Sonntag, 25. Januar 2026

Im NichtIch ist keine Kraft, sondern nur Sein.

Kunstart.net                  aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
[ad Der letzte Grund]

Es wird in das Ich nichts Fremdartiges hineingetragen. Von der Welt geschehen keine Ein-drücke, es kommen keine Bilder hinein. Im Entgegensetzen ist keine Kraft, die sich auf das Ich fortpflanzt, sondern es ist die Beschränkung im Ich, und der Grund, warum es etwas setzt, liegt ihn ihm. - Kraft kommt ursprünglich dem NichtIch nicht zu, sondern nur Sein. Das NichtIch fängt nicht an, es ist nur verhindernd aufhaltend. Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist; der Grund der Beschränkung liegt außer ihm, aber der Grund der Tätigkeit liegt in ihm.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 7
 
 
Nota. - Sein ist eine negative Größe. Positiv ist allein und ausschließlich Handeln.
JE 

Samstag, 24. Januar 2026

Asylum ignorantiae.

Dürer                                      zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Der Logiker beschäftigt sich mit etwas, das schlechthin gilt und jenseits von Raum und Zeit ist. Wenn er nun Sein und Gelten nicht unterscheidet, weil er - kritischer Kopf! - Sein für eine metaphysische Flause hält, bleibt ihm nur das ewige Gelten als Gegebenheit übrig. Wenn er dann noch - unkritischer Kopf - für real nur das hält, was ihm gegeben ist, wird er arglos an einer Metaphysik stricken, die man Logischen Atomismus nennen sollte - doch beiläufig und ohne Begriff, weil er sie vor lauter Selbstverständlichkeit nicht wahrnehmen kann.

Die Pointe? Sein ist ebenso ein Reflexionsprodukt wie Gelten. In der Wirklichkeit sind sie zunächst nicht getrennt, sondern Eins: im Handeln. Nur dieses ist wirklich. Solange Sein und Gelten - Stoff und Geist - als originär aufgefasst werden, ist es, da man sie ex post nicht zusammenbekommt, unmöglich, dass nicht das eine als originärer aufgefasst wird als das andere. Und so wird ein end- und sinnloser Streit daraus.

1. 12. 18
 

Freitag, 23. Januar 2026

Dass.

                                          aus Neuromantiker, aus Philosophierungen

Da ist die Kirsche. Der Star fliegt hin und pickt. Und findet, was er erwartet hat. Er wusste, was er erwartet hat. Doch jetzt weiß er es nicht mehr. Denn nie wusste er, dass er etwas er-wartet hat. Nie wusste er, dass die Kirsche auch ohne ihn da war und dass er auch ohne die Kirsche da ist. Er weiß immer nur dieses oder das, aber nie, dass.

‚Dass‘ ist die Bedingung der Erinnerung, und Erinnerung ist die Bedingung der Reflexion.
18. 6. 10          

 

Nota. - Trivial gesagt: 'Dass' ist der Wirklichkeitsmodus der zweiten semantischen Ebene. Erstens: Da ist eine Kirsche. Zweitens: Ich weiß – sage, denke, bemerke... –, dass da eine Kirsche ist. – Das lässt sich unendlich wiederholen. Sachlich bleibt es immer dieselbe Ope-ration: das Reflektieren auf...  Objektebene und Metaeben unterscheiden sich durch Dass.
im März 2012 


Donnerstag, 22. Januar 2026

Das gegenläufige Verfahren der Wissenschaftslehre.

motorclassic                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das ist das Verfahren der Wissenschaftslehre: Statt freihändig Begriffe zu definieren und daraus ein System zu bauen, sucht sie in den wirklichen Vorstellungen der 'endlichen' Ver-nunftwesen die ihnen zu Grunde liegenden anschaulichen Voraussetzungen auf, und erst, wenn sie an den Punkt gerät, hinter den es nicht hinausgeht, kehrt sie ihren Gang um und setzt, was sie zuvor analytisch auseinandergelegt hatte, synthetisch wieder zusammen; dar-an, ob auf diesem Weg die wirkliche Vorstellungswelt der 'endlichen Vernunftwesen' hinrei-chend rekonstruiert werden kann, entscheidet sich ihre Richtigkeit.
20. 6. 17

Der erste, kritisch-analytische Gang der Wissenschaftslehre endet erst dort, wo es sachlich nicht weitergeht: Es ist die Stelle, wo das Ich sich setzte, indem es sich ein/em Nichtich entgegesetzte. Auf Grund gestoßen war sie damit freilich noch nicht; erst auf die obere Flä-che eines doppelten Bodens. Denn wenn etwas 'sich setzt', dann muss es wohl da gewesen sein, bevor es das tat. Doch 'da' lässt sich nichts auffinden. 

