Samstag, 10. Januar 2026

Die Naturbasis der Mehrarbeit.

                                                                                      aus Marxiana

Die naturwüchsige Basis der Mehrarbeit überhaupt, d. h. eine Naturbedingung, ohne welche sie nicht möglich ist, ist die, daß die Natur, – sei es in Produkten des Landes, pflanzlichen oder thierischen, sei es in Fischereien etc. – die nöthigen Unterhaltsmittel gewährt bei An-wendung einer Arbeitszeit, die nicht den ganzen Arbeitstag verschlingt. Diese naturwüchsi-ge Produktivität der agrikolen Arbeit (worin hier einfach sammelnde, jagende, fischende, Vieh züchtende eingeschlossen) ist die Basis aller Mehrarbeit; wie alle Arbeit zunächst und ursprüng-lich auf Aneignung und Produktion der Nahrung gerichtet ist. (Das Thier gibt ja zugleich Fell zum Wärmen in kälterm Klima; außerdem Höhlenwohnungen etc.) ...

Diese Bedingungen sind: Die unmittelbaren Producenten müssen über die Zeit hinaus ar-beiten, die zur Reproduktion ihrer eignen Arbeitskraft, ihrer selbst erheischt ist. Sie müssen Mehrarbeit überhaupt verrichten. Dies ist die subjektive Bedingung. Aber die objektive ist, daß sie auch Mehrarbeit verrichten können; daß die Natur-bedingungen derart sind, daß ein Theil ihrer disponiblen Arbeitszeit zu ihrer Reproduktion und Selbsterhaltung als Produ-centen hinreicht, daß die Produktion ihrer nothwendigen Lebensmittel nicht ihre ganze Arbeitskraft konsumirt. Die Fruchtbarkeit der Natur bildet hier eine Grenze, einen Aus-gangspunkt, eine Basis. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 620, 622 [MEW 25, S. 645, 647f.]


Nota.  Dies klingt wie eine Binsenweisheit, aber gerade darum muss man sie gelegentlich aussprechen: Nur wenn die Arbeit mehr erbringt als was unmittelbar zum Leben notwendig ist, kann eine Akkumulation und eine Entwicklung stattfinden. Ob dies aber der Fall ist, hängt zunächst von der Natur ab und nicht von der Arbeit. Es liegt vor  jeglicher Formbe-stimmung.
JE, 4. 1. 16

Freitag, 9. Januar 2026

Produktion ist nicht ursprünglich Austausch von Arbeiten.

Asagirt, Äthiopien                                                   aus Marxiana

Es ist eine delusion als beruhte in allen Productionszuständen die Production und daher die Gesellschaft auf dem Austausch von bloser Arbeit gegen Arbeit. In den verschiednen For-men, worin die Arbeit sich zu ihren Productionsbedingungen als ihrem Eigenthum verhält, ist die Reproduction des Arbeiters keineswegs durch blose Arbeit gesezt, denn sein Eigen-thumsverhältniß ist nicht das Resultat, sondern die Voraussetzung seiner Arbeit. 

Im Grundeigenthum ist es klar; im Zunftwesen muß es auch klar werden, daß die besondre Art Eigenthum, die die Arbeit constituirt, nicht auf bloser Arbeit oder Austausch der Arbeit beruht, sondern auf einem objektiven Zusammenhang des Arbeiters mit einem Gemeinwe-sen und Bedingungen, die er vorfindet, von denen er als seiner Basis ausgeht. Sie sind auch Producte / einer Arbeit, der weltgeschichtlichen; der Arbeit des Gemeinwesens – seiner historischen Entwicklung, die nicht von der Arbeit der Einzelnen noch dem Austausch ihrer Arbeiten ausgeht. 

Es ist daher auch nicht die blose Arbeit Voraussetzung der Verwerthung. Ein Zustand in dem blos Arbeit gegen Arbeit ausgetauscht wird – sei es in der Form unmittelbarer Leben-digkeit, sei es in der Form des Products – unterstellt die Loslösung der Arbeit von ihrem ursprünglichen Zusammengewachsensein mit ihren objektiven Bedingungen, weßwegen sie auf der einen Seite als blose Arbeit erscheint, andrerseits ihr Product als vergegenständlichte Arbeit ihr gegenüber ein durchaus selbstständiges Dasein als Werth erhält. Der Austausch von Arbeit gegen Arbeit – scheinbar die Bedingung des Eigenthums des Arbeiters – beruht auf der Eigenthumslosigkeit des Arbeiters als ihrer Basis.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 416f. [MEW 42, S. 422f. ]  



Nota. - 'Ursprünglich' ist Arbeit überhaupt keine Austausch, es sei denn, man verstünde darunter metaphorisch "Austausch mit der Natur", nämlich - sofern von Arbeit in einem spezifischen Sinn schon geredet werden kann - mit dem Boden; und da Ackerbau 'ur-sprünglich' aus der Sammeltätigkeit hervorgegangen sein dürfte, von gemeinschaftlichem Austausch, bei dem kein Besitzwechsel geschieht, sondern lediglich das Arbeitsprodukt nachträglich aufgeteilt wird: denn das Eigentum am Boden ist noch ein gemeinschaftliches. Mit der Aufteilung des Bodens werden später die Produkte der Arbeit gegeneinander ge-tauscht, doch nur die Überschüsse über den Eigenbedarf der jeweiligen Hauswirtschaften.  

