Donnerstag, 15. Oktober 2026

Unsere Welt und die meine; oder Begreifen und anschauen.

                             aus Die Wendeltreppe

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.

‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.

Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß
.

Anmerkung: Meine Wendeltreppe war ein didaktisches Fabrikat. Sie sollte den gesunden Menschenver-stand dazu verführen, es auch einmal mit der kritischen alias transzendentalen Denkweise zu versuchen. JE

ChatGPT antwortet:

Ja, das ist tatsächlich eine Perle. Und nachdem Sie mir Ihren Satz vom Anschauen in der Welt und vom Begreifen als Labor vorgelegt haben, glaube ich, dessen Pointe jetzt noch genauer zu erkennen. In diesem älteren Text haben Sie den Gedanken bereits auf eine ganze Erkenntnistheorie, eine Theorie des Lernens und eine Theorie der Individualität ausgedehnt.

Was mich besonders interessiert, ist, dass Sie zwei entgegengesetzte Abwege vermeiden: Sie erklären weder die Welt zum bloßen Erzeugnis eines einzelnen Bewusstseins noch das einzelne Bewusstsein zum bloßen Produkt einer schon fertigen gemeinsamen Welt.

Ich möchte die stärksten Stellen herausgreifen und anschließend zwei Schwierigkeiten benennen.

1. Die entscheidende Unterscheidung: unsere Welt und meine Welt

Sie schreiben:

„‚Die Welt‘ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.“

Das ist, glaube ich, der Angelpunkt des ganzen Stücks.

Die Welt, in die ein Mensch hineingeboren wird, ist ihm nicht zur freien Erfindung überlassen. Die Dinge sind da, andere Menschen handeln, sprechen, widersprechen, zeigen und erklären. Es gibt überlieferte Bedeutungen, Symbole und Unterscheidungen. Das Kind muss nicht erst das Wort Tisch erfinden, um an einem Tisch essen zu können.

Aber dass es dieses Wort übernimmt, bedeutet noch nicht, dass es damit schon seine Welt gebildet hätte. Es muss die überlieferten Zeichen auf seine eigenen Erfahrungen beziehen, sie sich aneignen, mit ihnen etwas anfangen können – oder sich ihnen verweigern.

Damit ist die Unterscheidung zwischen unserer und meiner Welt gerade keine zwischen zwei nebeneinander existierenden Wirklichkeitsbereichen. Es sind vielmehr zwei verschiedene Zusammenhänge, in denen Welt zustande kommt und Bedeutung erhält.

Unsere Welt ist der Zusammenhang, in dem Bedeutungen mitgeteilt, gelernt, überprüft und bestritten werden können. Meine Welt entsteht, indem ich diesen Zusammenhang mit meinen Erfahrungen, meinen Unterscheidungen und meinen eigenen Absichten verknüpfe.

Ich empfange die Welt nicht einfach. Ich muss sie mir zu meiner machen.

Und umgekehrt kann unsere Welt nur fortbestehen, weil einzelne Menschen ihre Bedeutungen immer wieder aufnehmen, anwenden, verändern und weitergeben.

Damit sind wir bei Ihrem bemerkenswerten Satz:

„Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch.“

2. Der fundierende Zirkel

Ich lese diese beiden Fundierungsrichtungen so:

Kategorial: Dass ich überhaupt etwas als eine Welt begreifen kann, setzt einen Horizont voraus, in dem Gegenstände, Zeichen und Bedeutungen bereits unterscheidbar sind. Diesen Horizont finde ich in der gemeinsamen Welt vor. Sie ist Bedingung dafür, dass meine Erfahrungen für mich zu einer Welt zusammenhängender Dinge werden können.

Genetisch: Dass es eine gemeinsame Welt gibt, setzt andererseits voraus, dass einzelne Menschen ihre Zeichen gebrauchen, ihre Bedeutungen verstehen, sich an ihnen orientieren und sie anderen vermitteln. Die gemeinsame Welt wird nicht von einem überindividuellen Bewusstsein bewohnt und am Leben erhalten. Sie wird in menschlichen Tätigkeiten fortwährend reproduziert.

