Donnerstag, 1. Januar 2026

Fichte als Mystiker und Romantiker.

 C. D. Friedrich         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die produktive Einbildungskraft erneuert nicht: Sie ist, wenigstens für das empirische Bewusstsein, völlige Schöpferin, und Schöpferin aus dem Nichts. ...

Die produktive Einbildungskraft, sage ich, schafft den Stoff der Vorstellung, sie ist die ein
[z]ige Beildnerin dessen, was in unserm empirischen Bewusstsein vorkommt, die ist Schöpferin dieses Bewusstseins. Aber die Einbildungskraft, auch in dieser ihrer / produk-tiven Macht, ist doch kein Ding an sich, sondern ein Vermögen des einzigen uns unmittel-bar gegebnen Dinges an sich, des Ich. Also muss selbst ihre Schöpfermacht einen höhern Grund im Ich haben; d. h. auf eine andere und für unsere Untersuchuung bequemere Art ausgedrückt, mag doch die produktive Einbildungskraft für das Bewusstsein Schöpferin sein, so kann sie für das Ich überhaupt nur Bildnerin sein, und das, woraus sie bildet, muss im Ich liegen. 

Und so ist es denn auch wirklich.

Im Gefühl liegt, was die Einbildungskraft bildet und dem Bewusstsein vorhält. Das Gefühl, welches ich hier nicht weiter erklärern kann noch soll, ist der Stoff alles Vorgestellten, und der Geist überhaupt oder die produktive Einbildungskraft lässt sich also beschreiben als Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein zu erheben. ...

Aber unter den Gefühlen selbst ist ein großer Unterschied; einige beziehen sich auf das ani-malische Leben des Menschen. Diese liegen nicht so tief und werden am leichtesten, gewis-sesten und notwendigsten - zwar nicht als Gefühle, davon ist hier nicht die Rede - aber als Vorstellungen zum Bewusstswein erhoben. Diesen auf die bloße Vorstellung einer sinnli-chen, unter Naturgesetzen stehenden Welt der Erscheinungen sich beziehenden Gefühlen liegen wieder andere Gefühle zum Grunde, die sich nicht auf das bloß animalische Leben des Menschen, sondern auf ein vernünftiges und geistiges, nicht auf die bloße Ordnung der Erscheinungen unter Naturgesetzen, sondern die Unterordnung derselben und aller vernünf-tigen Geister unter die Gesetze des sittlichen Ornung, der geistigen Harmonie, der Vereini-gung aller zu einem Reiche der Wahrheit und der Tugend beziehen.  

Diese liegen, dass ich mich so ausdrücke, um eine Region tiefer in unserm Geiste, sie liegen in einem geheimen Heiligtume; man muss erst durch die Welt der Erscheinungen hindurch, muss der Sinnlickeit erst absterben, um zu diesem höhern geistigen Leben zu gelangen. Be-zeichnen und umfassen die Gefühle von der ersteren Art das Gebiet der Begriffe, so be-gründen die der letztern Art das Feld der Ideen und der Ideale. ...

Folgendes sind die allgemeinsten Formen der Ideen, in deren Vorstellung sich der Geist zeigt. Über die notwendigen Formen der Körper im Raume erhebt sich der Geist zur freien Begrenzung des Urschönen, dem nichts in dieser Sinnenwelt gleicht, über den Wechsel der Empfindungen in der Zeit zur freien Begrenzung des Ergötzenden, wo Empfindungen Empfindungen drängen, ohne dass sie verändert scheinen; über die Begrenzung aller Emp-findungen in Zeit und Raum sich weg zum Anstaunen des Urerhabenen, über den Wechsel seiner Überzeugungen zum Gefühl einer ewigen Wahrheit, über allen Einfluss des Sinnli-chen hinweg zur erhabenen Idee, der völlig dargestellten sittlichen Vollkommenheit, oder der Gottheit. 
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J. G. Fichte, Von den Pflichten des Gelehrten, Hamburg 1971, S. 58f.; 60; 61


Nota. - So bin ich nun also endlich auf Grund gestoßen! Und zwar gleich in dreierlei Hin-sicht. Zuerst einmal, was das intellektuelle Gefühl angeht. Er hat es keineswegs erst später aus dem Hut gezogen, um den 'Denkzwang' als Gefühl der sinnlichen Erfahrung gleichran-gig zur Seite stellen zu können; sondern es lag seiner Philosophie von Anbeginn zu Grunde.

