Donnerstag, 10. September 2026

Unheroischer Nihilismus.

Birgit Böckle,                       aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Es giebt überall kein Dauerndes, weder ausser mir, noch in mir, sondern nur einen unauf-hörlichen Wechsel. Ich weiss überall von keinem Seyn, und auch nicht von meinem eigenen. Es ist kein Seyn. 

Ich selbst weiss überhaupt nicht, und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder: – Bilder, die vorüberschweben, ohne dass etwas sey, dem sie vorüberschweben; die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen, Bilder, ohne etwas in ihnen Abgebildetes, ohne Bedeutung und Zweck. Ich selbst bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bil-dern. 

Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt. Das Anschauen ist der Traum; das Denken, – die Quelle alles Seyns und aller Realität, die ich mir einbilde, meines Seyns, meiner Kraft, meiner Zwe-cke, – ist der Traum von jenem Traume.
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J. G Fichte, Die Bestimmung des Menschen, SW II,
S. 245



Nota I.
- Das Fazit aus der Atheismusdebatte hatten die Rückerinnerungen, Antworten, Fragen ziehen sollen. Doch Fichte hat sie nicht fertiggestellt. Warum? War ihm aufgefallen, dass er sich tatsächlich auf dem Weg in den Atheismus befand? War er davor zurückge-schreckt, das "intellektuelle Gefühl", das ihm so unerwartet 'das Abolute' alias die Wahrheit verbürgen musste, als das anzusprechen, was es allenfalls sein konnte: eine ästhetische Idee? *

Oder war es die Einsicht, dass seine eigentlichen philosophischen Spekulationen nicht (ge-druckt) vor das große Publikum gehörten, wo sie doch nicht verstanden, aber womöglich absichtsvoll missverstanden wurden? Dass er die Philosophie selbst dem mündlichen Vor-trag vor wissensdurstigen Hörern vorbehalten und dem großen Publikum nur die Ergeb-nisse seiner Spekulation vortragen dürfe - bevor ein anderer sie entstellen konnte? 

Was davon zutrifft, ist eine philologische Frage, und Philologen haben sie vielleicht längst geklärt. Fest steht jedenfalls, dass anstelle der Rückerinnerungen... es die Bestimmung des Menschen war, mit der Fichte nach dem Atheismusstreit erstmals wieder an die Öffentlich-keit trat. Ein wesentlicher Ertrag der Rückerinnerungen bleibt erhalten: Der theoretische, 'transzendentale' Teil der Philosophie, genannt Wissenschaftslehre, wird klipp und klar als rein kritisch und eo ipso rein negativ definiert.

Die Bestimmung des Menschen besteht aus drei Teilen. Im ersten, Zweifel überschriebenen, wird das positive Wissen der rationalistischen Metaphysik dargestellt, das durchgängig aus Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt ist und das seine erste Ursache notwendig außerhalb des Wissbaren annehmen muss. Theoretisch findet er dagegen nichts einzuwen-den, aber praktisch. Es folgt daraus unvermeidlich eine rein passive Lebenslehre - die ihn allerdings empört. Und das ist ja wohl eine ästhetische Stellungnahme, nicht wahr?

Die Wissenschaftslehre selbst, im zweiten Teil namens Wissen dargestellt, ist aber kritisch und negativ, sie vernichtet nur den logischen Schein des dogmatisch-metaphysischen Sys-tems; aber weiter hilft sie nicht. - 

Auf diesem Standpunkt finden wir den Verfasser im obigen Textausschnitt.

10. 4. 14

Nota II. - Die Überschrift des obigen Eintrags habe ich nachträglich um ein Un ergänzt. - Mit Heroismus verbindet man allgemein eine Haltung der Entsagung. Doch die mir be-kannten Vertreter der im Eintrag beschriebenen Weltauffassung zeichnen sich mehr durch ihre Selbstgefälligkeit aus. 
 23. 4. 14

*Nota III. -  Das stelle ich inzwischen anders dar; allerdings nicht in Hinblick auf ein 'real' Absolutes, sondern in Hinblick auf den pp. Denkzwang.
4. 12. 21

 

Nota IV. - Nicht die Furcht vor dem Atheismus, sondern die Furcht eben vor dem Nihi-lismus wird ihn abgehalten haben, die Rückerinnerungen zu vollenden: Er dürfte inzwi-schen Jacobis Offenen Brief erhalten haben.
JE


Mittwoch, 9. September 2026

Geltend machen.

