinen Wollen kann keine weitere Bestimmung zuerkannt werden als tätigsein wollen. Es würde in unendliche Weite zerfließen, wenn es nicht auf etwas stieße, das es begrenzte - definierte - und gleichsam 'auf sich selbst' zurückstieße: auf ein Bestimmbares; ohne dieses kein Bestimmtes. 

Und so fort ins Unendliche. Nichts Bestimmtes gäbe es ohne dies, kein Ding und keine Welt. 

Und nur, was etwas bestimmt, bestimmt ipso facto sich selbst - zu dessen Anderen.  

Bedenke: In unserm Wissen kommen keine Sachen vor, sondern nur Vorstellungen.  

 

Samstag, 17. Januar 2026

Verwertung ist zugleich Entwertung.

akquise-coach                                      aus Marxiana

Genau betrachtet erscheint nämlich der Verwerthungsprocess des Capitals – und das Geld wird nur zu Capital durch den Verwerthungsprocess – zugleich als sein Entwerthungspro-cess, its demonetisation. Und zwar nach doppelter Seite hin. Erstens, soweit das Capital nicht die absolute Arbeitszeit vermehrt, sondern die relative nothwendige Arbeitszeit ver-mindert durch / Vermehrung der Productivkraft, reducirt es die Productionskosten seiner selbst soweit es als bestimmte Summe von Waaren vorausgesezt war, seinen Tauschwerth: 

Ein Theil des bestehnden Capitals wird beständig entwerthet, durch Verminderung der Productionskosten, zu denen es reproducirt werden kann; nicht Verminderung der Arbeit die in ihm vergegenständlicht ist, sondern der lebendigen Arbeit, die nun nöthig ist, um sich in diesem bestimmten Product zu vergegenständlichen. 
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K. Marx,
Grundrisse, MEGA II/1.2 S. 315f. [MEW 42, S. 316]  


Nota. - Der Wert ist nicht eine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine Geltung, die ihm gesellschaftlich zugerechnet wird. Denn der Wert bemisst sich nicht nach dem Quantum Arbeit, das gestern tatsächlich in dem Produkt vergegenständlicht wurde, sondern an dem Arbeitsquantum, das nötig wäre, wenn er heute neu hergestellt werden müsste. Es geht beim Wert nämlich nicht um wirkliche, von diesem oder jenem lebendigen Arbeiter tatsächlich an einem Stück Materie geleistete Arbeit, sondern wiederum nur um das Quan-tum Arbeit, als das es gilt: um die gesellschaftlich notwendige Arbeit; denn wenn der wirk-liche Arbeiter auch eine Dreiviertelstunde daran gearbeitet hat, so gilt sie nur als eine halbe Stunde, wenn dieses Werkstück im gesellschaftlichen Durch
schnitt von einem durchschnitt-lichen Arbeiter in einer halben Stunde hergestellt werden kann. Und ist über Nacht die durchschnittliche, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für dieses Produkt entsprechend gesunken, dann gilt die Dreiviertelstunde tatsächlich geleisteter Arbeit womöglich nur als 20 Minuten. – Und das ist keine Phantasie, sondern gesellschaftlich wirklich: Der Arbeiter dürfte recht bald arbeitslos werden.
JE
8. 11. 15

  

Freitag, 16. Januar 2026

Die Kontinuität des Produktionsprozesses, die Zirkulation und die Notwendigkeit des Kredits.

rainerjensen                                                       aus Marxiana  

Aus allem Gesagten geht hervor, daß die Circulation als wesentlicher Process des Capitals erscheint. Der Productionsprozeß kann nicht von neuem begonnen werden vor der Ver-wandlung von Waare in Geld. Die beständige Continuität des Processes, das ungehinderte und flüssige Uebergehn des Werths aus einer Form in die andre, oder einer Phase des Pro-cesses in die andre, erscheint als Grundbedingung für die auf das Capital gegründete Pro-duction in einem ganz andren Grade als bei allen frühren Formen der Production. 