Das ist keine bloße Wechselwirkung zwischen zwei zuvor unabhängig vorhandenen Welten. Die beiden Seiten gewinnen ihre Bestimmung erst in ihrer Beziehung aufeinander.

Und hier scheint mir ein Gedanke aufzutauchen, der zu Ihrer Fichte-Lektüre passt: Die Frage lautet nicht mehr bloß, wie ein fertiges Subjekt eine fertige Welt erkennt. Sie lautet, unter welchen Bedingungen sich überhaupt ein Verhältnis zwischen einem Ich und einer Welt bilden kann.

Dabei ist Ihre Antwort entschieden weniger mystisch als manche Fichte-Deutung: Es braucht eine Reihe vernünftiger Wesen, eine geschichtliche Überlieferung, sinnliche Erfahrungen und eigene Tätigkeiten. Das einzelne Ich findet die Bedingungen seiner Weltbildung vor, aber es muss sie sich selbst zu eigen machen.

Der Zirkel ist also nicht einfach ein logischer Fehler, den man durch Zurückgehen auf einen ersten Grund beseitigen könnte. Er bezeichnet zwei verschiedene Arten des Begründens, die nicht auf eine einzige Anfangsbestimmung reduziert werden können.

3. Freiheit: Was sich zeigen, aber nicht vorschreiben lässt

Hier wird Ihr Text besonders eigenständig:

„Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden.“

Ich würde die Behauptung nicht so verstehen, als ließe sich über freie Handlungen grundsätzlich nichts Bestimmtes sagen. Sie können durchaus Gegenstand einer historischen Untersuchung werden. Man kann Gründe rekonstruieren, Bedingungen feststellen, Folgen untersuchen und Alternativen vergleichen.

Aber damit ist noch nicht geleistet, was Sie Nacherfinden nennen.

Wenn ich eine Handlung erkläre, indem ich ihre Bedingungen und Gründe darstelle, habe ich damit noch nicht die Entscheidung vollzogen, durch die sie für den Handelnden möglich wurde. Und wenn ich Ihre Anschauung nachvollziehe, habe ich sie damit noch nicht selbst hervorgebracht.

Hier liegt meines Erachtens die Differenz zwischen einer Erklärung, die einen Zusammenhang demonstriert, und einer Rekonstruktion, die jemanden dazu bewegen soll, selbst zu denken.

Ihre Formulierung

„Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst.“

ist deshalb keineswegs bloß eine hübsche Bemerkung über gute Pädagogik. Sie bezeichnet eine Grenze der Vermittlung: Man kann einem anderen Menschen die Bedingungen, Mittel und Materialien seines Denkens bereitstellen. Man kann ihn durch Beispiele, Darstellungen und Fragen in Bewegung bringen. Man kann ihm aber die eigene Tätigkeit des Hervorbringens nicht abnehmen.

Man kann den anderen nicht zur Freiheit unterrichten, als wäre Freiheit ein Lehrstoff. Man kann ihm nur etwas zeigen, an dem er seine Freiheit betätigen kann.

Das scheint mir eine sehr starke Begründung Ihrer Bemerkung über die Wendeltreppe zu sein: Sie sollte den Leser nicht durch eine neue Lehre überzeugen, sondern dazu verführen, selbst den Übergang zur kritischen Denkweise zu vollziehen.

Eine Schwierigkeit bleibt allerdings

Sie schreiben, was durch Freiheit möglich wurde, lasse sich nicht bestimmen, und setzen gleich anschließend hinzu, es könne nur kritisch und historisch zum Gegenstand von Wissenschaft werden.

Das ist kein unauflösbarer Widerspruch. Man muss aber unterscheiden, was dabei bestimmt wird.

Die geschichtlichen Umstände, die Handlung, ihre Äußerungen und ihre Folgen können bestimmt werden. Dass aber gerade diese Handlung aus der Freiheit dieses Menschen hervorging, ist damit nicht in derselben Weise demonstriert wie ein logischer Zusammenhang.