Ich sage, da war ein Vermögen, aber das ist bloß ein Wort. Es ist der dogmatische Reflex eines, der sich immer ein Seiendes vorstellen muss, um sich überhaupt etwas vorstellen zu können. Der dialektische Haken ist: Ein Sein muss aber vorgestellt werden, um 'sein' zu können. Nicht so das Handeln. Es mag 'da' oder auch 'so' sein, ohne dass es sich einer vor-stellt. Wenn er es sich aber vorstellt, muss er es sich so vorstellen, als ob ihm ein Sein - ein Handelnder - vorausgegangen sei. Das Handeln selbst in seiner Verlaufsform konnte er im-mer nur anschauen. Doch das ist selber eine Handlung. Und so weiter, runter ins Unend-liche.

Man muss sich einen Ruck geben und den unendlichen Regress stoppen. Man muss sich entschließen, das anschauliche Handeln selbst als das Ursprüngliche aufzufassen, von dem alles Wahrnehmen seinen Ausgang nimmt. Das ist der Grund, auf dem die Transzendental-philosophie bauen muss, weil sie anderswo nicht bauen kann. Wenn sie von da aus das gan-ze wirklich gewordene System der Vernunft rekonstruiert, wird es im Ergebnis doch nicht mehr dasselbe sein. Ein Weltbild, das auf dem Handeln... nicht beruht, sondern unablässig neu aufbaut, ist ein anderes, als eines, dem ein seiendes Sein zu Grunde liegt. Denn dieses könnte ruhen.
17. 5. 19

 
Wieso muss ein Sein vorgestellt werden und ein Handeln nicht? 
 
Ein Sein muss irgendwem zum Objekt werden, um 'sein' zu können. Das setzt voraus: dass auch ein Subjekt da ist; dass Subjekt-Objekt schon geschieden sind. Im Handeln sind sie auch beide 'da', aber eben noch nicht geschieden. Ontologisch ist das Handeln 'eher' da als Subjekt und Objekt. 
10. 7. 21
 
 

Mittwoch, 21. Januar 2026

Die analytisch-synthetische Methode.

birgitH, pixelio.de             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Soll sich aber etwas aus ihr entwickeln lassen, so müssen in den durch sie vereinigten Be-griffen noch andere enthalten liegen, die bis jetzt nicht aufgestellt sind; und unsere Aufgabe ist die, sie zu finden. Dabei verfahrt man nun auf folgende Art. – Nach § 3. entstehen alle synthetische Begriffe durch Vereinigung entgegengesetzter. Man müsste demnach zuvör-derst solche entgegengesetzte Merkmale der aufgestellten Begriffe (hier des Ich und des Nicht-Ich, insofern sie als sich gegenseitig bestimmend gesetzt sind) aufsuchen; und dies geschieht durch Refle- xion, die eine willkürliche Handlung unseres Geistes ist. –

Aufsuchen, sagte ich; es wird demnach vorausgesetzt, dass sie schon vorhanden sind, und nicht etwa / durch unsere Reflexion erst gemacht und erkünstelt werden (welches über-haupt die Reflexion gar nicht vermag), d.h. es wird eine ursprünglich nothwendige anti-thetische Handlung des Ich vorausgesetzt. 

Die Reflexion hat diese antithetische Handlung aufzustellen: und sie ist insofern zuvörderst analytisch. Nemlich entgegengesetzte
Merkmale, die in einem bestimmten Begriffe = A ent-halten sind, als entgegengesetzt durch Reflexion zum deutlichen Bewusstseyn erheben, heisst: den Begriff A analysiren.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 123 f.