                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Wahre - Absolute, Unbedingte - ist schlechterdings nichts Wirkliches. Wirklich kann es werden im Akt des Urteilens, in dem ich es geltend mache.
aus e. Notizbuch, 30. 8. 03


Die "Gegebenheits"-Weise des Wahren ist Geltung. Es bezieht sich nicht auf Dinge, sondern auf Urteile, eigentlich: auf deren Gründe. Was könnte das bedeuten: 'Der Baum ist wahr'? Oder 'ist absolut'? Er ist wirklich, das ist mehr. Was wahr ist, ist nicht da, ist nicht gegeben, sondern kann wirklich werden in einem Handeln, das es begründet. 

Nur so wird übrigens auch der Baum erst wirklich wirklich: dass er jemandem als ein solcher gilt. (Für die Biene ist er nur etwas, woran eine Blüte ist.)
13. 2. 15 




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Montag, 7. September 2026

Der Zweckbegriff ist ein Sein in ganz eigener Bedeutung.

 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Aber die ideale Tätigkeit ist ihrem Charakter zufolge gebunden und gehalten, nur einer realen nachgehend. Dieser idealen Tätigkeit muss etwas entgegengesetzt sein, von dem sie gehalten werde, dies ist ein Reelles und insofern Etwas als das Bestimmte. (Wie das Be-stimmte zu einem Etwas werde, gehört noch nicht hieher.) Dieses  Etwas heiße x, es be-deutet ein Sein, welches die ideale Tätigkeit nur nachmacht, etwas, was die eigentliche Tä-tigkeit vernichtet.

Es wird sich zeigen, dass dieses Sein in einem anderen Sinne müsse genommen werden als das, welches die reelle Tätigkeit aufhebt. Wir werden zwei Bedeutungen von Sein erhalten, das, wovon wir hier reden, wird sich zeigen als ein Begriff vom Zwecke. 

Dieses x ist nun selber ein Postulat der absoluten Freiheit, d. h. teils, dass überhaupt etwas in dieser Verbindung des Bewusstseins da ist, teils, dass es gerade x und nicht etwa (-x) ist, davon soll der Grund in der Selbsttätigkeit liegen. ...

Die ideale Tätigkeit ist gebunden, teils, dass sie für ein x da sei, teils, dass es so bestimmt ist. Insofern ist die ideale Tätigkeit leidend. Es muss etwas hinzugedacht werden, was sie binde und gerade an x binde, das ist x nicht selbst, / sondern die Freiheit, diese hat x selber her-vorgebracht, dies heißt nun: die Freiheit enthält den Grund von x. Was ists nun, welches macht, dass in unserm Fall das Begründende gesetzt wird als Ich? Das Ideale ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, weil es nur kennt, was in ihm ist. 
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 52f.


Nota. – Für die ideale Tätigkeit – in Summa: für die Reflexion – ist der Begriff ein Sein; denn die Begriffe überhaupt sind allezeit Abkömmlinge (
=mannigfaltige Bestimmungen) des Zweckbegriffs.

(Das heißt aber nur: Die ideale Tätigkeit muss nicht jedesmals aufs Neue deliberieren, wel-che Richtung sie einschlagen soll: Die schwebt ihr als 'einmal gegeben' stets vor.
 