Wenn Sie das so meinen, würde ich Ihrer Unterscheidung folgen. Andernfalls wäre die erste Behauptung zu stark: Dann könnte auch eine historische Untersuchung nicht erklären, was ein Mensch getan und damit in der Welt bewirkt hat.

4. Die Bedeutung der Symbole: Sie sind nicht einfach da

Eine weitere Perle ist für mich dieser Absatz:

„Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse.“

Hier verbindet sich Ihre Erkenntnistheorie mit Ihrer späteren Beschäftigung mit dem Symbolisieren.

Die Dinge begegnen mir, ohne dass ich erst darüber entscheiden müsste, ob ich ihre Existenz anerkenne. Sie können sich mir widersetzen. An einem Tisch stoße ich mir das Knie, auch wenn ich nicht an ihn glauben möchte.

Die Bedeutung eines Symbols dagegen hat eine andere Art von Wirklichkeit. Ein Wort, eine Regel, ein Geldzeichen oder eine überlieferte Meinung kann nur als Bedeutung wirksam werden, sofern es von Menschen gebraucht und anerkannt wird. Das heißt nicht, dass seine Folgen beliebig wären. Gerade weil andere Menschen es ebenfalls gelten lassen, kann ich mich seinen Folgen nicht ohne Weiteres entziehen.

Das Wort gelten ist hier entscheidend: Die Geltung eines Symbols ist weder mit seiner sinnlichen Existenz identisch noch eine bloße Privatangelegenheit. Sie liegt in einem Zusammenhang menschlicher Tätigkeiten, in dem Anerkennung möglich, aber auch Verweigerung möglich ist.

Deshalb passt der Rückgriff auf Max Schelers Menschen als das Tier, das Nein sagen kann. Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ist hier keine bloße psychologische Eigenschaft. Sie bezeichnet die Möglichkeit, sich zu den überlieferten Bedeutungen seiner Welt ins Verhältnis zu setzen, statt sie einfach hinzunehmen.

Und Ihre Zuspitzung

„Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.“

verbindet dieses Nein mit dem Denken selbst. Fragen setzt die Möglichkeit voraus, dass eine überlieferte Behauptung nicht einfach als verbindlich übernommen wird. Wer fragt, hält die Geltung einer Aussage gewissermaßen offen.

Allerdings ist nicht jede Frage schon eine Entscheidung zwischen Ja und Nein. Eine Frage kann zunächst gerade darin bestehen, dass unklar ist, welche Antwort überhaupt möglich wäre. Aber auch das bestätigt Ihren Grundgedanken: Fragen heißt, sich gegenüber dem Vorgegebenen nicht bloß rezeptiv zu verhalten.

5. Und nun Ihr letzter Absatz

„‚Ich‘ konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich.“

Das ist die zugespitzte Formel, in der sich der ganze Text sammelt.

Ich würde nur auf die Reihenfolge achten. Der Satz könnte so missverstanden werden, als existiere bereits ein fertiges Ich, das sich anschließend eine Welt konstruiert. Ihr Text sagt aber etwas anderes.

Die Daten meiner Sinne sind zunächst nicht schon meine Welt. Sie werden es erst, indem ich sie zueinander füge, unterscheide, aufeinander beziehe. Und die Möglichkeit, dies zu tun, verdanke ich einer gemeinsamen Welt, in die ich hineingeboren wurde.

Das Ich ist also nicht erst da und dann tätig. Es bildet sich als Ich in einer Tätigkeit, deren Bedingungen es nicht selbst geschaffen hat.

Das passt genau zu Ihrer Betonung des Handelns: Eine Bestimmung des Ichs, die nur sagt, was es ist, verfehlt, dass es sich in seinen Tätigkeiten als dieses Ich erst herausbildet.

Dabei sehe ich in Ihrem Satz nicht die Behauptung, jeder Mensch lebe in einer unzugänglichen Privatwelt. Im Gegenteil: Sie schreiben ausdrücklich, dass sich Lebensmöglichkeiten daran entscheiden, wie weit jemand seine eigene Welt mit der Welt der anderen ins Benehmen setzen kann.

