Samstag, 31. Januar 2026

Der Stoff und seine Formen.

zoibrina                                                                                             aus Marxiana

Indem so die lebendige Arbeit durch ihre Verwirklichung im Material dieses selbst verän-dert, eine Veränderung, die durch den Zweck der Arbeit bestimmt, und die zweckmässige Thätigkeit derselben – (eine Veränderung die nicht wie im todten Gegenstand das Setzen der Form als äusserlich dem Stoff, bloser verschwindender Schein seines Bestehns) – wird das Material so in bestimmter Form erhalten, der Formwechsel des Stoffs dem Zweck der Arbeit unterworfen. Die Arbeit ist das lebendige, gestaltende Feuer; die Vergänglichkeit der Dinge, ihre Zeitlichkeit, als ihre Formung durch die lebendige Zeit. 

Im einfachen Productionsprozeß – abgesehn vom Verwerthungsprocess – wird die Ver-gänglichkeit der Form der Dinge benuzt um ihre Brauchbarkeit zu setzen. Indem aus der Baumwolle Garn wird, aus dem Garn Gewebe, aus dem Gewebe gedrucktes etc Gewebe, oder gefärbtes etc, und aus diesem sage ein Kleid hat sich 1) die Substanz der Baumwolle in allen diesen Formen erhalten. (Im chemischen Process haben sich im von der Arbeit gere-gelten Stoffwechsel überall Equivalente (natürliche) ausgetauscht etc); 2) in allen diesen sub-sequenten Processen hat der Stoff eine nützlichere Form erhalten, weil eine ihn mehr dem Consum aneignende; bis er zu-lezt die Form erhalten, worin er direkt Gegenstand desselben werden kann, wo also die Aufzehrung des Stoffs und die Aufhebung seiner Form menschli-cher Genuß wird, seine Veränderung sein Gebrauch selbst ist. 

Der Stoff der Baumwolle erhält sich in allen diesen Processen; in der einen Form des Ge-brauchswerths geht er unter um einer höhren Platz zu machen, bis der Gegenstand als Ge-genstand der unmittelbaren Consumtion da ist. Indem aber die Baumwolle als Twist gesezt ist, ist sie in einer bestimmten Beziehung auf eine fernere Art der Arbeit gesezt. Träte diese Arbeit nicht ein, so ist nicht nur die Form nutzlos an ihr gesezt worden, d. h. die frühere Arbeit wird nicht durch die neue bestätigt, sondern auch der Stoff ist verdorben, indem er in der Form als Twist nur Gebrauchswerth hat, insofern er wieder verarbeitet wird: nur noch Gebrauchswerth ist in Bezug auf den Gebrauch, den die fernere Arbeit davon macht; nur Gebrauchswerth ist, insofern seine Form als Twist aufgehoben / wird zu der von Ge-webe; während die Baumwolle in ihrem Dasein als Baumwolle unendlicher Nutzanwendun-gen fähig ist. So wäre ohne die fernere Arbeit der Gebrauchswerth von Baumwolle und Twist, Material und Form verhunzt; er wäre vernichtet, statt producirt worden.
__________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 272f. [MEW 42, S. 278] 


Nota. Sachlich gesehen, nämlich unterm Gesichtspunkt des Zwecks der Arbeit: dem be-absichtigten Gebrauchswert der Ware, handelt es sich eben nur um einen Arbeitsprozess; es ist die spezifische Form der industriellen Arbeitsteilung, der ihn in viele Einzelteile zerlegt, die nicht einmal mehr in derselben Fabrik erledigt werden; und die Einzelteile müssen jedes-mal erst zu Tauschwerten, zu Geld werden, müssen verkauft sein, damit der nächsthöhere Gebrauchswert daraus werden und das Stück Gebrauchswert überhaupt bleiben kann – denn sonst wäre auch der Tauschwert verloren.
9. 11. 15

Nota II. -  'Bestimmung' ist Bestimmung als, und Bestimmung 'als' ist Bestimmung auf einen Zweck hin: 'als' einem Zweck dienlich; und Medium der Bestimmung ist Arbeit.
JE

 

Freitag, 30. Januar 2026

Ein Verhältnis ist kein Ding.

