Freitag, 8. Mai 2026

Kritik kommt vor dem Standpunkt, den sie begründet.

                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zunächst fasse ich die herkömmliche Unterteilung des Marxschen Gesamtwerks in ‘Früh-schriften’ und  Spätwerk’ als eine Scheidung in einen ‘kritischen’ und einen vorkritischen’ Teil auf.

Im  e r s t e n  Teil geht es um die Gewinnung des (‘metaphysischen’)  S t a n d p u n k t s,  der der reellen Wissenschaft zugrunde zu legen sei; es wird sich finden, daß dieser ‘Stand-punkt’ — vulgo materialistische Geschichtsauffassung” — der des ‘sich selbst setzenden Subjekts ist; eine aktualistische Fundamentalontologie als transzendentale Voraussetzung  positiver (historischer) Wissenschaft.

Im  z w e i t e n  Teil — der gesamten ‘Kritik der politischen Ökonomie’ — geht es,  a l s  Kritik, um die Durchführung der (onto)logischen Voraussetzung — nach der die (ökono-mischen) Kategorien nichts seien als Handlungsweisen des Subjekts — am empirischen Material. Diese Durchführung ist 1) Kritik einer vorliegenden historischen Wissenschaft, der klassischen Nationalökonomie;  2) positive Darstellung des empirischen Stoffs selbst: des Gesamtprozesses der kapitalistischen Form der gesellschaftlichen Reproduktion nach dem Prinzip des vorangestellten Standpunkts;  3) durch die Darstellung des Stoffs,  Dar-stellung des ‘Standpunkts’ selbst: Reflexion über den ‘Standpunkt’ als Reflexion auf das tatsächlich angewendete/anzuwendende Verfahren, und insofern auf dessen Vorausset-zungen: genauere Bestimmung derselben — des sich selbst setzenden Subjekts — nicht als “seiend, sondern als  g e l t e n d.

I. ‘Stellungnahme‘: der transzendentale Standpunkt

Der Inhalt des ‘Frühwerks’ ist also die Überwindung der Hegelschen “absoluten Methode”, aber nicht nach deren  F o r m - Seite hin — Logik der ‘Selbstbewegung des Begriffs— , sondern nach deren  I n h a l t:  Bestimmung des ‘Absoluten’ als  I d e e .

Zunächst (in der Doktor-Diss.) nimmt M. ohne weiteres den Standpunkt der Junghegelianer ein; eine pseudofichtisierende Hegel-Auffassung,  die in Wahrheit eine Umdeutung Hegels auf den Standpunkt des jungen  S c h e l l i n g  ist: Nicht  d i e  Su b s t a n z   wird ‘als Sub-jekt gesetzt, sondern   d a s    S u b j e k t   wird ‘als Substanz’  gefaßt (was immer auch dabei zu denken sei).

Im Ms. Kritik des hegelschen Staatsrechts stößt M. dann allerdings schon auf Hegels Me-thode   a l s   s o l c h e r: die Ahnung, daß die affirmative, anti-kritische Tendenz von Hegels politischer Philosophie vorgegeben sei in dem affirmativen Prinzip der “Logik” — bzw. daß der affirmativen Methode die restaurative politische Tendenz zugrunde liegt; aber er verfolgt diesen Faden zunächst nicht weiter.

S o n d e r n :

Unterm Einfluß von  F e u e r b a c h  (und von Moses H e s s)  Hinwendung zum “wahren Sozialismus; Bestimmung des substanten Subjekts als “Gattungswesen” und Fassung der bürgerlichen Gesellschaft unter die Alles bestimmende Kategorie “Entfremdung”: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung und die Pariser Manuskripte… 

‘Dialektik kommt in diesen beiden Texten lediglich als rhetorische Figur vor, es werden keineswegs ‘Begriffe’ durch einander bestimmt”, sondern: “ein Wort gibt das andre…” Die hegelsche Triade tritt nur auf als geschichtsmetaphysische Schablone: die “Entfrem-dung” (Antithesis) des bürgerlichen Menschen von seinem “Gattungswesen” (Thesis) — ‘Entfremdung’ heißt hier:  K o n k u r r e n z  —  m u ß  “umschlagen” in den Kommunis-mus: Versöhnung,  Heimkehr, Synthesis…  —  die alte Geschichte von Sündenfall und Erlösung.