Nota. - Der erste Gang der Vernunftkritik, den zur Hälfte bereits Kant zurückgelegt hatte, ist Kritik, und das heißt Reflexion - und verfährt daher analytisch. Ihr Weg ist aufsuchen und auffinden: Es gilt, die Erscheinungen des vernünftigen Denken hinab zu verfolgen bis auf ihren Ursprung. Vernunft ist gegeben als eine Große Synthesis, und da Synthesis ge-schieht durch die Vereinigung Entgegengesetzter, muss Analyse verfahren als Zerlegung der je Gegebenen in zwei Entgegengesetzte. 

Die letzte (bzw. erste) Sythesis, die die Analyse vorfindet, ist der Gegensatz Ich-Nichtich. Er ist eine ursprüngliche Zerteilung. Dieser voraus muss gedacht werden eine Ursynthesis als das Was der Ur-Teilung. Die Ur-Synthesis ist eine Selbstsetzung, die wiederum nur denkbar ist als Selbstentgegensetzung. Auf diesem ihren Grund angekommen, beginnt als zweiter Gang der Wissenschaftslehre die Rekonstruktion des Ganges der Vernunft bis zum Stand unseres gegenwärtigen Wissens.
JE,
29. 4. 18

Dienstag, 20. Januar 2026

Dialektitk als Kritik.

systembruch                                                   aus Marxiana
   
Diese Mißverständnisse Ricar/dos gehn offenbar daraus hervor, daß er selbst nicht klar über den Process war, noch sein konnte als Bourgeois. Einsicht in diesen Process ist = dem statement, daß das Capital nicht nur, wie A. Smith meint Commando über fremde Arbeit ist, in dem Sinne wie jeder Tauschwerth es ist, weil er seinem Besitzer Kaufmacht giebt, sondern daß es die Macht ist sich fremde Arbeit ohne Austausch, ohne Equivalent, aber mit dem Schein des Austauschs, anzueignen.

Ricardo weiß A. Smith und andren gegenüber, die in denselben Irrthum verfallen über Werth as determined by labour, und über Werth as determined by the price of labour (wages) nie anders zu refütiren als so: daß er sagt mit dem Product derselben Quantität Arbeit kann man bald mehr, bald weniger lebendige Arbeit in Bewegung setzen, d. h. er betrachtet das Product der Arbeit in Bezug auf den Arbeiter nur als Gebrauchswerth – den Theil des Products den er braucht um leben zu können als Arbeiter. 

Woher es aber kömmt, daß auf einmal der Arbeiter in dem Austausch nur Gebrauchswerth repräsentirt oder nur Gebrauchswerth aus dem Austausch zieht, ist ihm by no means klar, wie schon seine nie allgemein, sondern stets an einzelnen Beispielen demonstrirende Argu-mentation gegen A. Smith beweist. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 447f. [MEW 42, S. 456] 


Nota I. 
Das ist der Sinn der dialektischen Darstellungsweise bei Marx: ein kritischer. Den Ökonomen wird demonstriert, was sie tatsächlich sagen; und was sie stattdessen zu erklären hätten, aber nicht erklären können – nämlich in ihrer eigenen Begriffsscholastik. Konkret: Es wird gezeigt, dass der dialektische Umschlag von Gebrauchswert in Tauschwert gerade nicht stattfindet  und dies bei der Ware par excellence, der Arbeitskraft. Die bürgerliche Wirtschaftsweise ist eben kein System, das sich auf dialektische Weise "bewegt"; nämlich (selber) setzt und entgegesetzt. Das ist nur ihr Schein.
25. 9. 15
 
Nota II. -  Gar nichts "schlägt um". Alles bleibt, wie es ist. Nur der Blickpunkt wird ver-tauscht: Hier der Verkäufer, da der Käufer der Arbeitskraft. Der Tauschwert ist derselbe: der Preis der Arbeitskraft = der Lohn. Der ist für den Verkäufer sein Gebrauchswert: nämlich das, was er dafür kaufen kann; verkaufen kann er es nicht, denn er muss davon leben. Auch für den Käufer ist der Lohn der Tauschwert der Arbeitskraft; aber nicht ihr Gebrauchswert: der ist der Preis der Ware, die der Verkäufer in der vereinbarten Zeit zu produzieren vermag.  
 