Zweitens, und das ist von Allem das Wesentliche, er erklärt die Vernunft keineswegs, wie es in seinen akademischen Vorträgen den Anschein hat, aus dem vorwärtsgerichteten - ad quem - Trieb zum Bestimmen, sondern - a quo - als Strom aus einem Quell. Er mag immer sagen: Der Geist nimmt die Regel von innen aus sich selbst; er bedarf keines Gesetzes, sondern er ist sich selbst ein Gesetz ebd. S. 64 - der Satz ist vorab kassiert durch die Prämisse Alle Ver-nunftgesetze sind im Wesen unseres Geistes begründet. ebd. S. 22 

Und drittens schließlich bestimmt er als wahrer Romantiker das Wesen der Vernunft zwar nicht aus ihrem Fluchtpunkt, wohl aber aus ihrer Herkunft, als ästhetisch. Da treten das Urschöne auf, das Ergötzende, das Anstaunen des Erhabenen, und noch die ewige Wahr-heit ist erhaben in ihrer Vollkommenheit.

*

Die Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten hat Fichte teils vor, teils am Anfang seiner akademischen Vorträge für die Öffentlichkeit gehalten. Die ersten fünf erschienen noch 1794 als Broschüre; den Schlussteil hat er später unter dem Titel Über Geist und Buchstab in der Philosophie für Schillers Horen umgearbeitet, wo sie allerdings nicht erschienen. Die oben zitierten Passagen sind zu Fichtes Lebzeiten nicht gedruckt worden.

In den Vorträgen werden die Grundideen der Wissenschaftslehre umrissen, aber nicht entwickelt. Es sind populäre und keine wissenschaftlichen Texte. Und vor allem trägt F. die Wissenschaftslehre vor, bevor er sie noch für sich selbst ausgearbeitet hat - streckenweise auf bloßen Verdacht und Vorahnung. 

Umso ungezwungener ist er in der Darstellung seines Ausgangspunkts. Und da gibt er sich als mystischer Schwärmer zu erkennen. Nicht, dass er schließlich vor Jacobi eingeknickt ist, bedarf einer Erklärung, sondern wie er es zuvor in der Transzendentalphilosophie so weit hat bringen können. Er war eben wie die andern Jenaer Romantiker auch ein ungestümer Freigeist. Das lässt ihn bis heute überdauern.
JE, 13. 9. 18

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Fichtes Wendung.

tenor                                      aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Fichtes philosophische Laufbahn zerfällt - das ist das treffende Wort - in die ursprüngliche Wissenschaftslehre, die als echter durchgeführter Kritizismus die Kant'sche Transzendental-philosphie vollenden sollte, und eine transzendentaldogmatische Hybride, die er nach dem Atheismusstreit gelehrt hat. Das Kuriosum: Er hat bis ans Lebensende darauf bestanden, allezeit Dasselbe vertreten zu haben. Und tatsächlich findet man in seinem Werk keine Stel-le, wo er an dem entscheidenden Punkt - dem realen Absoluten - einfach kehrtgemacht hätte. So dass zu vermuten ist, der Ansatz zur späteren dogmatischen Wende sei in der ur-sprünglichen, transzendentalen Wissenschaftslehre irgendwo bereits angelegt gewesen.