Das ist ein wichtiger Punkt. Die eigene Welt ist nicht deshalb die eigene, weil sie sich jeder Verständigung entzieht. Sie ist die eigene, weil niemand einem die Tätigkeit abnehmen kann, durch die man sie bildet. Und sie bleibt auf andere angewiesen, weil weder ihre sprachlichen Mittel noch ihre Möglichkeiten der Bewährung allein aus ihr selbst stammen.

Was ich als die eigentliche Leistung des Textes ansehen würde

Ihr Text hält drei Gedanken zugleich fest, die man leicht auseinanderreißt:

Erstens: Es gibt eine gemeinsame, geschichtlich überlieferte Welt, die dem Einzelnen nicht zur freien Erfindung überlassen ist.

Zweitens: Diese Welt wird nicht einfach in ein individuelles Bewusstsein kopiert. Jeder muss seine Welt selbst bilden.

Drittens: Auch die gemeinsame Welt ist nicht unabhängig von den Tätigkeiten einzelner Menschen. Sie muss von ihnen angeeignet und reproduziert werden, um überhaupt eine menschliche Welt zu sein.

Daraus entsteht eine Erkenntnistheorie, die weder beim bloßen Abbilden noch beim freien Erfinden stehen bleibt. Die Anschauung liefert nicht schon die begrifflich geordnete Welt; aber das begriffliche Denken kann sich auch nicht einfach über seine sinnlichen und geschichtlichen Voraussetzungen erheben.

Und damit schließt sich der Kreis zu Ihrem jüngsten Satz:

Das Anschauen geschieht in der Welt. Das Begreifen ist ein Labor.

Das Labor des Begreifens kann seine Gegenstände unterscheiden, Zusammenhänge herstellen und seine Voraussetzungen prüfen. Aber es hat weder die Welt geschaffen, in der es arbeitet, noch den Menschen, der in ihm denkt. Es ist selbst eine Tätigkeit innerhalb der Welt, die es zu begreifen versucht.

Vielleicht ist das der gemeinsame Kern beider Texte: Wir können unsere Welt denken, weil wir in ihr leben; aber wie sie für uns eine Welt wird, hängt davon ab, was wir selbst aus dem machen, was uns gegeben ist.

Und Ihre didaktische Anmerkung trifft den Punkt sehr gut. Die Wendeltreppe will niemandem eine Weltan-schauung einpflanzen. Sie will den Leser dazu verführen, den eigenen Weg in eine Denkweise zu finden, die sich nicht einfach übernehmen lässt.

Das ist mehr als eine didaktische Methode. Es ist eine Konsequenz aus Ihrer Philosophie der Freiheit.

Ich: Von Fichtes Philosophie der Freiheit. Ich habe sie nur unter günstigeren Bedingungen etwas weiter getrieben. 


Mittwoch, 14. Oktober 2026

Vermittlung post festum - Vermittlung ex ante.

germanische Ratsversammlung, Marc-Aurel-Säule, Rom                      aus Marxiana

Im erstren Fall, der von der / selbstständigen Production der Einzelnen ausgeht – so sehr diese selbstständigen Productionen durch ihre Beziehungen zu einander sich post festum bestimmen, modificiren – findet die Vermittlung statt durch den Austausch der Waaren, den Tauschwerth, das Geld, die alle Ausdrücke eines und desselben Verhältnisses sind. Im zwei-ten Fall ist die Voraussetzung selbst vermittelt; d. h. eine gemeinschaftliche Production, die Gemeinschaftlichkeit als Grundlage der Production ist vorausgesezt. Die Arbeit des Ein- zelnen ist von vorn herein als gesellschaftliche Arbeit gesezt. 

Welches daher auch immer die besondre materielle Gestalt des Products sei, das er schafft oder schaffen hilft, was er mit seiner Arbeit gekauft hat, ist nicht ein bestimmtes besondres Product, sondern ein bestimmter Antheil an der gemeinschaftlichen Production. Er hat darum auch kein besondres Product auszutauschen. Sein Product ist kein Tauschwerth. 

