Montag, 4. Mai 2026

Aufstellung.

Rainer Sturm, pixelio.de              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies wür-de eine leere Philosophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Gesetzen handeln und dadurch eine Welt konstruieren, dies ist keine Analyse, sondern eine immer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tat-handlung aus.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 28

 

Nota. - Ich ist nicht das als-es-selbst-bestimmte historische Individuum, sondern dasjenige an der empirischen Person, aus dem die Wissenschaftslehre die Genesis der Vernunft re-konstruieren will. Was zum Fortschritt der Vernunft nichts beiträgt, kann und muss die Wis-senschaftslehre unberücksichtigt links liegen lassen. Es ist "eine fortschreitende Synthese" all dessen, was sich zur Ausbildung der intelligiblen Welt als notwendig erweisen wird. Es musste alles aufgenommen und integriert werden - aber auch nichts als das

Das sich-selbst-bestimmende Vernunftsubjekt hatte die Kritik historisch wie logisch als ihren Ausgangspunkt vorgefunden und hatte seine empirischen Bestimmungen in einem ersten Gang so weit davon abgezogen, bis schließlich der reine Wille als einzige Bestim-mung übrigblieb - die aber ihrerseits nicht begründbar ist, weil anders sie nicht selber Grund werden könnte. 

Sie wurde analytisch aufgefunden.

In einem zweiten Gang, in dem sie die Genesis der intelligiblen Welt re konstruiert, muss sie daher das Ich als Zweck postulieren - was sie auch darf, denn von ihm war die Vernunftkri-tik ausgegangen. Was notwendig wurde, um diesen Zweck zu erreichen, darf und muss in den Neuaufbau aufgenommen werden. Es ist ein Cirkel: Der Zweck erweist sich a posteri-ori als Grund.
JE 

Sonntag, 3. Mai 2026

Widerstand.

 Kunstart.net                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Handlung ist Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit des Ich anschaubar wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 63
 
Nota. - Ichheit ist schlechthin aufzufassen als Tätigkeit. Doch Tätigkeit, die in einen leeren Raum  ginge, würde sich rundum zerstreuen und fände keinen Niederschlag. Damit aus 'rei-ner' Täigkeit ein wirkliche werde, muss sie bestimmt werden: nämlich eingeschränkt und be-schränkt werden auf diese oder jene andere Sphäre - und das widerfährt ihr, indem sie auf einen Widerstand stößt, den sie fühlt; und zwar nicht ab und zu, sondern überhaupt, sodass das Ich auf ein vorhandenes Okjekt als dessen Ursache schließt. Zu einer Kraft, durch die das Ich sich-selbst-bestimmen kann, wird die Tätigkeit als eine wirkliche Handlung in der sinnlichen Welt von Raum und Zeit.
JE 

Samstag, 2. Mai 2026

Sehhilfe; oder Die Krise.

 birgitH  / pixelio.de                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 118]

 

Nota. - Wenn immer - wann immer - 'das Leben' in eine Krise gerät, wird es nötig, es "zu erkennen". Nämlich wenn die Selbstverständlichkeiten fraglich werden. Das, was sich von selbst versteht, ist der Grund des ganzen Gebäudes. Wird er wacklig, wird eine Neube-gründung nötig, und die kann nicht sein ohne Kritik.
JE 

 

Freitag, 1. Mai 2026

Nur eine Gehhilfe.

Foto: christoph wesemann   

Unser System ... läßt sich ebensowenig einfallen, das gemeine und allein reelle Denken selbst zu erweitern, / sondern will dasselbe lediglich darstellen und erschöpfend umfassen. Wir denken im philosophischen, das objektive Denken. Unser philosophisches Denken bedeutet nichts und hat nicht den mindesten Gehalt; nur das in diesem Denken gedachte Denken bedeutet und hat Gehalt. Unser philosophisches Denken ist lediglich ein Instru-ment, durch welches wir unser Werk zusammensetzen. Ist das Werk fertig, so wird das Instrument als unnütz weggeworfen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 114f.]