In der Heiligen Familie schließlich — immernoch auf dem Standpunkt von Feuerbachs “Gattungswesen” — Bruch mit den “Ideologen”(die durch das Verknüpfen bloßer Begriffe zu faktischen Einsichten kommen wollen) und resolute Wendung zu Empirie und Nomina-limus (=Materialismus”).

Schließlich – in der Auseinandersetzung mit  S t i r n e r s  Einzigem” – nach dem prakti-schen Anschluß an die revolutionäre Arbeiterbewegung und (darum) erneutem Studium der klassischen Nationalökonomie — wird in den Feuerbachthesen und der Deutschen Ideolo-gie das ‘Gattungswesen’ als bloß säkularisierte Version des lieben Gottes abgeschafft; an die Stelle des  s u b s t a n t e n   Subjekts tritt ein... nun ja, ein transzendentales: ein aus dem Begründeten als dessen Grund logisch erschlossenes, das sich — in einer selber nicht abzu-leitenden ‘Tathandlung’ (bei Marx “generatio aequivoca”) ‘als Subjektgesetzt haben  ‘m u ß’:  der “ersten geschichtlichen Tat”…

Mit der Ersetzung des ‘ideologischen’ Standpunkts durch den transzendentalen wird nun aber die “absolute Methode” auch ihrer Form nach unhaltbar (vgl. Elend der Philosophie). Entsprechend verzichtet schließlich das Kommunistische Manifest konsequent auf alle be-grifflichen Verallgemeinerungen und begnügt sich damit, ‘Tatsachen’ aussprechen zu wollen (z.B. daß “die herrschenden Gedanken stets die Gedanken der herrschenden Klasse” gewe-sen seien, wird nicht als materialistisches ‘Gesetz’ formuliert, sondern als empirische Fest-stellung).

— Die nunmehr, nach der Bestimmung des kritischen ‘Standpunkts’,  möglich gewordene umfassende, d.h. systematisch  v o n   e i n e m  P r i n z i p   a u s gehende Kritik der poli-tischen Ökonomie erfordert nicht allein eine erneute Sichtung des gesamten wissenschaft-lichen Schrifttums, sondern ermöglicht (erstmals!) auch die Sammlung und Ordnung des gegebenen ökonomischen Materials: der “realen Bewegung” der kapitalistischen Produk-tion.

aus Marx und Fichte 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

 

Donnerstag, 7. Mai 2026

Das absolute Postulat.

                                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Was tu ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophie-ren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zu Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne, sondern innere Beschaffenheit – Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muss also bei einem absoluten Grunde endigen. Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, was doch nur relativ gestillt wer-den könnte – und darum nie aufhören würde. Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche freie Tätigkeit in uns – das einzig mögliche Absolute, was uns gege-ben werden kann und das wir durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebene Absolute lässt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, dass durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.

Das ließe sich ein absolutes Postulat nennen.
________________________________________________________    Novalis, "Fichte-Studien", in Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172
 
 
Nota. - Ein "absoluter Grund" wovon? Nicht sowohl meiner und der Dinge, unter denen ich mich befinde, sondern der Meinungen, die ich von mir und von ihnen habe -? 
 
'Romantisch' ist daran, dass beides voneinander nicht unterschieden wird und willentlich in der Schwebe bleibt: dass er einer Klärung absichtsvoll aus dem Wege geht. Das ist eher poe-tisch als philosophisch. Vielleicht hat er gar nicht bemerkt, dass da was zu unterscheiden war. Aber vielleicht hat es ihm so nur besser gefallen - weil es so lediglich eine Geschmacks-frage bleibt und nichts, das kritisch zu klären wäre.
JE 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Nur Handeln ist wirklich.

 Petra Bork  / pixelio.de                                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Anschauung des Wirklichen ist nur möglich durch Anschauung eines wirklichen Handelns des Ich, also alle Erfahrung geht aus vom Handeln, es ist nur durch sie möglich [sic]. Ist kein Handeln, so ist keine Erfahrung, und ist diese nicht, so ist kein Bewusstsein. ... Nur meiner Tätigkeit kann ich mir bewusst werden, aber ich kann mir derselben nur bewusst werden als einer beschränkten. ... Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen aus Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. ... Im Han-deln erst komme ich auf Objekte. ... Der Urgrund alles Wirklichen ist daher die Wechselwir-kung oder Vereinigung des Ich und NichtIch.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 60f.
 