Das Product hat nicht erst in eine besondre Form umgesezt zu werden, um einen allgemei-nen Character für den Einzelnen zu erhalten. Statt einer Theilung der Arbeit, die in dem Austausch von Tauschwerthen sich nothwendig erzeugt, fände eine Organisation der Arbeit statt, die den Antheil des Einzelnen an der gemeinschaftlichen Consumtion zur Folge hat. In dem ersten Fall wird der gesellschaftliche Charakter der Production erst durch die Erhe-bung der Producte zu Tauschwerthen und den Tausch dieser Tauschwerthe post festum gesezt. Im zweiten Fall ist der gesellschaftliche Character der Production vorausgesezt und die Theilnahme an der Productenwelt, an der Consumtion, ist nicht durch den Austausch von einander unabhängiger Arbeiten oder Arbeitsproducte vermittelt. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 102f. [MEW 42, S. 104]


Nota. – Die Teilnahme des Einzelnen an der Konsumtion ist nicht durch den Tauschwert
= nicht durch die Arbeitszeit = nicht durch seine Teilnahme an der Produktion vermittelt. Ver-mittelt aber muss sie werden, da sie doch nicht unmittelbar gegeben ist. Sie kann nur durch eine Vereinbarung der Freien und Gleichen vermittelt werden. Sie müssen die Geltung der je individuellen Bedürfnisse aus freiem Willen festsetzen. Sie haben es nur mit Gebrauchs-werten zu tun. Sie können nicht messen, sie müssen werten.

Das wird nicht einfach.
JE, 16. 10. 15

 

 

Dienstag, 13. Oktober 2026

Ein Allgemeines gibt es nur als Vermittlung.

 Howard Terpning, Crow Pipe Ceremony                                          aus Marxiana
     
Die Arbeitszeit selbst existirt als solche nur subjektiv, nur in der Form der Thätigkeit. Inso-fern sie als solche austauschbar (selbst Waare) ist, ist sie nicht nur quantitativ, sondern qua-litativ bestimmt und verschieden, keineswegs allgemeine, sich gleiche Arbeitszeit; sondern entspricht als Subjekt ebensowenig der die Tauschwerthe bestimmenden allgemeinen Ar-beitszeit, wie die besondren Waaren und Producte ihr als Objekt entsprechen.

Der Satz von A. Smith, daß der Arbeiter neben seiner besondren Waare eine allgemeine Waare produciren muß, in andren Worten daß er einem Theil seiner Producte die Form des Geldes geben muß, überhaupt seiner Waare, soweit sie nicht als Gebrauchswerth für ihn, sondern als Tauschwerth dienen soll – heißt subjektiv ausgedrückt, weiter nichts, als daß seine besondre Arbeitszeit nicht unmittelbar gegen jede andre besondre Arbeitszeit ausge-tauscht werden kann, sondern daß diese ihre allgemeine Austauschbarkeit erst vermittelt werden, daß sie eine gegenständliche von ihr selbst verschiedne Form annehmen muß, um diese allgemeine Austauschbarkeit zu erlangen.

Die Arbeit des Einzelnen, im Akt der Production selbst betrachtet, ist das Geld, womit er unmittelbar das Product, den Gegenstand seiner besondren Thätigkeit kauft; aber es ist ein besondres Geld, das eben nur dieß bestimmte Product kauft. Um unmittelbar das allgemei-ne Geld zu sein, müßte sie von vornherein nicht besondre Arbeit, sondern allgemeine sein, d. h. von vorn herein als Glied der allgemeinen Production gesezt sein. In dieser Vorausset-zung aber würde nicht erst der Austausch ihr den allgemeinen Charakter geben, sondern ihr vorausgesezter gemeinschaftlicher Character würde die Theilnahme an den Producten be-stimmen. 