Und der ist höher als der Preis der Arbeitskraft, sonst würde sich kein Käufer auf dieses Geschäft einlassen. Usw. 
JE 


Montag, 19. Januar 2026

Die sogenannte Dialektik.

                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ach, was für eine vertane Chance! 

Fangen wir in der Mitte an - wo er von der Hegel'schen Richtung redet. Damit meint er "die Dialektik", der man insbesondere Marx zugerechnet hat. Damirt kommen wir gleich zur Sa-che selbst: Marx hat zwar seine Studien mit Hegel begonnen und dabei die Spur für sein ganzes Werk gelegt. Das ganze Werk beruht freilich darauf, dass er die Hegel'sche Methode ihrer metaphysischen Mystifikation entkleidet und darunter das kritische 'analytisch-synthe-tische Verfahren' von Fichtes Wissenschaftslehre wieder freigelegt hat. Der Knotenpunkt bei dieser Mystifikation war eben die mutwillige Vermengung von realem Gegensatz und logischem Widerspruch gewesen - auf den die böswillige Vermengung von Sein und Gelten zurückgeht.

Zwar unterscheidet Warkus zwischen dem 'rein' logischen und dem 'performativ' logischen Widerspruch - der eine liegt im Satz selbst, der andere liegt im Subjekt, das nacheinander zwei Sätze ausspricht, von dem der eine das Gegenteil vom andern behauptet. Das ist aber schon ein Derivat. Der ursprüngliche Unterschied ist jedoch, dass das Subjekt hier als ein reales aufgefasst wird, der Satz aber als ein bloß gedachter

In der Realität steht die Aussage des Subjekts im Gegensatz zu der anderen Aussage - die von zwei verschiedenen Subjekten gleichzeitig oder von demselben Subjekt nach einander 'performt' werden können. Sie können einander dann wohl immer noch ausschließen; aber sie können auch als einerseits/andererseits mit einander bestehen; was nach gesundem Menschenverstand ein logischer Widerspruch nicht kann, ohne sinnlos zu werden.

Der springende Punkt:  Das analytisch-synthetische Verfahren Fichtes ist das Fortschreiten des perfomierenden Subjekts von der Unbestimmtheit zur Bestimmung: als der Gang der Vernunft selber - im und durch das Subjekt! Nichts geschieht, was nicht durch ein 'Ich' ge-setzt wird. Und das Bestimmen eines Unbestimmten ('Bestimmbaren') als dieses ist Setzen-als und geschieht durch Entgegen setzen - links/rechts, vorne/hinten, oben/unten. Der Gegensatz eröffnet ein - neues - Bedeutungsfeld. Ist das Feld - 'Gesichtspunkt' - einmal festgestellt, sind logische Widersprüche natürlich nicht statthaft. Neue Gegensätze würden dagegen "auf höherem Gesichtspunkt" eine neue Bedeutungsebene eröffnen: So schreitet Vernunft fort; richtiger: wird vorangetrieben vom 'setzenden' Subjekt. Und von nichts anderem als dem Fortschreiten von Intelligenzen in der Vernunft handelt nach Fichte die Philoso-phie; alles andere ist Sache reeller Wissenschaften.

Ein Subjekt gibt es bei Hegel, allem Wortschwall zum Trotz, nicht. Bei ihm ist es die - "dia-lektische" - Logik selber, die forschreitet. Wie das? Im Begriff  ist auf okkulte Weise der Wi-derspruch schon enthalten, nicht nebeneinander, sondern drin, und dies führt zu seinem "Umschlagen" in sein Gegenteil, und auf ebenso okkulte Weise "vereinigen" sie sich wieder "auf höherer Ebene", ohne dass man erkennen könnte, wer oder was sie dorthin "aufhebt". 

Das geschieht alles von selbst, historisch-empirische Intelligenzen spielen nur als Vehikel ihre zufällige Rolle. Bei Fichte dagegen muss ein Ich ohne Unterlass tätig sein, wenn ir-gendwas geschehen soll - nämlich im Forstschritt der Vernunft.

Kommentar zu Widerspruch und Gegensatz.  JE, 3. 7. 21


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 18. Januar 2026

Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist.