 
Nota. - Wir wissen nur, weil wir handeln - und nur, um zu handeln.
JE 
 
 

Dienstag, 5. Mai 2026

Anfangen.

 Petra Schmidt, pixelio.de                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der erste Grundsatz ist ein Postulat. So wie der Unterricht in der Geometrie ausgeht von dem Postulate, den Raum zu beschreiben, so muss auch in der Philosophie ein Leser oder Zuhörer so etwas tun. Wer den ersten Satz versteht, der wird in die philosophische Stim-mung versetzt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 28
 
 
Nota. - Der erste Grundsatz der Wissenschaftslehre ist ein Postulat. Die Wissenschaftslehre besteht aus zwei Teilen. Ihr erster Gang ist Vernunftkritik in specie: so wie Kant sie begon-nen und bis ans pp. Apriori durchgeführt hat. Sie führt die kritische Reduktion darüber hin-aus auf die zugrunde liegende Tätigkeit des Subjekts zurück, aber sie kommt nicht in den Ursprung hinein, so dass sie ihn beschreibend bezeugen könnte, denn es ist auch ihr Ur-sprung und sie kann nur feststellen, 'dass da einer gewesen sein muss'.  
 
Wie er gewesen sein mag, kann sie schlechterdings nicht erfahren haben, denn sie war ja noch nicht dabei. Sie kann auf ihn nichts aufbauen; das müsste sie aber, wenn sie in einem zweiten Gang die Probe auf ihr kritisches Verfahren machen wollte: Sie müsste von diesem Grund aus die Ausbildung der Vernunft bis auf ihren gegenwärtigen Stand Schritt für Schritt rekonstruieren. Wenn das gelänge, wäre ihre Arbeit erledigt. 
 
Dass am Anfang 'reine Tätigkeit' gewesen ist - gewesen sein muss -, hat sie kritisch er-schlossen und davon darf sie ausgehen. 
 
Doch schon, wohin sie ihren ersten Schritt gesetzt hat, müsste sie raten. Wenn sie am unte-ren Ende nicht ansetzen kann, wird sie auf das obere Ende abzielen müssen, sonst hätte sie keinen Anhaltspunkt, an dem sie die 'reine' Tätigkeit zu einer reellen Handlung bestimmen könnte. Das obere Ende ist das autonome bürgerliche Subjekt als Glied einer Reihe ver-nünftiger Wesen, bei ihm hatte die Vernunftkritik angefangen. Bestimmt war es als ein Frei-er, ein mit freiem Willen Begabter. In der Realität des achtzehnten Jahrhunderts war das noch ein Postulat, das allenthalben auf Widerstand stieß, aber als Vernunftzweck nur ge-leugnet wurde von dem, der die Vernunft leugnete. 
JE 
 

Montag, 4. Mai 2026

Aufstellung.

Rainer Sturm, pixelio.de              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies wür-de eine leere Philosophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Gesetzen handeln und dadurch eine Welt konstruieren, dies ist keine Analyse, sondern eine immer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tat-handlung aus.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 28

 

Nota. - Ich ist nicht das als-es-selbst-bestimmte historische Individuum, sondern dasjenige an der empirischen Person, aus dem die Wissenschaftslehre die Genesis der Vernunft re-konstruieren will. Was zum Fortschritt der Vernunft nichts beiträgt, kann und muss die Wis-senschaftslehre unberücksichtigt links liegen lassen. Es ist "eine fortschreitende Synthese" all dessen, was sich zur Ausbildung der intelligiblen Welt als notwendig erweisen wird. Es musste alles aufgenommen und integriert werden - aber auch nichts als das

Das sich-selbst-bestimmende Vernunftsubjekt hatte die Kritik historisch wie logisch als ihren Ausgangspunkt vorgefunden und hatte seine empirischen Bestimmungen in einem ersten Gang so weit davon abgezogen, bis schließlich der reine Wille als einzige Bestim-mung übrigblieb - die aber ihrerseits nicht begründbar ist, weil anders sie nicht selber Grund werden könnte. 

