Mittwoch, 14. Januar 2026

Kant, Begriff und Anschauung.

Heise                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Bei Kant heißt die Philosophie eine Vernunfterkenntnis aus Begriffen, dies kann aber bei ihm selbst nicht so sein, denn nach ihm ist jeder Begriff ohne Anschauung leer; auch spricht er von transzendentaler Einbildungskraft, diese lässt sich nur anschauen.
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 33 

 
Nota I. - Transzendentalphilosophie heißt Vernunftkritik. Das ist eine problematische Sache, denn das Vordringen zum Ursprung der Vernunft kann die Vernunft selber nur mit ihren eigenen Instrumenten bewerkstelligen: Das, was sie erklären will, muss sie in toto voraussetzen. 

Dass Kant mit seiner Kritik nur bis zum sogenannten Apriori gelangt ist, hat, außer dass er nicht weiterkommen
wollte, auch diesen methodologischen Grund, dass er sich der Parado-xie seines Verfahrens nicht bewusst wurde. Fichte spricht sie in seiner Wissenschaftslehre immer wieder mal an, aber nur so nebenher wie ein technisches Verfahrensproblem. Dabei tut er aber viel mehr. Er verfolgt die Genesis der Vernunft hinter das Stadium zurück, wo sie noch diskursiv darstellbar ist. Mit andern Worten, er entledigt sich der Begriffe und der Schlussregeln.

Das diskursive Verfahren besteht darin, festgestellte Begriffe anhand der Definitionen, aus denen sie gemacht sind, mit andern festgestellten Begriffen und deren Definitionen logisch zu verknüpfen. Das diskursive Verfahren ist eine Kette von lauter Gleichungen. Mit andern Worten, mehr als was in die Begriffe zuvor hineingesteckt wurde, kann nicht herauskom-men. Es werden Merkmale zueinander in immer neue
Verhältnisse gesetzt, aber material kommt nichts hinzu. Das soll es aber: Es soll sichtbar werden, wie dort, wo zuvor keine Vernunft war, Vernunft entsteht.

Fichte musste das Schaffen der Einbildungskraft selber anschaulich machen, aus dessen Reflexion Begriffe überhaupt erst entstehen können. Er musste das Vorstellen darstellen.

All das steckt in dem obigen kleinen Satz.
19. 6. 18
 
 
Nota II. - Ach, wie konnte ich es an dieser Stelle nur vergessen?
 
Kant unterscheidet nicht zwischen Anschauung und Sinnlichkeit. Fichte versteht dagegen unter Sinnlichkeit nur das, was uns von unseren Sinnesorganen gemeldet wird - sonst nichts.
 
Schon dass das angezeigte Bild dieses Bild ist in einem Meer von Mannigfaltigem, bedarf des Zugriffs einer prädikativen Qualität, der es aus dem Strom der Sinneseindrücke heraus-hebt und zum Ereignis werden lässt. Will sagen, indem es reflektiert: beginnend mit dem Anschauen.
 
Ein organisches Selbst wird zu einem Ich, indem es den Wechsel seiner Zustände von 'sich-selbst' unterscheidet.
 
 
Nota III. - In meiner fragmentarischen Dar stellung meines vor gestellten Systems bleibt es nicht aus, dass sich immer wieder Lücken auftun. Dem ist nicht anders beizukommen als durch ständiges Nachbessern.
 
Dass dabei die nachgebesserten Stellen immer wiederholt werden, nehmen Sie bitte in Kauf. In einer diskursiven Darstellung, die unvermeidlich langatmig wäre, würden die Lücken unweigerlich übergangen; doch lesbarer würde sie trotzdem nicht.
JE 
 

Dienstag, 13. Januar 2026

Grundeigentum ist kein ökonomisches Verhältnis, sondern ein Monopol.