Andrerseits, während die Nothwendigkeit dieser Continuität gesezt ist, fallen die Phasen der Zeit und dem Raum nach aus einander als besondre gegen einander gleichgültige Processe. Es erscheint so zufällig für die auf das Capital gegründete Production, ob oder ob nicht ihre wesentliche Bedingung, die Continuität der verschiednen Processe, die ihren Gesammtpro-cess constituiren, hergestellt wird. Die Aufhebung dieser Zufälligkeit durch das Capital selbst ist der Credit. (Er hat noch andre Seiten; aber diese Seite geht aus der unmittelbaren Natur des Productionsprocesses hervor und ist daher die Grundlage der Nothwendigkeit des Credits.) 

Daher der Credit in irgend wie entwickelter Form in keiner frühren Weise der Production erscheint. Geborgt und geliehen ward auch in frühren Zuständen, und der Wucher ist sogar die älteste der antediluvianischen Formen des Capitals. Aber Borgen und Leihen constituirt ebenso wenig den Credit, wie Arbeiten industrielle Arbeit oder freie Lohnarbeit constituirt. Als wesentliches, entwickeltes Productionsverhältniß erscheint der Credit historisch auch nur in der auf das Capital oder die Lohnarbeit gegründeten Circulation.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2 S. 434 [MEW 42, S. 441]   

Nota I. - Noch stets war das Geldkapital der anstößigste Teil der bürgerlichen Produktions-weise, und daher haben sich um die Abschaffung der Banken von Proudhon bis Occupy Wallstreet allerlei antikapitalistische Reformphantasien gerankt. Aber wie die Zirkulation für die kapitalistische Produktionsweise wesentlich ist, ist eine Zirkulationszeit unvermeidlich - und sind folglich die Kreditinstitute notwendig. "Schaffen wir die Banken ab, bricht der Ka-pitalismus zusammen." Eben. Und darum werdet ihr sie nicht abschaffen.
4. 11. 15
 
Nota II. - 'Die Zirkulation als wesentlicher Prozess des Kapitals...' Wie das? Ist nicht die Produktion des Werts der wesentliche Prozess? Genauer gesagt - die Produktion des Mehrwerts? Ach, aber erst im Austausch gegen Geld wird der Wert realisiert - und a forteriori der Mehrtwert; genauer gesagt: der Profitder erst durch umständliche Rechnerei auf den Mehrwert zurückgefügt werden muss. Doch allein um des Profits willen geschieht ja die Produktion überhaupt - nicht um der Produktion des Werts willen. Zwar ist der Mehrwert nur eine Vermehrung des Werts; doch ist diese Vermehrung der Urheber des ganzen Pro-zesses; Causa finalis sagt der Aristoteliker; "Entelechie" sei das Wesen des Kapitals, alles weitere lediglich seine nomina.
 
Aber Marx war ja kein scholastischer Ontologe, sondern ein phänomenologischer Proto-kollant. Und ein reallogischer Kritiker: Er beschreibt nicht die in der Reflexion auftauchen-den Etappen, sondern den tätigen Prozess selbst. Die Akteure bleiben stets präsent.
JE 
 


Donnerstag, 15. Januar 2026

Absehen und finden.

Moulin, Objet trouvé à Pompéi   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Wie ist das nun mit dem Finden und der Absicht? Wenn ich nicht auf irgendwas absähe, würde ich nie etwas finden: Fichte hat das ursprüngliche Wollen des Menschen an den Anfang der Wissenschaftslehre gesetzt. Was immer Eingang ins Bewusstsein findet - das Absehen ist die Bedingung. 

So sagt der Transzendentalphilosoph, doch sobald er das Katheder verlässt, ist er Realist wie alle andern: Die Menschen wären nie aufs Absehen verfallen, wenn sie nicht tatsächlich Etwas gefunden hätten; etwas, das ihnen fremd, also unbestimmt war und zum Bestimmen herausforderte. 