  M. Pugliese                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Das Ich kann nicht zum Bewusstsein kommen, wenn es nicht beschränkt ist.
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 7

Das Ich ist im ersten, analytischen Gang der Wissenschaftslehre auf gefunden worden als al-lererste Bestimmung auf dem Weg zu dem vor gefundenen Gegenstand der Vernunftkritik. 

Da sie auffindbar war, muss sie gesetzt worden sein. Von wem? Von einem Sich-selbst-Set-zenden; denn wäre es dies nicht, sondern von einem andern gesetzt, hätte der seinerseits aufgefunden werden müssen. Das Sichselbstsetzende muss also als eine ursprüngliche prä-dikative Qualität gedacht werden, der Fichte den Namen Wollen gab.

Dem reinen Wollen kann keine weitere Bestimmung zuerkannt werden als tätigsein wollen. Es würde in unendliche Weite zerfließen, wenn es nicht auf etwas stieße, das es begrenzte - definierte - und gleichsam 'auf sich selbst' zurückstieße: auf ein Bestimmbares; ohne dieses kein Bestimmtes. 

Und so fort ins Unendliche. Nichts Bestimmtes gäbe es ohne dies, kein Ding und keine Welt. 

Und nur, was etwas bestimmt, bestimmt ipso facto sich selbst - zu dessen Anderen.  

Bedenke: In unserm Wissen kommen keine Sachen vor, sondern nur Vorstellungen.  

 

Samstag, 17. Januar 2026

Verwertung ist zugleich Entwertung.

akquise-coach                                      aus Marxiana

Genau betrachtet erscheint nämlich der Verwerthungsprocess des Capitals – und das Geld wird nur zu Capital durch den Verwerthungsprocess – zugleich als sein Entwerthungspro-cess, its demonetisation. Und zwar nach doppelter Seite hin. Erstens, soweit das Capital nicht die absolute Arbeitszeit vermehrt, sondern die relative nothwendige Arbeitszeit ver-mindert durch / Vermehrung der Productivkraft, reducirt es die Productionskosten seiner selbst soweit es als bestimmte Summe von Waaren vorausgesezt war, seinen Tauschwerth: 

Ein Theil des bestehnden Capitals wird beständig entwerthet, durch Verminderung der Productionskosten, zu denen es reproducirt werden kann; nicht Verminderung der Arbeit die in ihm vergegenständlicht ist, sondern der lebendigen Arbeit, die nun nöthig ist, um sich in diesem bestimmten Product zu vergegenständlichen. 
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K. Marx,
Grundrisse, MEGA II/1.2 S. 315f. [MEW 42, S. 316]  


Nota. - Der Wert ist nicht eine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine Geltung, die ihm gesellschaftlich zugerechnet wird. Denn der Wert bemisst sich nicht nach dem Quantum Arbeit, das gestern tatsächlich in dem Produkt vergegenständlicht wurde, sondern an dem Arbeitsquantum, das nötig wäre, wenn er heute neu hergestellt werden müsste. Es geht beim Wert nämlich nicht um wirkliche, von diesem oder jenem lebendigen Arbeiter tatsächlich an einem Stück Materie geleistete Arbeit, sondern wiederum nur um das Quan-tum Arbeit, als das es gilt: um die gesellschaftlich notwendige Arbeit; denn wenn der wirk-liche Arbeiter auch eine Dreiviertelstunde daran gearbeitet hat, so gilt sie nur als eine halbe Stunde, wenn dieses Werkstück im gesellschaftlichen Durch
schnitt von einem durchschnitt-lichen Arbeiter in einer halben Stunde hergestellt werden kann. Und ist über Nacht die durchschnittliche, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für dieses Produkt entsprechend gesunken, dann gilt die Dreiviertelstunde tatsächlich geleisteter Arbeit womöglich nur als 20 Minuten. – Und das ist keine Phantasie, sondern gesellschaftlich wirklich: Der Arbeiter dürfte recht bald arbeitslos werden.
JE
8. 11. 15

  

Freitag, 16. Januar 2026

Die Kontinuität des Produktionsprozesses, die Zirkulation und die Notwendigkeit des Kredits.

rainerjensen                                                       aus Marxiana  

Aus allem Gesagten geht hervor, daß die Circulation als wesentlicher Process des Capitals erscheint. Der Productionsprozeß kann nicht von neuem begonnen werden vor der Ver-wandlung von Waare in Geld. Die beständige Continuität des Processes, das ungehinderte und flüssige Uebergehn des Werths aus einer Form in die andre, oder einer Phase des Pro-cesses in die andre, erscheint als Grundbedingung für die auf das Capital gegründete Pro-duction in einem ganz andren Grade als bei allen frühren Formen der Production. 