Les très riches heures du duc de Berry                                     aus Marxiana

Das Grundeigenthum setzt das Monopol gewisser Personen voraus, über bestimmte Por-tionen des Erdkörpers als ausschließliche Sphären ihres Privatwillens, mit Ausschluß aller andern zu verfügen. Dies vorausgesetzt, handelt es sich darum, den ökonomischen Werth, d. h. / die Verwerthung dieses Monopols auf Basis der kapitalistischen Produktion zu ent-wickeln. Mit der juristischen Macht dieser Personen, Portionen des Erdballs zu brauchen und zu mißbrauchen, ist nichts abgemacht. Der Ge-brauch derselben hängt ganz und gar von ökonomischen Bedingungen ab, die von ihrem Willen unabhängig sind. S. 604f. [628f.] 

In sofern ist das Monopol des Grundeigenthums eine historische Voraussetzung, und bleibt fortwährende Grundlage, der kapitalistischen Produktionsweise, wie aller frühern Produkti-onsweisen, die auf Ausbeutung der Massen in einer oder der andern Form beruhn. Die Form aber, worin die beginnende kapitalistische Produktionsweise das Grundeigenthum vorfindet, entspricht ihr nicht. Die ihr entsprechende Form wird erst von ihr selbst geschaf-fen durch die Unterordnung der Agrikultur unter das Kapital; womit denn auch feudales Grundeigenthum, Claneigenthum, oder kleines Bauerneigenthum mit Markgemeinschaft, in die dieser Produktionsweise entsprechende ökonomische Form verwandelt wird, wie ver-schieden auch deren juristischen Formen seien. 

Es ist eines der großen Resultate der kapitalistischen Produktionsweise, ... daß sie das Grundeigenthum einerseits von Herrschafts-/ und Knechtschaftsverhältnissen völlig loslöst, andrerseits den Grund und Boden als Arbeitsbedingung gänzlich vom Grundeigen-thum und Grundeigenthümer trennt, für den er weiter nichts vorstellt, als eine bestimmte Geldsteuer, die er vermittelst seines Monopols vom industriellen Kapitalisten, dem Pächter erhebt; ... 

Das Grundeigenthum erhält so seine rein ökonomische Form, durch Abstreifung aller sei-ner frühern politischen und socialen Verbrämungen und Verquickungen, kurz aller jener traditionellen Zuthaten, die von den industriellen Kapitalisten selbst, wie von ihren theore-tischen Wortführern, wie wir später sehn werden, im Eifer ihres Kampfs mit dem Grundei-genthum als eine nutzlose und abgeschmackte Superfötation denuncirt werden. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 604ff. [MEW 25, S. 628-31]


Nota I. - Festzuhalten: Das Grundeigentum ist ein Monopol und beruht als solches nicht auf ökonomischen, sondern auf Gewaltvoraussetzungen, und so entstammt die Grundrente nicht einem ökonomischen, sondern einem ursprünglich politischen Verhältnis; wie eine Steuer.
6. 4. 18
 
Nota II. - Indem Grund und Boden in den Geldverkehr hineingezogen wurden, ist das Grundeigentum allerdings ein ökonomisches Faktum geworden, und so war es von den Eigentümern auch gewollt. Es sind Ackerparzellen in Weideland umgewandelt worden. Doch Fläche und natürliche Qualität der Böden blieben erhalten: Die Art ihrer Bearbeitung hat sich geändert, sie wurden verwertet. Ihre gesellschaftliche Funktion ist eine andere ge-worden, und folglich hat sich Ackerkrume zu Grasland entwickelt.
 
Entstanden ist der Grundbesitz nicht aus wirtschaftlicher Tätigkeit, sondern aus Okku-pation; seit er Kapital geworden ist, unterscheidet er sich von anderm Kapital nur noch dadurch, dass es nicht zirkulieren kann und Immobilie bleibt.
JE, 26. 5. 20

Montag, 12. Januar 2026

...in der Mitte, wie das epische Gedicht.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Subjektiv betrachtet, fängt die Philosophie doch immer in der Mitte an, wie das epische Gedicht.
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Friedrich Schlegel, Athenaeum, Ersten Bandes Zweytes Stück. Berlin 1798 

 

Die Mitte zwischen zwei unendlich Bestimmbaren ist die Aktualität: Das Schweben zwi-schen zwei Bestimmungen, alias das reale Bestimmen selbst. 