13. 12. 15

 

Nota II. - Es ist ein Stück materiale Logik: Das Wollen ist der Bestimmungs-, d.h. Geltungs-grund des Handelns; gehandelt wird um/zu... Charakter des Wirklichen ist Zweckhaftigkeit. Dem 'reinen' Wollen entspricht ein 'reiner' Zweck: Zweck an-sich, Zweck-überhaupt. Er 'ist' noumenon, es gibt ihn nur als empirischen, individuellen Zweck - so wie wollen in der Wirklichkeit nicht 'rein'  vorkommt, sondern immer bestimmt als dieses oder jenes. Einen Zweck der Zwecke 'gibt es' nur dann und für den, wenn und für wen es ihn geben soll: in der Vorstellung. Das klingt nur umständlich, ist aber trivial.
JE 




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Samstag, 5. September 2026

Vom Ich als Idee.

Mensi / pixelio.de           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ich als Idee, ist das Vernunftwesen, inwiefern es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkommen dargestellt hat, wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört hat Individuum zu sein, welch/ches letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war: ... Die Welt bleibt in dieser Idee, als Welt überhaupt, als Substrat mit diesen bestimmten mechanischen und organischen Gesetzen... 

Die Idee des Ich hat mit dem Ich als Anschauung, nur das gemein, daß das Ich in beiden nicht als Individuum gedacht wird; im letzteren darum nicht, weil die Ichheit noch nicht bis zur Individualität bestimmt ist, im ersteren umgekehrt darum nicht, weil durch die Bildung nach allgemeinen Gesetzen die Individualität verschwunden ist. Darin sind aber beide ent-gegengesetzt, daß in dem Ich als Anschauung nur die Form des Ich liegt und auf ein eigent-liches Material desselben, welches nur durch sein Denken einer Welt denkbar ist, gar nicht Rücksicht genommen wird; da hingegen im letzteren die vollständige Materie der Ichheit gedacht wird. 

Von dem ersten geht die ganze Philosophie aus, und es ist ihr Grundbegriff; zu dem letzte-ren geht sie nicht hin; nur im praktischen Teile* kann diese Idee aufgestellt werden, als höchstes Ziel des Strebens der Vernunft. Das erstere ist, wie gesagt, ursprüngliche Anschau-ung, und wird auf die zur Genüge beschriebene Weise Begriff: das letztere ist nur Idee; es kann nicht bestimmt gedacht werden, und es wird nie wirklich sein, sondern wir sollen uns dieser Idee nur ins Unendliche annähern. 
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J. G. Fichte, Zweite Einleitung in  die Wissenschaftslehre, Meiner 1967, S. 102f


Nota. - Das Ich als Idee wäre eines, das ausschließlich in unsere Welt gehört. Aber ein solches kann nicht sein. Ob man sich ihm 'ins Unendliche annähern' soll, wäre noch zu diskutieren - aber doch nicht in der theoretischen Philosophie.
23. 11. 13 
 
*) Nota II. - Die Unterscheidung der Wissenschaftslehre in einen theoretischen Teil, der dem praktischen zugrunde läge, der seinerseits dessen Spezifizierung wäre, hat Fichte in der WL nova methodo ausdrücklich aufgegeben, denn die WL ist als ganze praktisch, indem sie 'durch Freiheit möglich' ist.**
 
Dass 'das Ich der Philosophen' von der Hirnforschung seinerzeit in Misskredit gebracht wurde, beruhte weniger auf einem Missverständnis als auf einem Unwissen. 'Das' Ich als obiectivum  - im Unterschied zum subjektiven sum, facio, habeo des gesprochenen Satzes - gab es vor Kant gar nicht, der es aus seiner semantischen Verstricktheit von einem Ding-unter-vielen zu einem Ding-an-sich erhob: von einem grammatikalischen Subjekt zu einer logischen Substanz. 
 
Bis dahin war sein würdigstes Vorkommen Descartes' cogito ergo sum gewesendoch da-nach konnte es allenfalls sum, ergo cogito heißen - und die Beweislast verschob sich aufs cogitare: Was ist es, das die grammatische Funktion zu einem realen Sachverhalt objekti-viert? Cogitare ist ein Sammelname für das, was ein Etwas zur Substanz eines Geschehens macht: Handeln. Ohne das kein Subjekt, ohne das keine Substanz.
 
Anders gesagt, nicht das 'philosophische Ich' hat sich vor der Hirnforschung zu verant-worten, denn es war vor ihr da. Vielmehr hätten die Hirnforscher rechtfertigen müssen, dass sie einen philosophischen Begriff vereinnahmen wollten. Gezeigt haben sie nur, dass sie ihn nicht erreichten: Aber die Schuld suchten sie bei ihm statt bei sich.
 
Das Ich der Transzendentalphilosophie ist nichts empirisch Darstellbares; es ist dasjenige an den realen historischen Personen, das "wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünf-tig ist". Als solches bedarf es allzeitig seiner aktualen Fortbestimmung. Es ist lediglich Fluchtpunkt eines Vorstellungsprogresses: noumenon.
**) Kant, KrV  
JE

Freiheit und Beschränktheit sind ursprünglich vereinigt.

pinselpark              aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wir finden also Freiheit und Beschränktheit ursprünglich vereinigt in der kategorischen Forderung, die notwendig angenommen werden muss, wenn Bewusstsein erklärt werden soll: Freiheit, indem angefangen werden soll, Beschränktheit, indem über die bestimmte Sphäre nicht hinausgegangen werden soll.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 143



Nota. - Nicht Begriffe sollen definiert, sondern Vorstellungen auseinander entwickelt werden. Den Begriff der Freiheit mag man positiv formulieren - als Vermögen, zwischen den Mannigfaltigen zu wählen. Vorstellen kann man sich Freiheit aber nicht ohne ihr Ge-genteil, 'fühlen' wird man die Beschränktheit nicht ohne den Drang zur Freiheit. (Das Wollen ist ja immer vorausgesetzt.)
JE,
15. 12. 15

Freitag, 4. September 2026

Freiheit ist unendliche Annäherung.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Anschauende als solches ist gebunden, es folgt nur einem andern nach, das realiter Tätige ist absolut frei, es muss mit absoluter Freiheit sich einen Begriff entwerfen, dies heißt einen Zweck-begriff, ein Ideal, von dem man nicht behauptet, dass ihm etwas entspreche, sondern dass ihm zufolge etwas hervorgebracht werden soll. 

Wir können ein freies Handeln nur denken als ein solches, das zufolge eines entworfenen Begriffes vom Handeln geschieht; wir schreiben also dem praktischen Vermögen Intelligenz zu. Freiheit kann nicht ohne Intelligenz gedacht werden; Freiheit kann ohne Bewusstsein nicht stattfinden. Absprechen des Bewusstseins und Absprechen der Freiheit sind eins, ebenso Zusprechen des Bewusstseins und Zusprechen der Freiheit. Im Bewusstsein liegt der Grund, dass man mit Freiheit handeln kann.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 53

 

Nota. - Ich mag mein ganzes Leben mit Bestimmen und unendlichem Annähern verbracht haben – so weit die Strecke immer sei, die ich selber zurückgelegt habe, so wenig näher ist mir das Unendliche gerückt, so wenig bestimmter ist mir das Unbestimmbare geworden.

Hier hat Fichte das andre Ende seines 'Systems' bereits ausgemacht und 'bestimmt': be-stimmt nämlich als un bestimmt; unendlich bestimmbar und eo ipso un bestimmbar. Das System ist keine geschlossenen Kugel, sondern ein dynamischer Prozess (von procedere), er hat seinen Anfang in der 'intellektuell angeschauten' Tathandlung und seinen schlechthin unerreichbaren Fluchtpunkt im Ideal eines Zweckes-überhaupt, eines Zwecks der Zwecke; ein dynamischer Prozess ohne Ende.

Fichtes nachgeschobener Einfall von einem erfüllten Endzweckeinem gedachten Zustand, in dem 'alle pflichtgemäßen Handlungen getan' wären, in dem das Wollen beendet ist und der uns an eine göttliche Weltregierung glauben lassen soll, ist in seinem System ein absolu-ter Widersinn. Er ist eine 'abgeschlossene Freiheit' – das ist nicht paradox, sondern absurd. Recht hat Fichte nur in diesem Punkt: Da endigt sich alles Wissen, da müsste man (mit Augustinus) glauben.
12. 12. 15  
 
Nota II. - Bemerkenswert ist im Übrigen weniger, dass er hier den Zweckbegriff ein Ideal nennt, als dass er ein Ideal einen Zweckbegriff nennt.
JE



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Donnerstag, 3. September 2026

Wahrheit ist eine praktische Kategorie.

Rainer Sturm  / pixelio.de    aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qualität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffe, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Subjekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 

Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedin-gungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbedingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.

Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Widersinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er geho-ben werde, heisst verlangen, dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik heran-ginge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problematisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätzen wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technolo-gisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.

*)
Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62 
21. 4. 14 
 
 
 

Mittwoch, 2. September 2026

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen. Ich leite die Wahrheit eines Satzes auf einen anderen über. 

Wenn aber dies Beweisen heißt, so muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen werden kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles ande-re abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 27

 

 

 

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Dienstag, 1. September 2026

Das Vernunftwesen ist ein Körper, der durch Freiheit bestimmbar ist.

  Myron                                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es als wirksam erscheint, sein Körper ist bestimm-bar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, es sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche.

Nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teile eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksamkeit in der Sinnenwelt ab.
__________________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 235

 

Nota I. - Das Vernunftwesen ist nicht teils Körper, teils Vernunft, sondern: Es ist als gan-zes 1. Körper wie jeder andere; 2. wirkt es in der Sinnenwelt, wie alle andern Tiere; 3. es wirkt als Ganzes, denn es ist, wie die Tiere, artikuliert; 4. sein Wirken wird qua Artikulation bestimmt durch Freiheit: das unterscheidet es von den Tieren und macht es zum Vernunft-wesen.

Das ist keine Zusammensetzung aus Mannigfaltigen, sondern eine sukzessiv durchgängige Bestimmung; nicht dieses wird jenem angefügt, sondern dieses erfolgt aus jenem.

Nota II. - Bei den Begriffen handelt es sich bekanntlich nicht um Bestimmtheiten der Sa-chen selbst, sondern um Bestimmungen, die die Vorstellung vornimmt, sobald sie auf sich reflektiert. 
14. 11. 21

 

Nota III. - Nicht, weil wir Vernunftwesen sind, ist uns Vernunftkritik schließlich geboten, sondern weil wir, bevor wir Vernunftwesen wurden, artikulierte Körper waren. Wir kom-men unvermeidlich irgendwann an den Punkt, wo wir uns fragen müssen, ob die Vernunft, die wir uns zugelegt haben, dasjenige ist, was uns als artikulierten Körpern frommt. Das eine ist nicht das andere, aber dieses ist aus jenem hervorgegangen und nicht jenes aus diesem. Unsere Venünftigkeit besteht nämlich darin, dass wir unsere Körper aus Freiheit selber artikulieren. Das ist derjenige Nexus, der in Frage steht. Wir brauchen die Freiheit, um unsere Vernunft zu erklären. Doch sie selber erklären können wir nicht, denn dann wäre sie keine Freiheit.

Was wäre, wenn wir am kritischen Punkt auf die Vernunft verzichtet hätten? Dann bräuch-ten wir nichts zu erklären, weil es nichts zu erklären gäbe.
JE 

Montag, 31. August 2026

Fundamentalhumor.


Ein Ich kann sich nicht anders begegnen, als wenn es aus sich heraus und neben sich tritt und sich zuschaut. Damit nimmt, wenn sie will, die Vernunft ihren Lauf und damit beginnt Alles.  

Das ist in der Wirklichkeit jedoch nicht möglich, wohl aber in der Vorstellung. Die Vernunft hat ihren Grund nur so als ob. Ohne sie bringe ich es in der Welt nicht weit, und mich selbst finde ich nie. Ohne Humor geht es nicht.

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Unheroischer Nihilismus.

Birgit Böckle,                        aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Es giebt überall kein Dauerndes, wede...