Erst als der Ackerbauer von seinem Produktionsmittel getrennt und vom Boden vertrieben war, konnte die Arbeit selbst zum Gegenstand des Tauschs werden, denn ein Produkt konnte er nicht mehr feilbieten. Das setzt sachlich voraus, dass überhaupt nur noch für den Austausch produziert wird und der Markt die Produktion reguliert.
17. 5. 20

Beachte: Es werden nicht zuerst Arbeit und Verhältnisse begrifflich isoliert und hinterher verknüpft, sondern 'Verhältnisse' als Arbeits-Bedingungen dargestellt. Es ist eine Prozess, und der ist in jedem seiner Momente systemisch vermittelt.
JE  


Donnerstag, 8. Januar 2026

Die praktische Tätigkeit des Subjekts ist objektiv.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkriti

Dies ist nun, worin alles Bewusstsein enthalten ist
[,] und woraus es deduziert wird, ist aufge-zeigt: das Subjektive, das sich selbst Setzende, und das Objektive, die praktische Tätigkeit, und das eigentlich Objektive, das NichtIch. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 63



Nota I. - Dass das 'eigentlich Objektive' das NichtIch sei, versteht sich; dass aber auch die praktische Tätigkeit, nämlich keine andere als die des Ich, nicht zum Reich des Subjektiven, sondern, weil sie ja doch immer auf ein Nichtich geht, dem Reich des Objektiven zugerech-net wird, ist bemerkenswert genug, um hier hervorgehoben zu werden.

Es ist in der Wissenschaftslehre ja nicht die Rede von der Wirklichkeit selbst, sondern da-von, wie sie im Bewusstsein vorkommt. Denn dass realiter die Tätigkeit und nicht das 'Sein', schon gar nicht das Sein eines 'Ichs', das einzig Objektive ist – versteht sich wiederum von selbst.
3. 12. 15

Nota II. - Fichte hatte seine kantianischen Zeitgenossen mit der Frage verwirrt, ob etwas apriori sein könne, das nicht zuvor aposteriori war, und umgekehrt. Die stellten sich arglos vor, es gäbe in der Welt ein Reich des Apriori und eines des Aposteriori, und was zu dem einen gehört, gehöre nicht zu dem andern.

Und ebenso meint der Dogmatiker, auch wenn er sich einen Kantianer nennt, es gebe ein Reich der Objektiven und eines des Subjektiven, und was zu dem einen... usw.

Fichte entgegnet, es käme ganz darauf an, von welche Seite her man auf die Frage gestoßen ist. Wer vom Großen Ganzen - dem vollendeten System - 'top down' hinabsteigt, dem be-gegnet das Apriori allerdings vor dem mannigfaltigen Aposteriori. Wer aber beim Mannig-faltigem 'bottom up' angefangen hat, der findet das Apriori, das Große Ganze, erst nach dem Aposteriori.

Wer transzendentalphilosophisch, nämlich vom Gesichtspunkt des sich-selbst-setzenden Ich in die Welt eintritt, dem scheint das Subjektive als das Primäre, das Objektive als das Hinzutretende. Wer sich - der Reflexion ist das so möglich wie erlaubt - auf den Standpunkt des unbeteiligten Dritten stellt und auf das Ich in der Welt schaut, dem erscheinen sie beide als objektiv; nur eben der eine als tätig, die andere als leidend. Das Tätige mag er, so objek-tiv es ihm erscheint, als das Subjektive in dieser Konstellation auffassen und die toten, un-beweglichen Dinge als das Objektive. Dann allerdings erscheint ihm die Tätigkeit des Ich als 'ein klein bisschen objektiver' als jenes - denn er betrachtet sie als eine Synthesis: als eine Ver-einigung zweier ursprünglich Getrennter. 

Vom 'apriorischen' Standpunkt des Gesamtsystems erscheint aber das lebendige Tun als das Ursprüngliche und eigentlich Wirkliche, während die Scheidung in Subjekt und Objekt eine nachträgliche Zutat der Reflexion ist. Es sind nicht die Ingredienten, die 'ihre Stellung wech-seln', oder gar die Begriffe, die ineinander "umschlagen". Es ist lediglich die Intelligenz, die mal von dieser, mal von jener Seite aus auf ihren Gegenstand zugeht. Was auf den ersten Blick und unsortiert Schwindel erregen mag, erweist sich aus der Nähe und im Detail als recht prosaisch.

Und, das muss man zugeben, in der Darstellung sogar als pedantisch. In der sinnlichen Wirklichkeit, in der wir nun einmal leben, begegnet uns unmittebar immer nur Mannigfal-tiges, und da muss jedes Stück für Stück inventarisiert und unter Begriffe sortiert werden. Das ist kleinteilig und wenig unterhaltend. Es ist auf die Dauer aber sicherer, als über die Einzelnen hinwegzugleiten wie auf einer Bananenschale.
JE, 17. 12. 21 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 7. Januar 2026

Das Wahre, das Wissen und das zusätzliche Quantum.

ak.spiele                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Begründet wird das Wissen durch die Selbstsetzung des Ich in der pp. Tathandlung – als ein Fakt.

Rechtfertigen muss es sich vor der Idee des Wahren. (Absoluten, Unbedingten, An-sich, Endzweck usw.)
19. 12. 15

Es ging um die Rechtfertigung der Vernunft. Sie beansprucht, Maßstab des Wissens zu sein. Nicht, die Summe des Gewussten zu sein: Die bräuchte als ihren Maßstab nur ihren prakti-schen Nutzen - solange sie nützt. Das Wissen müsste sich schon durch sich selbst rechtfer-tigen: indem sich am Schluss bewährt, was es eingangs behauptet, mit andern Worten: als System.