Vorwärts: auf einen eingebildeten Endzweck, Vorstellen. Rückwärts: auf einen denkbaren Urgrund, Reflektieren.

 

 

Sonntag, 11. Januar 2026

Surplusarbeit und Muße.

posterlounge                                                                aus Marxiana

Es gehört noch nicht hierher, kann hier aber schon erinnert werden, wie dem Schaffen der Surplusarbeit auf der Einen Seite entspricht ein Schaffen von Minus-Arbeit, relativer idle-ness (oder nicht-productiver Arbeit im besten Fall) auf der andren. 

Es versteht sich dieß erstens vom Capital von selbst; dann aber auch den Klassen mit denen es theilt; also von den vom Surplusproduce lebenden Paupers, flunkeys, Jenkinses etc kurz dem ganzen train von retainers; dem Theil der dienenden Klasse, der nicht von Capital, sondern von Revenue lebt. 

Wesentlicher Unterschied dieser dienenden und der arbeitenden Klasse. In Bezug auf die ganze Gesellschaft das Schaffen der disponiblen Zeit dann auch als Schaffen der Zeit zur Production von Wissenschaft, Kunst etc. Es ist keineswegs der Entwicklungsgang der Ge-sellschaft, daß weil Ein Individuum seine Noth befriedigt hat, es nun seinen Ueberfluß schafft; sondern weil Ein Individuum oder Klasse von Individuen gezwungen wird mehr zu arbeiten als zur Befriedigung seiner Noth nöthig – weil Surplusarbeit auf der Einen Seite – wird Nichtarbeit und Surplusreichthum auf der andren gesezt. 

Der Wirklichkeit nach existirt die Entwicklung des Reichthums nur in diesen Gegensätzen; der Möglichkeit nach ist eben seine Entwicklung die Möglichkeit der Aufhebung dieser Ge-gensätze.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 308 [MEW 42, S. 314f.]  


Nota. - Ihren guten Sinn hat die bürgerliche Produktionsweise, indem sie die sachliche Möglichkeit von freier Zeit für alle schafft.
JE,
24. 5. 20

 

 

Samstag, 10. Januar 2026

Die Naturbasis der Mehrarbeit.

                                                                                      aus Marxiana

Die naturwüchsige Basis der Mehrarbeit überhaupt, d. h. eine Naturbedingung, ohne welche sie nicht möglich ist, ist die, daß die Natur, – sei es in Produkten des Landes, pflanzlichen oder thierischen, sei es in Fischereien etc. – die nöthigen Unterhaltsmittel gewährt bei An-wendung einer Arbeitszeit, die nicht den ganzen Arbeitstag verschlingt. Diese naturwüchsi-ge Produktivität der agrikolen Arbeit (worin hier einfach sammelnde, jagende, fischende, Vieh züchtende eingeschlossen) ist die Basis aller Mehrarbeit; wie alle Arbeit zunächst und ursprüng-lich auf Aneignung und Produktion der Nahrung gerichtet ist. (Das Thier gibt ja zugleich Fell zum Wärmen in kälterm Klima; außerdem Höhlenwohnungen etc.) ...

Diese Bedingungen sind: Die unmittelbaren Producenten müssen über die Zeit hinaus ar-beiten, die zur Reproduktion ihrer eignen Arbeitskraft, ihrer selbst erheischt ist. Sie müssen Mehrarbeit überhaupt verrichten. Dies ist die subjektive Bedingung. Aber die objektive ist, daß sie auch Mehrarbeit verrichten können; daß die Natur-bedingungen derart sind, daß ein Theil ihrer disponiblen Arbeitszeit zu ihrer Reproduktion und Selbsterhaltung als Produ-centen hinreicht, daß die Produktion ihrer nothwendigen Lebensmittel nicht ihre ganze Arbeitskraft konsumirt. Die Fruchtbarkeit der Natur bildet hier eine Grenze, einen Aus-gangspunkt, eine Basis. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 620, 622 [MEW 25, S. 645, 647f.]