Sie wurde analytisch aufgefunden.

In einem zweiten Gang, in dem sie die Genesis der intelligiblen Welt re konstruiert, muss sie daher das Ich als Zweck postulieren - was sie auch darf, denn von ihm war die Vernunftkri-tik ausgegangen. Was notwendig wurde, um diesen Zweck zu erreichen, darf und muss in den Neuaufbau aufgenommen werden. Es ist ein Cirkel: Der Zweck erweist sich a posteri-ori als Grund.
JE 

Sonntag, 3. Mai 2026

Widerstand.

 Kunstart.net                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Handlung ist Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit des Ich anschaubar wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 63
 
Nota. - Ichheit ist schlechthin aufzufassen als Tätigkeit. Doch Tätigkeit, die in einen leeren Raum  ginge, würde sich rundum zerstreuen und fände keinen Niederschlag. Damit aus 'rei-ner' Täigkeit ein wirkliche werde, muss sie bestimmt werden: nämlich eingeschränkt und be-schränkt werden auf diese oder jene andere Sphäre - und das widerfährt ihr, indem sie auf einen Widerstand stößt, den sie fühlt; und zwar nicht ab und zu, sondern überhaupt, sodass das Ich auf ein vorhandenes Okjekt als dessen Ursache schließt. Zu einer Kraft, durch die das Ich sich-selbst-bestimmen kann, wird die Tätigkeit als eine wirkliche Handlung in der sinnlichen Welt von Raum und Zeit.
JE 

Samstag, 2. Mai 2026

Sehhilfe; oder Die Krise.

 birgitH  / pixelio.de                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 118]

 

Nota. - Wenn immer - wann immer - 'das Leben' in eine Krise gerät, wird es nötig, es "zu erkennen". Nämlich wenn die Selbstverständlichkeiten fraglich werden. Das, was sich von selbst versteht, ist der Grund des ganzen Gebäudes. Wird er wacklig, wird eine Neube-gründung nötig, und die kann nicht sein ohne Kritik.
JE 

 

Freitag, 1. Mai 2026

Nur eine Gehhilfe.

Foto: christoph wesemann   

Unser System ... läßt sich ebensowenig einfallen, das gemeine und allein reelle Denken selbst zu erweitern, / sondern will dasselbe lediglich darstellen und erschöpfend umfassen. Wir denken im philosophischen, das objektive Denken. Unser philosophisches Denken bedeutet nichts und hat nicht den mindesten Gehalt; nur das in diesem Denken gedachte Denken bedeutet und hat Gehalt. Unser philosophisches Denken ist lediglich ein Instru-ment, durch welches wir unser Werk zusammensetzen. Ist das Werk fertig, so wird das Instrument als unnütz weggeworfen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 114f.]

 

Nota. -  Das "Werk" ist Kritik: die Überprüfung der Gründe. Sind sie geprüft - bestätigt oder verworfen -, so ist ihr Werk getan. Das Wissen hat eine höhere Stufe erreicht. Und so fort.
JE

Donnerstag, 30. April 2026

Zwei Arten zu denken.

  daniel stricker                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und ge-meinen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzenden-talphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre genannt habe, Theorie und Wis-senschaft alles Wissens, keineswegs aber selber ein reelles und objektives Wissen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 111] 

 

Nota. -  Vernünftigsein heißt Reflektieren dort, wo es angebracht ist. Das ist der gemeine oder auch gesunde Menschenverstand. Den bürgerlichen Alltag bewältigen kann man nicht ohne, und mehr ist dazu auch nicht vonnöten. Transzendentalphilosopie tut mehr, sie re-flektiert auf die Reflexion. Sie gehört nicht selbst zum positiven Wissen, sondern ist, wenn sie den kritischen Punkt trifft, deren Korrektiv: Dem bürgerlichen Alltag sind seine Zwecke gegeben. Die Transzendentalphilosophie will sie fraglich machen.
JE 

Mittwoch, 29. April 2026

So als ob Vernunft in der Natur wäre.

Michael Rittmeier, pixelio.de                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

... das Prinzip der reflektierenden Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für uns möglich zu machen.

