aus Marx und FichteC
Primat des Praktischen: die Aktualität der Revolution
Nachdem
ich also die Übereinstimmung zwischen der 'Kritik der politischen
Ökonomie' und der 'Wissenschaftslehre' nach ihrem P r i n z i p
('Standpunkt') sowohl als nach ihrer M e t h o d e dargelegt habe,
bleiben zwei Fragen:
E
r s t e n s, ist es ein reiner Z u f a l l, daß Marx 'zurück zu
Fichte' gegangen ist – ohne es zu ahnen, ohne die 'Wissenschaftslehre'
überhaupt zu kennen ((von letzterem bin ich über-zeugt))*?!
Z
w e i t e n s, ist es ein noch größerer Zufall, daß i c h, nach einem
Jahrhundert Marx-Philologie, diesen 'Zufall' e n t d e c k t habe,
der doch so vielen klugen Köpfen verbor-gen geblieben war?!
Ein 'Zufall' ist es, solange man im Gebiet der theoretischen Philosophie
bleibt; tritt man in die praktische Philosophie hinüber, die doch, nach
Marx wie nach Fichte, die theoretische erst b e g r ü n d e n muß,
dann bekommt der 'Zufall' Methode: Die theoretische Überein-stimmung
beruht nämlich auf einer Übereinstimmung in der praktischen
Stellungnahme Beider zu ihrer Zeit: der p o l i t i s c h e n
Stellungnahme zur Aktualität der Revolution – und kann darum auch nur
im Licht dieser Stellungnahme wahrgenommen werden; will sa-gen, man muß
diese praktische Stellungnahme s e l b e r vollziehen — in der bloßen
The-orie stößt man nie drauf...
Mit 'Übereinstimmung der praktischen Stellungnahme' meine ich freilich
nicht die rein bio-graphische Koinzidenz, daß beide zur ihrer Zeit
Propagandisten der Revolution gewesen sind; es ist vielmehr eine
Übereinstimmung in ihrer praktischen Philosophie par excellence, nämlich
der G e s c h i c h t s a u f f a s s u n g.
Und
in der Tat liegt hier der Schlüssel zu M.'s Bruch mit dem Hegelschen
Emanatismus: Die wirkliche Geschichte ist ihm nicht jenes Epiphänomen,
durch welches die ewig-unvor-denkliche Heimkunft der 'Idee' zu sich
selber in unsere verkehrte Endlichkeit hinüber wet-terleuchtet: nicht 'Fortschritt im B e w u ß t s e i n der Freiheit', sondern die
Herstellung e f f e k t i v e r Freiheit durch die und für die e m p i
r i s c h e n I n d i v i d u e n. Die Geschichte erscheint bei Marx
wie bei Fichte nicht als eine zyklische Abfolge von S t u f e n (wo
die letzte zugleich die erste ist, so daß sich eigentlich alles im
Kreise dreht und der 'Fortschnitt' nur S c h e i n ist), sondern das
Zusammenfließen allen individuellen Gesche-hens in einen P u n k t,
den Knotenpunkt, die Alles entscheidende Krisis: es ist der Mo-ment, an
dem die Menschen heraustreten aus ihrer Naturgesetztheit und deren
Repräsen-tationen innerhalb der menschlichen Gesellschaft selbst, in die
Selbstbestimmung; Freiheit ist nicht die E i n s i c h t in die
Notwendigkeit, sondern deren E n d e.
Und
die S c h w e l l e, die das Reich der Freiheit vom Reich der
Notwendigkeit trennt — oder wo sie aneinander stoßen... —, das ist für
Marx wie für Fichte die b ü r g e r l i c h e G e s e l l- s c h a f
t. Hier muß sich entscheiden, ob die empirischen Menschen in der Tat S
u b j e k t e der Geschichte werden sollen oder nicht – und erst von
hier aus läßt sich — rück-blickend — entscheiden, o b sie sich 'immer
schon' auf diesem Weg befunden haben: Die bürgerliche Gesellschaft ist
die K r i s i s, die erst das U r t e i l darüber fällt, ob die
ganze Geschichte ein F o r t s c h r i t t war oder nicht.
Für
Marx wie für Fichte ist die bürgerliche Gesellschaft die revolutionäre
'Situation' par ex-cellence, und nur als solche gibt sie der
Vergangenheit Sinn. Die praktische Philosophie von Marx wie von Fichte
steht unterm Postulat der R e v o l u t i o n i n P e r m a n e n z
— und in diesem praktischen Motiv ist ihrerseits die 'Tathandlung' als
theoretisches Prinzip be-gründet...
*) Das kann ich mit kriminalistischer Akribie belegen; leider nur durch Indizien.
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Nachtrag 2010:
'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist die Kraft, durch die das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':
1. Landläufig
ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft
werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei
Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, S. 426. Be-dürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen.
2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideo-logie,
MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste ge-schichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von
Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft
es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch
von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes
Na-turbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum zu schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnisse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Natur ist ergo die Rede: generatio aequivoca.
'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Stre-ben, und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.
*) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.