Nota.  Dies klingt wie eine Binsenweisheit, aber gerade darum muss man sie gelegentlich aussprechen: Nur wenn die Arbeit mehr erbringt als was unmittelbar zum Leben notwendig ist, kann eine Akkumulation und eine Entwicklung stattfinden. Ob dies aber der Fall ist, hängt zunächst von der Natur ab und nicht von der Arbeit. Es liegt vor  jeglicher Formbe-stimmung.
JE, 4. 1. 16

Freitag, 9. Januar 2026

Produktion ist nicht ursprünglich Austausch von Arbeiten.

Asagirt, Äthiopien                                                   aus Marxiana

Es ist eine delusion als beruhte in allen Productionszuständen die Production und daher die Gesellschaft auf dem Austausch von bloser Arbeit gegen Arbeit. In den verschiednen For-men, worin die Arbeit sich zu ihren Productionsbedingungen als ihrem Eigenthum verhält, ist die Reproduction des Arbeiters keineswegs durch blose Arbeit gesezt, denn sein Eigen-thumsverhältniß ist nicht das Resultat, sondern die Voraussetzung seiner Arbeit. 

Im Grundeigenthum ist es klar; im Zunftwesen muß es auch klar werden, daß die besondre Art Eigenthum, die die Arbeit constituirt, nicht auf bloser Arbeit oder Austausch der Arbeit beruht, sondern auf einem objektiven Zusammenhang des Arbeiters mit einem Gemeinwe-sen und Bedingungen, die er vorfindet, von denen er als seiner Basis ausgeht. Sie sind auch Producte / einer Arbeit, der weltgeschichtlichen; der Arbeit des Gemeinwesens – seiner historischen Entwicklung, die nicht von der Arbeit der Einzelnen noch dem Austausch ihrer Arbeiten ausgeht. 

Es ist daher auch nicht die blose Arbeit Voraussetzung der Verwerthung. Ein Zustand in dem blos Arbeit gegen Arbeit ausgetauscht wird – sei es in der Form unmittelbarer Leben-digkeit, sei es in der Form des Products – unterstellt die Loslösung der Arbeit von ihrem ursprünglichen Zusammengewachsensein mit ihren objektiven Bedingungen, weßwegen sie auf der einen Seite als blose Arbeit erscheint, andrerseits ihr Product als vergegenständlichte Arbeit ihr gegenüber ein durchaus selbstständiges Dasein als Werth erhält. Der Austausch von Arbeit gegen Arbeit – scheinbar die Bedingung des Eigenthums des Arbeiters – beruht auf der Eigenthumslosigkeit des Arbeiters als ihrer Basis.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 416f. [MEW 42, S. 422f. ]  



Nota. - 'Ursprünglich' ist Arbeit überhaupt keine Austausch, es sei denn, man verstünde darunter metaphorisch "Austausch mit der Natur", nämlich - sofern von Arbeit in einem spezifischen Sinn schon geredet werden kann - mit dem Boden; und da Ackerbau 'ur-sprünglich' aus der Sammeltätigkeit hervorgegangen sein dürfte, von gemeinschaftlichem Austausch, bei dem kein Besitzwechsel geschieht, sondern lediglich das Arbeitsprodukt nachträglich aufgeteilt wird: denn das Eigentum am Boden ist noch ein gemeinschaftliches. Mit der Aufteilung des Bodens werden später die Produkte der Arbeit gegeneinander ge-tauscht, doch nur die Überschüsse über den Eigenbedarf der jeweiligen Hauswirtschaften.  