Dieser Verstand müsste also einen Begriff von einer uns möglichen Erfahrung des Man-nigfaltigen durch die Gesetzgebung des Naturbegriffs in der Natur unbestimmt gelassenen gehabt haben, der zugleich den Grund ihrer Wirklichkeit enthalten hätte. So einen Begriff von einem Dinge aber heißt ein Zweck. –

Nun aber wird durch dieses Prinzip der Urteilskraft ein solcher Verstand so wenig voraus-gesetzt, dass es vielmehr vor’s erste sehr denkbar ist, ein solches Verhältnis unter den Man-nigfaltigen der empirischen Wahrnehmung sei gar nicht anzutreffen, und dass wenn etwas dergleichen angetroffen wird, es uns sehr zufällig scheint: die Urteilskraft setzt dadurch gar nichts über ein Objekt außer sich fest, sondern sie gibt durch dieses Prinzip nur sich selbst ein subjektives Gesetz von hypothetischer Gültigkeit; wie sie verfahren müsse, wenn sie dieses Mannigfaltige in eine systematische Erfahrung ordnen wolle, und wie dieses Mannig-faltige sich müsse betrachten lassen, wenn uns eine Erkenntnis desselben möglich sein solle. Sie setzt also keinen Zweck der Natur voraus, sondern sie macht es sich nur zur Bedingung der Möglichkeit einer zu erwerbenden Erfahrung, dass die Objekte der in der Natur sich als übereinstimmend mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge müssen betrachten lassen, wel-che nur nach Zwecken möglich ist. Die Übereinstimmung aber heißt Zweckmäßigkeit der Form nach: weil aus der bloßen Form der Zweckmäßigkeit eines Dinges sich noch nicht auf einen wirklichen Zweck schließen lässt; indem dieser allemal eine verständige Ursache voraussetzt.

Die Zweckmäßigkeit der Natur ist also ein Begriff a priori, der lediglich in der reflektieren-den Urteilskraft seinen Ursprung hat, deren Prinzip er ist. Denn den Naturprodukten kann man so etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf / Zwecke, nicht beilegen; sondern die-sen Begriff nur brauchen, um über die die Verbindung der Erscheinungen in ihr nach empi-rischen Gesetzen, zu reflektieren. Auch ist dieser Begriff von der praktischen Zweckmäßig-keit (der menschlichen Kunst, oder auch Sitten) ganz unterschieden, ob er zwar nach einer Analogie mit derselben gedacht wird.
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J. G. Fichte, Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333f.
 
Nota. - Fichte hatte lutherischer Pastor werden sollen und hat Theologie studiert. Er hat aber sein Interesse der Philosophie zugewandt und sich vom deterministischen System Spinozas überzeugt, das ihn in seiner prekären gesellschaftlichen Position nur bedrücken konnte. Ein wohlhabender junger Mann bat ihn, ihn gegen Honorar in die Philosophie Kants einzufüh-ren, deren Studium ihn 'aus seinem dogmatischen Schlummer' riss. Der Grundgedanke von der Vernunft als dem Vermögen, sich seine Zwecke selbst zu setzen, den er in der Kritik der Urteilskraft fand, wurde zum Keim der Wissenschaftslehre. 
JE 
 

Dienstag, 28. April 2026

Das Eine Prinzip.

 Bernd Kasper;   zu Wissenschaftslehre - die fast vollen...

Ich kann – dies liegt in meinem Denken – von dem einen Prädikate zu dem andern nicht fortgehn, sie nicht zueinander zählen und sammeln, ohne etwas Daurendes, welchem diese Prädikate insgesamt zukommen, voraus zu setzen; es eben gerade durch dieses Denken zu erzeugen: ob ich [es] gleich, eben weil ich es dem Zusammenhange und den Gesetzen des Denkens nach mit Notwendigkeit erzeuge, nicht für mein Produkt ansehe.   
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 170] 
 
 
Nota. -  Das Prinzip wird voraus gesetzt und nicht hernach heraus gefunden. Das ist der dialektische Pferdefuß: A posteriori voraus gesetzt
JE 
 
 
 
 

Kritik kommt vor dem Standpunkt, den sie begründet.

                    z u   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Zunächst fasse ich die herkömmliche Unterteilung des Marxs...