W. Mattheuer, Verstrickt                                                                           aus Marxiana

Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegen einander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwerth, worin für jedes Individuum seine eigne Thätigkeit oder sein Product erst eine Thätigkeit und ein Product für es wird; es muß ein allgemeines Product produciren – den Tauschwerth oder, diesen für sich isolirt, individualisirt, Geld. Andrerseits die Macht, die jedes Individuum über die Thätigkeit der andren oder über die gesellschaftli-chen Reichthümer ausübt, besteht in ihm als dem Eigner von Tauschwerthen, von Geld. Es trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft, in der Tasche mit sich.

Die Thätigkeit, welches immer ihre individuelle Erscheinungsform, und das Product der Thätigkeit, welches immer seine besondre Beschaffenheit, ist der Tauschwerth, d. h. ein Allgemeines, worin alle Individualität, Eigenheit negirt und ausgelöscht ist. Dieses ist in der That ein Zustand sehr verschieden von dem, worin das Individuum oder das in Familie und Stamm (später Gemeinwesen) naturwüchsig oder historisch erweiterte Individuum direkt aus der Natur sich reproducirt oder seine productive Thätigkeit und sein Antheil an der Production an eine bestimmte Form der Arbeit und des Products angewiesen ist und sein Verhältniß zu andren eben so bestimmt ist.

Der gesellschaftliche Charakter der Thätigkeit, wie die gesellschaftliche Form des Products, wie der Antheil des Individuums an der Production erscheint hier als den Individuen gegen-über Fremdes, Sachliches; nicht als das Verhalten ihrer gegen einander, sondern als ihr Un-terordnen unter Verhältnisse, die unabhängig von ihnen bestehn und aus dem Anstoß der gleichgültigen Individuen auf einander entstehn. Der allgemeine Austausch der Thätigkeiten und Producte, der Lebensbedingung für jedes einzelne Individuum geworden, ihr wechsel-seitiger Zusammenhang, erscheint ihnen selbst fremd, unabhängig, als eine Sache.

Im Tauschwerth ist die gesellschaftliche Beziehung der Personen in ein gesellschaftliches Verhalten der Sachen verwandelt; das persönliche Vermögen in ein sachliches. Je weniger gesellschaftliche Kraft das Tauschmittel besizt, je zusammenhängender es noch mit der Natur des unmittelbaren Arbeitsproducts und den unmittelbaren Bedürfnissen der Austau-schenden ist, um so grösser muß noch die Kraft des Gemeinwesens sein, das die Individuen zusammenbindet, patriarchalisches Verhältniß, antikes Gemeinwesen, Feudalismus und Zunftwesen. 
_________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 90 [MEW 42, S. 90f.]  

 

Nota. - Sich Verhalten ist kein Substantiv, sondern ein Verb. Nur wer tätig ist, kann sich verhalten und in ein Verhältnis setzen - nämlich zu einem Andern. Schon zu einander kön-nen sie in einem Verhältnis nur sein, wenn auch der Andere ein Tätiger ist. Wenn einer mit dem Kopf gegen eine Wand rennt, ist das Verhältnis ein durchaus einseitiges - und genau ge-nommen gar keins.

Damit ein Verhältnis entsteht, müssen Mehrere miteinander tätig werden - und bleiben. So gern auch mancher Ideologe so tut, als sei das Verhältnis da gewesen, bevor Menschen 'in es' traten.
JE 

 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Raum, Zeit, Sinnlichkeit und Bedeutung.

  Caduceus                                              zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Raum und Zeit entstehen durch Bewegung. Aber nicht an und für sich, sondern erst durch die Reflexion, die das sinnliche Erleben nach zwei Seiten zerlegt und als Maßstäbe wieder zueinander passt.

Bewegung entsteht der Wahrnehmung aus Schritten, die auf einander folgen. Sie hat ihr Maß in sich selbst. Es ist nicht die Bewegung selber, durch die Raum und Zeit in zwei Größen auseinanderfallen, sondern ihre Messung, und nur durch ihre Messung erscheinen sie als seiend.

Reihenfolge: sinnlich; 'episodisch', als Begebenheit. 

Zeit: als Vorstellung, 'semantisch', als Bedeutung

Fundus des Bewusstseins ist das Gedächtnis, das Begebenheit und Bedeutung separat speichert und verzeichnet.

Dauer ist das lebensweltlich Erfahrbare an der Zeit; will sagen: ihr Ursprung als Erlebnis. Doch erleben ist individuell und privat. Mitteilbar und Bestandteil eines Diskurses wird es nur als Begriff. Anschaulich ist es dann nicht mehr; lebensweltlich bleibt es aber vorherr-schend, weil die Zeit knapp ist und die begrifflichen Distinktionen überwuchert.

Leben muss und kann man zum Glück auch ohne Spekulation; philosophieren allerdings nicht

 

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog JE

Mittwoch, 28. Januar 2026

Zeit ist zuerst Reihenfolge...

                               zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

... und noch nicht Dauer: Die kommt erst durch den Raum hinzu. 

Die Schwierigkeit der Augustinus, einen Begriff der Zeit auszusprechen, kam aus der Unmöglichkeit, die Dauer zu begreifen, weil die die Synthesis von Raum und Zeit bereits voraus setzt. Wenn ich die Dauer hingegen aus der Zeit abziehe, bleibt die Reihenfolge übrig. 

Man kann Raum und Zeit nicht unabhängig von einander beschreiben, sondern braucht die Dauer als Vermittelstück: erst als Vermittelstück. Und Dauer ohne Raum und Reihenfolge ist die Anti zeit - bleierne Unendlichkeit. Zeit ist Ewigkeit, die vergeht. Zeit, in der nichts getan wird, ist vergangene Zeit. Bloße Reihenfolge ist die Zahlenkette - die auf Raum und Zeit gleichermaßen passt.

  

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog JE

Dienstag, 27. Januar 2026

Empirie und Freiheit, oder Sinnlichkeit und Reflexion.

                             zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

... das Wesen der Empirie besteht in diesem allmählichen Auffassen und Hinzusetzen (dies ist sinnlich). Aber in diesem Auffassen und Hinzusetzen besteht die Freiheit (dies ist über-sinnlich). Wir haben hier die Synthesis der Freiheit und der Empirie der Reihenfolge, eins kann ohne das andere nicht sein. Das Intelligible ist nur, in wiefern es zur Reihenfolge hinzugedacht wird, um das Mannigfaltige in ihr zu vereinigen; die Reihenfolge ist nicht möglich ohne die Freiheit, da sie erst durch die Freiheit der Reflexion zu Stande kommt.
__________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 157

 

Nota. -  Begriff ohne Anschauung ist leer, aber Anschauung ohne Begriff ist blind. Wissen ist Erfahrung, aber Erfahrung ist eine Synthesis. Zeit ist zuerst Reihenfolge und noch nicht Dauer (die kommt erst durch den Raum hinzu).
JE 

Montag, 26. Januar 2026

Sinnlichkeit: System in einem System

                                                 zuJochen Ebmeiers Realien   zu Philosophierungen

Man sollte meinen, dass das, was einer empfindet, Teil eines Gefühlshaushalts ist, der sei-nerseits eine qualitas seines Gesamtorganismus ausmacht: System in einem System. Da fragt es sich, was hier 'dasselbe' überhaupt bedeuten könnte.

Auf den Evolutionsgedanken zurückzugreifen liegt zwar nahe. Doch leider induziert er viel zu leicht einen Denkfehler: dass nämlich das Ursprüngliche das Echtere und Wichtigere sei und das Neuere nur Epiphänomen, das man unter Umständen schonmal vernachlässigen kann. Ein System - wenn denn dieser Begriff hier am Platze ist - ist aber keine Hierarchie von Oben und Unten, sondern eben - Wechselbestimmung auf allen Ebenen. Es ist als Gan-zes stets gleichzeitig; oder: Das neu Hinzugekommene bestimmt mit über den aktuellen Sinn alles Vorhergegangenen.

Kommentar zu Wörter, Begriffe und das Gemeinte. JE, 21. 12. 19

 

 

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog JE

Sonntag, 25. Januar 2026

Im NichtIch ist keine Kraft, sondern nur Sein.

Kunstart.net                  aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
[ad Der letzte Grund]

Es wird in das Ich nichts Fremdartiges hineingetragen. Von der Welt geschehen keine Ein-drücke, es kommen keine Bilder hinein. Im Entgegensetzen ist keine Kraft, die sich auf das Ich fortpflanzt, sondern es ist die Beschränkung im Ich, und der Grund, warum es etwas setzt, liegt ihn ihm. - Kraft kommt ursprünglich dem NichtIch nicht zu, sondern nur Sein. Das NichtIch fängt nicht an, es ist nur verhindernd aufhaltend. Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist; der Grund der Beschränkung liegt außer ihm, aber der Grund der Tätigkeit liegt in ihm.
__________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 7
 
 
Nota. - Sein ist eine negative Größe. Positiv ist allein und ausschließlich Handeln.
JE 

Samstag, 24. Januar 2026

Asylum ignorantiae.

Dürer                                      zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Der Logiker beschäftigt sich mit etwas, das schlechthin gilt und jenseits von Raum und Zeit ist. Wenn er nun Sein und Gelten nicht unterscheidet, weil er - kritischer Kopf! - Sein für eine metaphysische Flause hält, bleibt ihm nur das ewige Gelten als Gegebenheit übrig. Wenn er dann noch - unkritischer Kopf - für real nur das hält, was ihm gegeben ist, wird er arglos an einer Metaphysik stricken, die man Logischen Atomismus nennen sollte - doch beiläufig und ohne Begriff, weil er sie vor lauter Selbstverständlichkeit nicht wahrnehmen kann.

Die Pointe? Sein ist ebenso ein Reflexionsprodukt wie Gelten. In der Wirklichkeit sind sie zunächst nicht getrennt, sondern Eins: im Handeln. Nur dieses ist wirklich. Solange Sein und Gelten - Stoff und Geist - als originär aufgefasst werden, ist es, da man sie ex post nicht zusammenbekommt, unmöglich, dass nicht das eine als originärer aufgefasst wird als das andere. Und so wird ein end- und sinnloser Streit daraus.

1. 12. 18
 

Freitag, 23. Januar 2026

Dass.

                                          aus Neuromantiker, aus Philosophierungen

Da ist die Kirsche. Der Star fliegt hin und pickt. Und findet, was er erwartet hat. Er wusste, was er erwartet hat. Doch jetzt weiß er es nicht mehr. Denn nie wusste er, dass er etwas er-wartet hat. Nie wusste er, dass die Kirsche auch ohne ihn da war und dass er auch ohne die Kirsche da ist. Er weiß immer nur dieses oder das, aber nie, dass.

‚Dass‘ ist die Bedingung der Erinnerung, und Erinnerung ist die Bedingung der Reflexion.
18. 6. 10          

 

Nota. - Trivial gesagt: 'Dass' ist der Wirklichkeitsmodus der zweiten semantischen Ebene. Erstens: Da ist eine Kirsche. Zweitens: Ich weiß – sage, denke, bemerke... –, dass da eine Kirsche ist. – Das lässt sich unendlich wiederholen. Sachlich bleibt es immer dieselbe Ope-ration: das Reflektieren auf...  Objektebene und Metaeben unterscheiden sich durch Dass.
im März 2012 


Donnerstag, 22. Januar 2026

Das gegenläufige Verfahren der Wissenschaftslehre.

motorclassic                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das ist das Verfahren der Wissenschaftslehre: Statt freihändig Begriffe zu definieren und daraus ein System zu bauen, sucht sie in den wirklichen Vorstellungen der 'endlichen' Ver-nunftwesen die ihnen zu Grunde liegenden anschaulichen Voraussetzungen auf, und erst, wenn sie an den Punkt gerät, hinter den es nicht hinausgeht, kehrt sie ihren Gang um und setzt, was sie zuvor analytisch auseinandergelegt hatte, synthetisch wieder zusammen; dar-an, ob auf diesem Weg die wirkliche Vorstellungswelt der 'endlichen Vernunftwesen' hinrei-chend rekonstruiert werden kann, entscheidet sich ihre Richtigkeit.
20. 6. 17

Der erste, kritisch-analytische Gang der Wissenschaftslehre endet erst dort, wo es sachlich nicht weitergeht: Es ist die Stelle, wo das Ich sich setzte, indem es sich ein/em Nichtich entgegesetzte. Auf Grund gestoßen war sie damit freilich noch nicht; erst auf die obere Flä-che eines doppelten Bodens. Denn wenn etwas 'sich setzt', dann muss es wohl da gewesen sein, bevor es das tat. Doch 'da' lässt sich nichts auffinden. 

Ich sage, da war ein Vermögen, aber das ist bloß ein Wort. Es ist der dogmatische Reflex eines, der sich immer ein Seiendes vorstellen muss, um sich überhaupt etwas vorstellen zu können. Der dialektische Haken ist: Ein Sein muss aber vorgestellt werden, um 'sein' zu können. Nicht so das Handeln. Es mag 'da' oder auch 'so' sein, ohne dass es sich einer vor-stellt. Wenn er es sich aber vorstellt, muss er es sich so vorstellen, als ob ihm ein Sein - ein Handelnder - vorausgegangen sei. Das Handeln selbst in seiner Verlaufsform konnte er im-mer nur anschauen. Doch das ist selber eine Handlung. Und so weiter, runter ins Unend-liche.