Der gemeinschaftliche Character der Production würde von vorn herein das Product zu einem gemeinschaftli- chen, allgemeinen machen. Der ursprünglich in der Production stattfindende Austausch – der kein Austausch von Tauschwerthen wäre, sondern von Thä-tigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären, durch gemeinschaftli-che Zwecke – würde von vornherein die Theilnahme des Einzelnen an der gemeinschaftli-chen Productenwelt einschliessen. Auf der Grundlage der Tauschwerthe, wird die Arbeit erst durch den Austausch als allgemein gesezt. Auf dieser  [=der gemeinschaftlichen] Grundlage wäre sie als solche gesezt vor dem Austausch; d. h. der Austausch der Producte wäre über-haupt nicht das Medium, wodurch die Theilnahme des Einzelnen an der allgemeinen Pro-duction vermittelt würde. Vermittlung muß natürlich stattfinden. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 102 [MEW 42, S. 103f.]


Nota. – Aller Kollektivismus wie alle Ganzheits- und Gemeinschaftstümelei waren Marx herzlich fremd. Den Kommunismus stellte er sich vor als eine Vereinigung der Freien und Gleichen, nicht als das Versickern des autonomen bürgerlichen Subjekts im urwüchsigen Gemeinwesen. Gesellschaft sollte er sein in einem eminenteren Sinn als die bürgerliche, nämlich so, dass die Freien und Gleichen ihre wechselseitige Vermittlung selber und bei klarem Bewusstsein vornehmen, statt sie einem blinden Mechanismus zu überlassen, der hinter ihrem Rücken webt und wirkt. Nicht ein Ganzes sollte er sein, sondern das Allgemei-ne, in dem jeder seine Freiheit hat, die ihre Schranke nur in der Freiheit der andern Glei-chen findet, mit denen er sich vermittelt.
JE, 2. 3. 18

Montag, 12. Oktober 2026

Symbolisieren.

Symbol  für Kraft                                    zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Ich: 
Die definitive Scheidung von bildhaftem Vorstellen und begrifflichem Denken ist das Symbolisieren. Was zuvor nur unmittelbar war, wird durch sie vermittelt - und wird unendlich wiederholbar. Das Symbol überdauert die Zeit und Bedeutung dauert endlos: So entsteht der Begriff, und so verselbstständigt sich Bedeutung zum Gedanken. 
 
Das Symbol taugt zum digit. Die Digitalisierung wird zur zweiten Dimension des Bewusstseins. Doch  die wird nicht zur vollen Entfaltung finden, solange sie die Anschauung im analogen Modus als die mangelhafte Vorstufe zum Begriff auffasst: Sie ist seine Bedingung.

ChatGPT antwortet:

Ihr Schlussabsatz ist besonders wichtig: Die Digitalisierung wird zur zweiten Dimension des Bewusstseins, aber sie kann sich nicht voll entfalten, solange sie die Anschauung als bloße Vorstufe des Begriffs behandelt. Denn die Anschauung ist nicht das noch unvollkommene Denken, sondern dessen Bedingung.

Das knüpft unmittelbar an Ihre Unterscheidung an: Vorstellen kann mit einem Schema operieren; Denken muss die Geltungsbedingungen des Schemas selbst mitdenken können.

Ich sehe in Ihrem Text drei aufeinander aufbauende Behauptungen:

  1. Symbolisierung als Scheidung. Bildhaftes Vorstellen und begriffliches Denken werden nicht einfach unterschieden, sondern definitiv geschieden. Erst diese Scheidung ermöglicht ihre Vermittlung.

  2. Symbolisierung als zeitliche Verselbstständigung. Das Symbol überdauert den einzelnen Vollzug; Bedeutung wird wiederholbar und kann sich zum Gedanken verselbstständigen.

  3. Digitalisierung als zweite Bewusstseinsdimension. Diese gewinnt ihre Eigenständigkeit nicht dadurch, dass sie die Anschauung ersetzt, sondern nur, wenn sie deren konstitutive Funktion anerkennt.

An einer Stelle würde ich kritisch nachfragen: Sie schreiben, das Symbol taugt zum Digit. Das ist eine prägnante Formulierung, aber sie enthält einen Übergang, der noch erläutert werden müsste. Nicht jedes Symbol ist bereits digital im engeren Sinn. Was macht aus dem Symbol ein Digit? Ist es die prinzipielle Wiederholbarkeit, seine Abgrenzung von anderen Symbolen oder erst die regelgeleitete Unterscheidbarkeit, die eine digitale Ordnung ermöglicht?