Lässt es sich als System beweisen? 

Als System müsste es schon widerlegt werden; das ist, ex negativo, seine Rechtfertigung. Be-hauptet wird immerhin: Ein System des Wissens ist anders nicht möglich; sondern nur eine Sammlung von einstweilen Glaubwürdigem.
22. 12. 21 

Wenn es einen Sinn für mich gibt, ist er ein möglicher Sinn für jeden; nämlich für jeden in der Reihe vernünftiger Wesen: Er hat Bedeutung für jedermann und kann für ihn zu einem Zweckbegriff werden. In der Abstraktion sind Bedeutung-Sinn&Zweck dem wählenden In-dividuum voraussgesetzt. Gemeinsam ist ihnen die Bestimmung, dass sie gelten können. 'Geltung' ist immer problematisch: gilt oder gilt nicht. Es ist kein theoretisches, sondern ein praktisches Problem, denn es stellt sich allein dem, der entscheiden muss, weil er handeln will.

*

Skeptiker sind klüger als andere: "Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Wahrheiten..."

Das ist platt. Wenn alle Wahrheiten diese einzige Bestimmung miteinander teilen, dann 'gibt es' Wahrheit. Höchstens könnte man sagen: Sie reicht nicht überall hin, sie hat Löcher. Oder: manche Wahrheit ist bloßer Augenschein, andere Wahrheiten gehen tiefer und halten länger Stand. Das würde aber nur bedeuten, dass Wahrheit ihre Sphären und ihr Grade hat. Doch das Schlüsselwort ist: noch. Historisch hat manch Verschiedenes als Wahrheit gegol-ten, aber Wahrheit wurde bei allen Irrungen immer weiter und immer haltbarer.*

Nun, das betrifft empirisches, faktisches Wissen, das gilt, weil es praktisch überprüft wurde: Die wirkliche Wissenschaft macht Fortschritt, weil ihr innerer Stachel die Kritik ist; sie kann gar nicht 'auf sich beruhen'.

Doch gerade dies wären eben jene 'Teilwahrheiten', die der Skeptiker konzediert. Aber was Wahrheit ihrem Wesen nach wirklich ist, ist keine Sache von Erfahrung, sondern von... rei-nem Wissen?  

Empirisches Wissen ist solches, das durch Versuch falsifizierbar ist. Was lange genug den Falsifizierungsversuchen widerstanden hat, gilt als gesichert. Wenn eines Tages nicht mehr, heißt das nur, dass der Fortschritt des Wissens unaufhaltsam ist.

Darwins natürliche Auslese hatte Lamarcks aktive Anpassung in den Schatten gestellt, doch die Epigenetik hat sie ins rechte Licht gerückt. Und gar Newtons Äther wurde als kosmi-sches Plasma rehabilitiert! Das reine Nichts gibt es nicht, sondern nur ein Noch nichts.

Wahrheit ist von der einen Seite das, was von der andern Wissen ist. Von dieser Seite Gel-tung, was von jener gelten ist. 

Wahres Wissen wäre also solches, das für Alles gilt? 

Alles 'gibt es' faktisch so wenig wie Nichts. Ob etwas für alle möglichen Versuche gilt, kann man erst wissen, wenn der letztmögliche abgeschlossen ist, nämlich nie - und das ist nicht der Gegensatz zu immer, sondern immer wieder nur der zu jetzt.

So viel, zu dem, was in Raum und Zeit wissbar ist - nämlich nach ausreichenden Versuchen.

Aber was ist mit dem reinen Wissen? 

Das 'gibt es' nicht. Das wäre ein Wissen ohne das, was  gewusst wird.

Aber das reine Denken? Das wäre die bloße Form ohne allen Gegenstand. Die Gegenstän-de, mit denen gedacht wird, sind die Begriffe: die sind der Stoff. Das Verfahren verfahren ist deren sinnhafte... Verknüpfung. Das nennt man Logik. Verknüpfung von nicht Etwas?!  Denken ohne Etwas, das gedacht wird, geht nicht. Also kann Denken nicht bloßes Ver-knüpfen sein. Es muss Hervorbringen von Etwas sein - was wir landläufig vorstellen nen-nen. 

*  

Wir wissen, dass wir etwas wissen - Dieses und Jenes. Ohne irgendetwas zu wissen, könnten wir in der Welt nicht überleben. 

Genau genommen: 'Die' Welt ist unsere Welt - nämlich der Raum, in dem wir von etwas wissen können; in dem wir etwas wissen können: Ein Raum, in dem nur ich etwas wissen könnte, wäre meine Welt, aber nicht unsere. Wissen und Welt bedingen einander. Welt ist der Raum des Wissbaren.

Wissen ist das spezifische Verhältnis von einem, der weiß, zu dem, was er weiß. Das Fak-tum, dass etwas gewusst wird, setzt voraus eine Sphäre von Wissbarem. Des Verhältnis zwischen beiden, wie immer es in specie bestimmt sei, ist wahr. Anders hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Nur was gewusst wird, kann unwahr sein - weil nämlich dieses Verhältnis, und sonst nichts, wahr ist.  

Das Verhältnis eines Quants zu einem andern Quant ist, was und wie es ist - an sich und ohne, dass wer davon was weiß. Was einer darüber zu wissen behauptet, kann nur darum wahr sein, weil es auch unwahr sein kann.

Das, was er weiß, muss etwas sein, das er hinzugefügt hat, weil es die beiden Quanten nicht getan haben können; Sinn-Zweck&Bedeutung.