Erst als der Ackerbauer von seinem Produktionsmittel getrennt und vom Boden vertrieben war, konnte die Arbeit selbst zum Gegenstand des Tauschs werden, denn ein Produkt konnte er nicht mehr feilbieten. Das setzt sachlich voraus, dass überhaupt nur noch für den Austausch produziert wird und der Markt die Produktion reguliert.
17. 5. 20

Beachte: Es werden nicht zuerst Arbeit und Verhältnisse begrifflich isoliert und hinterher verknüpft, sondern 'Verhältnisse' als Arbeits-Bedingungen dargestellt. Es ist eine Prozess, und der ist in jedem seiner Momente systemisch vermittelt.
JE  


Donnerstag, 8. Januar 2026

Die praktische Tätigkeit des Subjekts ist objektiv.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkriti

Dies ist nun, worin alles Bewusstsein enthalten ist
[,] und woraus es deduziert wird, ist aufge-zeigt: das Subjektive, das sich selbst Setzende, und das Objektive, die praktische Tätigkeit, und das eigentlich Objektive, das NichtIch. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 63



Nota I. - Dass das 'eigentlich Objektive' das NichtIch sei, versteht sich; dass aber auch die praktische Tätigkeit, nämlich keine andere als die des Ich, nicht zum Reich des Subjektiven, sondern, weil sie ja doch immer auf ein Nichtich geht, dem Reich des Objektiven zugerech-net wird, ist bemerkenswert genug, um hier hervorgehoben zu werden.

Es ist in der Wissenschaftslehre ja nicht die Rede von der Wirklichkeit selbst, sondern da-von, wie sie im Bewusstsein vorkommt. Denn dass realiter die Tätigkeit und nicht das 'Sein', schon gar nicht das Sein eines 'Ichs', das einzig Objektive ist – versteht sich wiederum von selbst.
3. 12. 15

Nota II. - Fichte hatte seine kantianischen Zeitgenossen mit der Frage verwirrt, ob etwas apriori sein könne, das nicht zuvor aposteriori war, und umgekehrt. Die stellten sich arglos vor, es gäbe in der Welt ein Reich des Apriori und eines des Aposteriori, und was zu dem einen gehört, gehöre nicht zu dem andern.

Und ebenso meint der Dogmatiker, auch wenn er sich einen Kantianer nennt, es gebe ein Reich der Objektiven und eines des Subjektiven, und was zu dem einen... usw.

Fichte entgegnet, es käme ganz darauf an, von welche Seite her man auf die Frage gestoßen ist. Wer vom Großen Ganzen - dem vollendeten System - 'top down' hinabsteigt, dem be-gegnet das Apriori allerdings vor dem mannigfaltigen Aposteriori. Wer aber beim Mannig-faltigem 'bottom up' angefangen hat, der findet das Apriori, das Große Ganze, erst nach dem Aposteriori.

Wer transzendentalphilosophisch, nämlich vom Gesichtspunkt des sich-selbst-setzenden Ich in die Welt eintritt, dem scheint das Subjektive als das Primäre, das Objektive als das Hinzutretende. Wer sich - der Reflexion ist das so möglich wie erlaubt - auf den Standpunkt des unbeteiligten Dritten stellt und auf das Ich in der Welt schaut, dem erscheinen sie beide als objektiv; nur eben der eine als tätig, die andere als leidend. Das Tätige mag er, so objek-tiv es ihm erscheint, als das Subjektive in dieser Konstellation auffassen und die toten, un-beweglichen Dinge als das Objektive. Dann allerdings erscheint ihm die Tätigkeit des Ich als 'ein klein bisschen objektiver' als jenes - denn er betrachtet sie als eine Synthesis: als eine Ver-einigung zweier ursprünglich Getrennter. 

Vom 'apriorischen' Standpunkt des Gesamtsystems erscheint aber das lebendige Tun als das Ursprüngliche und eigentlich Wirkliche, während die Scheidung in Subjekt und Objekt eine nachträgliche Zutat der Reflexion ist. Es sind nicht die Ingredienten, die 'ihre Stellung wech-seln', oder gar die Begriffe, die ineinander "umschlagen". Es ist lediglich die Intelligenz, die mal von dieser, mal von jener Seite aus auf ihren Gegenstand zugeht. Was auf den ersten Blick und unsortiert Schwindel erregen mag, erweist sich aus der Nähe und im Detail als recht prosaisch.