Andrerseits, während die Nothwendigkeit dieser Continuität gesezt ist, fallen die Phasen der Zeit und dem Raum nach aus einander als besondre gegen einander gleichgültige Processe. Es erscheint so zufällig für die auf das Capital gegründete Production, ob oder ob nicht ihre wesentliche Bedingung, die Continuität der verschiednen Processe, die ihren Gesammtpro-cess constituiren, hergestellt wird. Die Aufhebung dieser Zufälligkeit durch das Capital selbst ist der Credit. (Er hat noch andre Seiten; aber diese Seite geht aus der unmittelbaren Natur des Productionsprocesses hervor und ist daher die Grundlage der Nothwendigkeit des Credits.) 

Daher der Credit in irgend wie entwickelter Form in keiner frühren Weise der Production erscheint. Geborgt und geliehen ward auch in frühren Zuständen, und der Wucher ist sogar die älteste der antediluvianischen Formen des Capitals. Aber Borgen und Leihen constituirt ebenso wenig den Credit, wie Arbeiten industrielle Arbeit oder freie Lohnarbeit constituirt. Als wesentliches, entwickeltes Productionsverhältniß erscheint der Credit historisch auch nur in der auf das Capital oder die Lohnarbeit gegründeten Circulation.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2 S. 434 [MEW 42, S. 441]   

Nota I. - Noch stets war das Geldkapital der anstößigste Teil der bürgerlichen Produktions-weise, und daher haben sich um die Abschaffung der Banken von Proudhon bis Occupy Wallstreet allerlei antikapitalistische Reformphantasien gerankt. Aber wie die Zirkulation für die kapitalistische Produktionsweise wesentlich ist, ist eine Zirkulationszeit unvermeidlich - und sind folglich die Kreditinstitute notwendig. "Schaffen wir die Banken ab, bricht der Ka-pitalismus zusammen." Eben. Und darum werdet ihr sie nicht abschaffen.
4. 11. 15
 
Nota II. - 'Die Zirkulation als wesentlicher Prozess des Kapitals...' Wie das? Ist nicht die Produktion des Werts der wesentliche Prozess? Genauer gesagt - die Produktion des Mehrwerts? Ach, aber erst im Austausch gegen Geld wird der Wert realisiert - und a forteriori der Mehrtwert; genauer gesagt: der Profitder erst durch umständliche Rechnerei auf den Mehrwert zurückgefügt werden muss. Doch allein um des Profits willen geschieht ja die Produktion überhaupt - nicht um der Produktion des Werts willen. Zwar ist der Mehrwert nur eine Vermehrung des Werts; doch ist diese Vermehrung der Urheber des ganzen Pro-zesses; Causa finalis sagt der Aristoteliker; "Entelechie" sei das Wesen des Kapitals, alles weitere lediglich seine nomina.
 
Aber Marx war ja kein scholastischer Ontologe, sondern ein phänomenologischer Proto-kollant. Und ein reallogischer Kritiker: Er beschreibt nicht die in der Reflexion auftauchen-den Etappen, sondern den tätigen Prozess selbst. Die Akteure bleiben stets präsent.
JE 
 


Donnerstag, 15. Januar 2026

Absehen und finden.

Moulin, Objet trouvé à Pompéi   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Wie ist das nun mit dem Finden und der Absicht? Wenn ich nicht auf irgendwas absähe, würde ich nie etwas finden: Fichte hat das ursprüngliche Wollen des Menschen an den Anfang der Wissenschaftslehre gesetzt. Was immer Eingang ins Bewusstsein findet - das Absehen ist die Bedingung. 