*) Einstweilen definitiv, sagt der Wiener.

 

Dienstag, 6. Januar 2026

Auf Grund gestoßen.

FF  / pixelio.de                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Sie haben es bemerkt, mit den letzten drei Einträgen des vergangenen Jahres ... sind wir auf Grund gestoßen. Was verbürgt uns, dass "es" Wahrheit wirklich "gibt", dass nicht Alles auf Sand gebaut und beliebig ist? Dass es also 'einen Sinn hat', nach dem Rechten zu suchen? Tiefer kann man nicht bohren, und an dieser Stelle muss sich erweisen, ob nicht Fichte selbst auf Sand gebaut und sich alles nur aus den Fingern gesaugt hat.

Die intellektuelle Anschauung, die am Anfang der Wissenschaftslehre steht, war als Begriff ge-wagt genug und hatte ihm den unvermeidlichen Tadel der rechtgläubigen Kantianer eingetragen. Und nun kommt als nachträgliches Fundament gar noch ein "intellektuelles Gefühl" dazu!

Das ist eine geeignete Gelegenheit, noch einmal auf das streng phänomenologische Verfah-ren der Wissenschaftslehre hinzuweisen. Die Wissenschaftslehre gibt durchaus nicht vor, et-was zu konstruieren, das es zuvor nicht gab. Sie stellt lediglich das dar, was in unserm Den-ken, in unseren Wissensakten tatsächlich passiert, und versucht, es in eine verständliche Ordnung, in ein Schema zu bringen. Es ist nicht ihr Ehrgeiz, zu erweisen, dass 'es Warheit gibt', noch nachzuweisen, wodurch. Sie begnügt sich aufzuweisen, dass wir in allen Formen unseres Wissens diese Prämisse tatsächlich zugrunde legen, auch wenn es der eine oder an-dere durchaus nicht wahrhaben will. Auch Paul Feyerabend hat, wenn er etwa mit seinem Nachbarn frei über Gott und die Welt plauderte und nicht gerade am Schreibtisch saß und hochinteressante Gedanken zu Papier brachte, zwischen wahr und unwahr unterschieden; so wie auch der idealistische Philosoph an die Wirklichkeit der Welt glaubt, sobald er das Katheder verlässt.

Dass es in Wahrheit 'nur Teilwahrheiten' gäbe, ist eine denkfaule Ausflucht. Teile von Et-was, das es selber gar nicht gibt? Die Qualität, immerhin 'ein Teil' der Wahrheit zu sein, wäre ihnen doch gemeinsam, und die verdiente es wohl, mit einem Namen benannt zu werden; und mit welchem wenn nicht - Wahrheit? Es ist auch nicht 'wahr', dass Menschen nur sol-ches wüssten oder nur zu wissen wünschten, was sich "praktisch bewährt", nämlich am Maß-stab von Vor- und Nachteil. Sie wollen nicht nur mehr wissen, sondern setzen tagtäg-lich wirklich voraus, dass sie es tun.

Da heißt es tatsächlich: so oder gar nicht, entweder oder, tertium non datur.

*

Natürlich kann man den Standpunkt beziehen, dass es Wahrheit überhaupt nicht gäbe. Aber vertreten kann man ihn schon nicht mehr - jedenfalls nicht, ohne den Anspruch zu erhe-ben, wahr zu reden. Wer meint, es gibt keinen Sinn, der verlässt den Boden, auf dem er sich einem andern mitteilen kann.

Das beweist freilich nicht, dass 'es Wahrheit gibt'.

 
Das Verfahren der Wissenschaftslehre ist nicht, dass sie zuvörderst das Sein von Wahrheit erweist, indem sie ihren Grund freilegt. Das könnte nur ein dogmatisches Verfahren leisten, oder richtiger: leisten wollen. Das Verfahren der Wissenschaftslehre geht umgekehrt: Da wir uns verständigen können, da es Vernunft also wirklich gibt, muss es auch einen Grund dafür geben. Sie schließt nicht aus dem Grund auf die notwendige Folge, sondern schließt aus der Tatsache auf den notwendigen Grund. Notwendig bedeutet hier nicht: wenn/dann, sondern um/zu.

Die Annahme, dass alles auf einen letzten Zweck zuläuft, an dem es sich bewähren muss, ist selber Vernünftigkeit. 'Es gibt' Vernunft nur als das effektive Gelten dieser Prämisse in den wirklichen Urteilen der Menschen. Anders ist sie nicht.

Ob indessen ein "intellektuelles Gefühl" hinreicht, uns der Gültigkeit dieser Annahme zu versichern, ist ein Thema für sich. Darauf werde ich zurückkommen müssen.
2. Januar 2014

 

Montag, 5. Januar 2026

Ein Erklärungsgrund, der vorausgesetzt werden muss, um...

                                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkriti

Es ist hier nicht darum zu tun, eine Moral aufzustellen, sondern das Bewusstsein überhaupt soll erklärt werden; und dies ist nur möglich unter Voraussetzung des oben geschilderten reinen Willens. Es soll gezeigt werden, wie hieraus sich das Bewusstsein der Objekte erklä-ren werde.

Dies reine Wollen soll hier noch nichts anderes bedeuten als einen Erklärungsgrund des Bewusstseins, als eine Hypothese, noch nicht als ein Objekt des Bewusstseins. Tiefer unten wird gezeigt werden, wie es in das Bewusstsein hinein komme. Es ist hier um die Folgen zu tun, die es haben wird, wenn es als Erklärungsgrund des Bewusstsein vorausgesetzt wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 143f.

 
 
Nota. -  Wozu überhaupt Vernunftkritik?
 
Alles, was geschieht, hat einen Sinn. Streiten mögen wir darüber, welchen. Doch ob oder ob nicht, lässt sich abschließend nicht entscheiden, denn ich mag immer weitersuchen und es ist nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann irgendwas finde. Schon gar nicht, dass ich ihm selber einen gebe!
 
Wäre es dann aber sein Sinn? 
 
Sinn oder Bedeutung, das ist so gut wie dasselbe. Bedeutung hat etwas für einen. Ist er selber ein Handelnder, dann hat das, was er tut, einen Sinn für ihn. Ist er ein Zuschauer, dann hat das Geschehende einen Sinn schon insoweit, als er - denn ein Handelnder ist eo ipso ein Vernunftwesen - annehmen muss, der Handelnde erkenne in seinem Tun einen Sinn; und sich vorstellen muss, dass er selber diesen Sinn darin ebenfalls finden oder... verneinen könnte. Und schließlich kann er sich vorstellen, dass er an die Handlung des andern selbst eine eigene Handlung anknüpft, die einen Sinn für ihn hat.

Hat alles, was geschieht, einen Handelnden zum Urheber? Die Sprache lässt es annehmen. 'Der Apfel fällt vom Baum' - im Satz ist dem Nomen ein Verb zugeordnet: Der Apfel fällt. So ist jeder Satz: ein Subjekt und ein Prädikat. Das Prädikat zeigt eine Tätigkeit des Subjekts an. Der Apfel fällt irgendwo hin - das wäre in diesem Satz das Ojektive, aber man kann es fortlassen. Fallen, das besagt das Wort, geschieht von oben nach unten. Was unten ist, mag unbestimmt bleiben, doch irgendwas wird sich schon vorfinden: Was als Tätigkeit (des Ap-fels) aufgefasst wird, hat eo ipso ein Objekt, welches immer es sei. 
 
Der Apfel hat, du weißt es so gut wie ich, keine Absicht, wenn er fällt. Es widerfährt ihm und der Welt, in der er ist und fällt. Doch so könnten wir es nicht aussprechen. Reden und schon gar denken müssen wir so, als täte er, was er tut, ex sponte sua. Als wir Menschen nämlich anfingen, die uns umgebende Welt vorzustellen, mussten wir von uns - was kann-ten wir denn sonst? - auf alle Andern schließen; begonnen hat das Vorstellen animistisch.  

Noch heute nimmt die große Mehrheit der Menschen mehr oder weniger unbestimmt an, dass am Anfang der Welt ein Großer Urheber stand, und sei es nur in der Umkehrung: 'Wie könnte es überhaupt einen Sinn geben, wenn nicht urprünglich Einer einen gesetzt hätte'? Und siehe da: Der Sinn gibt sich zu erkennen als die Absicht eines Handelnden; als Zweck

Erklärungs grund - nicht sachliche physikalische Ursache, sondern was dem Geschehen einen Sinn geben kann, der mein Wollen affiziert - ist, was selber ein Wollen war

Das kann kein Geschehen erklären. Doch anders lässt sich kein Geschehen verstehen. Fichte hat sich nur im Wort vergriffen.
JE, 18. 12. 21
 
 
 

Sonntag, 4. Januar 2026

Die Sache selbst und die dialektische Form.

                                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Vom Begriff kann ich mir einbilden, er wäre da gewesen, lange bevor ich (oder irgendwer sonst) ihn begriffen hätte. Es ist nicht wahr, dass ein Begriff in sein Gegenteil umschlägt, um sich auf höherer Ebene synthetisch wieder mit sich zu vereinigen. Der Begriff tut gar nichts. Er ist definiert - grenzt ein - durch die Anzahl der - ihrerseits begrifflich festge-stellten - Merkmale, die ihm zugeschrieben werden. Ob dieses oder jenes noch dazu ge-hört, darüber lässt sich streiten; im Prinzip endlos: denn es kommt nur darauf an, wozu ich ihn brauchen will.

Eine Vorstellung kann ich mir nicht vorstellen ohne einen, der sie sich vorstellt. Solange eine Vorstellung unbestimmt bleibt, 'habe' ich sie noch nicht: Sie schwebt mir allenfalls vor. Will ich sie haben, um sie zu gebrauchen, muss ich sie bestimmen, und das kann ich nur, indem ich sie in ihren Gegensatz zerlege. Höhe 'gibt es' nur als Gegensatz von Oben und Unten, Fläche als Gegensatz von Längs und Quer, Raum als Gegensatz zweier rekt-angulär versetzten Flächen.

Jede Vorstellung ist (relativ) bestimmt gegenüber derjenigen, die ihr zugrunde lag, jede Vor-stellung ist (relativ) unbestimmt gegenüber denen, die - durch Entgegensetzung - aus ihr entwickelt werden können. 'Das, was' in ihnen Substanz, nämlich das bestimmend Tätige ist, ist nicht das Vorgestellte, sondern der Vorstellende. Er ist das Dynamische, er 'ist' über-haupt nur, sofern er bestimmend tätig bleibt. Die dialektische Form ist dem Vorstellen im-manent und nicht, wie dem Begriff, von außen übergeholfen.

Der Vorstellende muss das bestimmende Fortschreiten absichtlich unterbrechen, wenn er eine Vorstellung in ihrem momentanen, stets relativ unbestimmten Zustand festhalten und als solche 'anschauen' will. Das ist der ästhetischen Zustand, der schon einen höheren Bildungsgrad anzeigt. 

Merke: Eine Vorstellung kann ich - anders als den Begriff - 'um ihrer selbst willen' haben wollen.

11. 8. 17 



Nachtrag. Oben ist die Rede vom Begriff im transzendentalen Verständnis: nach seiner Herkunft betrachtet. Er kommt zur Welt als die zum starren Bild geronnene Vorstellung von einer Handlung; er soll benutzt werden, doch dazu bedarf er der Bestimmung: im Feststellen seiner Merkmale durch Entgegensetzen.

So in der rekonstruierten Genesis der Vernunft. Anders im tagtäglichen Gebrauch der Ver-nunft in einer Welt, in der sie herrschen soll: Dort wird die Welt vorgestellt als ein Raum, der virtuell restlos ausfüllt ist von Begriffen, die einander alle gegenseitig eingrenzen; jeder füllt genau die Stelle, die alle andern ihm übriglassen. So gesehen, ist es stets der spezifi-sche Unterschied - 'Gegensatz' - zu seinem Nachbarbegriff, der den Begriff definiert; wo-bei die nächsten Nachbarn mannigfaltig sind: als 'nächster' - als Gegensatz - erscheint im-mer der, auf den eben reflektiert wird, indem die andern unbeachtet bleiben.

Indem in der transzendentalen Betrachtung das Entgegensetzen dem Bestimmen selber im-manent ist, ist eine andere Darstellung als die dialektische gar nicht möglich. Im zweiten Fall tritt sie dagegen nachträglich hinzu und bleibt 'der Sache selbst' äußerlich. 

Der ganze pompöse Aufwand der Hegelschen Logik dient nur dem Zweck, diesen Unter-schied zu vertuschen.
14. 4. 19

 

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 3. Januar 2026

Doch ein Ding an sich?

 sofadesign                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Fichtes Ding an sich ist "die Vernunft". Sie allein ist nicht genetisch darstellbar: "Wo nichts ist, kann nichts werden." Sie ist Substanz. Sie wird nicht.

"Die Vernunft" ist "das Wesen des Menschen". Sie ist, indem sie wird. Anders "ist" sie nicht.
aus e. Notizbuch, 15. 12. 08


Das war ein kritischer Eintrag; denn Fichte selbst war sich darüber durchaus nicht im Kla-ren, er macht die Vernunft selbst nie zum Thema. Spätestens dann hätte ihm nämlich auf-fallen müssen, dass es sich um den einzigen philosophischen Begriff handelt, den er ver-wendet, ohne ihn genetisch hergeleitet zu haben. Es ist aber nichteinmal so, dass er sie als an-sich-seiende Substanz selbstverständlich voraussetzt, denn "wenn überhaupt" kommt als An-sich, wie er sagt, allerhöchstens das Wollen in Betracht, das ausdrücklich nicht abgelei-tet, sondern bête comme un fait  als "aufgefunden" an den Anfang gesetzt wird. 

Dass die Vernunft bei Fichte dennoch immer erst 'wird', indem sie 'sich selbst bestimmt', ist der andere, transzendentalistische Pol, dem er mal mehr, mal weniger zuneigt. Er pendelt unentwegt zwischen beiden. Kaum vorstellbar, dass ein so scharfer Denker, dem vor dem winzigsten Mikrologismus nicht Bange war, diese Unentschiedenheit nicht aufgefallen ist! So "muss es aber gewesen sein".
10. 1. 15 


An dieser Stelle war mir also ein Licht aufgegangen: Neben der kritizistischen, 'transzenden-talen' Idee von Vernunft hatte ihm - vielleicht von Spinoza her? - ein romantisch-mystisches Bild von der Vernunft vorgeschwebt. Dass er den Gegensatz nicht bemerkt hätte, kann man kaum anders verstehen, als dass er nicht wählen wollte - bis ihm Jacobi einen Anstoß gab.

 

Freitag, 2. Januar 2026

... für Vernunft selbst, die nüchterne, schwärmt!

                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Über die Würde des Menschen, beim Schlusse seiner philosophischen Vorlesungen gesprochen von J. G. Fichte

Nicht als Untersuchung, sondern als Ausguß der hingerissensten Empfindung nach der Untersuchung, widmet seinen Gönnern und Freunden zum Andenken der seligen Stunden, die er mit ihnen im gemeinschaftlichen Streben nach Wahrheit verlebte, diese Blätter der Verfasser.
Von Mitte Februar bis Ende April 1794 hielt Fichte in Zürich vor einem halben Dutzend Hörern im Hause Johann Kaspar Lavaters Vorlesungen über die kritische Philosophie. Nachdem er im Winter 1793/94 entscheidende Klarheit über den Grundgedanken seiner Philosophie gewonnen hatte, trug Fichte hier zum ersten Mal die Grundsätze seiner Wissen-schaftslehre vor. Diese Vorlesungen entsprechen wesentlich seinen 1794 verfaßten Schriften "Über den Begriff der Wissenschaftslehre" und "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre".

Die Abschlußvorlesung "Über die Würde des Menschen" hielt Fichte am 25. oder 26. April 1794. Sie wurde in den folgenden Tagen gedruckt. Anschließend reiste Fichte nach Jena, um seine dortige Professur anzutreten.



Wir haben den menschlichen Geist vollständig ausgemessen; – wir haben ein Fundament gelegt, auf welches sich ein wissenschaftliches System, als getroffne Darstellung des ursprünglichen Systems im Menschen erbauen lasse. Wir tun zum Beschlusse einen kurzen Überblick auf das Ganze.

Die Philosophie lehrt uns alles im Ich aufsuchen. Erst durch das Ich kommt Ordnung und Harmonie in die tote formlose Masse. Allein vom Menschen aus verbreitet sich Regelmäßigkeit rund um ihn herum bis an die Grenze seiner Beobachtung – und wie er diese weiter vorrückt, wird Ordnung und Harmonie weiter vorge- rückt. Seine Beobachtung weist dem bis ins Unendliche Verschiedenen – jedem seinen Platz an, daß keines das andere verdränge; sie bringt Einheit in die unendliche Verschiedenheit. Durch sie halten sich die Weltkörper zusammen, und werden nur Ein organisierter Körper; durch sie drehen die Sonnen sich in ihren angewiesenen Bahnen. Durch das Ich steht die ungeheure Stufenfolge da von der Flechte bis zum Seraph; in ihm ist das System der ganzen Geisteswelt, und der Mensch erwartet mit Recht, daß das Gesetz, das er sich und ihr gibt, für sie gelten müsse; erwartet mit Recht die einstige allgemeine Anerkennung desselben. Im Ich liegt das sichere Unterpfand, das von ihm aus ins Unendliche Ordnung und Harmonie sich verbreiten werde, wo jetzt noch keine ist; daß mit der fortrückenden Kultur des Menschen zugleich die Kultur des Weltalls fortrücken werde. Alles, was jetzt noch unförmlich und ordnungslos ist, wird durch den Menschen in die schönste Ordnung sich auflösen, und was jetzt schon harmonisch ist, wird – nach bis jetzt unentwickelten Gesetzen – immer harmoni- scher werden. Der Mensch wird Ordnung in das Gewühl und einen Plan in die allgemeine Zerstörung hinein- bringen; durch ihn wird die Verwesung bilden und der Tod zu einem neuen herrlichen Leben rufen.

Das ist der Mensch, wenn wir ihn bloß als beobachtende Intelligenz ansehen; was ist er erst, wenn wir ihn als praktisch tätiges Vermögen denken!

Er legt nicht nur die notwendige Ordnung in die Dinge; er gibt ihnen auch diejenige, die er sich willkürlich wählte; da, wo er hintritt, erwacht die Natur; bei seinem Anblick bereitet sie sich zu, von ihm die neue schönere Schöpfung zu erhalten. Schon sein Körper ist das Vergeistigtste, was aus der ihn umgebenden Materie gebildet werden konnte; in seinem Dunstkreise wird die Luft sanfter, das Klima milder, und die Natur erheitert sich durch die Erwartung, von ihm in einen Wohnplatz und in eine Pflegerin lebender Wesen umgewandelt zu werden. Der Mensch gebietet der rohen Materie, sich nach seinem Ideal zu organisieren und ihm den Stoff zu liefern, dessen er bedarf. Ihm schießt das, was vorher kalt und tot war, in das nährende Korn, in die erquicken- de Frucht, in die belebende Traube herauf, und sie wird ihm in etwas anderes heraufschießen, sobald er ihr anderes gebieten wird. – Um ihn herum veredeln sich die Tiere, legen unter seinem gescheuten Auge ihre Wildheit ab und empfangen eine gesundere Nahrung aus der Hand ihres Gebieters, die sie ihm durch willigen Gehorsam vergüten.

Was mehr ist, um den Menschen herum veredeln sich die Seelen; je mehr einer Mensch ist, desto tiefer und ausgebreiteter wirkt er auf Menschen; und was den wahren Stempel der Menschlichkeit trägt, wird von der Menschheit nie verkannt; jedem reinen Ausflusse der Humanität schließt sich auf jeder menschliche Geist und jedes menschliche Herz. Um den höhern Menschen herum schließen die Menschen einen Kreis, in welchem derjenige sich dem Mittelpunkte am meisten nähert, der die größere Humanität hat. Ihre Geister streben und ringen, sich zu vereinigen und nur Einen Geist in mehreren Körpern zu bilden. Alle sind Ein Verstand und Ein Wille und stehen da als Mitarbeiter an dem großen einzig möglichen Plane der Menschheit. Der höhere Mensch reißt gewaltig sein Zeitalter auf eine höhere Stufe der Menschheit herauf; sie sieht zurück und erstaunt über die Kluft, die sie übersprang; der höhere Mensch reißt mit Riesenarmen, was er ergreifen kann, aus dem Jahrbuche des Menschengeschlechts heraus.

Brecht die Hütte von Leimen, in der er wohnt! Er ist seinem Dasein nach schlechthin unabhängig von allem, was außer ihm ist; er ist schlechthin durch sich selbst; und er hat schon in der Hütte von Leimen das Gefühl dieser Existenz, in den Momenten seiner Erhebung, wenn Zeit und Raum und alles, was nicht Er selbst ist, ihm schwinden; wenn sein Geist sich nicht gewaltsam von seinem Körper losreißt – und dann wieder freiwillig zur Verfolgung der Zwecke, die er durch ihn noch erst ausführen möchte, in denselben zurückkehrt.

Trennt die zwei letzten nachbarlichen Stäubchen, die ihn jetzt umgeben; er wird noch sein; und er wird sein, weil er es wollen wird. Er ist ewig, durch sich selbst und aus eigener Kraft.
 