Es ist immer alles dasselbe, das wiederholt er oft genug; aber eben immer wieder von der nächsthöheren Stufe aus betrachtet.
14. 6. 17  

 
Das realgeschichtliche Spezifikum: Der Mensch lebt nicht mit seiner Umwelt im Einklang. Er hat den Urwald verlassen, in dem er zuhause war, und ist in die ihm fremde Savanne ausgebrochen. Eine neue Wachheit gegen das unbekannte Feld, in dem er sich bewegt - nomadisch - ist das mental substanziell Neue, das ihn gegen die andern Tiere auszeichnet und von dem eine rationelle Anthtropologie auszugehen hat.

Nach der Wissenschaftslehre ist das erste, elementar Wirkliche für den Menschen das Ge-fühl. Im Fühlen ist er rein leidend. Indem er aber sein Gefühl anschaut und sogleich in sei-ner Bedeutung für ihn bestimmt, wird das Leiden in Tätigkeit aufgenommen - und so fängt alles an.

Fängt die Ausbildung der Vernunft an, nämlich unter den Menschen. Unter den Tieren nicht. Warum? Sie haben kein Bedürfnis, das Leiden in eigene Tätigigkeit aufzunehmen.

Ist das eine Erklärung?

Nein, es ist eigentlich das, was der Anthropologe zu erklären hätte; siehe oben. 

Die Wissenschaftslehre setzt es dagegen voraus: indem sie das Gefühl, durch das die Dinge sich dem Menschen kundtun, auffasst als den Widerstand, den sie seinem primären Tätig-sein entgegensetzen. 

Dies ist wahr: Wann immer wir wirklich etwas tun, stoßen wir auf die Dinge der Sinnenwelt und erleiden ein Gefühl. Doch nicht immer, wenn wir etwas fühlen, haben wir - willentlich, versteht sich - etwas getan, das ist gar nicht wahr. Lassen wir diese Feinheit als vernachläs-sigbar beiseite?

Für den Mediziner wäre das ohne Sinn, aber die Transzendentalphilosophie entwirft nicht das Bild des Ganzen Menschen, sondern will die Vernunft aus ihrem Entwicklungsgang verstehen. Sie beachtet nicht Alles, sondern all das, was in ihre Entwicklung eingeht. Das sind nicht die Halsschmerzen beim Schnupfen, sondern die Erfahrungen, die ich - mache. Es wird nicht gesagt: Alle Gefühle werden angeschaut und bestimmt, weil sie ursprünglich von der Tätigkeit des Subjekts verursacht wurden, und werden zu Erfahrungen fortbe-stimmt; sondern: Zu Erfahrungen werden solche Gefühle, die das Subjekt anschaut und bestimmt, weil sie ihm als Resultat seiner eigenen ursprünglichen Tätigkeit widerfahren, und aus den Erfahrungen wird die Vernunft.

Das bestimmen- und Erfahrungen-machen-Wollen ist vorausgesetzt. Der Transzendental-philosophie reicht aus, dass sie es offenkundig voraussetzen darf. Woher es kommt und warum sie es darf, muss und kann sie nicht selber klären. Das ist Sache der historischen Realwissenschaften.
28. 5. 19

 

Die Wissenschaftslehre ist selber keine reale Wissenschaft, sie fügt dem sachlichen Wissen nichts hinzu. Ihr Verhältnis zu den realen Wissenschaften ist, dass sie ihnen zeigt, welche Fragen sie den Dingen zu stellen haben. Das gilt auch für die Anthropologie, soweit sie mit Tatsachen zu tun hat. Zu bedenken aber: So wird sie zum Urheber dessen, was an dieser Wissenschaft real ist.
27. 7. 21

 
 

Mittwoch, 14. Januar 2026

Kant, Begriff und Anschauung.

Heise                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Bei Kant heißt die Philosophie eine Vernunfterkenntnis aus Begriffen, dies kann aber bei ihm selbst nicht so sein, denn nach ihm ist jeder Begriff ohne Anschauung leer; auch spricht er von transzendentaler Einbildungskraft, diese lässt sich nur anschauen.
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 33 

 
Nota I. - Transzendentalphilosophie heißt Vernunftkritik. Das ist eine problematische Sache, denn das Vordringen zum Ursprung der Vernunft kann die Vernunft selber nur mit ihren eigenen Instrumenten bewerkstelligen: Das, was sie erklären will, muss sie in toto voraussetzen. 