Man muss sich einen Ruck geben und den unendlichen Regress stoppen. Man muss sich entschließen, das anschauliche Handeln selbst als das Ursprüngliche aufzufassen, von dem alles Wahrnehmen seinen Ausgang nimmt. Das ist der Grund, auf dem die Transzendental-philosophie bauen muss, weil sie anderswo nicht bauen kann. Wenn sie von da aus das gan-ze wirklich gewordene System der Vernunft rekonstruiert, wird es im Ergebnis doch nicht mehr dasselbe sein. Ein Weltbild, das auf dem Handeln... nicht beruht, sondern unablässig neu aufbaut, ist ein anderes, als eines, dem ein seiendes Sein zu Grunde liegt. Denn dieses könnte ruhen.
17. 5. 19

 
Wieso muss ein Sein vorgestellt werden und ein Handeln nicht? 
 
Ein Sein muss irgendwem zum Objekt werden, um 'sein' zu können. Das setzt voraus: dass auch ein Subjekt da ist; dass Subjekt-Objekt schon geschieden sind. Im Handeln sind sie auch beide 'da', aber eben noch nicht geschieden. Ontologisch ist das Handeln 'eher' da als Subjekt und Objekt. 
10. 7. 21
 
 

Mittwoch, 21. Januar 2026

Die analytisch-synthetische Methode.

birgitH, pixelio.de             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Soll sich aber etwas aus ihr entwickeln lassen, so müssen in den durch sie vereinigten Be-griffen noch andere enthalten liegen, die bis jetzt nicht aufgestellt sind; und unsere Aufgabe ist die, sie zu finden. Dabei verfahrt man nun auf folgende Art. – Nach § 3. entstehen alle synthetische Begriffe durch Vereinigung entgegengesetzter. Man müsste demnach zuvör-derst solche entgegengesetzte Merkmale der aufgestellten Begriffe (hier des Ich und des Nicht-Ich, insofern sie als sich gegenseitig bestimmend gesetzt sind) aufsuchen; und dies geschieht durch Refle- xion, die eine willkürliche Handlung unseres Geistes ist. –

Aufsuchen, sagte ich; es wird demnach vorausgesetzt, dass sie schon vorhanden sind, und nicht etwa / durch unsere Reflexion erst gemacht und erkünstelt werden (welches über-haupt die Reflexion gar nicht vermag), d.h. es wird eine ursprünglich nothwendige anti-thetische Handlung des Ich vorausgesetzt. 

Die Reflexion hat diese antithetische Handlung aufzustellen: und sie ist insofern zuvörderst analytisch. Nemlich entgegengesetzte
Merkmale, die in einem bestimmten Begriffe = A ent-halten sind, als entgegengesetzt durch Reflexion zum deutlichen Bewusstseyn erheben, heisst: den Begriff A analysiren.
________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 123 f.



Nota. - Der erste Gang der Vernunftkritik, den zur Hälfte bereits Kant zurückgelegt hatte, ist Kritik, und das heißt Reflexion - und verfährt daher analytisch. Ihr Weg ist aufsuchen und auffinden: Es gilt, die Erscheinungen des vernünftigen Denken hinab zu verfolgen bis auf ihren Ursprung. Vernunft ist gegeben als eine Große Synthesis, und da Synthesis ge-schieht durch die Vereinigung Entgegengesetzter, muss Analyse verfahren als Zerlegung der je Gegebenen in zwei Entgegengesetzte. 

Die letzte (bzw. erste) Sythesis, die die Analyse vorfindet, ist der Gegensatz Ich-Nichtich. Er ist eine ursprüngliche Zerteilung. Dieser voraus muss gedacht werden eine Ursynthesis als das Was der Ur-Teilung. Die Ur-Synthesis ist eine Selbstsetzung, die wiederum nur denkbar ist als Selbstentgegensetzung. Auf diesem ihren Grund angekommen, beginnt als zweiter Gang der Wissenschaftslehre die Rekonstruktion des Ganges der Vernunft bis zum Stand unseres gegenwärtigen Wissens.
JE,
29. 4. 18

Der Stoff und seine Formen.

zoibrina                                                                                              aus Marxiana Indem so die lebendig...