 

Nota. -  Das "Werk" ist Kritik: die Überprüfung der Gründe. Sind sie geprüft - bestätigt oder verworfen -, so ist ihr Werk getan. Das Wissen hat eine höhere Stufe erreicht. Und so fort.
JE

Donnerstag, 30. April 2026

Zwei Arten zu denken.

  daniel stricker                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und ge-meinen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzenden-talphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre genannt habe, Theorie und Wis-senschaft alles Wissens, keineswegs aber selber ein reelles und objektives Wissen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 111] 

 

Nota. -  Vernünftigsein heißt Reflektieren dort, wo es angebracht ist. Das ist der gemeine oder auch gesunde Menschenverstand. Den bürgerlichen Alltag bewältigen kann man nicht ohne, und mehr ist dazu auch nicht vonnöten. Transzendentalphilosopie tut mehr, sie re-flektiert auf die Reflexion. Sie gehört nicht selbst zum positiven Wissen, sondern ist, wenn sie den kritischen Punkt trifft, deren Korrektiv: Dem bürgerlichen Alltag sind seine Zwecke gegeben. Die Transzendentalphilosophie will sie fraglich machen.
JE 

Mittwoch, 29. April 2026

So als ob Vernunft in der Natur wäre.

Michael Rittmeier, pixelio.de                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

... das Prinzip der reflektierenden Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für uns möglich zu machen.

Dieser Verstand müsste also einen Begriff von einer uns möglichen Erfahrung des Man-nigfaltigen durch die Gesetzgebung des Naturbegriffs in der Natur unbestimmt gelassenen gehabt haben, der zugleich den Grund ihrer Wirklichkeit enthalten hätte. So einen Begriff von einem Dinge aber heißt ein Zweck. –

Nun aber wird durch dieses Prinzip der Urteilskraft ein solcher Verstand so wenig voraus-gesetzt, dass es vielmehr vor’s erste sehr denkbar ist, ein solches Verhältnis unter den Man-nigfaltigen der empirischen Wahrnehmung sei gar nicht anzutreffen, und dass wenn etwas dergleichen angetroffen wird, es uns sehr zufällig scheint: die Urteilskraft setzt dadurch gar nichts über ein Objekt außer sich fest, sondern sie gibt durch dieses Prinzip nur sich selbst ein subjektives Gesetz von hypothetischer Gültigkeit; wie sie verfahren müsse, wenn sie dieses Mannigfaltige in eine systematische Erfahrung ordnen wolle, und wie dieses Mannig-faltige sich müsse betrachten lassen, wenn uns eine Erkenntnis desselben möglich sein solle. Sie setzt also keinen Zweck der Natur voraus, sondern sie macht es sich nur zur Bedingung der Möglichkeit einer zu erwerbenden Erfahrung, dass die Objekte der in der Natur sich als übereinstimmend mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge müssen betrachten lassen, wel-che nur nach Zwecken möglich ist. Die Übereinstimmung aber heißt Zweckmäßigkeit der Form nach: weil aus der bloßen Form der Zweckmäßigkeit eines Dinges sich noch nicht auf einen wirklichen Zweck schließen lässt; indem dieser allemal eine verständige Ursache voraussetzt.

Die Zweckmäßigkeit der Natur ist also ein Begriff a priori, der lediglich in der reflektieren-den Urteilskraft seinen Ursprung hat, deren Prinzip er ist. Denn den Naturprodukten kann man so etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf / Zwecke, nicht beilegen; sondern die-sen Begriff nur brauchen, um über die die Verbindung der Erscheinungen in ihr nach empi-rischen Gesetzen, zu reflektieren. Auch ist dieser Begriff von der praktischen Zweckmäßig-keit (der menschlichen Kunst, oder auch Sitten) ganz unterschieden, ob er zwar nach einer Analogie mit derselben gedacht wird.
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J. G. Fichte, Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333f.
 
Nota. - Fichte hatte lutherischer Pastor werden sollen und hat Theologie studiert. Er hat aber sein Interesse der Philosophie zugewandt und sich vom deterministischen System Spinozas überzeugt, das ihn in seiner prekären gesellschaftlichen Position nur bedrücken konnte. Ein wohlhabender junger Mann bat ihn, ihn gegen Honorar in die Philosophie Kants einzufüh-ren, deren Studium ihn 'aus seinem dogmatischen Schlummer' riss. Der Grundgedanke von der Vernunft als dem Vermögen, sich seine Zwecke selbst zu setzen, den er in der Kritik der Urteilskraft fand, wurde zum Keim der Wissenschaftslehre. 
JE 
 

Dienstag, 28. April 2026

Das Eine Prinzip.

 Bernd Kasper;   zu Wissenschaftslehre - die fast vollen...

Ich kann – dies liegt in meinem Denken – von dem einen Prädikate zu dem andern nicht fortgehn, sie nicht zueinander zählen und sammeln, ohne etwas Daurendes, welchem diese Prädikate insgesamt zukommen, voraus zu setzen; es eben gerade durch dieses Denken zu erzeugen: ob ich [es] gleich, eben weil ich es dem Zusammenhange und den Gesetzen des Denkens nach mit Notwendigkeit erzeuge, nicht für mein Produkt ansehe.   
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 170] 
 
 
Nota. -  Das Prinzip wird voraus gesetzt und nicht hernach heraus gefunden. Das ist der dialektische Pferdefuß: A posteriori voraus gesetzt
JE 
 
 
 
 

Montag, 27. April 2026

Einen Akt der Freiheit begreifen wollen.

 Erhard Ruhland                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es würde aber unrichtig sein, wenn man hierbei mit seinem Urteile stehen bleiben und be-haupten wollte, er könne auch keinen anderen Charakter haben, als er habe. Er soll schlecht-hin sich einen anderen bilden, wenn sein gegenwärtiger nichts taugt, und er kann es; denn dies hängt schlechthin ab von seiner Freiheit. Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... Begreifen heißt, ein Denken an ein an-deres anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit.

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J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 181f. 
 
 
Nota. - Freiheit ist nicht zuletzt auch die Freiheit, das als falsch Erkannte zu wählen. Dies sei nach Kant "das radikal Böse" im Menschen. Man kann die Eine nicht ohne das Andere haben.
JE 
 


Sonntag, 26. April 2026

Jacobi, Fichte und die Vernunft.

 Fr. H. Jacobi, 1801
                                                                                                                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Von Vernunft ist die Wurzel, Vernehmen.
S. 14

Vernehmen setzt ein Vernehmbares; Vernunft das Wahre zum voraus: Sie ist das Vermögen zum Voraussetzen des Wahren. Eine das Wahre nicht voraussetzende Vernunft ist ein Un-ding.
S. 27

Wo die Weisung auf das Wahre fehlt, da ist keine Vernunft. Diese Weisung; die Nötigung, das ihr nur in Ahndung vorschwebende Wahre als ihren Gegenstand, als die letzte Begierde aller Erkenntnis zu betrachten, macht das Wesen der Vernunft aus.
S. 28

Weil die Vernunft im Auge die Gottheit, Gott notwendig im Auge hat: deswegen allein hal-ten wir sie für höher als das Selbst im gemein sinnlichen Verstande; und insofern mag es denn auch Sinn haben und für Wahrheit gelten: "dass Vernunft Zweck; Persönlichkeit nur Mittel sei."
S. 31
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Johann Heinrich Jacobi, Jacobi an Fichte, Hamburg, 1799

 

Nota. I -  Jacobi hat den springenden Punkt bloßgelegt.

Fichte hatte ein real Absolutes allezeit vorausgesetzt, und nicht einmal stillschweigend, son-dern ausdrücklich; und doch, ohne es zu bemerken. Die Vernunft behandelt er als etwas reell Wirkendes; nicht etwa ein Regulativ, sondern ein Konstituens. Sie fällt nicht unter die Gegenstände der Wissenschaftslehre, sondern geht ihr voraus. Fichtes phänomenologisch-kritisches Verfahren war nicht radikal, vor der selbstverständlichsten der Selbstverständlich-keiten hat er Halt gemacht. Vernunft besteht nur darin, dass Menschen meinen, es gäbe für ihr Urteilen ein Maß. Sie ist das allgemeinst-mögliche Vor-Urteil.

Für ihr Urteilen - auf diesen Beisatz kommt es an -, sofern es allgemeines Gelten bean-sprucht; denn unter andern Umständen ist Vernunft gar nicht am Platz. Ich meine, vernünf-tig zu denken, wenn ein Anderer, dem ich vor-denke, gar nicht anders kann, als mir nach-zu-denken und mir beizustimmen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, ich lasse es drauf ankommen; das wäre die pragmatische, die "findende", die problematische Version. Oder ich nehme eine prä-etablierte Übereinstimmung an, die eine andere Möglichkeit gar nicht offen lässt und einen wirklichen Andern gar nicht braucht; das ist die dogmatische Version, es ist die theologische Version, denn irgendwer, irgendwas müsste die Übereinstim-mung ja prä-etabliert haben.


Hier hat Jacobi Fichte am Haken. Wenn er sich nicht ermannen kann, Vernunft pragma-tisch, problematisch als ein Projekt aufzufassen, dessen glücklicher Ausgang durch nichts und niemand garantiert ist, dann muss er theoretisch, muss als einen Begriff  'Gott' zu Grunde legen. Mit andern Worten, er muss als Ergebnis der Transzendentalphilosophie die Transzendentalphilosophie leugnen.

Eine proiectio per hiatum irrationalem sei es, die Jacobi ihm hier zumute, meint Fichte, und sollte den Rest seines Lebens an den Versuch setzen, aus den Prämissen der Transzenden-talphilosophie ein seiendes Absolutes herauszukonstruieren. Mit der Bestimmung des Men-schen hat es, wie wir sehen werden, angefangen.
1. 5. 14*

 
*Nota II. - Zu diesem Zeitpunkt hatte ich seine schwankende Vernunft noch nicht ganz eingesehen. Auf den Vortrag Über die Würde des Menschen bin ich im Mai 2018 gestoßen - da hat er noch energisch den kritizistischen Gedanken von der selbstgemachten Vernunft vorgetragen. Er stammt von Ende April 1794. Das entgegengesetzte Prinzip einer "ver-nommenen" Vernunft hat er ab Mai d. J. bei seiner Jenaer Publikumsvorlesung Über die Bestimmung des Gelehrten ebenso energisch vorgetragen; ich habe sie im September 2018 gepostet und kommentiert. 
 
Dass ihn die Unstimmigkeit nicht beunruhigt hat, bleibt rätselhaft.
JE 
 

Samstag, 25. April 2026

Man kann leben, ohne zu spekulieren.

 Bild aus hauntedgallery                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Worin man befangen ist, was man selbst ist, kann man nicht erkennen; man müßte aus dem-selben herausgehen, aufhören, es zu sein, sich auf einen Standpunkt außerhalb desselben stellen. Dieses ist die Spekulation; dieser Standpunkt außer dem wirklichen Leben ist sie. Nur inwiefern es diesen höhern Standpunkt und diese beiden entgegengesetzten Stand-punkte gab, ist es dem Menschen möglich, sich selbst zu erkennen. Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu er/kennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren. 
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 119f.]
 
 
Nota. -  Man kann der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren. Aber sicher ist das nicht: Man kann leben, ohne das Leben zu erkennen, und ohne Vernunft. Gewiß kann man der Vernunft gemäß leben, wenn man das Leben erkennt (aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren). 
 
Und wenn man auch das Leben erkennt, muss man doch nicht der Vernunft gemäß leben; um es zu wollen, bedarf es einer entsprechenden Lebensphilosophie. Ob sie der Vernunft entspricht, kann man nicht wissen, dafür sind sie einander zu fremd; man muss es eben drauf ankommen lassen. Das mag man Glauben nennen, ist aber missverständlich, weil das Wort längst anderweitig besetzt ist - und eigentlich gegenteilig.
JE 
 

Freitag, 24. April 2026

Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.

 Chardin, Der Junge mit dem Kreisel;          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete...

Jenes halbe, träumende und zerstreute Bewußtsein, jene Unaufmerksamkeit und Gedanken-losigkeit, die ein Grundzug unseres Zeitalters, und das kräftigeste Hindernis einer gründli-chen Philosophie ist, ist / eben der Zustand, da man sich selbst nicht ganz in den Gegen-stand hineinwirft, sich in ihm vergräbt und vergißt; sondern zwischen ihm und sich selbst herumschwankt und zittert.

...Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich begebende und deinen Lebensmoment füllende.
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J. G. Fichte, Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] SW. Bd. II, S 337f.


Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang um-kehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzendendalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poe-sie, und kann und will auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch erheben. 

Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche Forschung.
JE, 9. 12. 13

Aufstellung.

Rainer Sturm, pixelio.de                zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Die Wissenschaftslehre stellt zuerst ...