Daumier, Parade de saltimbanques aus Wissenschftslehre - die fast vollendete...
Der Wille erscheint dem
ästhetischen Sinne frei; dem gemeinen als Produkt des Zwangs, z. B. jede
Begrenzung im Raume ist Resultat der Begrenztheit des Dinges durch
andere, denn sie werden dabei gepresst; jede Ausbreitung ist auch
Resultat des inneren Aufstrebens der Körper, allenthalben Fülle,
Freiheit, ersterer ist unästhetisch, letzter ist der ästhetische.
Das ist der ästhetische Sinn, aber
die Wissenschaft ist etwas anderes. Die Wissenschaft ist der Form nach
transzendental, sie ist Philosophie, sie beschreibt die ästhetische
Ansicht, in solcher Ästhetik muss nicht ein schöner Geist sein; die
ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der
ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte,
entgegengesetzt.
Der Einteilungsgrund ist der
Gesichtspunkt, welcher entgegengesetzt ist. In materialer Ansicht liegt
sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie
fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir
uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und
instinktmäßig und dependiert nicht von der Frei-heit. [siehe jedoch: Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.]
Dieser Gesichtspunkt ist es, durch
den man sich zum transzendentalen erhebt; so folgt, dass der Philosoph
ästhetischen Sinn, d. h. Geist haben müsse; er ist deshalb nicht
notwendig ein Dichter, Schönschreiber, Schönredner; aber derselbe Geist,
durch dessen Ausbildung man ästhetisch wird, derselbe Geist muss den
Philosophen beleben, und ohne diesen Geist wird man es in der
Philosophie nie zu etwas bringen; sonst plagt man sich mit dem
Buchstaben und dringt nicht in des Innere.
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 244
Nota. - Der Übertritt aus dem 'gemeinen' in den 'transzendentalen' Gesichtspunkt ist ein Hiatus, gar eine Katharsis: Das Individuum löst sich gedanklich nicht nur aus seinen Ver-strickungen mit der Welt, sondern aus seiner Identität mit sich, mindestens "zum Teil": Es tritt neben sich und sieht sich dabei zu, wie es sich in der Welt zurechtfindet. "Im ästheti-schen Zustand ist der Mensch gleich Null", hieß es bei Schiller. Das ist es, was ihn zum Vorraum des transendentalen Standpunkts werden lässt.
Nota II. - Dieser zweite Vortrag der Wissenschaftslehre "nach neuer Methode" endete Mitte März 1799. Da war der Atheismusstreit längst in vollem Gange. Noch zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt schließt Fichte die Darstellung seiner prima philosophia so, dass kein Zweifel bleibt: als nächstes ist die Ausarbeitung der "ästhetischen Philosophie" als ein "Hauptteil" seines spekulativen Geschäfts vorgesehen. Die von Giorgia Cecchinato* dazu zusammengetragenen philologischen Daten lassen wenig Raum für andere Deutun-gen.
Wenige Tage nach Abschluss der Vorlesung reichten Fichte und Niethammer ihre jeweiligen "Verantwortungsschriften" gegen den Atheismus-Vorwurf beim weimarischen Ministerium ein. Dass die Angelegenheit bis zur Entfernung Fichtes von seinem Lehrstuhl führen wür-de, war noch nicht abzusehen. Die aber hat dann alle andern Pläne umgestoßen.
Ob Fichte bei der Ausarbeitung seiner Ästhetik zu dem Schluss gelangt wäre, die Ethik der Ästhetik als einen Spezialfall unterzuordnen, wie Herbart es später tat, steht in den Sternen. Es hätte seine Logik, und Herbart dürfte seine eigenen Ergebnisse aus der Auseinanderset-zung mit Fichtes Sittenlehre gewonnen haben.
Der entscheidende Punkt ist: Auch die Ethik gebietet, wie die Ästhetik, immer "einzeln und unmittelbar", und diesen Punkt hat nicht nur Herbart, sondern vor ihm schon Novalis aus Fichtes Vortrag herausgehört. Allgemeine Gesetze sind der Moralität sowohl für Herbart als für Novalis direkt entgegengesetzt. Was anders als diese kann Fichte aber gemeint haben, wenn er oben sagt: "unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden"? Denn dass ich mir im gegebenen Moment dessen, was ich unmittelbar soll, 'bewusst' werde und mir 'einen Be-griff davon' mache, liegt ja auf der Hand, aber das ist beim Ästhetischen auch nicht anders.
Und ob sich Fichte zu dem Entschluss hätte durchringen mögen, das Wahre-Absolute-Unbedingte als eine ästhetische Idee aufzufassen, ist noch weniger gewiss. Logisch gibt es eigentlich keinen andern Weg, aber das Herz kennt manchmal Gründe, von denen der Verstand nichts ahnt.
JE
*) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009