Hindert, vereitelt seine Pläne! – Aufhalten könnt ihr sie: Aber was sind tausend und abermals tausend Jahre in dem Jahrbuche der Menschheit? – Was der leichte Morgentraum ist beim Erwachen. Er dauert fort, und er wirkt fort, und was euch verschwinden scheint, ist bloß eine Erweiterung seiner Sphäre: was euch Tod scheint, ist seine Reife für ein höheres Leben. Die Farben seiner Pläne und die äußeren Gestalten derselben können ihm verschwinden; sein Plan bleibt derselbe; und in jedem Momente seiner Existenz reißt er etwas Neues außer sich in seinen Kreis mit fort, und er wird fortfahren, an sich zu reißen, bis er alles in denselben verschlinge: bis alle Materie das Gepräge seiner Einwirkung trage und alle Geister mit seinem Geiste Einen Geist ausmachen.

Das ist der Mensch; das ist jeder, der sich sagen kann: Ich bin Mensch. Sollte er nicht eine heilige Ehrfurcht vor sich selbst tragen und schaudern und erbeben vor seiner eigenen Majestät! – Das ist jeder, der mir sagen kann: Ich bin. – Wo du auch wohnest, du, der du nur Menschenantlitz trägst; – ob du auch noch so nahe grenzend mit dem Tiere unter dem Stecken des Treibers Zuckerrohr pflanzest oder ob du an des Feuerlandes Küsten dich an der nicht durch dich entzündeten Flamme wärmst, bis sie verlischt, und bitter weinst, daß sie sich nicht selbst erhalten will – oder ob du mir der verworfenste, elendeste Bösewicht scheinest – du bist darum doch, was ich bin: denn du kannst mir sagen: Ich bin. Du bist darum doch mein Gesell und mein Bruder: Oh, ich stand einst gewiß da: – und du wirst einst gewiß – und dauere es Millionen und Millionen mal Millionen Jahre – was ist die Zeit? –, du wirst einst gewiß auf der Stufe stehen, auf der ich jetzt stehe: Und du wirst einst gewiß auf einer Stufe stehen, auf der ich auf dich und du auf mich wirken kannst. Auch du wirst einst in meinen Kreis mit hingerissen werden und mich in den deinigen mit hinreißen; auch dich werde ich einst als meinen Mitarbeiter an meinem großen Plane anerkennen. – Das ist mir, der ich Ich bin, jeder, der Ich ist. Sollte ich nicht beben vor der Majestät im Menschenbilde; und vor der Gottheit, die vielleicht im heimlichen Dunkel – aber die doch gewiß in dem Tempel, der dessen Gepräge trägt, wohnt.
 

Erd und Himmel und Zeit und Raum und alle Schranken der Sinnlichkeit schwinden mir bei diesem Gedanken; und das Individuum sollte mir nicht schwinden? – Ich führe Sie nicht zu demselben zurück.

Alle Individuen sind in der Einen großen Einheit des reinen Geistes eingeschlossen;* dies sei das letzte Wort, wodurch ich mich Ihrem Andenken empfehle; und das Andenken, zu dem ich mich Ihnen empfehle.


*) Selbst ohne mein System zu kennen, ist es unmöglich, diesen Gedanken für spinozistisch zu halten, wenn man nur wenigstens den Gang dieser Betrachtung im ganzen übersehen will. Die Einheit des reinen Geistes ist mir unerreichbares Ideal; letzter Zweck, der aber nie wirklich wird.

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Nota. - Ein größerer Kontrast zum vorigen Eintrag ist kaum vorzustellen. 'Das Erste' ist hier der Mensch, zwar schon nicht mehr als bestimmtes Individuum, sondern als 'geistiges' Gattungswesen, aber auch ohne Eines oder Einen, der hinter ihm steht und schiebt und lenkt; und sei es die Vernunft selbst: Er ist schlechthin unabhängig von allem, was außer ihm ist; er ist schlechthin durch sich selbst. Vernunft wird gar nicht beim Namen genannt, aber beschrieben als das Werk der Menschen, die - und inwiefern sie - nach Einheit im Geist streben. Dieses Streben ist es, was er in den kommenden Ausarbeitungen der Wissen-schaftslehre in specie Vernunft nennen wird.

Ihren Anfang nimmt sie in den wirklichen Menschen, nicht hinter ihrem Rücken, und ihr Ziel liegt vor ihr, als unerreichbares Ideal; letzter Zweck, der aber nie wirklich wird.

So viel zum Systematischen. Im Besondern fällt auf: Sein Ideal ist schöne Ordnung und Harmonie. Das sind, von transzendentalen Reflexionen unberührt, ästhetische Qualitäten, und wenn es einen Text gibt, in dem Fichte sich unbezweifelbar als Romantiker zeigt, so ist es dieser. Dass die Romantik sich jedoch zum Aufmarschfeld des Zwiespalts, des Schiefen und Schwindligen, kurz: des ästhetisch Modernen entwicklen sollte, ist gerade in diesem letzten Zweck schon angelegt. 
21. 5. 18

 

Nota II. -  Daß der Deutsche doch alles zu seinem Äußersten treibet,
                    Für Natur und Vernunft selbst, für die nüchterne, schwärmt!

                        Schiller, Zahme Xenien N° 323

Dass er, wie andere Romantiker, für die Natur geschwärmt hätte, wird man Fichte kaum nachgesagt haben. Umso heftiger aber für die Vernunft - nämlich "in beiderlei Gestalt": sowohl die selbstgemachte als auch die (woher aber?) empfangene.

Bedenke jedoch: Obiges Preislied war seine früheste Äußerung zum Gegenstand; die gestern mitgeteilte geschah erst später.
JE 

Die Naturbasis der Mehrarbeit.

                                                                                      aus Marxiana Die naturwüchsige Basis der Mehrarbeit ü...