Mittwoch, 1. April 2026

Nichts ist reell, das nicht auf Wahrnehmung gründet.

Stebchen, pixelio.de           zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.                                     

Ich habe bisher im Gegenteile geglaubt, daß Schwärmerei, Wahnsinn, Raserei darin bestehe, daß man seine Erdichtungen für wirkliche Gegenstände hält, und der gesunde Verstand darin, daß man nichts für wirklich hält, das sich nicht auf eine innere oder äußere Wahrnehmung gründet. ... 

Diesem System ist das unsrige darin gerade entgegengesetzt, daß es die Möglichkeit, ein für das Leben und die Wissenschaft gültiges Objekt durch das bloße Denken hervorzubringen, gänzlich ableugnet und nichts für reell gelten läßt, das sich nicht auf innere oder äußere Wahrnehmung gründet. In dieser Rücksicht, inwiefern die Metaphysik das System reeller, durch das bloße Denken hervorgebrachter Erkenntnisse sein soll, leugnet z. B. Kant, und ich mit ihm, die Möglichkeit der Metaphysik gänzlich. Er rühmt sich, dieselbe mit der Wur-zel ausgerottet zu haben, und es wird, da noch kein verständiges und verständliches Wort vorgebracht worden, um dieselbe zu retten, dabei ohne Zweifel auf ewige Zeiten sein Be-wenden haben.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 113f.]

 
 
Nota. - Wie kann er das sagen? Wahrnehmungen können trügen. 
 
Er hätte sagen können: Unser Wahnehmungsapparat hat sich über Jahrhunderttausende ausgbildet, um un fürs Überleben in der Welt ausurüsten. Sie können trügen, und um den Irrtum auszuschließen, brauchen wir mehr als Wahrnehmung, nämlich Reflexion. Auch die kann irren, und um das auszuschließen, brauchen wir - die Wahrnehmung unserer Tätigkeit, vulgo Erfahrung. Auch dabei können wir irren, und unsere Irrtümer kann immer wieder die folgende Generation korrigieren, die... sie überlebt hat. Unsere Generation hat sie alle überlebt; 
aber sie kann selber welche begehen.
 
Auch über Dinge, die wir nicht wahrgenommen haben, können wir reflektieren. Aber mehr nicht: Wir können sie durch Handeln weder bestätigen noch falsifizieren, und brauchen daher nicht zu reflektieren. Doch auf die Dinge, die wir wahrgenommen haben, müssen wir's. 
JE 

 

Nichts ist reell, das nicht auf Wahrnehmung gründet.

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