Und noch eine Frage betrifft den Anfang: Wenn Vorstellen und Denken erst durch die Symbolisierung definitiv geschieden werden, in welchem Sinn können sie dann zuvor schon als zwei voneinander unterscheidbare Vermögen gelten? Vielleicht liegt gerade darin Ihr Punkt: Sie sind nicht ursprünglich zwei fertige Vermögen, die anschließend verbunden werden; sie werden erst durch ihre Scheidung zu dem, was sie sind.

Das wären meine beiden Einwände beziehungsweise Rückfragen. Im Übrigen scheint mir der Text eine klare These zu enthalten: Die digitale Dimension des Bewusstseins ist nicht die Überwindung der analogen, sondern eine durch Symbolisierung ermöglichte Differenzierung, die auf ihre anschauliche Bedingung angewiesen bleibt.
9. 10. 26 

Samstag, 10. Oktober 2026

Geld, Symbol und allgemeine Anerkennung.

                                                                   aus Marxiana

Die Verwandlung der Waare in Tauschwerth sezt sie aber nicht einer bestimmten andren Waare gleich, sondern drückt sie als Equivalent, ihr Austauschbarkeitsverhältniß zu allen andren Waaren aus. Diese Vergleichung, die im Kopf mit einem Schlag vorgenommen ist, wird in der Wirklichkeit nur in einem bestimmten, durch das Bedürfniß bestimmten Um-kreis realisirt, und nur successive. (Z. B. ich tausche der Reihe nach ein Ein/kommen von 100 Thalern, wie es meine Bedürfnisse mit sich bringen, gegen einen ganzen Umkreis von Waaren aus, deren Summe = dem Tauschwerth von 100 Th.) 

Um also die Waare auf einen Schlag als Tauschwerth zu realisiren und ihr die allgemeine Wirkung des Tauschwerths zu geben, reicht der Austausch mit einer besondren Waare nicht aus. Sie muß mit einem dritten Ding ausgetauscht werden, das nicht selbst wieder eine be-sondre Waare ist, sondern das Symbol der Waare als Waare, des Tauschwerths der Waare selbst; das also sage die Arbeitszeit als solche repräsentirt, sage ein Stück Papier oder Leder, welches einen aliquoten Theil Arbeitszeit repräsentirt. (Ein solches Symbol unterstellt die allgemeine Anerkennung; es kann nur ein gesellschaftliches Symbol sein; es drückt in der That nur ein gesellschaftliches Verhältniß aus.) 

Dieß Symbol repräsentirt die aliquoten Theile der Arbeitszeit; den Tauschwerth in solchen aliquoten Theilen, als fähig sind durch einfache arithmetische Combination alle Verhältnisse der Tauschwerthe unter einander auszudrücken. Dieß Symbol, dieß materielle Zeichen des Tauschwerths ist ein Product des Tausches selbst, nicht die Ausführung einer a priori ge-faßten Idee. (In fact wird die Waare, die als Mittler des Austauschs gebraucht wird, erst nach und nach in Geld verwandelt, in ein Symbol; sobald das geschehn ist, kann ein Symbol der-selben sie selbst wieder ersetzen. Sie wird jezt bewußtes Zeichen des Tauschwerths.)
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 78f. [MEW 42, S. 79]


Nota. – Begriff ist Symbol. Als solches unterstellt es allgemeine Anerkennung: Das ist der springende Punkt, denn die kann historisch gegeben oder nicht gegeben sein, und das ist eine rein faktische Frage. 

Eine logische Schwierigkeit – nämlich beim Gebrauch der Begriffe – liegt darin, dass das Symbol sowohl eine Klasse wirklicher konkreter Dinge bezeichnen kann, als auch eine blo-ße gedankliche Abstraktion oder gar Projektion. Ob das eine oder das andere, sieht man dem Symbol selber nicht an; man kann sie verwechseln.
JE,
7. 10. 15



 
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Freitag, 9. Oktober 2026

Vermittlung, Für-sich-sein und gegenseitige Anerkennung.