So sagt der Transzendentalphilosoph, doch sobald er das Katheder verlässt, ist er Realist wie alle andern: Die Menschen wären nie aufs Absehen verfallen, wenn sie nicht tatsächlich Etwas gefunden hätten; etwas, das ihnen fremd, also unbestimmt war und zum Bestimmen herausforderte. 

Es ist immer alles dasselbe, das wiederholt er oft genug; aber eben immer wieder von der nächsthöheren Stufe aus betrachtet.
14. 6. 17  

 
Das realgeschichtliche Spezifikum: Der Mensch lebt nicht mit seiner Umwelt im Einklang. Er hat den Urwald verlassen, in dem er zuhause war, und ist in die ihm fremde Savanne ausgebrochen. Eine neue Wachheit gegen das unbekannte Feld, in dem er sich bewegt - nomadisch - ist das mental substanziell Neue, das ihn gegen die andern Tiere auszeichnet und von dem eine rationelle Anthtropologie auszugehen hat.

Nach der Wissenschaftslehre ist das erste, elementar Wirkliche für den Menschen das Ge-fühl. Im Fühlen ist er rein leidend. Indem er aber sein Gefühl anschaut und sogleich in sei-ner Bedeutung für ihn bestimmt, wird das Leiden in Tätigkeit aufgenommen - und so fängt alles an.

Fängt die Ausbildung der Vernunft an, nämlich unter den Menschen. Unter den Tieren nicht. Warum? Sie haben kein Bedürfnis, das Leiden in eigene Tätigigkeit aufzunehmen.

Ist das eine Erklärung?

Nein, es ist eigentlich das, was der Anthropologe zu erklären hätte; siehe oben. 

Die Wissenschaftslehre setzt es dagegen voraus: indem sie das Gefühl, durch das die Dinge sich dem Menschen kundtun, auffasst als den Widerstand, den sie seinem primären Tätig-sein entgegensetzen. 

Dies ist wahr: Wann immer wir wirklich etwas tun, stoßen wir auf die Dinge der Sinnenwelt und erleiden ein Gefühl. Doch nicht immer, wenn wir etwas fühlen, haben wir - willentlich, versteht sich - etwas getan, das ist gar nicht wahr. Lassen wir diese Feinheit als vernachläs-sigbar beiseite?

Für den Mediziner wäre das ohne Sinn, aber die Transzendentalphilosophie entwirft nicht das Bild des Ganzen Menschen, sondern will die Vernunft aus ihrem Entwicklungsgang verstehen. Sie beachtet nicht Alles, sondern all das, was in ihre Entwicklung eingeht. Das sind nicht die Halsschmerzen beim Schnupfen, sondern die Erfahrungen, die ich - mache. Es wird nicht gesagt: Alle Gefühle werden angeschaut und bestimmt, weil sie ursprünglich von der Tätigkeit des Subjekts verursacht wurden, und werden zu Erfahrungen fortbe-stimmt; sondern: Zu Erfahrungen werden solche Gefühle, die das Subjekt anschaut und bestimmt, weil sie ihm als Resultat seiner eigenen ursprünglichen Tätigkeit widerfahren, und aus den Erfahrungen wird die Vernunft.

Das bestimmen- und Erfahrungen-machen-Wollen ist vorausgesetzt. Der Transzendental-philosophie reicht aus, dass sie es offenkundig voraussetzen darf. Woher es kommt und warum sie es darf, muss und kann sie nicht selber klären. Das ist Sache der historischen Realwissenschaften.
28. 5. 19

 

Die Wissenschaftslehre ist selber keine reale Wissenschaft, sie fügt dem sachlichen Wissen nichts hinzu. Ihr Verhältnis zu den realen Wissenschaften ist, dass sie ihnen zeigt, welche Fragen sie den Dingen zu stellen haben. Das gilt auch für die Anthropologie, soweit sie mit Tatsachen zu tun hat. Zu bedenken aber: So wird sie zum Urheber dessen, was an dieser Wissenschaft real ist.
27. 7. 21

 
 

Im NichtIch ist keine Kraft, sondern nur Sein.

Kunstart.net                    aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   [ad Der letzte Grund ] Es wird in das Ich...