Dem Antiaufklärer und Glaubensphilosophen Friedrich Heinrich Jacobi kommt das Ver-dienst zu, den Finger haargenau auf den wunden Punkt gelegt zu haben: Es war seine Auf-fassung von der Vernunft, die Fichte gegen die Einrede des Dogmatikers wehrlos gemacht hat. Richtiger gesagt, es war der Mangel an einer Auffassung der Vernunft, denn er hatte deren zwei zur selben Zeit. Und da er es - unbegreiflicher Weise - nicht bemerkte, musste er sich nicht "aus Freiheit" zwischen ihnen entscheiden. So konnte ihm die Entscheidung von Jacobi... eingeredet werden. 

Auf dieser Seite finden Sie Fichtes Schwanken durch eine Reihe von 'Stellen' dokumentiert. Es wird Ihnen auffallen, dass eine 'Stelle' des Inhalts: Was ist die Vernunft und wo kommt sie her? fehlt. So eine Stelle gibt es bei Fichte nicht. Die Vernunft ist der einzige thematisch und in systematischer Absicht gebrauchte Begriff, den Fichte nicht aus dem (dreifachen) Grundsatz der Wissenschaftslehre herleitet. Er macht zwar jede Menge Angaben über die Vernunft, aber sie selbst macht er nicht zum Gegenstand. 

Nun würde es schwerfallen, von der Vernunft zu reden, ohne sich ihrer bereits zu bedienen; aber was taugte die Transzendentalphilosophie, wenn sie damit nicht zurechtkäme?

Einleitung zu Fichtes schwankende Vernunft

Dienstag, 30. Dezember 2025

Ein Begriff von der Anschauung.

brille 40                                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eine ideale Tätigkeit, die dem Ich zugeschrieben wird, die mit dem Bewusstsein der Freiheit gesetzt wird, ist ein Begriff, sonach ist das, was wir bisher bloß als Anschauung charakteri-siert haben, ein Begriff, die Anschauung. 

Der Charakter des Begriffs von der Anschauung wäre der: dass in der Anschauung das Ich gesetzt werde als gebunden, im Begriff aber als frei. Daher die Anschauung an sich nichts oder, wie Kant sagt, / blind ist, der Begriff aber leer an sich, wenn sich das Ich nicht be-schränkt findet in der Anschauung.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 99f.


Nota. - Was in realer Tätigkeit Gefühl ist, wird in der idealen Tätigkeit – Reflexion erster Stufe – Anschauung; in der erst 'erscheint' sich das Ich, und zwar als begrenzt oder 'gebun-den'. Die ideale Tätigkeit ist ungebunden und fährt fort: Reflexion zweiter Stufe. So wird die Anschauung Begriff und das Ich erscheint ungebunden. 
(Ergibt das einen Sinn?)
 
5. 12. 15

Nota II. - Ein bisschen Sinn ergibt es schon, nur nicht den richtigen.

Das Anschauen ist, im Gegensatz zum Gefühl, Tätigkeit, das Gefühl dagegen ist leidend. Das Anschauen ist überhaupt die erste Tätigkeit - das erste, wodurch ein Ich sich als ein solches 'setzt'. Der springende Punkt: Sie ist noch eine. Erst im sich-selbst-Anschauen zer-fällt sie in einen realen Teil, das Bilden des Bildes selbst, und in einen idealen: das Nach bil-den des Bildens des Bildes. Ein erstes Wissen, und zugleich eines, das von sich weiß. Refle-xion tritt nicht als eine höhere Stufe nachträglich hinzu, wenn auch der diskursive Charakter unseres Verstehens es immer wieder so erscheinen lässt, sondern im Vorstellen gleichsam aus der Vorstellung heraus. Es ist kein Nacheinander in der Zeit gemeint, sondern als ein logisches Folgen eo ipso: im Denkakt selbst. Und so wird die Anschauung als Anschauung ihrer selbst zum Begriff.
21. 12. 21

Nota III. - Konkret ist nicht das Unmittelbare (=Gefühlte), sondern das (tausendfach ver-mittelte=Bestimmte.
JE

 

Montag, 29. Dezember 2025

Das intellektuelle Gefühl - eine bedingte Notwendigkeit.