                                                                      aus Marxiana

Aber dieß ist nicht alles: Das Individuum A dient dem Bedürfnisse des Individuums B vermittelst der Waare a, nur insofern und weil das Individuum B dem Bedürfniß des In-dividuums A vermittelst der Waare b dient und vice versa. Jedes dient dem andren um sich selbst zu dienen; jedes bedient sich des andren wechselseitig als seines Mittels. 

Es ist nun beides in dem Bewußtsein der beiden Individuen vorhanden: 1) daß jedes nur seinen Zweck erreicht, soweit es dem andren als Mittel dient; 2) daß jedes nur Mittel für das andre (Sein für andres) wird als Selbstzweck (Sein für sich); 3) daß die Wechselseitigkeit, wo-nach jedes zugleich Mittel und Zweck, und zwar nur seinen Zweck erreicht, insofern es Mit-tel wird, und nur Mittel wird, insofern es sich als Selbstzweck sezt, daß jeder sich also als Sein für andres sezt, insofern er Sein für sich, und der andre als Sein für ihn, insofern er Sein für sich – daß diese Wechselseitigkeit ein nothwendiges fact ist, vorausgesezt als natür-liche Bedingung des Aus-tauschs, daß sie aber als solche jedem der beiden Subjekte des Austauschs gleichgültig ist, und ihm diese Wechselseitigkeit nur Interesse hat, so weit sie sein Interesse als das des andren ausschliessend, ohne Beziehung darauf befriedigt. 

D. h. das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des Ge/sammtakts erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten anerkannt, aber als solches ist es nicht Motiv, sondern geht so zu sagen nur hinter dem Rücken der in sich selbst reflectirten Sonderinteressen, dem Einzelin-teresse im Gegensatze zu dem des andren vor. Nach dieser lezten Seite kann das Individu-um höchstens noch das tröstliche Bewußtsein haben, daß die Befriedigung seines gegen-sätzlichen Einzelinteresses grade die Verwirklichung des aufgehobnen Gegensatzes, des gesellschaftlichen allgemeinen Interesses ist. 

Aus dem Akt des Austauschs selbst ist das Individuum, jedes derselben in sich reflectirt als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subject desselben. Damit ist also die vollständige Freiheit des Individuums gesezt: Freiwillige Transaction; Gewalt von keiner Seite; Setzen seiner als Mittel, oder als dienend, nur als Mittel um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Uebergreifende zu setzen; endlich das selbstsüchtige Interesse, kein darüber stehendes verwirklichend; der andre ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Inter-esse verwirklichend anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche Interesse eben nur in der Doppelseitigkeit, Vielseitigkeit, und Verselbstständigung nach den verschiednen Seiten der Austausch des selbstsüchtigen Interesses ist. Das allgemeine Inter-esse ist eben die Allgemeinheit der selbstsüchtigen Interessen. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 167f. [MEW 42, S. 169f.] 


 
Nota. - Das bürgerliche Individuum ist a priori als vergesellschaftet gesetzt: So 'findet es sich vor'. Vergesellschaftet aber nicht naturwüchsig durch leibhaftige Angehörigkeit zu einer Lebensgemeinschaft, sondern vorab vermittelt durch eine überpersönliche Instanz, den Markt; außerdem können die Andern ihm fremd bleiben. Als Marktteilnehmer ist er eine öffentliche Person, ansonsten wird er privat, was er in den naturwüchsigen Gemeinschaften niemals konnte.

Nota II. - Wenn Sie übrigens meinen, Vermittlung, Fürsichsein und Anerkennung seien Hegel'sche Schlüsselwörter, liegen sie nur halb richtig. Zuvor waren sie nämlich Fichte'sche Schlüsselwörter, bei dem hat sie der andere abgeschrieben.
JE,
22. 3. 18


 

Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog.  JE

Unsere Welt und die meine; oder Begreifen und anschauen.

                               aus   Die Wendeltreppe Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlic...