Freitag, 17. April 2026

Mein Ich ist kein Spiegel, sondern ein Auge.

 Fabian Lackner, Fotocommunity    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ich der bisherigen Philosophen ist ein Spiegel, nun aber sieht der Spiegel nichts, darum wird bei ihnen das Anschauen, das Sehen nicht erklärt, es wird bei ihnen nur der Begriff des Abspiegelns gesetzt. Dieser Fehler kann nur gehoben werden durch den richtigen Begriff vom Ich. Das Ich der Wissenschaftslehre ist kein Spiegel, es ist ein Auge.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 54 
 
 

Donnerstag, 16. April 2026

Anschauen ist nachbilden; begreifen ist nachbilden der Anschauung.

Artemisia Gentileschi                              zu Wissenschaftslehre: die fast vollendete Vernunftkritik

Schon im ersten Paragraphen fanden wir, dass keine Anschauung, also auch die Anschau-ung A nicht, möglich ist ohne Begriff. Welcher Begriff muss mit der Anschauung A ver-knüpft werden? Etwa der beabsichtigte B? Offenbar nicht, denn der, den wir suchen, muss im Gegebenen liegen, dieser Begriff wäre sonach der, durch den die Anschauung A bedingt wird, = C, das Bestimmbare oder ruhende Tätigkeit. Also C ist in Beziehung auf die An-schauung A der Begriff, der sie bedingt.

Dieser Begriff C ist nun in anderer Beziehung auch Anschauung zu nennen. Er ist das unmittelbare Bewusstsein selbst, das nicht angeschaut, sondern begriffen wird; nicht als Tätigkeit, sondern als Ruhe. Dieser Begriff ist das in der Anschauung A Nachgemachte. (Alles Anschauen ist ein Nachbilden.) Dieser Begriff ist der unmittelbare und höchste, gegründet auf die intellektuelle Anschauung, die als solche nie Objekt des Bewusstseins wird; aber wohl als Begriff, in diesem Begriff und vermittelst dieses Begriffes findet das Ich sich selbst und erscheint sich als gegeben. 

Ich kann mich nicht anders begreifen denn als Ich, das heißt als sich selbst Setzendes, also als Anschauendes. Jener Begriff ist also der Begriff eines Anschauens und in dieser Rück-sicht selbst Anschauung zu nennen. Das Ich ist sich selbst setzend (ein sich selbst setzendes Auge), und als solches wird  / es begriffen, also begriffen als Anschauung. C ist Begriff in Beziehung auf A, Anschauung in Beziehung auf ein mögliches x. Ich finde mich anschau-end als anschauend Etwas x.
[sic] (Die innere und äußere Anschauung ist bei Kant nur sinnlich, das Ich erscheint bei ihm nur als bestimmt, bei mir aber als bestimmend.)
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,  S. 40f.


Nota I. - "...ist in Beziehung auf die Anschauung A der Begriff, der sie bedingt": So steht es da; nicht: den sie bedingt. Es sind ja nicht zwei verschiedene und womöglich aufeinander folgende Handlungen, sondern jeweils nur andere Ansichten ein und desselben Aktes. Oh-ne das Begreifen gibt es so wenig eine Anschauung wie ohne Anschauung einen Begriff. 

Nota II. - Als solche ist die Anschauung flüchtig - und so gut wie gar nicht da. Erst reflek-tiert, erst nachgebildet, erst als Begriff hinterlässt sie eine Spur im Gedächtnis und bleibt gewärtig. Erst so kann Bewusst
sein geschehen; wobei erst nicht zeitlich, sondern genetisch aufzufassen ist.
JE16. 11. 19
 
 

Mittwoch, 15. April 2026

Anschauung und Vorstellung.

                                      zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das Bild unterscheidet sich vom bloßen Anblick dadurch, dass es die Mannigfaltigen in einer sinnhaften 'Gestalt' zu einander ordnet. Der erste Schritt der Reflexion ist ein Über-gehen vom Sehen zum Auffassen. 

Das Vorstellen des Bildes, sein Ein bilden in die vom Gefühl vermerkten Sinnesdaten, ist das Vorgehen, das bei Kant als transzendentale Apperzeption vorkommt. Es ist zu bemer-ken, dass Kant aber zwischen Sinnlichkeit und Anschauung nicht unterscheidet.

Auf dem Bild ein Mannigfaltiges erkennen, in dem Gegenstände zu iden tifizieren sind, ist schon Reflexion in specie. Hier entstehen die Begriffe.

Beachten Sie aber, dass es sich hier bloß um Erklärungen des Wortgebrauchs handelt, der seine spezifische Bedeutung durch den Satz erhält, in dem er vorkommt. Begriffsbestimun-gen sind es nicht.

12. 12. 19 

Dienstag, 14. April 2026

Einbildungskraft schwebt.

Knipseline  / pixelio.de             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ginge die Thätigkeit des Ich nicht ins Unendliche, so könnte es diese seine Thätigkeit nicht selbst begrenzen; es könnte keine Grenze derselben setzen, wie es doch soll. Die Thätigkeit des Ich besteht im unbeschränkten Sich-setzen; es geschieht gegen dieselbe ein Widerstand. Wiche sie diesem Widerstande, so würde diejenige Thätigkeit, welche über die Grenze des Widerstandes hinausliegt, völlig vernichtet und aufgehoben; das Ich würde insofern über-haupt nicht setzen. Aber es soll allerdings auch über diese Linie hinaus setzen. Es soll sich beschränken, d.i. es soll insofern sich setzen, als sich nicht setzend; es soll in diesen Umfang die unbestimmte, unbegrenzte, unendliche Grenze setzen (oben = B); und wem es dies soll, so muss es unendlich seyn. –

Ferner, wenn das Ich sich nicht begrenzte, so wäre es nicht unendlich. – 

Das Ich ist nur das, als was es sich setzt. Es ist unendlich, heisst, es setzt sich unendlich: es bestimmt sich durch das Prädicat der Unendlichkeit: also es begrenzt sich selbst (das Ich), als Substrat der Unendlickeit; es unterscheidet sich selbst von seiner unendlichen Thätigkeit,[214] (welches beides an sich Eins und ebendasselbe ist); und so musste es sich verhalten, wenn das Ich unendlich seyn sollte. – Diese ins unendliche gehende Thätigkeit, die es von sich unterscheidet, soll seine Thätigkeit seyn; sie soll ihm zugeschrieben werden: mithin muss zugleich in einer und ebenderselben ungetheilten und unzuunterscheidenden Hand-lung das Ich diese Thätigkeit auch wieder in sich aufnehmen (A + B durch A bestimmen). Nimmt es sie aber in sich auf, so ist sie bestimmt, mithin nicht unendlich: doch aber soll sie unendlich seyn, und so muss sie ausser dem Ich gesetzt werden.

Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt – ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und da-durch sich selbst reproducirt, indem das Ich unvereinbares vereinigen will, jetzt das unend-liche in die Form des endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder ausser derselben setzt, und in dem nemlichen Momente abermals es in die Form der End-lichkeit aufzunehmen versucht – ist das Vermögen der Einbildungskraft. ... [216]

(Dieses Schweben der Einbildungskraft zwischen unvereinbarem, dieser Widerstreit der-selben mit sich selbst ist es, welcher, wie sich in der Zukunft zeigen wird, den Zustand des Ich in demselben zu einem Zeit-Momente ausdehnt. (Für die blosse, reine Vernunft ist alles zugleich; nur für die Einbildungskraft giebt es eine Zeit.) Lange, d. i. länger, als einen Mo-ment (ausser im Gefühl des Erhabenen, wo ein Staunen, ein Anhalten des Wechsels in der Zeit entsteht), hält die Einbildungskraft dies nicht aus; die Vernunft tritt ins Mittel (wodurch eine Reflexion entsteht), und bestimmt dieselbe, B in das bestimmte A (das Subject) auzu-nehmen; aber nun muss das als bestimmt gesetzte A abermals durch ein unendliches B be-grenzt werden, mit welchem die Einbildungskraft gerade so verfährt, wie oben; und so geht es fort, bis zur vollständigen Bestimmung der (hier theoretischen) Vernunft durch sich selbst, wo es weiter keines begrenzenden B ausser der Vernunft in der Einbildungskraft be-darf, d. i. bis zur Vorstellung des Vorstellenden. Im praktischen Felde geht die Einbildungs-kraft fort ins unendliche, bis zu der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach einer vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich ist.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 214f., 216

 
 

Montag, 13. April 2026

Eine wirkliche, aber ideale Tätigkeit.

  lifeline         aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alle Erfahrung ist ein beständiger Wechsel von Verän/derungen. Woher nun das Fortdau-ernde, welches in den Erscheinungen erscheine?

Jenes Dauernde ist nichts anderes, als das in allem Wechsel vorstellende Ich als das Han-delnde, aber es erscheint qualis talis nicht, es erscheint objektiv, weil es in die Anschauung hereinfällt. So ists in der Anschauung X. Es sind die entgegengesetzten Gefühle A und B, diese vereinige ich in mir, mich aber musste ich anschauen, und diese Anschauung würde mir den Boden geben, auf den ich A und B auftragen könnte. Es ist nun die Schwierigkeit, wie Tätigkeit qualis talis angeschaut werden könnte. In der Anschauung X schaut das Ich sich selbst an als das in beiden Gefüh-le A und B Tätige. Dies Resultat ist noch Problem.


5) Überhaupt eine bestimmte Tätigkeit ist die dem Ich in X zugeschriebene allerdings, denn es ist die Anschauung Y als eines das Ich überhaupt Begrenzenden. Die vorausgesetzte Be-gebenheit kurz ausgedrück heißt: Ich schaue mich an in X als anschauend Y. Ich soll sonach in beiden Anschauungen mich finden als dasselbe Ich, beide müssten demnach in einem Dritten vereinigt werden.

Die Anschauung X wird die meinige durch ein unmittelbares Gefühl, so nicht die Anschau-ung Y; diese geht durch X hindurch und müsste da an sie geknüpft werden, wenn sie meine heißen sollte. In der Anschau-ung X müsste die Anschauung Y not-wendig erhalten sein als ein notwendiger Bestandteil, so dass X und Y nicht ge-trennt werden können. Y müsste durch X hindurch gefühlt werden, und dies könnte nur so geschehen, dass die ideale Tätig-keit in Y beschränkt wäre, gerade so zu bilden und nicht anders; dadurch nur allein würde auch das Gefühl dessen, was Y anschaut, möglich. Denn jedes Gefühl ist Begrenztheit, und hier wäre denn Gefühl einer wirklichen Begrenztheit, aber einer idealen; dadurch würde die Tätigkeit in X anschaubar - sie würde Objektives -, dass sie begrenztes Quantum ist.

Sonach wäre der Zustand des Ich: Ich fühle mich begrenzt; aber das, in Rücksicht dessen ich mich begrenzt fühle, ist eine wirkliche, aber ideale Tätigkeit. In wiefern es Tätigkeit ist, kann ich es nur anschauen, in wiefern sie aber beschränkt ist, fühle ich sie, dies gibt das / Gefühl Y; beide, X und Y, sind unzertrennlich verbunden, eins kann ohne das andre nicht sein.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 91ff.

 

Nota. - ...'den Boden geben, auf den ich A und B auftragen könnte'; '...müsste durch X hin-durch gefühlt werden'; 'anschauen als anschauend', 'Quantum' usw.: Das sind alles keine Be-griffe, sondern Anweisungen an die Vorstellung. Es gibt nichts objektiv zu konstruieren, man muss die Vorstellungen jedesmal selber subjektiv hervorbringen. Darum bedient er sich umgangssprachlicher Wendungen, die man anschaulich und metaphorisch verstehen kann. Begriffe sind gar nicht am Platze, sie wären irreführend und falsch. -

Dies gesagt habend, räume ich ein: An dieser Stelle komme ich mit dem Vorstellen nicht ganz hinterher.
1. 10. 16  

[Nota II. - Sachlich ist es natürlich ein Beitrag zum Thema intellektuelles Gefühl.]
JE 

 

Sonntag, 12. April 2026

Das Ich ist Tätigkeit, nicht Substanz.

 Himi  / pixelio.de                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das ich ist nicht Seele, die Substanz ist; jeder denkt sich bei dem Ich noch etwas im Hin-terhalte. Man denkt, ehe ich so und so es machen kann, muss ich sein. Diese Vorstellung muss gehoben werden. Wer dies behauptet, behauptet, dass das Ich unabhängig von seinen Handlungen sei.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 29 

 

Samstag, 11. April 2026

Das Fichtisieren artistisch treiben.

 Michael Rittmeier, pixelio.de                                  zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.           

Es wäre wohl möglich, dass Fichte Erfinder einer neuen Art zu denken wäre – für die die Sprache noch keinen Namen hat. Der Erfinder ist vielleicht nicht der fertigste und sinn-reichste Künstler auf seinem Instrument – ob ich gleich nicht sage, daß es so sei. -  Es ist aber wahrscheinlich, dass es Menschen gibt und geben wird, die weit besser Fichtisieren werden, als Fichte. Es können wunderbare Kunstwerke hier entstehen – wenn man das Fichtisieren erst artistisch zu treiben beginnt. 
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Novalis, Logologische Fragmente [a], N° 11

 

 

Freitag, 10. April 2026

Vor-bedacht.

  derStandard                aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

  
1. Abstraktion und Reflexion sind eins

Ich kann von Diesem nur absehen, indem ich auf ein Anderes achte. Ich kann auf jenes nur absehen, indem ich von allem Andern absehe. 
 
Etwas wird Dieses, sofern ich auf es absehe. Indem ich darauf absehe, wird der gestaltlose Rest zum Andern - und so erst zu Etwas; und ohne, dass ich darauf absehe.
17. 9. 15 

Nachtrag. Als Akt sind sie eins. Als Begriffe sind sie zwei.

    
 
2. Das, was ist, und das Nicht-Etwas.               aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
    
Die Grundmystifikation des Hegel'schen Systems war ein fauler Trick. Nämlich die dialektische Gleichsetzung von Sein und Nichts ganz am Anfang der Logik. Die Negation des Seins ist offenbar das Nichtsein. Das Nichts wäre dann die Totalität von Allem, was nicht ist; das ist offenkundiger Blödsinn. 

Es geht um das metaphysische Prinzip: die Gleichsetzung von Logischem und Rea-lem. Position und Negation bilden nur logisch ein Paar. Realiter ist zuerst einmal das Positive; das Negative kommt danach – nicht als negatives Sein, sondern als aktive Verneinung; als Tat eines Subjekts; als Tat-Sache.

Nachtrag I. - Diese Pointe will ich erklären. Was ist, ist Etwas in Raum und Zeit. Was nicht in Raum und Zeit ist, ist nicht; nicht einmal Nichts. Logisches ist jenseits von Raum und Zeit. Es ist nicht, sondern gilt; für logisch in Raum und Zeit Urtei-lende. Was nicht gilt, ist nicht nichts, sondern ist ungültig für logisch Urteilende; Unfug heißt es umgangssprachlich.
2. 9. 15 

Nachtrag II. - Und Nicht-Etwas ist nicht das Nichts und nicht einmal nichts. Es ist der Mangel an Etwas. Nichts ist er nur in Raum und Zeit, doch in der Vorstellung ist der Mangel immerhin eine Dynamis; und unbestimmt ist er auch nicht, sondern bestimmt durch seinen Bezug auf Etwas.
9. 12. 19
 
W. Busch    
3. Das Gefühl.                                                                                aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
 