Dass Kant mit seiner Kritik nur bis zum sogenannten Apriori gelangt ist, hat, außer dass er nicht weiterkommen
wollte, auch diesen methodologischen Grund, dass er sich der Parado-xie seines Verfahrens nicht bewusst wurde. Fichte spricht sie in seiner Wissenschaftslehre immer wieder mal an, aber nur so nebenher wie ein technisches Verfahrensproblem. Dabei tut er aber viel mehr. Er verfolgt die Genesis der Vernunft hinter das Stadium zurück, wo sie noch diskursiv darstellbar ist. Mit andern Worten, er entledigt sich der Begriffe und der Schlussregeln.

Das diskursive Verfahren besteht darin, festgestellte Begriffe anhand der Definitionen, aus denen sie gemacht sind, mit andern festgestellten Begriffen und deren Definitionen logisch zu verknüpfen. Das diskursive Verfahren ist eine Kette von lauter Gleichungen. Mit andern Worten, mehr als was in die Begriffe zuvor hineingesteckt wurde, kann nicht herauskom-men. Es werden Merkmale zueinander in immer neue
Verhältnisse gesetzt, aber material kommt nichts hinzu. Das soll es aber: Es soll sichtbar werden, wie dort, wo zuvor keine Vernunft war, Vernunft entsteht.

Fichte musste das Schaffen der Einbildungskraft selber anschaulich machen, aus dessen Reflexion Begriffe überhaupt erst entstehen können. Er musste das Vorstellen darstellen.

All das steckt in dem obigen kleinen Satz.
19. 6. 18
 
 
Nota II. - Ach, wie konnte ich es an dieser Stelle nur vergessen?
 
Kant unterscheidet nicht zwischen Anschauung und Sinnlichkeit. Fichte versteht dagegen unter Sinnlichkeit nur das, was uns von unseren Sinnesorganen gemeldet wird - sonst nichts.
 
Schon dass das angezeigte Bild dieses Bild ist in einem Meer von Mannigfaltigem, bedarf des Zugriffs einer prädikativen Qualität, der es aus dem Strom der Sinneseindrücke heraus-hebt und zum Ereignis werden lässt. Will sagen, indem es reflektiert: beginnend mit dem Anschauen.
 
Ein organisches Selbst wird zu einem Ich, indem es den Wechsel seiner Zustände von 'sich-selbst' unterscheidet.
 
 
Nota III. - In meiner fragmentarischen Dar stellung meines vor gestellten Systems bleibt es nicht aus, dass sich immer wieder Lücken auftun. Dem ist nicht anders beizukommen als durch ständiges Nachbessern.
 
Dass dabei die nachgebesserten Stellen immer wiederholt werden, nehmen Sie bitte in Kauf. In einer diskursiven Darstellung, die unvermeidlich langatmig wäre, würden die Lücken unweigerlich übergangen; doch lesbarer würde sie trotzdem nicht.
JE 
 

Dienstag, 13. Januar 2026

Grundeigentum ist kein ökonomisches Verhältnis, sondern ein Monopol.

Les très riches heures du duc de Berry                                     aus Marxiana

Das Grundeigenthum setzt das Monopol gewisser Personen voraus, über bestimmte Por-tionen des Erdkörpers als ausschließliche Sphären ihres Privatwillens, mit Ausschluß aller andern zu verfügen. Dies vorausgesetzt, handelt es sich darum, den ökonomischen Werth, d. h. / die Verwerthung dieses Monopols auf Basis der kapitalistischen Produktion zu ent-wickeln. Mit der juristischen Macht dieser Personen, Portionen des Erdballs zu brauchen und zu mißbrauchen, ist nichts abgemacht. Der Ge-brauch derselben hängt ganz und gar von ökonomischen Bedingungen ab, die von ihrem Willen unabhängig sind. S. 604f. [628f.] 