Und, das muss man zugeben, in der Darstellung sogar als pedantisch. In der sinnlichen Wirklichkeit, in der wir nun einmal leben, begegnet uns unmittebar immer nur Mannigfal-tiges, und da muss jedes Stück für Stück inventarisiert und unter Begriffe sortiert werden. Das ist kleinteilig und wenig unterhaltend. Es ist auf die Dauer aber sicherer, als über die Einzelnen hinwegzugleiten wie auf einer Bananenschale.
JE, 17. 12. 21 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 7. Januar 2026

Das Wahre, das Wissen und das zusätzliche Quantum.

ak.spiele                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Begründet wird das Wissen durch die Selbstsetzung des Ich in der pp. Tathandlung – als ein Fakt.

Rechtfertigen muss es sich vor der Idee des Wahren. (Absoluten, Unbedingten, An-sich, Endzweck usw.)
19. 12. 15

Es ging um die Rechtfertigung der Vernunft. Sie beansprucht, Maßstab des Wissens zu sein. Nicht, die Summe des Gewussten zu sein: Die bräuchte als ihren Maßstab nur ihren prakti-schen Nutzen - solange sie nützt. Das Wissen müsste sich schon durch sich selbst rechtfer-tigen: indem sich am Schluss bewährt, was es eingangs behauptet, mit andern Worten: als System.

Lässt es sich als System beweisen? 

Als System müsste es schon widerlegt werden; das ist, ex negativo, seine Rechtfertigung. Be-hauptet wird immerhin: Ein System des Wissens ist anders nicht möglich; sondern nur eine Sammlung von einstweilen Glaubwürdigem.
22. 12. 21 

Wenn es einen Sinn für mich gibt, ist er ein möglicher Sinn für jeden; nämlich für jeden in der Reihe vernünftiger Wesen: Er hat Bedeutung für jedermann und kann für ihn zu einem Zweckbegriff werden. In der Abstraktion sind Bedeutung-Sinn&Zweck dem wählenden In-dividuum voraussgesetzt. Gemeinsam ist ihnen die Bestimmung, dass sie gelten können. 'Geltung' ist immer problematisch: gilt oder gilt nicht. Es ist kein theoretisches, sondern ein praktisches Problem, denn es stellt sich allein dem, der entscheiden muss, weil er handeln will.

*

Skeptiker sind klüger als andere: "Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Wahrheiten..."

Das ist platt. Wenn alle Wahrheiten diese einzige Bestimmung miteinander teilen, dann 'gibt es' Wahrheit. Höchstens könnte man sagen: Sie reicht nicht überall hin, sie hat Löcher. Oder: manche Wahrheit ist bloßer Augenschein, andere Wahrheiten gehen tiefer und halten länger Stand. Das würde aber nur bedeuten, dass Wahrheit ihre Sphären und ihr Grade hat. Doch das Schlüsselwort ist: noch. Historisch hat manch Verschiedenes als Wahrheit gegol-ten, aber Wahrheit wurde bei allen Irrungen immer weiter und immer haltbarer.*

Nun, das betrifft empirisches, faktisches Wissen, das gilt, weil es praktisch überprüft wurde: Die wirkliche Wissenschaft macht Fortschritt, weil ihr innerer Stachel die Kritik ist; sie kann gar nicht 'auf sich beruhen'.

Doch gerade dies wären eben jene 'Teilwahrheiten', die der Skeptiker konzediert. Aber was Wahrheit ihrem Wesen nach wirklich ist, ist keine Sache von Erfahrung, sondern von... rei-nem Wissen?  

Empirisches Wissen ist solches, das durch Versuch falsifizierbar ist. Was lange genug den Falsifizierungsversuchen widerstanden hat, gilt als gesichert. Wenn eines Tages nicht mehr, heißt das nur, dass der Fortschritt des Wissens unaufhaltsam ist.