Gefühl - sensus, das Sensorium sagt jemand, "die Sinneszellen" – zeigt an, was ist. Genauer gesagt: dass da Etwas ist. Was 'etwas' ist, können die Sinneszellen schon nicht mehr melden, sondern höchstens, wie es sich anfühlt. Dieses oder Jenes oder etwas Anderes, das kann erst... die Reflexion festsetzen. Das Gefühl kennt immer nur hier und jetzt. Die Reflexion, nehmen wir an – warum hieße sie sonst so? –, kann sich erinnern. Kann vergleichen. Wenn sie findet: nicht dieses – dann immerhin Etwas anderes. Daran kann sie weiterarbeiten. Denn anders als das Gefühl kann sie nach freiem Gutdünken fortfahren, solange sie will.
29. 9. 15 

 

 

Donnerstag, 9. April 2026

Indem sie den Menschen auf seine Füße stellt.

Leonardo, Kanon              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligi-öse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. – Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen bei-bringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 123]
 
 
Nota. - Mancher Ältere erinnert sich vielleicht, wie Rudi Dutschke mit der Rede vom "aufrechten Gang" Furore machte, die er Ernst Blech zuschrieb - der sie allerdings von keinem Geringeren als G. W. F. Hegel hatte. Doch auch das war nicht dessen Erfindung. Fichte hat ihm selbst diesen Gedanken vorweggenommen.
JE 
 

Mittwoch, 8. April 2026

Fichtes kategorischer Imperativ.

                                                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkrit  

Das reine Wollen ist der kategorische Imperativ der Wissenschaftslehre. Während bei Kant der kategorische Imperativ erst in der praktischen Philosophie vorkommt zur Erklärung des Bewusstseins der Pflicht, liegt er in der neuen Darstellung der Wissenschaftslehre dem gan-zen System zu Grunde. Das reine Wollen ist diejenige prädikative Qualität, aus deren abso-luter Unbestimmtheit sich ein Ich heraus und einem Nichtich entgegen setzen soll.

Es wird nicht behauptet, dass es so ist. Es wird gesagt, dass man es sich so vorstellen muss, wenn man (zum Schluss) die Wirklichkeit des vernünftigen Bewusstsein verstehen will. Auf letzteres kommt es an; es muss also nicht nur gezeigt werden, wie es möglich ist, dass aus dem reinen Wollen sich durch reelles Wollen in der sinnlichen Welt etwas zu etwas bestimmt, sondern es muss vor allem gezeigt werden, wie es davon ein Bewusstsein erlangt. Im Akt selber geschieht das nicht. Wenn die Tätigkeit nicht an einem Punkt beschränkt wird, läuft sie ins Unendliche fort und ist nicht zu halten. Sie muss an einer Grenze zum Stehen kom-men, um bestimmt werden zu können, und die kann nur von einem Gefühl gesetzt werden.

Das Gefühl wiederum kann angeschaut werden. Nicht aber die Tätigkeit, wodurch es mög-lich wurde! Entstanden als ein Bestimmtes ist dagegen das Tätige. Als ein solches kann es gedacht werden - nämlich als gegeben. Als eines, das schon da war, bevor es erschien. Es schaut das Ich sich an als sich selbst vorausgesetzt: wie ein als sich-selbst-Bestimmendes bestimmt. Hinter dem empirischen Wollen von diesem oder jenem scheint so das reine Wollen als ein Sollen auf.


Wann immer ein Ich wirklich etwas denkt, denkt es diesen Vorgang mit, indem es ihn sach-lich voraussetzt. Doch zu Bewusstsein kommt er ihm nicht von allein. Anschauen kann es ihn nur in der Vorstellung, aber das muss es wollen, in freier Reflexion.

Postskriptum zum Nicht-Dürfen: Die Beschränkung der realen Tätigkeit durch das Gefühl ist eine Schranke für das Wollen. Nichts anderes bedeutet Nicht-Dürfen hier. Von Moral ist noch gar nicht die Rede.

30. 9. 18 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 7. April 2026

Was man die Natur fragen müsse.

                                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regu-lativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. 
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 123]

 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Mein Ich ist kein Spiegel, sondern ein Auge.

  Fabian Lackner, Fotocommunity      zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Das Ich der bisherigen Philosophen ist e...