In sofern ist das Monopol des Grundeigenthums eine historische Voraussetzung, und bleibt fortwährende Grundlage, der kapitalistischen Produktionsweise, wie aller frühern Produkti-onsweisen, die auf Ausbeutung der Massen in einer oder der andern Form beruhn. Die Form aber, worin die beginnende kapitalistische Produktionsweise das Grundeigenthum vorfindet, entspricht ihr nicht. Die ihr entsprechende Form wird erst von ihr selbst geschaf-fen durch die Unterordnung der Agrikultur unter das Kapital; womit denn auch feudales Grundeigenthum, Claneigenthum, oder kleines Bauerneigenthum mit Markgemeinschaft, in die dieser Produktionsweise entsprechende ökonomische Form verwandelt wird, wie ver-schieden auch deren juristischen Formen seien. 

Es ist eines der großen Resultate der kapitalistischen Produktionsweise, ... daß sie das Grundeigenthum einerseits von Herrschafts-/ und Knechtschaftsverhältnissen völlig loslöst, andrerseits den Grund und Boden als Arbeitsbedingung gänzlich vom Grundeigen-thum und Grundeigenthümer trennt, für den er weiter nichts vorstellt, als eine bestimmte Geldsteuer, die er vermittelst seines Monopols vom industriellen Kapitalisten, dem Pächter erhebt; ... 

Das Grundeigenthum erhält so seine rein ökonomische Form, durch Abstreifung aller sei-ner frühern politischen und socialen Verbrämungen und Verquickungen, kurz aller jener traditionellen Zuthaten, die von den industriellen Kapitalisten selbst, wie von ihren theore-tischen Wortführern, wie wir später sehn werden, im Eifer ihres Kampfs mit dem Grundei-genthum als eine nutzlose und abgeschmackte Superfötation denuncirt werden. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 604ff. [MEW 25, S. 628-31]


Nota I. - Festzuhalten: Das Grundeigentum ist ein Monopol und beruht als solches nicht auf ökonomischen, sondern auf Gewaltvoraussetzungen, und so entstammt die Grundrente nicht einem ökonomischen, sondern einem ursprünglich politischen Verhältnis; wie eine Steuer.
6. 4. 18
 
Nota II. - Indem Grund und Boden in den Geldverkehr hineingezogen wurden, ist das Grundeigentum allerdings ein ökonomisches Faktum geworden, und so war es von den Eigentümern auch gewollt. Es sind Ackerparzellen in Weideland umgewandelt worden. Doch Fläche und natürliche Qualität der Böden blieben erhalten: Die Art ihrer Bearbeitung hat sich geändert, sie wurden verwertet. Ihre gesellschaftliche Funktion ist eine andere ge-worden, und folglich hat sich Ackerkrume zu Grasland entwickelt.
 
Entstanden ist der Grundbesitz nicht aus wirtschaftlicher Tätigkeit, sondern aus Okku-pation; seit er Kapital geworden ist, unterscheidet er sich von anderm Kapital nur noch dadurch, dass es nicht zirkulieren kann und Immobilie bleibt.
JE, 26. 5. 20

Montag, 12. Januar 2026

...in der Mitte, wie das epische Gedicht.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Subjektiv betrachtet, fängt die Philosophie doch immer in der Mitte an, wie das epische Gedicht.
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Friedrich Schlegel, Athenaeum, Ersten Bandes Zweytes Stück. Berlin 1798 

 

Die Mitte zwischen zwei unendlich Bestimmbaren ist die Aktualität: Das Schweben zwi-schen zwei Bestimmungen, alias das reale Bestimmen selbst. 

Vorwärts: auf einen eingebildeten Endzweck, Vorstellen. Rückwärts: auf einen denkbaren Urgrund, Reflektieren.