Darwins natürliche Auslese hatte Lamarcks aktive Anpassung in den Schatten gestellt, doch die Epigenetik hat sie ins rechte Licht gerückt. Und gar Newtons Äther wurde als kosmi-sches Plasma rehabilitiert! Das reine Nichts gibt es nicht, sondern nur ein Noch nichts.

Wahrheit ist von der einen Seite das, was von der andern Wissen ist. Von dieser Seite Gel-tung, was von jener gelten ist. 

Wahres Wissen wäre also solches, das für Alles gilt? 

Alles 'gibt es' faktisch so wenig wie Nichts. Ob etwas für alle möglichen Versuche gilt, kann man erst wissen, wenn der letztmögliche abgeschlossen ist, nämlich nie - und das ist nicht der Gegensatz zu immer, sondern immer wieder nur der zu jetzt.

So viel, zu dem, was in Raum und Zeit wissbar ist - nämlich nach ausreichenden Versuchen.

Aber was ist mit dem reinen Wissen? 

Das 'gibt es' nicht. Das wäre ein Wissen ohne das, was  gewusst wird.

Aber das reine Denken? Das wäre die bloße Form ohne allen Gegenstand. Die Gegenstän-de, mit denen gedacht wird, sind die Begriffe: die sind der Stoff. Das Verfahren verfahren ist deren sinnhafte... Verknüpfung. Das nennt man Logik. Verknüpfung von nicht Etwas?!  Denken ohne Etwas, das gedacht wird, geht nicht. Also kann Denken nicht bloßes Ver-knüpfen sein. Es muss Hervorbringen von Etwas sein - was wir landläufig vorstellen nen-nen. 

*  

Wir wissen, dass wir etwas wissen - Dieses und Jenes. Ohne irgendetwas zu wissen, könnten wir in der Welt nicht überleben. 

Genau genommen: 'Die' Welt ist unsere Welt - nämlich der Raum, in dem wir von etwas wissen können; in dem wir etwas wissen können: Ein Raum, in dem nur ich etwas wissen könnte, wäre meine Welt, aber nicht unsere. Wissen und Welt bedingen einander. Welt ist der Raum des Wissbaren.

Wissen ist das spezifische Verhältnis von einem, der weiß, zu dem, was er weiß. Das Fak-tum, dass etwas gewusst wird, setzt voraus eine Sphäre von Wissbarem. Des Verhältnis zwischen beiden, wie immer es in specie bestimmt sei, ist wahr. Anders hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Nur was gewusst wird, kann unwahr sein - weil nämlich dieses Verhältnis, und sonst nichts, wahr ist.  

Das Verhältnis eines Quants zu einem andern Quant ist, was und wie es ist - an sich und ohne, dass wer davon was weiß. Was einer darüber zu wissen behauptet, kann nur darum wahr sein, weil es auch unwahr sein kann.

Das, was er weiß, muss etwas sein, das er hinzugefügt hat, weil es die beiden Quanten nicht getan haben können; Sinn-Zweck&Bedeutung.

*) Einstweilen definitiv, sagt der Wiener.

 

Dienstag, 6. Januar 2026

Auf Grund gestoßen.

FF  / pixelio.de                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Sie haben es bemerkt, mit den letzten drei Einträgen des vergangenen Jahres ... sind wir auf Grund gestoßen. Was verbürgt uns, dass "es" Wahrheit wirklich "gibt", dass nicht Alles auf Sand gebaut und beliebig ist? Dass es also 'einen Sinn hat', nach dem Rechten zu suchen? Tiefer kann man nicht bohren, und an dieser Stelle muss sich erweisen, ob nicht Fichte selbst auf Sand gebaut und sich alles nur aus den Fingern gesaugt hat.

Die intellektuelle Anschauung, die am Anfang der Wissenschaftslehre steht, war als Begriff ge-wagt genug und hatte ihm den unvermeidlichen Tadel der rechtgläubigen Kantianer eingetragen. Und nun kommt als nachträgliches Fundament gar noch ein "intellektuelles Gefühl" dazu!

Das ist eine geeignete Gelegenheit, noch einmal auf das streng phänomenologische Verfah-ren der Wissenschaftslehre hinzuweisen. Die Wissenschaftslehre gibt durchaus nicht vor, et-was zu konstruieren, das es zuvor nicht gab. Sie stellt lediglich das dar, was in unserm Den-ken, in unseren Wissensakten tatsächlich passiert, und versucht, es in eine verständliche Ordnung, in ein Schema zu bringen. Es ist nicht ihr Ehrgeiz, zu erweisen, dass 'es Warheit gibt', noch nachzuweisen, wodurch. Sie begnügt sich aufzuweisen, dass wir in allen Formen unseres Wissens diese Prämisse tatsächlich zugrunde legen, auch wenn es der eine oder an-dere durchaus nicht wahrhaben will. Auch Paul Feyerabend hat, wenn er etwa mit seinem Nachbarn frei über Gott und die Welt plauderte und nicht gerade am Schreibtisch saß und hochinteressante Gedanken zu Papier brachte, zwischen wahr und unwahr unterschieden; so wie auch der idealistische Philosoph an die Wirklichkeit der Welt glaubt, sobald er das Katheder verlässt.

Dass es in Wahrheit 'nur Teilwahrheiten' gäbe, ist eine denkfaule Ausflucht. Teile von Et-was, das es selber gar nicht gibt? Die Qualität, immerhin 'ein Teil' der Wahrheit zu sein, wäre ihnen doch gemeinsam, und die verdiente es wohl, mit einem Namen benannt zu werden; und mit welchem wenn nicht - Wahrheit? Es ist auch nicht 'wahr', dass Menschen nur sol-ches wüssten oder nur zu wissen wünschten, was sich "praktisch bewährt", nämlich am Maß-stab von Vor- und Nachteil. Sie wollen nicht nur mehr wissen, sondern setzen tagtäg-lich wirklich voraus, dass sie es tun.

Da heißt es tatsächlich: so oder gar nicht, entweder oder, tertium non datur.

*

Natürlich kann man den Standpunkt beziehen, dass es Wahrheit überhaupt nicht gäbe. Aber vertreten kann man ihn schon nicht mehr - jedenfalls nicht, ohne den Anspruch zu erhe-ben, wahr zu reden. Wer meint, es gibt keinen Sinn, der verlässt den Boden, auf dem er sich einem andern mitteilen kann.

Das beweist freilich nicht, dass 'es Wahrheit gibt'.

 
Das Verfahren der Wissenschaftslehre ist nicht, dass sie zuvörderst das Sein von Wahrheit erweist, indem sie ihren Grund freilegt. Das könnte nur ein dogmatisches Verfahren leisten, oder richtiger: leisten wollen. Das Verfahren der Wissenschaftslehre geht umgekehrt: Da wir uns verständigen können, da es Vernunft also wirklich gibt, muss es auch einen Grund dafür geben. Sie schließt nicht aus dem Grund auf die notwendige Folge, sondern schließt aus der Tatsache auf den notwendigen Grund. Notwendig bedeutet hier nicht: wenn/dann, sondern um/zu.

Die Annahme, dass alles auf einen letzten Zweck zuläuft, an dem es sich bewähren muss, ist selber Vernünftigkeit. 'Es gibt' Vernunft nur als das effektive Gelten dieser Prämisse in den wirklichen Urteilen der Menschen. Anders ist sie nicht.

Ob indessen ein "intellektuelles Gefühl" hinreicht, uns der Gültigkeit dieser Annahme zu versichern, ist ein Thema für sich. Darauf werde ich zurückkommen müssen.
2. Januar 2014

 

Kant, Begriff und Anschauung.

Heise                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik . Bei Kant heißt die Philosophie eine Vernunfterken...