                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Es ist klar, daß dieses Gefühl nur mein Denken begleitet und nicht eintritt ohne dieses. – Daß das Gefühl eine Wahrheit geben solle, ist unmöglich und würde keinen Sinn haben. Es, dieses Gefühl der Gewißheit und Wahrheit, begleitet nur ein gewisses Denken.

Es ist klar, daß, wenn ein solches Denken die Bedingung der Vernünftigkeit selbst ist und das Gefühl der Gewißheit unabtrennlich einfaßt, alle Menschen über dieses Gefühl überein-kommen müssen und es jedem anzumuten ist, wenn es ihm auch nicht anzudemonstrieren wäre, welches in Absicht des Unmittelbaren überhaupt nirgends stattfindet. 

Es ist dieses Gefühl ein intellektuelles Gefühl.

Es ist dies der Grund aller Gewißheit, aller Realität, aller Objektivität.

Das Objekt ist ja nicht durch die sinnlichen Gefühle: denn auch diese sind nur Prädikate desselben, die schon ein Objekt, schon eine Erfassung dessen, was eigentlich nur subjective
[sic] ist, voraussetzen. Es ist durch das Denken. – Drum ist dieses nicht ein bloßes Denken. Woher das in ihm entsprechende [sic]? Aus dem intellektuellen Gefühle. ...

Es begleitet das Denken, daß zu der Realisation des durch unsere moralische Natur uns gesetzten Zweck
[es] der absoluten Selbstständigkeit der Vernunft Annäherung möglich sei, und daß die pflichtmäßige Erfüllung unsrer Schuldigkeit in unsrer Lage, lediglich um der Pflicht willen, Bedingung der Annäherung sei.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 147/149]


 
NotaI . - Unsere moralische Natur ist selbst nichts anderes als der Zweck der absoluten Selbstständigkeit der Vernunft, und 'gesetzt' hat ihn sich das Ich, indem es sich selbst ge-setzt hat. Der Denkzwang ist nichts anderes als die Einsicht: Wenn es [bei der absoluten Selbst-ständigkeit] bleiben soll, dann muss ich [den folgenden Schritt tun]... Die Notwendigkeit dieses Den-kens ist durch mein absolutes Anfangen bedingt. Nicht formallogisch ist es notwendig (weil), sondern sachlogisch (damit).
20. 7. 18
 
Nota II. -  'Jedem anzumuten': nämlich jedem, der beanspruchr, als ein Glied in der Reihe vernunftiger Wesen anerkannt zu werden. Deren Aufforderung ist er ipso facto gefolgt. Es ist seitens der Reihe vernünftiger Wesen nur billig, zu verlangen, dass er dabei bleibt - ande-ren Falls sie ihn aus ihrer Reihe wieder ausschieden. Schlimmeres wird ihm nicht angedroht. Er stellte sich damit freilich auch außerhalb des Rechtsverhältnisses.
JE, 24. 6. 21




Nota - 
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 28. Dezember 2025

Real ist nur das Bestimmen selbst; 'bestimmt' und 'bestimmbar' sind bloß Abstraktionen.

istockphoto                     zuWissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Wirklich ist eigentlich immer nur das Schweben: das, wo Bewegung ist, wo etwas geschieht; es ist aktuale Tätigkeit. Ein Schweben zwischen Zweien: Die Fixpunkte werden als solche nur gedacht. Denn gedacht - angeschaut und begriffen - werden kann das Wirkliche, das Tätigkeit ist, nur so; nur interpunktiert; nicht als Fluss, sondern in Sprüngen. Hier findet im Denken eine Umkehrung statt: Das Fixe, das nur gedacht wird, kommt dem Denken als das Eigentliche vor, aber die aktuale Tätigkeit, das "Schweben", als hinzugedachtes Akzidens.

Bestimmt und bestimmbar sind Reflexionsmomente. Real ist die Verlaufsform, das Über-gehen vom Einen zum Andern: bestimmen.

13. 7. 17
 
 

Samstag, 27. Dezember 2025

Der Grund allen Stoffs.

  Martina Taylor, pixelio.de;  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ich muss jenen Widerstreit entgegengesetzter Richtungen, oder, welches hier das glei-che ist, entgegengesetzter Kräfte setzen; also weder die eine allein, noch die zweite allein, sondern beide; und zwar beide im Widerstreite, in entgegengesetzter, aber völlig sich das Gleichgewicht haltender Thätigkeit. 

Entgegengesetzte Thätigkeit aber, die sich das Gleichgewicht hält, vernichtet sich, und es bleibt nichts. Doch soll etwas bleiben und gesetzt werden: es bleibt demnach ein ruhender Stoff, etwas Krafthabendes, welches dieselbe wegen des Widerstandes nicht in Thätigkeit äussern kann, ein Substrat der Kraft, wie man sich jeden Augenblick durch ein mit sich selbst angestelltes Experiment überzeugen kann. Und zwar, worauf es hier eigentlich an-kommt, bleibt dieses Substrat nicht als ein vorhergesetztes, sondern als blosses Product der Vereinigung entgegengesetzter Thätigkeiten. Dies ist der Grund alles Stoffs, und alles mög-lichen bleibenden Substrats im Ich (und ausser dem Ich ist nichts), wie sich immer deutli-cher ergeben wird.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte,  Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen, SW I, S. 336.



Nota. - Hier wird er mysteriös. 'Es soll' etwas übrigbleiben, wohl wahr. Die Transzenden-talphilosophie soll aber herausfinden, wie das möglich ist. Es reicht nicht, es bloß zu be-haupten. Tätigkeit plus Antitätigkeit ergibt Untätigkeit
= nichts, aber kein Schweben, das ein Spur hinterlassen könnte. Im besten Fall noch: zurück auf Anfang; nur, beim zweiten Ver-such wäre das Ergebnis kein anderes. Wir kämen also nie vom Fleck.

Es handelt sich nicht um Physik. Es handelt sich um den Gang der Vorstellung
[recte: des Vor-stellens]. Im Vorstellenden muss eine Spur des Schwebens erhalten sein, die ihn zum Bestim-men herausfordert und ihm das unbestimmt Schwebende zu einem bestimmbaren Stoff werden lässt. - Wozu hat er denn im vorangegangenen Absatz der reinen Tätigkeit keine Anti tätigkeit, sondern eine unreine Tätigkeit entgegengesezt? Verunreinigt wurde die reine Tätigkeit vom Widerstand des Nichtich, auf den sie inzwischen gestoßen war. Der Zusam-menstoß war das Schweben (die 'erste Synthesis'). Von ihm bleibt eine Spur = Bestimmbar-keit. 

Er hat es sich einmal eingebrockt: Er will das Vorstellen selbst darstellen, das aber kann er immer nur auf diskursive Weise durch das Verknüpfen von Begriffen. Sicher ist das ein in-adäquates Medium, aber wir haben sonst keins. Dass im Resultat gelegentlich auf lächerliche Weise Haare gespalten werden, muss man wohl oder übel in Kauf nehmen.
13. 4. 18

Nota II. -  Begriffen hatte ich es schon irgendwie, aber doch noch nicht recht verstanden. Ich war noch im Konstruieren aus Begriffen befangen und noch nicht beim Nachbilden in der Vorstellung angekommen: Das Ziel, das zu erreichen ist, ist gegeben, in historischer Wirklichkeit: Es ist das reelle System der Vernunft, wie es im Moment gegeben war (das Weltbild der Newton'schen Physik). Maßstab der transzendentalen Rekostruktionen waren nicht die Prämissen, die ihr herauszuarbeiten gelungen war, sondern das fertige System. Sollten die Prämissen nicht ausreichen, das System zu rechtfertigen, lag - apriori, wie ich sagen darf - der Mangel nicht beim System, sondern in den Prämissen. Nicht das System müsste ausgebessert werden, sondern die Prämissen nachgerüstet. Sie müssten freilich pas-sen: nach vorne zum System und rückwärts zu den bereits erarbeiteten Prämissen.

Doch dass das Problem in der Unangemessenheit des Konstruierens aus Begriffen mit dem Konzipieren in der Vorstellung lag, war mir immerhin schon gewärtig.

JE, 23. 12. 21

Freitag, 26. Dezember 2025

Einbildungskraft I°.

  knipseline                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt - ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und dadurch sich selbst reproduziert, indem das Ich Unvereinbares vereinigen will, jetzt das Unendliche in die Form des Endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder außer derselben setzt, und in dem nämlichen Momente abermals es in die Form der Endlichkeit aufzunehmen versucht - ist das Vermögen der Einbildungskraft. 
_________________________________________________________                           J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 215
 
 
Nota. - Man möchte vermuten, er redet von dem, was Kant als die Grundkraft  in Erwä-gung gezogen hat. 
JE 28. 12. 21
 
 
 
 

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Das, was gemeint ist.

                                                         aus Philosophierungen

Bedeutung ist dasjenige von hinten, was von vorn Absicht war.*
Bedeutung ist die Scheidemünze dessen, was in großen Scheinen Sinn des Lebens heißt.
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*Im Latein der Scholastiker hieß beides intentio: das, was gemeint ist.
6. 11. 09

Wenn es nicht so missverständlich wäre, würde ich den Ausdruck Gemeintheit vorschlagen.
25. 3. 20

 

 

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Subjektobjekt, oder Das Beabsichtigte und das Gefundene.

  aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Wir haben oben gesehen: Auf der Notwendigkeit des Entgegensetzens beruht der ganze Mechanismus des menschlichen Geistes; die Entgegengesetzten sind ein und dasselbe, nur angesehen von verschiedenen Seiten. Das Ich, welches in dem Beabsichtigten liegt, und das NichtIch, welches in dem Gegebenen liegt, sind ein und dasselbe. Es sind nur zwei unzer-trennliche Ansichten darum, weil das Ich Subjekt-Objekt sein muss. Aus letztem Satze geht alles hervor.

Aus der ursprünglichen Anschauung entstehen zwei Reihen, die subjektive oder das Beab-sichtigte und das Objektive oder das Gefundene; beide können nicht getrennt werden, weil sonst keine von beiden ist. Beide Ansichten desselben, subjektive und objektive, sind bei-sammen, heißt: Sie sind nicht nur in der Reflexion unzertrennlich, sondern sie sind auch als Objekte der Reflexion eins und dasselbe. Die Tätigkeit, die in sich zurückgeht, welche sich selbst bestimmt, ist keine andere als die Bestimmbare, es ist dieselbe und unzertrennliche. 

Das NichtIch ist also nichts anderes als eine andere Ansicht des Ich. Das Ich als Tätigkeit betrachtet gibt das Ich, das Ich in Ruhe betrachtet das NichtIch. Die Ansicht des Ich / als Tätiges kann nicht stattfinden ohne die Ansicht des Ich als [eines] Ruhenden, d. h. Nicht-Ich. Daher kommts, dass der Dogmatismus, der das Ich nicht in Tätigkeit denkt, gar kein Ich hat. Sein Ich ist Akzidens des NichtIch. Der Idealismus hat kein NichtIch, das NichtIch ist ihm nur eine andere Ansicht des Ich. Im Dogmatismus ist das Ich eine besondere Art vom Dinge, im Idealismus das NichtIch eine besondere Weise, das Ich anzusehen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,  S. 42f.  
 

 
Nota. - Man findet nur, was man hineingetan hat.
JE 


 
Nota. Ich habe lange nach einer passenden Illustration gesucht, aber nichts gefunden. Da habe ich schließlich ein Bild bloß nach Schönheit ausgesucht. Beabsichtigen Sie gar nicht erst, einen tieferen Sinn darin zu finden.

Übrigens gehört mir dieses Foto nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Sinn der Welt.

                                                              aus Philosophierungen
 
Der Sinn der Welt ist, dass Vernunft in ihr verwirklicht wird.
Das sagt über die Vernunft fast mehr als über die Welt.
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Ist es nicht merkwürdig, dass für die Philosophie Vernunft schon so lange kein Thema mehr ist? Am Beginn des modernen Zeitalters war sie ihr Anfang und ihr Ende.
31. 8. 13


Nachtrag. Das fast würde ich heute streichen. Vernunft ist das, was in der Welt verwirklicht werden soll; das sagt über beide genug, aber das ist für jene mehr als für diese.
21. 5. 20

Die Welt ist mehr um der Vernunft willen da, als jene für sie. 
(In der Vorstellung, versteht sich.) 
JE
 

Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Montag, 22. Dezember 2025

Der Sinn der Welt, II.

photoseed                       zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Die Welt selbst hat keinen Sinn. Umgekehrt. Indem ich ihnen einen Sinn hinzu erfinde, wird aus den Erscheinungen überhaupt erst eine Welt, und wenn nicht, dann nicht. Kann ich es also auch bleiben lassen? 

Die Welt wird erst, indem ich ihr einen Sinne anerfinde. Der Sinn der Welt ist, dass ich in ihr mein Leben führen muss. Auf einen Sinn der Welt kann ich nicht verzichten, ich ver-zichtete denn darauf, mein Leben zu führen. Das Paradox: Ich mag wohl mein Leben nicht führen (sondern, sagen wir, mein Bedürfnis befriedigen). Allerdings kann ich mein Leben nicht nicht-führen wollen. Sobald ich will (und sobald ich überhaupt Ich denke), setze ich voraus, dass da ein Sinn ist; und ich ihn realisiere, indem ich etwas will. 

Ob das Leben einen Sinn hat, ist das pari von Pascal. Ich werde es darauf ankommen lassen müssen. Indem ich nach einem Sinn (überhaupt erst) frage, habe ich den Hauptteil der Ant-wort schon mitgegeben. Und andersrum: Der Sinn des Lebens besteht darin, dass ich nach ihm frage (und sobald ich mich bei einer Antwort beruhige, habe ich ihn schon wieder ver-loren).
aus e. Notizbuch, 11. 9. 03

 

Welt ist der bestimmte Gegensatz von Ich. Sie können nur miteinander vorgestellt werden. Sofern die Welt unbestimmt offen ist, ist das Ich unendlich bestimmend; das eine bedeutet das andere. In der Wirklichkeit kommen beide Vorstellungen miteinander erst im Vernunft-zeitalter der bürgerlichen Gesellschaft auf. Eine geistesgeschichtliche Betrachtung wird die eine als die Voraussetzung der anderen erkennen, eine materiale Geschichtsauffassung macht es umgekehrt. 

Logisch spielt das keine Rolle, historisch ist es sowohl-als-auch und daher unentscheidbar; genetisch würde man sagen: Man konnte den einen Schritt nicht ohne den andern tun; je-denfalls nicht auf die Dauer. Dauer gehört aber zur wirklichen Welt von Raum und Zeit: Sie ist die fortschreitende Tätigkeit wirklicher Menschen. Sinn ist ihre strittige Vorstellung da-von. 

*

Was ich war, was ich bin, was ich geworden bin, ist kein Sinn, sondern datum - "gegeben". Sinn ist aber nicht gegeben, sondern auf gegeben: nicht, was ich "bin", sondern was ich wer-den soll, indem ich tue. Sinn ist nicht faktisch, sondern problematisch.

    

Fichte als Mystiker und Romantiker.

  C. D. Friedrich           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Die produktive Einbildungskraft erneuert nicht: Si...