 

 

Sonntag, 11. Januar 2026

Surplusarbeit und Muße.

posterlounge                                                                aus Marxiana

Es gehört noch nicht hierher, kann hier aber schon erinnert werden, wie dem Schaffen der Surplusarbeit auf der Einen Seite entspricht ein Schaffen von Minus-Arbeit, relativer idle-ness (oder nicht-productiver Arbeit im besten Fall) auf der andren. 

Es versteht sich dieß erstens vom Capital von selbst; dann aber auch den Klassen mit denen es theilt; also von den vom Surplusproduce lebenden Paupers, flunkeys, Jenkinses etc kurz dem ganzen train von retainers; dem Theil der dienenden Klasse, der nicht von Capital, sondern von Revenue lebt. 

Wesentlicher Unterschied dieser dienenden und der arbeitenden Klasse. In Bezug auf die ganze Gesellschaft das Schaffen der disponiblen Zeit dann auch als Schaffen der Zeit zur Production von Wissenschaft, Kunst etc. Es ist keineswegs der Entwicklungsgang der Ge-sellschaft, daß weil Ein Individuum seine Noth befriedigt hat, es nun seinen Ueberfluß schafft; sondern weil Ein Individuum oder Klasse von Individuen gezwungen wird mehr zu arbeiten als zur Befriedigung seiner Noth nöthig – weil Surplusarbeit auf der Einen Seite – wird Nichtarbeit und Surplusreichthum auf der andren gesezt. 

Der Wirklichkeit nach existirt die Entwicklung des Reichthums nur in diesen Gegensätzen; der Möglichkeit nach ist eben seine Entwicklung die Möglichkeit der Aufhebung dieser Ge-gensätze.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 308 [MEW 42, S. 314f.]  


Nota. - Ihren guten Sinn hat die bürgerliche Produktionsweise, indem sie die sachliche Möglichkeit von freier Zeit für alle schafft.
JE,
24. 5. 20

 

 

Samstag, 10. Januar 2026

Die Naturbasis der Mehrarbeit.

                                                                                      aus Marxiana

Die naturwüchsige Basis der Mehrarbeit überhaupt, d. h. eine Naturbedingung, ohne welche sie nicht möglich ist, ist die, daß die Natur, – sei es in Produkten des Landes, pflanzlichen oder thierischen, sei es in Fischereien etc. – die nöthigen Unterhaltsmittel gewährt bei An-wendung einer Arbeitszeit, die nicht den ganzen Arbeitstag verschlingt. Diese naturwüchsi-ge Produktivität der agrikolen Arbeit (worin hier einfach sammelnde, jagende, fischende, Vieh züchtende eingeschlossen) ist die Basis aller Mehrarbeit; wie alle Arbeit zunächst und ursprüng-lich auf Aneignung und Produktion der Nahrung gerichtet ist. (Das Thier gibt ja zugleich Fell zum Wärmen in kälterm Klima; außerdem Höhlenwohnungen etc.) ...

Diese Bedingungen sind: Die unmittelbaren Producenten müssen über die Zeit hinaus ar-beiten, die zur Reproduktion ihrer eignen Arbeitskraft, ihrer selbst erheischt ist. Sie müssen Mehrarbeit überhaupt verrichten. Dies ist die subjektive Bedingung. Aber die objektive ist, daß sie auch Mehrarbeit verrichten können; daß die Natur-bedingungen derart sind, daß ein Theil ihrer disponiblen Arbeitszeit zu ihrer Reproduktion und Selbsterhaltung als Produ-centen hinreicht, daß die Produktion ihrer nothwendigen Lebensmittel nicht ihre ganze Arbeitskraft konsumirt. Die Fruchtbarkeit der Natur bildet hier eine Grenze, einen Aus-gangspunkt, eine Basis. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 620, 622 [MEW 25, S. 645, 647f.]


Nota.  Dies klingt wie eine Binsenweisheit, aber gerade darum muss man sie gelegentlich aussprechen: Nur wenn die Arbeit mehr erbringt als was unmittelbar zum Leben notwendig ist, kann eine Akkumulation und eine Entwicklung stattfinden. Ob dies aber der Fall ist, hängt zunächst von der Natur ab und nicht von der Arbeit. Es liegt vor  jeglicher Formbe-stimmung.
JE, 4. 1. 16

Freitag, 9. Januar 2026

Produktion ist nicht ursprünglich Austausch von Arbeiten.

Asagirt, Äthiopien                                                   aus Marxiana

Es ist eine delusion als beruhte in allen Productionszuständen die Production und daher die Gesellschaft auf dem Austausch von bloser Arbeit gegen Arbeit. In den verschiednen For-men, worin die Arbeit sich zu ihren Productionsbedingungen als ihrem Eigenthum verhält, ist die Reproduction des Arbeiters keineswegs durch blose Arbeit gesezt, denn sein Eigen-thumsverhältniß ist nicht das Resultat, sondern die Voraussetzung seiner Arbeit. 

Im Grundeigenthum ist es klar; im Zunftwesen muß es auch klar werden, daß die besondre Art Eigenthum, die die Arbeit constituirt, nicht auf bloser Arbeit oder Austausch der Arbeit beruht, sondern auf einem objektiven Zusammenhang des Arbeiters mit einem Gemeinwe-sen und Bedingungen, die er vorfindet, von denen er als seiner Basis ausgeht. Sie sind auch Producte / einer Arbeit, der weltgeschichtlichen; der Arbeit des Gemeinwesens – seiner historischen Entwicklung, die nicht von der Arbeit der Einzelnen noch dem Austausch ihrer Arbeiten ausgeht. 

Es ist daher auch nicht die blose Arbeit Voraussetzung der Verwerthung. Ein Zustand in dem blos Arbeit gegen Arbeit ausgetauscht wird – sei es in der Form unmittelbarer Leben-digkeit, sei es in der Form des Products – unterstellt die Loslösung der Arbeit von ihrem ursprünglichen Zusammengewachsensein mit ihren objektiven Bedingungen, weßwegen sie auf der einen Seite als blose Arbeit erscheint, andrerseits ihr Product als vergegenständlichte Arbeit ihr gegenüber ein durchaus selbstständiges Dasein als Werth erhält. Der Austausch von Arbeit gegen Arbeit – scheinbar die Bedingung des Eigenthums des Arbeiters – beruht auf der Eigenthumslosigkeit des Arbeiters als ihrer Basis.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 416f. [MEW 42, S. 422f. ]  



Nota. - 'Ursprünglich' ist Arbeit überhaupt keine Austausch, es sei denn, man verstünde darunter metaphorisch "Austausch mit der Natur", nämlich - sofern von Arbeit in einem spezifischen Sinn schon geredet werden kann - mit dem Boden; und da Ackerbau 'ur-sprünglich' aus der Sammeltätigkeit hervorgegangen sein dürfte, von gemeinschaftlichem Austausch, bei dem kein Besitzwechsel geschieht, sondern lediglich das Arbeitsprodukt nachträglich aufgeteilt wird: denn das Eigentum am Boden ist noch ein gemeinschaftliches. Mit der Aufteilung des Bodens werden später die Produkte der Arbeit gegeneinander ge-tauscht, doch nur die Überschüsse über den Eigenbedarf der jeweiligen Hauswirtschaften.  

Erst als der Ackerbauer von seinem Produktionsmittel getrennt und vom Boden vertrieben war, konnte die Arbeit selbst zum Gegenstand des Tauschs werden, denn ein Produkt konnte er nicht mehr feilbieten. Das setzt sachlich voraus, dass überhaupt nur noch für den Austausch produziert wird und der Markt die Produktion reguliert.
17. 5. 20

Beachte: Es werden nicht zuerst Arbeit und Verhältnisse begrifflich isoliert und hinterher verknüpft, sondern 'Verhältnisse' als Arbeits-Bedingungen dargestellt. Es ist eine Prozess, und der ist in jedem seiner Momente systemisch vermittelt.
JE  


Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist.

    M. Pugliese                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik . Das Ich kann nicht zum Bewussts...